25/2002 | |
INHALT | |
Pastoral |
Genau an dem Tag, als die «Neuen» am Katechetischen Institut
Luzern (KIL) ihr Studium begannen, hingen überall auf gelbem Grund
die fetten Schlagzeilen über sexuelle Verfehlungen eines St. Galler
Priesters keine einladende Begleitmusik auf den ersten Schritten in
Richtung Dienst in der Kirche.
Doch schon lange vor solchen massiven Grenzüberschreitungen bewegt
sich der Seelsorger, die Seelsorgerin auf einem hoch sensiblen Terrain.
Wie viel Nähe ist bei Begegnungen nötig, um das Vertrauen entstehen
zu lassen, das ein Sichöffnen erst ermöglicht, und wie viel Distanz
ist nötig, um die Grenzen des Gegenübers zu respektieren?
Die Frage nach Nähe und Distanz gehört zum Alltag aller, die
in der Seelsorge tätig sind. Damit sie dort dann auch wahrgenommen
und eine persönliche Antwort gefunden werden kann, ist es nötig,
dass Studierende sich schon während des Studiums damit beschäftigen.
20 Studierende des KIL, der Theologischen Fakultät und des Dritten
Bildungsweges (DBW) meldeten sich zu der Veranstaltung an, die unter dem
Titel: «Nähe und Distanz in seelsorgerlichen Beziehungen»
an drei Abenden im April im Seminar St. Beat angeboten wurde. Spiritual
Dominique Jeannerat und Mentorin Lucia Hauser hatten dazu eingeladen.
Am ersten Abend sollten die Teilnehmenden zunächst eigene Erfahrungen
von Seelsorge erinnern und analysieren. Bei welchen Gelegenheiten, aus welchem
Anlass, wie kam es zu seelsorgerlichen Gesprächen? Wer hat die Initiative
dazu ergriffen? Welche Methoden wurden verwendet? Waren die Ziele und Absichten
des Seelsorgers, der Seelsorgerin erkennbar? Vielleicht erst im nachhinein?
Wie hat er oder sie seine/ ihre Rolle wahrgenommen und gestaltet?
Was unterscheidet seelsorgerliche von anderen zwischenmenschlichen Beziehungen?
Wie kann mit dem «Machtgefälle» darin verantwortungsvoll
umgegangen werden? Welches sind meine persönlichen Machtquellen? Wie
setze ich sie ein? Das entgegengebrachte Vertrauen, die Offenheit einer
Person machen sie zugleich sehr verletzlich. Wie erkenne und achte ich die
eigenen Grenzen und die des Gegenübers? Die «verbotene Zone»
was ist das?
Wie sind sexuelle Kontakte innerhalb einer beruflichen Beziehung in der
Seelsorge ethisch zu beurteilen? Das waren die Themen und Fragen des zweiten
Abends.
Wie sehen meine Bedürfnisse nach Selbstverwirklichung, Achtung, Wertschätzung,
Zugehörigkeit und Liebe, Sicherheit und meine körperlichen und
materiellen Grundbedürfnisse aus? Bei wem und in welchen Feldern suche
ich sie zu befriedigen? Welche Kompensationen und Fehlformen der Bedürfnisbefriedigung
sind mir bekannt? «Verheizte Menschen geben keine Wärme.»
Ein achtsamer Umgang mit den eigenen Bedürfnissen und Ressourcen dient
als Prävention gegen Missbrauch in der Seelsorge. Worauf kann ich zurückgreifen
in schwierigen Situationen? Welches sind meine personalen und sozialen,
meine inneren und äusseren Ressourcen? Diesen Themen war der dritte
Abend gewidmet.
Das Echo auf die Ausschreibung dieser Veranstaltung war unerwartet stark.
Schon nach 2 Tagen hatten sich 16 Studierende angemeldet, und die Leitenden
entschieden sich dazu, alle 20 Interessierten zuzulassen. Das Spektrum der
Teilnehmenden war breit: Da war die zwanzigjährige Studentin des Grundkurses
an der Fakultät, die von ihrer Erfahrung als Blauringleiterin herkommt;
der 35-jährige Student vom DBW, der schon einige Jahre Pfarreipraxis
als Katechet hinter sich hat; die dreissigjährige KIL-Studentin, die
direkt aus dem Beruf als Arzthelferin ins Studium einstieg. Ihnen gemeinsam
waren die Fragen: Wie wird das sein im späteren Beruf? Worauf muss
ich achten? Wie kann ich ich selber bleiben und trotzdem meine Rolle gut
ausfüllen?
Für die einen waren die Abende wichtig als vorbereitende Auseinandersetzung
mit dem späteren Beruf, für andere zeigte es sich, dass sie selber
schon erlebt hatten, wie verletzend es sein kann, wenn Seelsorgende sie
fast als Freunde behandelt hatten und dann bei einem Stellen- oder Funktionswechsel
die Beziehung einfach abbrachen.
Immer wieder tauchte die Forderung nach ganz konkreten Verhaltensregeln
auf: Was muss ich tun wenn? Auch wenn einzelne konkrete Situationen durchbesprochen
wurden, eine «Gebrauchsanweisung» für den Umgang in seelsorgerlichen
Beziehungen musste verweigert werden, weil sie dem komplexen Sachverhalt
nicht gerecht würde. Stattdessen wurde versucht, Leitplanken zu entdecken,
Warnsignale zu installieren, die aufmerken lassen, wenn es gefährlich
zu werden droht.
Eine Leitplanke besteht darin, sich eine hohe Sensibilität für
die eigenen Grenzen zu erarbeiten und für die Wahrnehmung der Grenzen
des Gegenübers. Wie viel Nähe vertrage ich? Wie viel Distanz brauche
ich, um bei mir bleiben zu können? Wie erkenne ich, dass ich jemandem
zu nahe komme? Welche Möglichkeiten habe ich, um meine persönlichen
Grenzen rechtzeitig zu schützen?
Ein anderes wichtiges Hilfsmittel ist es, sich immer wieder ein Feedback
über die eigene Wirkung geben zu lassen, sich klar zu werden, mit welchen
Mitteln ich meine Ziele verfolge. Hier ist die Supervision ein gutes Mittel,
um Bewusstheit zu fördern, über die Dynamik in einer Beziehung
und das eigene Handeln.
Der erste und wichtigste Schritt, sich aus einer anbahnenden Verstrickung
zu lösen, besteht wohl darin, sich jemandem anzuvertrauen, in der Supervision
oder gegenüber einem Kollegen, einer Kollegin. Das ermöglicht
Distanz zum Geschehen, die nötig ist, um wieder frei handeln zu können.
Die Abende konnten nicht mehr sein als Gedankenanstösse. Als solche
wurden sie von den Studierenden mit grosser Aufmerksamkeit und dankbar entgegengenommen.
Lucia Hauser und Dominique Jeannerat sind in der Ausbildungsleitung des Seminars St. Beat, Priesterseminar des Bistums Basel, tätig: Lucia Hauser als Mentorin und Dominique Jeannerat als Spiritual.