23/2002

INHALT

Pastoral

Genau hinschauen oder blind reagieren?

von Rosmarie Wipf

 

In den vergangenen Wochen und Monaten lenkten die Kirchen ­ in jüngster Vergangenheit war es eher die katholische, kurz davor die reformierte ­ wieder einmal das Interesse der Medien auf sich. In aussergewöhnlichem Masse drangen Berichte von sexuellen Übergriffen im kirchlichen Kontext an die breite Öffentlichkeit. Die Schweiz, Europa, USA: seuchenartig schien sich das Übel während Jahrzehnten im Dunkeln ausgebreitet zu haben, um jetzt endlich schonungslos ans Licht zu kommen. Sogar Rom kam nicht umhin, sich verlauten zu lassen und Stellung zu beziehen: Was da geschehen ist und geschieht, sind schreckliche Fehler, und wer sich zu solchem Tun hinreissen lässt, muss belangt und bestraft werden. Das steht ausser Zweifel. Nur: reicht dies aus, um das Übel bei den Wurzeln zu packen? Ist es damit getan, fehlbare Priester aus ihren Ämtern zu entfernen und zu bestrafen, damit schnell wieder Ruhe im Tempel herrscht?
Der Trend hin zu einer schnellen Symptombekämpfung ist verständlich. Zeitgemäss auch. Wenn sich die Angriffe von aussen mehren, entsteht im Innern der Institution dringender Handlungsbedarf.
Diese Dringlichkeit wiederum ruft ganz natürlich verharmlosende Kräfte auf den Plan: «Einzelne schwarze Schafe hat es doch immer gegeben. Man muss nur noch mehr Aufhebens davon machen!
Sexuelle Übergriffe kommen anderswo auch vor: in Familien, in der Schule, im Sport, am Arbeitsplatz....» So verkeilen sich speditiv Aufräumende und Verschleiernde ineinander. Dabei bleiben sie letztlich an ein und demselben Interesse hängen: Es darf nicht genau gesehen werden, was wirklich ist.
Um zu einer klaren und breiteren Sicht zu gelangen, genügt es nicht, den Blick auf das Delikt, auf den verletzten und auf den fehlbaren Menschen zu fixieren. Der Kontext und das institutionelle System wollen berücksichtigt, bedacht, kritisch befragt und ­ wahrscheinlich ­ bewegt werden.
In meiner psychotherapeutischen Praxis begegne ich vielen Menschen, die an den Folgen von sexuellen Übergriffen leiden. Das Unrecht ist ihnen in den verschiedensten Umfeldern widerfahren. Kirche ist eines davon, ein sehr spezielles allerdings. So sind denn auch die Folgen spezielle.
Therapie macht nicht ungeschehen, was Menschen an Schrecklichem erlitten haben. Es können nur Wunden gepflegt und Heilungsprozesse initiiert und begleitet werden. Die Narben bleiben.
Mit der Zeit werden sie in die Persönlichkeit integriert ­ im besten Fall ­, so dass ein harmonischeres Weiterleben möglich ist. Es geht darum, eine neue Identität zu entwickeln und nicht stecken zu bleiben in der Identität als Opfer.
Mehr und mehr begreife ich die Notwendigkeit, das Denken aus dem Opfer-Täter-Schema herauszuführen. Einen Weg dazu sehe ich, indem ich den Aspekt der Beziehung genauer beleuchte.

1. Sexuelle Übergriffe als Beziehungsgeschehen

Um das Spezielle von sexuellen Übergriffen im kirchlichen Kontext zu verstehen, ist es wichtig, den Hintergrund, vor dem sie geschehen, zu betrachten. Vor allem zwei Themen scheinen da auf: Zum einen ist Beziehung zentrales Thema von Kirche. Zum andern wird Sexualität im kirchlichen Kontext tendenziell tabuisiert, verdrängt.
Mit sexuellen Übergriffen rückt scheinbar dieses verdrängte Thema aus den dunklen Kellerregionen ans Licht. Sexuelle Übergriffe und sexuelle Ausbeutung zwingen uns aber, Beziehung und Sexualität im Zusammenhang mit Machtmissbrauch zu sehen. Missbraucht wird nicht Sexualität, sondern Macht. Und wenn wir von sexuellem Missbrauch von Menschen sprechen, implizieren wir, dass es einen legitimen Gebrauch gibt. Davon jedoch sehe ich ab und verwende deshalb ausschliesslich die Ausdrücke Übergriffe und sexuelle Ausbeutung.
Ob sexuelle Ausbeutung in der Familie oder zum Beispiel in einer Unterrichts- bzw. Seelsorgesituation geschieht, macht vom Beziehungsmuster her keinen Unterschied: Es wird vom mächtigeren Teil eine Begegnungs-Situation zur Befriedigung eines eigenen Bedürfnisses ausgenützt. Es geht um den sexualisierten Machtmissbrauch innerhalb einer sensiblen Beziehung.

2. Die Kirche als Service public im Beziehungsbereich

Kirchen machen ein Kontakt- und Beziehungsangebot in mancherlei Hinsicht.
Im Gottesdienst wird Gemeinschaft gepflegt und gefeiert.
An den Schwellen des Lebens bieten Kirchen den Menschen rituelle und persönliche Hilfe und Begleitung an.
Im pädagogischen Bereich begleiten und führen Erwachsene (Pfarrer/Pfarrerinnen, Priester, Katecheten/Katechetinnen, Jugendgruppen-Leiter/Leiterinnen) Kinder und Jugendliche in lebendiger Begegnung und Auseinandersetzung durch ihre Entwicklung hindurch.
In der Erwachsenenbildung begegnen sich Menschen auf der Basis von Respekt und Vertrauen an unterschiedlichsten Themen des aktuellen Lebens.
In der Seelsorge vertraut sich ein hilfesuchender Mensch einem/einer Geistlichen an, in der Hoffnung, vor einem spirituellen Hintergrund einen Weg aus der Not zu finden.
Menschen, die im kirchlichen Kontext dieses Beziehungsangebot verkörpern, verkörpern auch bestimmte, für diesen Kontext spezifische Werte. Und dementsprechend wecken sie berechtigte Erwartungen. In dieser Verknüpfung von Rolle und Werten einerseits, Erwartungen andererseits, wurzelt das speziell Verheerende von sexuellen Übergriffen im Rahmen von Kirche.
Die Kirchen, das heisst die Menschen, die sie repräsentieren, sind sehr aktiv. Sie tun viel und davon sehr vieles für andere. Nicht selten führt das persönliche Engagement von Priestern, Pfarrern/Pfarrerinnen usw. über die Grenzen der eigenen Kraft hinaus. Das wird kaum als Vergehen geahndet, im Gegenteil: «Unermüdlich setzt er/sie sich ein, opfert sich auf...», heisst es dann, was scheinbar in der christlichen Tradition verankert ist: Selbstlosigkeit und Selbstaufgabe als besondere Qualität.
Eigene Bedürfnisse und Defizite ­ sexueller und nicht sexueller Art ­ bleiben oft unbewusst, unerkannt und unausgesprochen. Auf solchem Boden unbewusster Bedürftigkeit gedeihen Überidentifikation und pervertierte Hilfsbereitschaft gefährlich gut. Höchst selten werden sie als Grenzüberschreitungen deklariert und benannt. Die Rede ist eher von anhaltender Überlastung, Dauerstress. Burnout-Syndrome werden reihenweise diagnostiziert.
Dabei stellt sich hier die Frage nach der ausbeuterischen Tendenz im Kirchensystem überhaupt, einer Tendenz, die letztlich unter anderem zum schrecklichen Geschehen von sexueller Ausbeutung führen kann. Es ist hinreichend bekannt, dass vor allem ausgebeutete Menschen andere sexuell ausbeuten. Die eigenen Ausbeutungserfahrungen der Übergreifenden können durchaus in einem anderen Lebensbereich als demjenigen der Sexualität gemacht worden sein. Häufig fehlt jedoch das Gefühl dafür, ein eigenes Erlebnis als Ausbeutung einzuordnen. So zeichnet sich die Gefahr ab, dass eine unbewusste Ausbeutungserfahrung in sexualisierter Form weitergegeben wird.
Sexuell übergreifende Menschen sind nicht einfach alle Pädophile oder Sexmaniacs, also krank. Das Problem lässt sich auch nicht auf zölibatär Lebende und somit «sexuell Ausgehungerte» reduzieren. Das scheint mir zu eng gefasst.

3. Das verhängnisvolle Geschehen einer sexuellen Ausbeutung am Beispiel einer seelsorgerlichen Begegnung

Ein warmes, fürsorgliches Klima nährt berechtigte Erwartungen. In diese freundliche Atmosphäre tritt ein hilfe- und ratsuchender Mensch, wenn er die seelsorgerliche Begegnung sucht. Vertraulichkeit wird garantiert durch die Schweigepflicht: Was gesprochen wird, was geschieht, dringt nicht nach aussen. So entwickelt sich seelische Intimität. Gleichzeitig können unter Umständen verheerend-verbindende Gemeinsamkeiten zwischen Seelsorger/Seelsorgerin und Hilfesuchender/Hilfesuchendem bestehen und sexuelle Übergriffe begünstigen: Beide sind einsam. Beide sind bedürftig. Beide verkennen die Art der Beziehung, sind verblendet. Beide hegen den Wunsch nach Einzigsein für jemanden. Beide sind eingebunden ins Schweigen. Beide tragen die Schuld.
Zweifellos liegt die Verantwortung für den sexuellen Übergriff einzig und allein beim Seelsorger/bei der Seelsorgerin. Erfahrungsgemäss fühlen sich aber alle Betroffenen in irgendeiner Weise schuldig. Man spricht von «Täterintrojekten»: Die Schuldgefühle des/der Handelnden übertragen sich im ausbeuterischen Geschehen auf die Betroffene/den Betroffenen. Zu den schwerwiegenden Folgen für Betroffene gehören unter anderem diese Schuldgefühle, die es praktisch verunmöglichen, über das Erlebte mit jemandem zu sprechen.
Was das Ausnützen dieser sensiblen Seelsorge-Situation für einen hilfsbedürftigen und abhängigen Menschen bedeutet, ist in der Tiefe fast unvorstellbar. (Für die Unterrichts-Situation gilt dasselbe.)
Vertrauen und Selbstwert zerbrechen und das Gefühl einer kalten Gottverlassenheit beschwört isolierende Scham herauf. Das ist das Spezielle, in der Tiefe und in der Tragweite, wenn Menschen im kirchlichen Kontext von sexuellen Übergriffen betroffen sind.
Auf all die andern Folgen und Symptome, an denen sexuell ausgebeutete Menschen leiden, einzugehen, sprengt den Rahmen dieses Artikels. Auch inwiefern der Seelsoger/die Seelsogerin sich selbst in der eigenen Rolle verletzt, verdiente erweiterte Aufmerksamkeit. Doch was ist zu tun?

4. Verheizte Menschen geben keine Wärme

Der Satz stach vor Jahren aus der Fastenopfer/Brot-für-alle-Agenda hervor. Um sexuellen Übergriffen in Seelsorge- und Unterrichts-Situationen vorzubeugen, ist es dringend not-wendig, dass Seelsorger/Seelsorgerinnen und Unterrichtende

Weniger ist mehr: statt sich in Überidentifikation zu verlieren, Grenzen ­ eigene und fremde ­ respektieren, Achtung und Respekt Hilfesuchenden und Anvertrauten gegenüber einüben.

5. Nicht Verfolgungs- und Strafklima, sondern Sprachräume

Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Kontext werden nicht verhindert durch ein Verfolgungs- und Strafklima, in dem «jeder jeden kontrolliert». Es geht auch nicht um Sinnen- und Gefühl-lose, beinahe virtuelle Begegnungen. Es geht vielmehr um Achtsamkeit, Sorgfalt, Klarheit und Intelligenz im Kontakt.
Not-wendig ist eine immer wieder gemeinsam zu hinterfragende Grundhaltung zwischen Allmacht und Ohnmacht. Da reichen nicht Gesetze, Schuldbekenntnisse und Strafversetzungen. Da brauchen Menschen Räume für alltäglichen Erfahrungsaustausch, Lern- und Übungsmöglichkeiten für verfeinerte Sensibilität und Achtsamkeit: Sprachräume, in denen Not, Angst, Trauer, Verzicht, Schwierigkeiten geäussert und bearbeitet werden können, ohne dass die Gefahr von Ausgrenzung droht.
Nur wenn wir den Schleier des Schweigens lüften, gelangen wir zu Klarheit. Nur wenn wir den Blick für grössere Zusammenhänge schärfen, erschöpft sich unser Handeln nicht in beruhigenden Feuerwehrübungen, sondern mündet in wirksame Prävention.

 

Rosmarie Wipf ist evangelisch-reformierte Theologin, Psychotherapeutin SPV und Gestalttherapeutin FPI in eigener Praxis.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002