12/2002

INHALT

Pastoral

Jede(r) entwirft das Leben selber

von Walter Ludin

 

Wer vor 30 Jahren eine mechanische Schreibmaschine hatte, musste dauernd die ewig gleiche Schrift benutzen. Heute stehen jedem auf dem PC unzählige Schriften in variablen Grössen zur Verfügung. Die kürzlich erschienene Studie «Lebenswerte und Lebensführung in der Schweiz» zeigt, dass heutzutage unterschiedlichste Optionen auch für das ganze Leben ­ beruflich, privat, im öffentlichen Bereich ­ möglich sind. Darum gilt: «Ich bin mein eigener Lebensdesigner!»
Dies war der Titel einer Tagung, die am 27. Februar 2002 an der Universität Luzern durchgeführt wurde. Es galt, aus den Ergebnissen der genannten Studie Konsequenzen für die Pastoral zu ziehen. Christoph Gellner, der Leiter des Instituts für kirchliche Weiterbildung (IFOK), welches zusammen mit dem Schweizerischen Pastoralsoziologischen Institut (SPI) in St. Gallen die sehr gut besuchte Tagung durchführte, nannte einleitend das Stichwort «Pastoral der Pluralität». Die in der Studie untermauerte These von der Individualisierung brachte er in Zusammenhang mit «Aggressivität gegenüber normativen Vorgaben». Schon hier zeigt es sich, wie weit die Kirche als Norm vermittelnde Institution durch die neue Situation herausgefordert ist.

Woher kommt der Lebenssinn?

Michael Krüggeler vom SPI, einer der Autoren der Studie, stellte diese im Hauptreferat der Tagung in einer dichten und sehr informativen Form vor. Es sei darnach gefragt worden, ob mit Nähe und Distanz zu Kirchen und/oder Freikirchen die Denk- und Verhaltensweisen in den übrigen Lebensbereichen variieren. (Dass die «Nähe» vor allem mit dem Parameter des Gottesdienstbesuches gemessen wurde, stiess von Seiten der Teilnehmenden der Tagung auf Kritik. Es scheint sich jedoch um einen recht zuverlässigen Indikator zu handeln. Ein besserer, fassbarer ist kaum in Sicht.)
Das Phänomen der Individualisierung skizzierte Krüggeler wie folgt: «Die Individuen sind jetzt nicht mehr auf die Bindungen ­ als Institutionen ­ oder auf die Gruppe ­ als Gesellschaft ­ hin orientiert. Vielmehr haben sich die Verhältnisse genau umgekehrt: Die sozialen Beziehungen sind jetzt auf die Entfaltung der Individuen hin orientiert und die Gesellschaft ist nur mehr ein Mittel zur grösseren Entfaltung der Individualität der einzelnen Menschen.»
Den «Verlust und Wandel der Werte» veranschaulichen Studie und Referat zuerst im Bereich von Ehe und Familie. Hier ergibt sich das erstaunliche Resultat, das in den zu Grunde liegenden Befragungen<1>, keineswegs ein eindeutiger Trend von Ehe und Familie wegführt. Fast 90% der regelmässigen Kirchgänger/Kirchgängerinnen betrachten die Ehe nicht als eine veraltete Einrichtung. Unter den Nichtkirchgängern/Nichtkirchgängerinnen sind es immer noch fast zwei Drittel.
Eine andere überraschende Feststellung betrifft den Bereich Sinn des Lebens. Die Befragten konnten auswählen zwischen den Vorgaben: «Lebenssinn durch Gott», «Selbst Sinn geben» und «Kein Sinn im Leben». Dass die «Gottgläubigen» der ersten Aussage zustimmen, ist nicht erstaunlich. Sie sind jedoch auch davon überzeugt, dass der Mensch seinem Leben selbst Sinn geben muss. Damit wird laut Krüggeler deutlich, «dass hinsichtlich der Kategorie ÐLebenssinnð auch die Gottgläubigen sich einem gewissen sozialen Druck hin auf eine Individualisierung des Lebenssinns nicht entziehen können».

«Andauernder Dialog»

Zusammenfassend lässt sich feststellen: Die kirchlich vermittelten Werte gingen weitgehend verloren. Dazu der Referent: «An ihre Stelle ist aber kein Wertevakuum getreten. Vielmehr hat sich im Rahmen von Individualisierung und Pluralisierung eine Vielfalt neuer Werte etabliert, die zumeist mit dem neuen grundlegenden Wert menschlicher Autonomie verbunden sind.»
Das der Tagung Diskussionsstoff liefernde Fazit von Michael Krüggeler: «Wenn die beiden grossen christlichen Kirchen ihren Anspruch als Volks- und Landeskirchen aufrechterhalten wollen, dann müssen sie heute unter ihrem Dach ein breit gefächertes Wertespektrum akzeptieren können. Und ÐKircheð wäre dann zu begreifen als ein andauernder Dialog über die christliche Sinngebung unterschiedlicher Wertsetzungen.» Im Plenum, in den Gesprächsgruppen und auf den Gängen der Universität Luzern fragten sich jedoch nicht wenige: Wie soll das geschehen, wenn die Kirchenleitung Theologen, die neue Aspekte einbringen oder auch nur ungewohnte Fragen stellen, grosszügig mit Sanktionen eindeckt?

Volkskirche oder Sekte?

Werden wir künftig eine pluriforme Volkskirche haben? Oder eine sektenhafte Milieukirche? Krüggeler hielt es nicht für ausgeschlossen, dass es eine «Mischform zwischen Pluralismus und Fundamentalismus» geben wird ­ wobei er den Freudschen Versprecher «katholische Kirchen» produzierte...
In einem zweiten Referat stellte die IFOK-Mitarbeiterin Lisianne Enderli die angesprochenen möglichen Szenarien der Kirche in zehn Jahren vor. Szenarium A ist durch Abgrenzung gekennzeichnet: «Wir sind anders als die Welt». Die Kirche ist wie in ihren Anfängen eine kleine Herde und eine Kontrastgesellschaft mit einem klaren Profil. Traditionelle Werte und Lebensformen werden hochgehalten. Da die Kirche keine Steuererträge mehr hat, ist sie auf freiwillige Beiträge angewiesen.
Im Szenarium B werden Freiheit und Autonomie gross geschrieben. Kennzeichen dieser Kirche sind Solidarität und Dialog. Es gibt eine Vielfalt von Werten. (Neue) Rituale und unterschiedliche Formen von Spiritualität haben einen grossen Stellenwert, ebenso die Mitbestimmung. Die Mitarbeitenden haben sich stark spezialisiert, da sie hohen Ansprüchen genügen müssen. Qualitätssicherung und Marktbearbeitung beschäftigen die Kirchenleitung dauernd. Das Pfarreimodell gehört der Vergangenheit an.

Abschied von der Pfarrei?

Lisianne Enderli ging dann näher auf das zweite Szenarium «Volkskirche mit Offenheit für Suchende» ein. Dabei rührte sie zuerst an ein Tabu: an die vom Zweiten Vatikanum und der Synode 72 propagierte Vorstellung der Pfarrei als Gemeinschaft: «Die Menschen suchen Gleichgesinnte und nicht eine Institution als Grossfamilie. Jeder kirchliche Ort (Kleingruppe) hat einen Wert, auch wenn er keinen Beitrag an das Ganze liefert.»
Bezüglich der Mitarbeitenden formulierte die Referentin die Vorstellungen: «Sie können nicht mehr allen alles sein.» Und: «Die Hauptamtlichen brauchen eine hohe Sozialkompetenz. Sie müssen prozesshaft arbeiten können (z.B. bei der Taufvorbereitung).» Darum müssen die kirchlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über Offenheit, Kreativität und «Ritualkompetenz» verfügen. Denn Rituale werden zum Ort der Seelsorge. Sie müssen immer wieder «neu erfunden werden».
Abschliessend forderte Lisianne Enderli den «Abschied von alten Traditionen». Es bedeute eine Überforderung, alles Bisherige aufrechtzuerhalten und gleichzeitig Neuem Raum zu schaffen. Es stimme etwas nicht, wenn heute in den Pfarreien 80 Prozent der Anstrengungen auf die immer kleiner und älter werdende Kerngemeinde zielten.
In der Diskussion wurde gemutmasst, welches der beiden Szenarien die grösste Wahrscheinlichkeit habe. Markus Arnold, der Studienleiter des Katechetischen Instituts Luzern, meinte als Tagungsteilnehmer, beide würden auf uns zukommen: Wenn sich das erste durchsetzt (Stichwort «Opus Dei»), reagierten Teile der Basis mit der freiheitlichen Option. Wenn hingegen das offene Modell zum Zuge käme, würden Konservative die weltabgewandte Version realisieren.

An der Kirche leiden

Seelsorger und Seelsorgerinnen stünden täglich im Spannungsfeld zwischen Individualisierung und «dem Programm, für welches das Christentum steht». So hatte bereits am Anfang der Tagung ihr Moderator Christoph Gellner vom IFOK betont. Der St. Galler Gemeindeleiter Jakob Breitenmoser erzählte in einem persönlichen Zeugnis, wie er mit dieser Spannung umgeht. Für ihn sei wichtig, die Freuden und Hoffnungen, die Leiden und Sorgen der Gläubigen zu teilen, wie es das letzte Konzil in seiner Pastoralkonstitution «Gaudium et Spes» formuliert hat. Zudem bewahre er gesundes Mass an Selbstständigkeit: «Ich handle eigenverantwortlich und stütze mich auf die Botschaft des Evangeliums ab, das jeden Menschen zur Freiheit der Kinder Gottes beruft.»
In einem weiteren Statement gestand Lydia Guyer-Bucher, Buttisholz, als Basis-Christin, sie werde von einer Kirche enttäuscht, die vielen existentiellen Fragen meilenweit hinterher hinke. Doch: «Weil ich die Kirche leiden mag, leide ich an ihr. Ich suche aber in der Kirche kein Leidbild, sondern ein Leitbild.»

Reich Gottes

In den Gruppendiskussionen wurde davor gewarnt, den Verlust alter Werte nur als negativ zu betrachten. Neue Werte ­ wie Freiheit und Autonomie! ­ würden für die Menschen eine Befreiung bedeuten. Ein weiterer Votant vermisste in den Ausführungen, die im Hörsaal gemacht wurden, das «katholische Prinzip»: die weltweite Dimension der Kirche, die sich nicht auf den eigenen Ort oder gar auf Nischen beschränkt.
Im Schlusspodium kam die Frage auf: «Geht es um das Überleben der Kirche oder um den Aufbau des Reiches Gottes?»


Anmerkung

1 Es handelt sich um den Familienzensus des Bundesamtes für Statistik (1994/95) und um das International Social Survey Programme (ISSP) (1999). Die neue SPI-Studie machte ferner Querverweise auf die frühere Studie «Jede(r) ein Sonderfall. Religion in der Schweiz» (1993).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002