7/2002 | |
INHALT | |
Pastoral |
Ein Viertel der jungen Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz hat keinen Schweizer Pass. «Der Ausländeranteil liegt bei gut 19% ... Die ausländische Bevölkerung ist jung: auf 100 Personen im Erwerbsalter entfallen nur 7 im Rentenalter (Schweizer: 29). Damit und mit der höheren Gebur-tenhäufigkeit der Ausländerinnen hängt es auch zusammen, dass gut 26% der 1998 in der Schweiz geborenen Kinder eine ausländische Staatsbürgerschaft besitzen.»<1> Die Realität hinter diesen Zahlen fordert auch katholische Kinder- und Jugendarbeit zu Integrationsanstrengungen heraus. Was behindert bzw. fördert die Integration ausländischer Kinder und Jugendlicher in der katholischen Kinder- und Jugendarbeit?<2> Welche Rolle spielt dabei der Faktor «katholisch»? Und: Wie kann Integration zukünftig besser gelingen? Diesen Fragen soll im Folgenden am Beispiel der katholischen Kinder- und Jugendvereine Blauring und Jungwacht nachgegangen werden.<3>
Blauring und Jungwacht berufen sich in ihrer Arbeit auf fünf Grundsätze: zusammen sein, schöpferisch sein, Natur erleben, mitbestimmen, glauben. Gemäss dem eigenen Selbstverständnis sind Blauring und Jungwacht offen für die Mitgliedschaft von allen Kindern und Jugendlichen, die in der Deutschschweiz leben, unabhängig von Nationalität und Religion. Im Vergleich mit den 26% ausländischer Kinder in der Schweiz liegt der Ausländeranteil in der grossen Mehrheit der rund 500 Scharen aber nur zwischen 210%.<4> Trotz des eigenen Anspruchs der Offenheit sind also unterdurchschnittlich wenig Kinder und Jugendliche ausländischer Herkunft Mitglied in den Verbänden.
Integration verstehe ich so, dass sie die Teilhabe der Immigranten und Immigrantinnen an den sozialen, politischen, ökonomischen und kulturellen Ressourcen der Aufnahmegesellschaft zum Ziel hat. Während des so verstandenen Integrationsprozesses verändern sich alle involvierten Personen, auch die Einheimischen. Die Aufgabe der eigenen ethnischen Identität oder Kultur der Migranten und Migrantinnen ist damit nicht angezielt. Integration stellt also nicht nur eine Bringleistung der Immigranten und Immigrantinnen dar, sondern bedeutet auch die Bereitschaft zur Veränderung der Gesellschaft von Seiten der Einheimischen. Dieses Integrationsverständnis gilt es auch in der katholischen Kinder- und Jugendarbeit zur Geltung zu bringen.
Für die Integration von Kindern und Jugendlichen in die schweizerische Gesellschaft sind der Zeitpunkt ihrer Ankunft und ihrer Aufenthaltsdauer erste prägende Faktoren. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Kinder in der Schweiz integrieren ist um so grösser, je jünger sie bei ihrer Ankunft in der Schweiz sind und je länger sie sich hier aufhalten<5>. Kinder aus Flüchtlingsfamilien oder aus Familien, die Asyl beantragt haben, bleiben oft nur kurze, noch dazu unbestimmte Zeit in der Schweiz. Sie sind schon auf Grund der äusseren Bedingen kaum in die schweizerische Gesellschaft integriert.
Die Eltern spielen eine wichtige Rolle bei der Integration von ausländischen
Kindern in die Schweizer Gesellschaft. Ihr Wille und ihr Vermögen oder
eben auch ihr Unwille bzw. ihr Unvermögen zur Integration hat Folgen
für das Leben ihrer Kinder, auch in Bezug auf deren Freizeitverhalten.
Die Unterstützung und Ermunterung durch die Eltern ist für eine
regelmässige Teilnahme an Freizeitaktivitäten bei vielen Kindern
wichtig. Wehren sich die Eltern aus irgendeinem Grunde direkt oder auch
indirekt gegen das Mitmachen ihres Kindes, wird eine regelmässige Teilnahme
und damit eine Integration in Gruppen wie Blauring und Jungwacht wesentlich
unwahrscheinlicher.
Einige Eltern haben Angst, ihre Kinder könnten die eigene kulturelle
Identität verlieren, wenn sie sich zu sehr im Aufnahmeland Schweiz
integrieren. Auch wenn eine Rückkehr der Familie in das Heimatland
unwahrscheinlich geworden ist, lassen sie ihre Kinder bevorzugt an den Freizeitangeboten
von Vereinen der eigenen Ethnie oder Kultur teilnehmen. Obwohl zum Beispiel
die Chancen auf Rückkehr nach Sri Lanka ungewiss sind, legen viele
tamilische Eltern Wert darauf, ihren Kindern Sprache und Kultur ihres Heimatlandes
zu vermitteln.<6>
Viele ausländische Eltern sind selbst nur mangelhaft in die schweizerische
Gesellschaft integriert. Sie verstehen die Welt, in der sich ihre Kinder
in der Schule und in der Freizeit bewegen, nicht wirklich. Wer nur rudimentäre
Sprachkenntnissse besitzt, hat auch nur wenig Zugang zu den Informationen,
die eine Gesellschaft verständlich machen. Der Informationsfluss via
Medien, Gespräche mit Einheimischen usw. fällt praktisch aus oder
findet nur via Vermittlung durch einen Übersetzer/eine Übersetzerin
statt.
Hier liegt ein echtes Dilemma: Je besser ausländische Eltern in die
schweizerische Gesellschaft integriert sind, um so besser können sie
die Integration ihrer Kinder fördern. Eltern, die selbst nicht integriert
sind, können auch weniger zur Integration ihrer Kinder beitragen, obwohl
genau diese Kinder solche Integrationshilfen dringender benötigten.
Viele Migrantinnen und Migranten haben sich innationalen bzw. ethnischen Gruppen und Vereinen organisiert, teils formell, teils informell. Diese Gruppen bieten ihren Landsleuten notwendige Hilfestellung und ein Stück Heimat. Andererseits können sie aber auch zu einem Hort der Restauration werden, indem Sehnsüchte gepflegt werden, gleichzeitig aber die Realität in Bezug auf die alte und die neue Heimat verdrängt wird. Die katholische Kirche hat für die grösseren katholischen Migrantengruppen Fremdsprachigen-Missionen eingerichtet. Diese bilden eigene Seelsorgeeinheiten, unabhängig von den sonstigen pfarreilichen Strukturen. So wertvoll eine muttersprachliche seelsorgliche Begleitung für die erste Generation von Migranten und Migrantinnen ist, so ist zu fragen: Wäre nicht zumindest für die zweite und folgende Generationen eine Annäherung an die sonstigen Pfarreistrukturen erstrebenswert? Wie viel notwendige Unterstützung und berechtigte Einführung in die ethnischen, kulturellen und religiösen Wurzeln ihres Herkunftslandes braucht die zweite und dritte Migrantengeneration für ihre Identitätsbildung?
Bei Blauring und Jungwacht handelt es sich um Mittelschichts-Vereine.
Entstanden aus dem klassischen Milieukatholizismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts
sind ihre Mitglieder heute zu grossen Teilen die Kinder der Mittelschicht.
Kinder aus Unterschichtsfamilien oder Familien, die am Rande der Gesellschaft
leben, sind in Blauring- und Jungwacht-Scharen deutlich weniger vertreten.
Ein hoher Prozentsatz der in der Schweiz lebenden Ausländerinnen und
Ausländer gehört der Unterschicht an.<7>
Schon aus Gründen der Schichtzugehörigkeit ist also nicht zu erwarten,
dass die Kinder dieser Eltern Zugang zu Jungwacht und Blauring finden. Ihre
Schweizer Kolleginnen und Kollegen aus einem vergleichbaren sozialen Umfeld
finden ihn nämlich in der Regel auch nicht. Und wenn, bleiben sie nur
einige Jahre und werden kaum jemals Leiterinnen und Leiter.
Die in der Schweiz lebenden Ausländerinnen und Ausländer sind
in unterschiedlichem Mass von den Kulturen ihrer Herkunftsländer geprägt.
Kultur prägt auch die Vorstellungen von Freizeit und Geschlechterrollen.
Die Vorstellungen darüber, was Kinder in der nicht durch Schule belegten
Zeit machen sollen, sind kulturell verschieden. Als kulturell geprägte
Vorstellungen sind sie aber auch nicht statisch fest geschrieben. Blauring
und Jungwacht basieren auf der Idee von nicht leistungsorientierten Kinder-
und Jugendgruppen, in denen vor allem Sozialverhalten indirekt «trainiert»
wird. Diese Idee ist für eine Gesellschaft attraktiv, die sich hauptsächlich
aus Kleinfamilien rekrutiert, die wirtschaftlich nicht auf die Mitarbeit
der Kinder angewiesen sind. Die Vorstellung, Blauring und Jungwacht und
ähnliche Organisationen böten eine sinnvolle Freizeitgestaltung
für Kinder und Jugendliche, ist also sehr von schweizerischen sozialen,
ökonomischen und kulturellen Vorgaben beeinflusst. Ausländische
Eltern, die unter anderen ökonomischen Bedingungen leben und von anderen
kulturellen Vorstellungen beeinflusst sind, müssen also vom Sinn und
Gewinn einer solchen Freizeitgestaltung zuerst überzeugt werden.
Kulturell geprägte Geschlechterrollen führen dazu, das in einigen
Gesellschaften Mädchen und weiblichen Jugendlichen weniger Freiheiten
zugestanden werden als ihren Brüdern. Dies verhindert unter Umständen
die Teilnahme von ausländischen Mädchen an Angeboten der katholischen
Jugendarbeit, da die Eltern die dort geltenden moralischen Standards nicht
akzeptieren können.
Die Sommerferien werden gerade von Arbeitsmigranten und ihren Familien gerne zum Besuch in der Heimat benutzt. Die Möglichkeit, am Scharlager teilzunehmen, bietet sich also für die betroffenen Kinder und Jugendlichen erst gar nicht, wenn das Lager regelmässig in den Sommerferien stattfindet. Das Lager ist aber der wohl wichtigste Integrationsfaktor innerhalb des Scharlebens von Blauring und Jungwacht. Wer nie am Lager teilnehmen kann, für die oder den verlieren Blauring und Jungwacht stark an Attraktivität.
Innerhalb der Leitungsteams von Scharen sind angesichts der Notwendigkeit von Integrationsbemühungen zu Gunsten ausländischer Kinder und Jugendlicher sowohl Gefühle der Überforderung als auch mangelndes Problembewusstsein festzustellen. Den einen Leitungsteams ist vielleicht noch gar nicht bewusst, wie viele ausländische Kinder in ihrer Gemeinde leben und wie viele bzw. wie wenige von diesen auch in der Schar mit dabei sind. Andere Leitungsteams sehen keinen besonderen Handlungsbedarf aus dem Gefühl heraus, dass ihre Schar grundsätzlich offen ist für Kinder aller Religionen und Nationalitäten. Wenn ausländische Kinder dann trotzdem nicht kommen, ist das nach Meinung der Leitungsteams deren Problem. Aber auch Leiterinnen und Leiter, die gerne mehr ausländische Kinder in ihre Schar integrieren würden, wissen oft nicht, wie sie dies anstellen sollen.
Auch bei Blauring und Jungwacht trifft man auf Leiterinnen und Leiter, die der Öffnung ihrer Schar für ausländische Kinder kritisch gegenüber stehen. Ausländische und nicht christliche Kinder werden nur als mögliche zusätzliche Komplikation, nicht als Bereicherung oder Selbstverständlichkeit wahrgenommen und sind dementsprechend wenig willkommen. Vermutlich steht bei solchen Einstellungen weniger Rassismus im Vordergrund, als die Sehnsucht nach Räumen, in denen die Welt noch bzw. wieder einfach und überschaubar ist.
Blauring und Jungwacht sind von ihrer Gründung her katholische Vereine.
Sie sind entstanden zu einer Zeit, als die konfessionellen Grenzen innerhalb
der schweizerischen Gesellschaft noch ausgeprägt waren.<8>
So stellte sich für eine lange Zeit die Frage nach dem Umgang mit nicht
katholischen Mitgliedern erst gar nicht. Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg
bzw. spätestens seit den 60er Jahren diese geschlossenen Milieus aufzulösen
begannen, nahmen zunehmend auch reformierte Kinder am Scharleben teil. Dies
geschah oft völlig unbemerkt und unreflektiert. Anlass zu Diskussionen
in den Pfarreien gaben Fragen wie: Kann ein reformierter Leiter Scharleiter
werden? Dürfen die reformierten Kinder an der Fronleichnamsprozession
teilnehmen? Berührungsängste gab es nicht nur von katholischer
Seite. Häufig hatten gerade in Diasporagebieten die reformierten Eltern
Angst vor Vereinnahmung durch die katholische Mehrheit. Doch heute ist in
der Zusammenarbeit über die Konfessionsgrenzen hinweg vieles selbstverständlich,
was früher undenkbar gewesen wäre. In einigen Scharen entspricht
der Anteil reformierter Mitglieder mittlerweile ihrem Bevölkerungsanteil
in den entsprechenden Gemeinden. Daraus wächst auch neues Selbstbewusstsein:
Die Reformierten beanspruchen innerhalb eines katholischen Verbandes zunehmend
das Ernstnehmen ihrer konfessionellen Traditionen. Es gibt Scharen, in denen
ökumenische Gottesdienste mittlerweile zur Selbstverständlichkeit
geworden sind.
Kaum ist jedoch die Sensibilität gegenüber den reformierten Christinnen
und Christen in den Scharen gewachsen und das Miteinander an vielen Orten
zu Selbstverständlichkeit geworden, wird die Frage nach dem Umgang
mit nicht christlichen Kindern aktuell. Wie weit kann ein christlicher Verband
Heimat bieten für nicht christliche Kinder?
Eine wirkliche Identitätskrise in den Verbänden löst jedoch
weder die vermehrte Teilnahme von reformierten noch von nicht christlichen
Kindern aus. Die viel grössere Herausforderung liegt im Umgang mit
der zunehmenden Säkularisierung der schweizerischen Gesellschaft. Glaube
wird zunehmend zur Privatsache, Religion gilt als eine Sache individueller
Wahl.<9> Diese Entwicklung betrifft auch
Blauring und Jungwacht. Viele Kinder sind nicht Mitglied bei Blauring und
Jungwacht, weil sie oder ihre Eltern wünschen, dass sie ihre Freizeit
in einem katholisch geprägten Verband verbringen, sondern weil ihnen
das Freizeitangebot gefällt.
Es liegt in der Natur der Sache, dass Jugendliche und damit auch Jugendverbände
in einem gewissen Spannungsverhältnis zu Obrigkeiten leben.<10> Die von der Pfarrei bis zur Bischofskonferenz
wiederkehrenden Streitfragen zwischen katholischen Jugendverbänden
und der Amtskirche sind auch auf dem Hintergrund der Auseinandersetzung
um die Individualisierung der Religion zu verstehen. Auch heute gibt es
Blauring- und und Jungwacht-Scharen, die sich als Teil der Ortspfarrei verstehen
und am Pfarreileben teilhaben. Zunehmend mehr Scharen sind in ihrem Verhältnis
zur Ortspfarrei aber von Entfremdung, Gleichgültigkeit oder kritischer
Distanz geprägt. Und dies, obwohl praktisch alle Scharen auf mehrere
Weisen von den Pfarreien abhängig sind.<11>
Scharmitglieder nehmen Blauring und Jungwacht nicht als katholische Vereine
wahr, schon gar nicht als einen Teil von Kirche. Die Institution «Kirche»
ist vielen Jugendlichen suspekt. Der Grundsatz «glauben» ist
auch der einzige, dessen Berechtigung immer wieder von Leiterinnen und Leitern
hinterfragt wird. Er wird folgendermassen ausgedeutet: «In unserer
Gemeinschaft erfahren und feiern wir Gott als tragenden Grund. Wir orientieren
uns am Beispiel von Jesus. Wichtig an diesem Grundsatz sind für uns
Momente des Feierns und der Besinnung, als auch das soziale Engagement und
die Ökumene. Kinder jeder Konfession und Religion sollen bei uns Platz
finden. Als Teil von Pfarreien sind wir selber Kirche und suchen nach kinder-
und jugendgerechten Formen religiösen Lebens.»<12>
Viele Leiterinnen und Leiter identifizieren sich höchstens noch teilweise
mit der Ausdeutung dieses Grundsatzes, obwohl sie überzeugte «Jublaner/Jublanerinnen»
sind. Ihr soziales Engagement, ihren Einsatz für andere würden
sie von sich aus nicht in einen christlichen Deutungszusammenhang bringen.
Blauring und Jungwacht haben als Institutionen eine Identität. Diese
natürlich nicht statische Identität drückt sich
in der Vielfalt ihrer Mitglieder auf allen Ebenen aus. Das Verbindliche
und Gemeinsame der Identität wird durch die fünf eingangs genannten
Grundsätze zu beschreiben und festzulegen versucht. Ebenfalls wichtig
für die Identität von Blauring und Jungwacht ist die eigene Geschichte
sowie die Eigen- und Fremdwahrnehmung. Ein wichtiger Faktor der Identitätsbildung
war und ist die Gründung durch und die Zugehörigkeit zur katholischen
Kirche. Nun ist aber die katholische Kirche in den vergangenen Jahren in
eine Identitätskrise geraten. So nehmen es viele Mitglieder und Kritiker/Kritikerinnen
wahr. Wenn aber die katholische Kirche einer der identitätsstiftenden
Faktoren von Blauring und Jungwacht ist, so geraten auch Blauring und Jungwacht
in Bezug auf ihre Katholizität in eine Identitätskrise.
Für die Frage des Umgangs mit nicht christlichen Kindern hat diese
Identitätskrise aber Folgen. Die innerhalb des Verbandes vielfältigen
und häufig auch diffusen Einstellungen zur christlichen Religion erschweren
den Umgang mit Kindern und Jugendlichen aus anderen Religionen. In der Regel
gibt man sich in der Schar offen für Kinder aus allen Konfessionen
und Religionen. Das «religiöse» Weltbild vieler Leiter/Leiterinnen
setzt sich aus verschiedenen Facetten zusammen: mangelhafte Kenntnis der
eigenen religiösen Wurzeln und Traditionen, kritische bis ablehnende
Einstellung gegenüber der «Institution» Kirche, fehlendes
Wissen über die Bedeutung von Religion in anderen Kulturen, wenig ausgepägtes
religiöses Ausdrucksvermögen oder unhinterfragtes Für-selbstverständlich-Halten
der eigenen religiösen Praxis. Eine nur dem Anschein nach gelebte Offenheit
verunmöglicht aber einen echten Dialog. Wer seine eigenen religiösen
Wurzeln nicht kennt und keine eigene Haltung zur Religion entwickelt hat,
wird nur schwerlich die Religiosität seines Gegenübers verstehen
und damit umgehen können.<13> Wenn
Blauring und Jungwacht nicht christliche Kinder in ihre Scharen integrieren
wollen, müssen sie eine Haltung weiterentwickeln und an ihre Mitglieder
vermitteln, die auf christlicher Basis das Zusammenleben von Menschen verschiedener
Religionen begründet.
Für Blauring und Jungwacht sowie für die katholische Kinder- und Jugendarbeit allgemein ergeben sich meines Erachtens folgende Konsequenzen aus ihrem christlichen Anspruch:
Welche Perspektiven ergeben sich nun aus dem, was hier zusammengetragen wurde? Vor welchen Aufgaben stehen Pfarrei und Jugendseelsorge? Wie können Blauring und Jungwacht aktiv zur Integration beitragen?
Primärer Ort des christlichen Lebens ist die christliche Gemeinschaft. Sie wird heute immer noch für den grössten Teil der Christen und Christinnen in der Pfarrei erfahrbar. Im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips ist es sinnvoll, Aufgaben zunächst dort anzugehen, wo sie sich stellen und nicht an nächsthöhere Instanzen zu delegieren. Die Verantwortung für die Jugendseelsorge liegt auch bei den regionalen/kantonalen Jugendseelsorgestellen. Beide Adressen, Pfarrei und Jugendseelsorge müssen sich den Fragen stellen:
Noch ist bei Blauring und Jungwacht die Integration ausländischer Kinder allein Aufgabe der einzelnen Schar. Die Bildung einer Fachgruppe Integration<14> auf Bundesebene liegt in der Zukunft und wartet auf engagierte Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen, denen die hier angesprochen Fragen und Probleme unter den Nägeln brennen. Die Verbände Blauring und Jungwacht können sich in Zukunft aber einer Selbstreflexion<15> nicht entziehen. Die Frage der eigenen Identität in einer plurikulturellen Gesellschaft ist in den Verbänden Blauring und Jungwacht bisher explizit noch nicht diskutiert worden. Leben die Mitglieder ausserhalb der Verbände nicht schon selbstverständlich einen plurikulturellen Alltag? Warum haben sich Blauring und Jungwacht erst so wenig verändert, obwohl sich die Gesellschaft stark verändert hat? Rückzug in das Vertraute, das aber zum Ghetto werden kann oder Annahme der Herausforderungen in einer plurikulturellen Gesellschaft, so lauten, etwas zugespitzt, die Alternativen. Dieser Veränderungsprozess ist schmerzhaft wie jede Veränderung, aber zum Überleben notwendig. Blauring und Jungwacht haben mit ihren Grundsätzen und Idealen gute Voraussetzungen dafür Integrationsprozesse zu initiieren für ihren einheimischen und für ihre ausländischen Mitglieder. Ich bin davon überzeugt, dass durch Integration Einheimische und Migrantinnen und Migranten einen Beitrag zu einer Gesellschaft leisten, in der alle Menschen Platz haben.
Susanne Brenner-Büker ist seit 1998 Bundespräses des Katholischen Schweizerischen Blaurings. Im Rahmen einer Projektarbeit im Nachdiplomstudium «Interkulturelle Kommunikation» an der Universität Luzern ist sie der Frage nachgegangen, wie es um die Integration ausländischer Kinder und Jugendlicher in Blauring und Jungwacht steht: «ÐZusammen seinð zwischen Anspruch und Wirklichkeit eines Grundsatzes von Blauring und Jungwacht in bezug auf ausländische Kinder und Jugendliche», Luzern 2001. Die Ergebnisse dieser Arbeit lassen sich auf weitere Bereiche der kirchlichen Jugendarbeit übertragen.
1 Bundesamt für Statistik, Taschenstatistik der Schweiz 2000. Ohne Ort 2000, 5
2 Ausländische Kinder und Jugendliche bilden keine homogene Einheit, sondern sind so vielfältig wie ihre individuellen Biographien. Deshalb kann es auch keine Integrationsrezepte geben, die alle Kinder und Jugendlichen ansprechen, die keinen Schweizer Pass besitzen.
3 Nähere Informationen über Blauring und Jungwacht unter: www.jubla.ch oder bei der Bundesleitung Blauring und Jungwacht, St. Karliquai 12, 6005 Luzern.
4 Ähnlich sind die Zahlenverhältisse bei der Pfadibewegung als der grössten Jugendorganisation der Schweiz.
5 Die schweizerischen Einbürgerungsbedingungen für die zweite und dritte Migrantengeneration, die in anderen europäischen Ländern wesentlich einfacher sind, machen Menschen zu Ausländern, die in der Schweiz geboren wurden und aufgewachsen sind.
6 Vgl. Caritas Schweiz, Bereich Migration, Tamilischer Sprach- und Kulturunterricht, Luzern 2000.
7 Zur Situation von Ausländern im schweizerischen Arbeitsmarkt vgl.: Stefan M. Golder, Migration und Arbeitsmarkt. Eine empirische Analyse der Performance von Ausländern in der Schweiz, Frankfurt/Main 1999.
8 Zur Situation des sondergeschichtlichen Katholizismus in der Schweiz vgl. Michael Krüggeler/Peter Voll, Strukturelle Individualisierung ein Leitfaden durchs Labyrinth der Empirie. In: Alfred Dubach/Roland J. Campiche (Hrsg.), Jede(r) ein Sonderfall? Religion in der Schweiz. Ergebnisse einer Repräsentativumfrage, Zürich 1993, 1749.
9 Vgl. die ausführliche Darstellung der religiösen Individualisierung in der Schweiz in:. Dubach/Campiche, Jede(r) ein Sonderfall.
10 Vgl. J. Jung, Katholische Jugendbewegung in der deutschen Schweiz: die Jungmannschaftsverbindungen zwischen Tradition und Wandel von der Mitte des 19. Jh. bis zum 2. Weltkrieg, Freiburg/Schweiz 1988, 239243 und 258. Anlass zu heftigen Diskussionen gaben in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts wiederholt Theaterstücke und die Frage nach der Moralität des Fussballspiels. Gerade an solchen Beispielen lässt sich die Zeitgebundenheit und Relativität vieler heftiger Diskussionen belegen.
11 Die Pfarreien unterstützen die Scharen in der Regel finanziell, bieten Versammlungslokale und stellen den/die Präses. Dazu kommen oft noch Lobbyarbeit für die Scharen, finanzielle Unterstützung der Leiterausbildung und des Lagers, kostenlose Benützung der pfarreilichen Infrastruktur usw. Die meisten Scharen wären ohne die Unterstützung der Pfarrei nicht überlebensfähig, auch wenn ihnen dies nicht immer bewusst ist.
12 Vorstellungsmappe Blauring und Jungwacht zum Grundsatz «glauben», Luzern, ohne Jahrgang. Zu beziehen bei: Bundesleitung Blauring und Jungwacht, St. Karliquai 12, 6005 Luzern.
13 Blauring und Jungwacht thematisieren von Dezember 2001 bis Frühling 2003 im Rahmen des Projektes «Ja! und:» den Grundsatz «glauben». Das Projekt bietet Leitern/Leiterinnen Gelegenheit, selber spirituelle Erfahrungen zu machen und sich mit ihrem Glauben auseinander zu setzen. Nähere Informationen über das Projekt unter www.jubla.ch/ja-und.
14 Auftrag einer solche Fachgruppe Integration wäre: Grundlagen- und Bewusstseinsarbeit, Erarbeiten von Hilfsmitteln, Austausch und Vernetzung, Beratung, Öffentlichkeitsarbeit, Fortbildung, Zur-Verfügung-Stellen der verbandseigenen Ressourcen für alternative Projekte zu Gunsten ausländischer Kinder, die ähnliche Ziele wie Blauring und Jungwacht verfolgen.
15 Die Pfadibewegung der Schweiz stellt sich im Rahmen des Projekts Integration der Herausforderung. Nähere Infos unter: www.pbs.ch.