51-52/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr B |
An Weihnachten sind viele Leute in der Kirche, auch solche, die sonst nie kommen. Das grosse Fest ist vorbei. Die Menschen bringen ihre Zufriedenheit und ihre Enttäuschungen mit. Womit möchten Sie sie mit Ihrer Predigt erreichen? Die Lesung schlägt vor, es mit der Menschenfreundlichkeit Gottes zu probieren. Es sind heitere, verständliche und grundlegende Zeilen. Sie erzählen von der Güte Gottes und davon, dass wir gerettet sind. Gott ist der Retter, und Jesus Christus ist der Retter. Das heisst doch: Es ist alles gut. Die Lesung erinnert uns auch an unsere Hoffnungen, an die Wünsche also, die trotz Weihnachten noch offen sind. Vielleicht sind manche Wünsche auch gerade wegen Weihnachten offen: Die Menschenfreundlichkeit Gottes weckt Hoffnungen, dass es auch anders gehen kann, dass es Frieden geben könnte für alle. Vielleicht lässt sich beim Predigen etwas von der Menschenfreundlichkeit Gottes und den Hoffnungen, die sie weckt erfahren und weitergeben.
Das Erscheinen der Güte und Menschenfreundlichkeit Gottes, unseres
Retters, ist die gute Nachricht schlechthin. Was bei fast allen Menschen,
die nun in der Kirche sind, am Heiligen Abend zu Hause gefeiert wurde, wird
im Mitternachtsgottesdienst oder am Weihnachtsmorgen bestätigt: Gott
ist erschienen, ist in Jesus zur Welt gekommen. Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit
sind offenbar geworden. Am Leben Jesu lässt sich ablesen, was das bedeutet.
Er berührt Abgeschriebene, Ausgestossene, Benachteiligte und lässt
sich von ihnen berühren. An ihm konnten viele Menschen erfahren, was
der Prophet Jesaja verkündete: «Das Volk, das im Dunkeln lebt,
sieht ein helles Licht» (Jes 9,1). Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit
strahlt auf in der Finsternis bedrohter Menschlichkeit.
Diese Güte belohnt weder Leistung noch Wohlverhalten. Vielleicht können
Menschen in der Ruhe nach dem Fest einen Moment über diese Menschlichkeit
staunen. Vielleicht können sie das Angebot annehmen und Sorgen und
Hektik loslassen.
Mit dem Bad der Wiedergeburt und der Erneuerung im Heiligen Geist ist die
Taufe gemeint. Am Geist muss zum Glück nicht gespart werden. Er wird
reichlich geschenkt, wie der Text ausdrücklich festhält (6). Mit
der Erneuerung ist die neue Schöpfung angesprochen, von der in den
echten Paulusbriefen die Rede ist (2 Kor 5,17; Gal 6,15). Sie steht für
die Alternative zu Unrecht, Leid und Trauer, die oft so selbstverständlich
erscheinen. Das Bild der neuen Schöpfung erinnert daran, dass
obwohl der Retter da ist viele Hoffnungen noch nicht eingelöst
sind. Das grosse Versprechen von der Gnade, die gerecht macht, unterläuft
das Leistungsdenken, aber auch die Resignation. Wir können den Frieden
auf Erden nicht machen, aber wir können diese Gerechtigkeit einklagen
und an diesem Versprechen festhalten.
Die Verse laufen auf ein Ziel hin: «das ewige Leben erben».
Dieses Erbe wird genauer bestimmt durch den Hinweis auf unsere Hoffnungen.
Das ewige Leben ist also nicht irgendeine abstrakte Grösse, sondern
der Inbegriff unserer Hoffnungen.
Der letzte Vers könnte an Weihnachten ein zweites Staunen auslösen.
Weder die Menschenfreundlichkeit Gottes noch die Taufe und Erneuerung im
Heiligen Geist noch die Rettung durch Christus regeln einfach alles alleine.
Sie binden sich an unsere Hoffnungen. Auf diese Hoffnungen kommt es also
auch an. Worauf hoffen wir? Was bedeutet uns ewiges Leben?
In ihrem Buch «Sich dem Leben in die Arme werfen» haben die
Autorinnen versucht, darauf eine Antwort zu geben. Sie kommen nicht ohne
die alten Sätze aus: Der Tod hat nicht das letzte Wort. Mit dem Tod
ist nicht alles zu Ende. Sie wenden ihre Hoffnungen aber so, dass das Leben
zum Massstab wird, nicht der Tod. Hoffen auf ewiges Leben meint den tiefen
Wunsch, dass das Leben doch für alle reicht. Angesichts der Menschenfeindlichkeit,
die wir erleben und mit ansehen müssen, ist dafür viel Hoffnung
nötig. Diese Hoffnung auf ein ewiges Leben, die das irdische umfasst,
wird sich immer wieder an den Zusagen reiben: Gott hat uns gerettet. Christus
ist unser Retter. Es ist schon alles gut. Denn es ist nicht gut, für
viele Menschen nicht. Das Leben reicht nicht für alle. Afrikas Kinder
wachsen ohne Eltern auf. Hoffnung wenn sie mehr als ein Lippenbekenntnis
ist gibt es nur zusammen mit dem Vermissen. Aber dann gibt es sie.
Alice Walker, eine schwarze Romanautorin («Die Farbe Lila») und politische Aktivistin für Gerechtigkeit veröffentlichte 1968 ein Gedicht, eine brennende Hoffnung auf Auferstehung. Demütigung und Angst dürfen nicht das letzte Wort haben! Gottes Güte und Menschenfreundlichkeit verspricht dort einen Neuanfang, wo alles verloren scheint. Das ist kein billiger Trost, sondern die grösste Herausforderung von Weihnachten. An Gottes neuer Schöpfung arbeiten wir mit. Und wir dürfen ihre Schönheit lieben.
South: The name of home
all that night
I prayed for eyes to see again
whose last sight
had been
a broken bottle
held negligently
in a racist
fist
God give us trees to plant
and hands and eyes to
love themSüden: Der Name Heimat
Jene ganze Nacht
Habe ich gebetet, um Augen,
damit er wieder sehen kann,
er, dessen letzter Anblick
eine zerbrochene Flasche war,
nachlässig gehalten
von einer rassistischen
Faust.
Gott, gib uns Bäume zu pflanzen
und Hände und Augen,
sie zu liebenAlice Walker
Literatur: Luzia Sutter Rehmann, Sabine Bieberstein, Ulrike Metternich (Hrsg.), Sich dem Leben in die Arme werfen, Gütersloh 2002; Norbert Brox, Die Pastoralbriefe. 1 Timotheus. 2 Timotheus. Titus, Regensburg 41989; Alice Walker, Once: Poems, Florida 1968.
In der Gruppe: Text gemeinsam lesen. Wort wiederholen, das aufgefallen ist. Anschliessend Austausch: Was hat mich an meinem Wort (oder einem anderen) angesprochen, irritiert?
Information über unseren Text und den Titusbrief. Der Brief ist pseudepigraphisch, er stammt also nicht von Paulus selber. Aus der Apostelgeschichte und den Paulusbriefen ist der Titus als Gehilfe des Paulus bekannt. Titus steht in unserem Brief für den Gemeindeleiter, der in seinem Amt gestärkt wird. Unser Text bildet eine Ausnahme. Er ist im Plural formuliert und nimmt wahrscheinlich eine alte Glaubens- und Hoffnungsformel auf. (Predigt)gespräch über die grossen Wörter: Menschenfreundlichkeit, Güte, Hoffnung, Ewiges Leben.
Zeit der Stille, um den eigenen Hoffnungen nachzugehen. Worauf hoffe ich? Sind unsere Hoffnungen waghalsig genug? Evtl. die grösste Hoffnung, zu der ich mich in der Lage sehe, aus Ton modellieren. Auf einem schönen Tuch in der Kirche stehen lassen. Dort können sie «zwischen den Jahren» als Alternative zu den leidigen Neujahrsvorsätzen wirken.
«Glauben heisst: Nicht wissen», so wurde uns als Kinder immer entgegengehalten, wenn wir einen Satz mit den Worten begannen: «Ich glaube...». Was wir dabei gelernt haben: Wissen ist besser als Glauben. Heute würde ich sagen: für meine religiöse Menschwerdung war das zunächst einmal nicht gerade förderlich. Geglaubt habe ich nämlich vorerst einmal gar nichts. Zumindest nichts, was sich nicht beweisen liess. Und: Ganz natürlich musste eine solche Weltsicht immer schon auch in Konfrontation mit einer traditionell katholischen Erziehung in die Krise kommen. Bei mir war das ungefähr mit der Volljährigkeit, als mir alles, was ich bisher mit Glauben und Kirche am Hut hatte, äusserst zweifelhaft wurde. In einer solchen Suchbewegung begegnete mir zum ersten Mal in meinem Leben der Hebräerbrief. Es war in Taizé, und ich weiss es noch wie heute. Nach einem langen verzweifelten Nachtgespräch über den Unsinn von Glauben ohne Wissen ging ich morgens in die Schriftbetrachtung. Und der Text war Hebr 11,1: «Glaube aber ist: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht.» Mich hat das damals umgehauen.
Unser Lesungstext ist eben diesem 11. Kapitel des Hebräerbriefs
entnommen. Nachdem er in den vorhergehenden Versen 10,3239 seine Leserinnen
und Leser zur Ausdauer aufgerufen hatte, kommt unser Autor zu einer exkursartigen
Abhandlung über den «Glauben». Warum war ihm das so wichtig?
Schaut man sich den Hebräerbrief genauer an, dann macht man sehr schnell
zwei Feststellungen: Erstens ist der Hebräerbrief gar kein Brief
das sieht man gleich am Anfang, wo die Briefeinleitung fehlt , sondern
eine «Mahnrede» (13,22), und zweitens scheint es grosse Glaubensprobleme
bei den Adressatinnen und Adressaten gegeben zu haben: Es ist von drohendem
Glaubensabfall die Rede und davon, dass sie zu den elementaren Grundlagen
ihres Glaubens zurückkehren sollten (6,1); unser Autor diagnostiziert
eine gewisse «Schwerhörigkeit» seiner Gemeinde (5,11),
und er fragt sich, ob sie sich das im Glauben Erreichte nicht leichtsinnig
wieder verscherzen (2,14). Ein Indiz dafür ist ihm beispielsweise,
dass viele längst ihr Interesse an der Gemeinde verloren haben und
zu den Versammlungen der Gemeinde schon gar nicht mehr erscheinen (10,25).
Wie reagiert unser Autor darauf?
Auf den ersten Blick meint man, es gehe ihm nur um «Durchhalteparolen»:
«Was ihr braucht, ist Ausdauer...» «Nur noch eine
kurze Zeit...» «Wir gehören nicht zu denen, die zurückweichen»
(10,36.37.39). Doch dann verbindet unser Autor die «Ausdauer»
(griechisch: hypoménein, eigentlich: «Darunterbleiben»)
mit dem «Glauben»: «Glaube aber ist: Feststehen in dem,
was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht»
(11,1), und er bringt anschauliche Beispiele aus der Glaubenstradition der
Heiligen Schrift. Für die frühen Christen war dies das Erste Testament.
Er beginnt bei Kain und Abel und kommt schliesslich zu Abraham und Sara.
Da setzt unser Lesungstext ein. Inwiefern kann der Glaube Abrahams und Saras
der Gemeinde des Hebräerbriefes helfen, ihren eigenen Glauben wieder
zu stärken?
Dafür werden vier Abrahams- und Sarageschichten erinnert:
Interessant ist, worin unser Autor das jeweils Spezifische des Glaubens sieht:
Immer geht es darum, dass Abraham und Sara in absolut ungesicherter Existenz
und ohne Wissen um ihre Zukunft sich einzig und allein an Gott festmachen.
Natürlich ist das eine absolute Idealisierung Abrahams als «Vater
des Glaubens», die sich nicht einmal am biblischen Text selbst belegen
lässt. Die Abrahamserzählungen des Ersten Testaments wissen sehr
wohl auch um die andere Seite des Glaubens: den Zweifel und die Kleinmütigkeit.
Derselbe Abraham, der ohne zu fragen in eine ungewisse Zukunft aufgebrochen
war, bekommt es in der Fremde Ägyptens so mit der Angst zu tun, dass
er selbst das Leben seiner Frau Sara aufs Spiel setzt (Gen 12,1020),
und das lange Warten auf den Stammhalter liess Abraham ebenfalls den Glauben
an die Verheissung verlieren und nach Auswegen suchen (Gen 16,116).
Wie Abraham und im Übrigen auch Sara die Geschichte um
den drohenden Verlust ihres Sohnes Isaak erlebt haben, erfahren wir im biblischen
Text nicht. Der «Kadavergehorsam» Abrahams, der sich aus der
Belehrung des Hebräerbriefs herauslesen liesse, ist jedenfalls nicht
die einzige Möglichkeit mit dieser Geschichte umzugehen:
Liest man sie als Glaubensgeschichte, dann lehrt die Erfahrung, dass es
Glaube ohne Unglaube nicht gibt. Und nimmt man ernst, dass es eine Geschichte
des bewährten Glaubens ist, dann kann man davon ausgehen, dass sie
erst im Nachhinein ihren Sinn erhielt. Als der Sohn eben nicht zum Opfer
wurde! Auch wenn der Autor des Hebräerbriefes aus pädagogischen
Gründen! so tut, als hätte es keine Rolle gespielt, wenn
Abraham seinen Sohn tatsächlich (!) geopfert hätte, im biblischen
Text spielt es sehr wohl eine Rolle: «Abraham, Abraham! ... Streck
deine Hand nicht gegen den Knaben aus, und tu ihm nichts zuleide!».
So lautet der Ruf des rettenden Engels!
Was bleibt also? Bei aller Grossartigkeit des vorgestellten Glaubens Abrahams und Saras dürfen wir nie vergessen, wie zerbrechlich eine solche Glaubensbeziehung ist. Gerade weil wir nicht wissen «wohin wir kommen», weil unser menschliches Leben eine unsichere «Zeltexistenz» ist, weil unsere Hoffnungen nicht immer gleich (und oft auch gar nicht!) erfüllt werden und weil wir manchmal an den Rand dessen geraten, was unser Glaube gerade noch aushält, zum Beispiel gerade bei den Ängsten um unsere Kinder, dürfen wir diese Beziehung nicht überfordern. Nicht alles, was uns widerfährt, muss auch gleich von Gott her einen Sinn haben. Eher ist es anders herum: Manchmal wird uns die Erfahrung geschenkt, dass das absolut Unverständliche und Sinnlose im Nachhinein doch noch einen Sinn erhält. Wohlgemerkt: im Nachhinein! Das lässt sich aber nicht erkaufen, etwa durch die Bemühung um einen festen Glauben oder gar einen «Kadavergehorsam» einem wie immer gearteten «Gotteswillen» gegenüber. Dazu wissen wir als Menschen zu wenig von Gott. Und dazu ist der «Gotteswille» schon allzu oft von Menschen missbraucht worden, die damit nur ihren eigenen Willen kaschiert haben.
Literatur: Franz Laub, Hebräerbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar NT 14), Stuttgart 1988; Claus-Peter März, Hebräerbrief, (Die Neue Echter Bibel NT 16), Würzburg 21990.
Den Lesungstext Hebr 11,8.1112.1719 miteinander lesen. Gegenseitiger Austausch über die dort angesprochenen Erzählungen von Abraham und Sara. Worin bestand jeweils der «Glaube» von Abraham und Sara?
Lektüre der «kritischen» Erzählungen vom Unglauben Abrahams und Saras (z.B. Gen 12,1020; 16,116 oder das «Lachen Abrahams» 17,17 bzw. das «Lachen Saras» 18,12). Inwiefern gehört der Unglaube zum Glauben dazu?
Austausch in Kleingruppen darüber, wo wir mit unserem Gottesglauben an Grenzen stossen, aber auch darüber, wo uns der Glaube schon geholfen hat, kritische Lebenssituationen zu bewältigen.
Die Zeit zwischen den Jahren, die Tage zwischen Weihnachten und Dreikönigstag, haben zwei Gesichter. Der Name des Monats Januar sagt es: Der Januskopf schaut mit einem Gesicht zurück ins alte Jahr. Das andere, vorausschauende Antlitz ist der nahen Zukunft zugewandt. Was hat das vergangene Jahr gebracht, und was wird das neue Jahr bringen? Welche Aufgaben erwachsen uns aus dem Geschehenen und aus dem Erreichten für das neue Jahr? Weihnachten liegt noch im alten Jahr, Epiphanie gehört zum neuen. Der heutige Text lädt dazu ein, miteinander den Weg vom Weihnachtsstern zum Licht von Epiphanie zu gehen.
In allen drei Lesejahren begleitet der Text aus dem Epheserbrief das
Fest der Epiphanie. Das wundert mich. Paulus spricht doch so oft und so
unterschiedlich vom Licht, das ihm aufgegangen war und für dessen Verbreitung
er sein Leben einsetzte! Warum also immer dieser eine Text?
Im ersten Vers unserer Lesung beglaubigt Paulus seine Autorität. Leider
wird Vers 1 nicht auch gelesen. Dort kommen nämlich die Adressatinnen
und Adressaten zum Vorschein. Paulus spricht sie ausdrücklich als Heiden
und Heidinnen an. Was Paulus zu sagen hat, geht sie als heidnische Gläubige
an. Er nennt es immer noch «Geheimnis», obwohl er es doch in
den Versen davor (2,1122) gelüftet hat. Der Inhalt des Geheimnisses?
Alle gehören dazu. Paulus spricht dies denen zu, die vielleicht immer
noch nicht recht glauben können, dass sie in die Mitte gerufen sind.
Der Briefschreiber referiert nicht über Heiden und Heidinnen, die nun
dazugehören, er schreibt auch nicht an alle ohne Unterschied, wie der
Text ohne den Vers 1 gelesen werden könnte. Paulus spricht die neue
Ordnung denen zu, die sich nun ganz zugehörig und integriert fühlen
sollen. Warum schreibt er es ihnen? Vermutlich ist es gar nicht so einfach,
vom Rand in die Mitte zu wechseln. Wenn die alten Bilder im Kopf vom eigenen
Platz am Rande nicht mehr stimmen, dann muss sich das ganze Leben neu ordnen.
Noch einmal: Hier sind nicht Menschen angesprochen, die den anderen die
Gleichstellung absprechen, sondern jene, die sie endlich beanspruchen müssen.
Paulus verwendet drei starke Begriffe der Zugehörigkeit: Miterben/Miterbinnen,
Mit-Leib, Anteilberechtigte an der Verheissung.
Klingt hier auch eine neue Verantwortung an? Wer ganz dazugehört, muss
auch die Verantwortung ergreifen, muss sich vielleicht doch gegen die Privilegien
wehren, die unterschwellig meistens noch lange weiterwirken, muss sich mit
der eigenen Unsicherheit auseinander setzen, die der neue Platz in der Mitte
mit sich bringt.
Unser Text ist ein Manifest der Gleichstellung für jene, die ermächtigt
werden, die sich selber ermächtigen müssen, die neue Ordnung zu
leben. Sie muss ihnen in Fleisch und Blut übergehen, damit der ganze
Leib überhaupt zu einem «Mitleib» werden kann.
Nicht nur unsere Verse, der ganze Brief ist ein Manifest. Er trägt
kaum Züge eines «richtigen» Briefes. Deshalb wird er oft
als Enzyklika bezeichnet, die als Rundschreiben für viele Gemeinden
gedacht war. Inhaltliche und stilistische Unterschiede zu den echten Paulusbriefen
lassen vermuten, dass der Brief nicht von Paulus selber stammt, sondern
von einem Menschen, der nach Paulus wahrgenommen hat, dass an das Geheimnis
noch immer nicht genug Luft gekommen war und gerade die Heidinnen und Heiden
unter ihrer eigenen Zurückhaltung litten.
Eine moderne Übersetzung dieser Ermutigung hat Marianne Williamson
geschaffen. Der Text wurde wichtig, weil Nelson Mandela ihn 1994 bei seiner
Amtseinsetzung als Präsident Südafrikas den bisher marginalisierten
Schwarzen Südafrikas zugesprochen hat:
Unsere grösste Furcht gilt nicht
unserer Unzulänglichkeit.
Unsere grösste Furcht gilt
unserer Stärke.
Es ist unser Licht,
nicht unsere Dunkelheit,
was uns am meisten schreckt.
Wir fragen uns selbst:
wer bin ich,
um fähig und wunderbar zu sein?
Die Wahrheit ist:
WER bist du, all das nicht sein?
Du bist ein Kind Gottes.
Deine vorsichtige Zurückhaltung
dient der Welt nicht.
Es liegt nichts Erleuchtetes darin,
dich kleinzumachen,
damit andere sich in deiner Nähe
nicht unsicher fühlen.
Wir wurden geboren,
um Zeugnis abzulegen
für das Licht GOTTES,
das auch in uns ist.
Er ist nicht nur in einigen von uns;
er ist in allen Menschen.
Und wenn wir unser eigenes Licht strahlen
lassen,
geben wir anderen die Erlaubnis,
dasselbe zu tun.
Sobald wir uns von unserer eigenen Angst
befreit haben,
wird unsere Gegenwart andere befreien.
Was kann unsere Lesung zu Epiphanie beitragen, dem Lichtfest am Anfang des neuen Jahres? Vielleicht dies: Statusunterschiede haben ihre Gültigkeit verloren. Das Leben braucht eine neue Ordnung, die von denen, die sich bisher nicht zur Mitte zugehörig fühlten, gestaltet und verantwortet werden muss. Sie dürfen sich trauen, den Inhalt dieser Offenbarung Gleichstellung Erfahrung werden zu lassen. Das bedeutet auch, die politischen und kirchlichen Hierarchien in einem zukunftsfähigen Licht anzuschauen und von der Mitte aus entsprechend zu leben.
Literatur: Emil Bock, Der Kreis der Jahresfeste, Stuttgart 41981.
Teilnehmende sollen sich in die Rolle der ersten Leser und Hörerinnen versetzen. Eine Gruppe soll sich in die Rolle von jüdischen, die andere in die Rolle von heidnischen Christinnen und Christen versetzen. Gespräch in den Gruppen: Was sagt uns Paulus da und warum? Anschliessend Austausch im Plenum: Wie ist die Botschaft bei den unterschiedlichen Adressaten/Adressatinnen angekommen?
In den Epheserbrief einführen als Rundschreiben an Heiden/Heidinnen, die ihre neue Rolle in der Mitte noch finden müssen. In einer Welt, in der Statusunterschiede wichtig sind, ist es äusserst schwierig, die Abschaffung von Statusunterschieden im konkreten Zusammenleben umzusetzen gerade auch für jene, die sich am Rande wussten.
Mit dem Text von und viel Zeit für die Einzelnen ein Lichterfest feiern.
Erinnern Sie sich noch an die Aufbrüche der Sechziger- und Siebzigerjahre? Die neuen Lebensformen der Hippiegemeinschaften, die neuen Schlagworte: Peace und Love? Liebe als politisches Programm, das die Gesellschaft auf allen Ebenen erneuern sollte, das die freie sexuelle Begegnung zwischen und innerhalb der Geschlechter mit einbezog, aber dennoch mehr wollte. Liebe als umfassendes politisches Programm? Die Zeiten haben sich ja inzwischen wieder geändert. Ein Grund mehr, einen neuen Blick auf eine Schrift zu richten, die im neutestamentlichen Kanon wie kaum eine andere ihr gesamtes Denken auf den Begriff der Liebe lenkt und die Liebe als das Göttliche schlechthin versteht.
Anders als bei den Paulusbriefen, wo wir genau wissen, welche Gemeinde
aus welchen Gründen angeschrieben wurde, fehlt in 1 Joh sogar die Briefanrede.
1 Joh spricht zwar eine Gruppe von Adressaten und Adressatinnen an, wer
diese jedoch sind, bleibt im Brief verborgen, wie auch der Verfasser oder
die Verfasserin des Schreibens anonym bleibt. Wir sind daher auch für
die Datierung und Lokalisierung des Briefes weitgehend auf Vermutungen angewiesen.
Fest steht, dass eine auffällige Nähe zum Johannesevangelium besteht,
die dazu geführt hat, den Autor der so genannten Johannesbriefe mit
dem Evangelisten des vierten Evangeliums zu identifizieren. Dafür sind
jedoch die Unterschiede zu gross.
Der erste Johannesbrief nimmt nur in Anspielungen Bezug auf sein religiöses
und gesellschaftliches Umfeld. Es geht ihm um Grundsätzliches, und
es ist wahrscheinlich die Absicht des Verfassers, sein Schreiben so offen
wie möglich zu halten. 1 Joh 5,19 gehört zum Schlussteil
des Briefes. Der Abschnitt nimmt Elemente auf, die schon in anderen Teilen
der Schrift begegnen, bündelt sie und führt sie nochmals weiter.
Immer wieder denkt er über die Wirklichkeit Jesu Christi nach. Darin
lag auch der brisanteste Konfliktstoff in seiner Gemeinde (2,1825).
Beides zusammenzudenken, dass Jesus als präexistenter Sohn Gottes ganz
Mensch war, war eine Herausforderung, der noch viele Generationen gegenüberstehen
sollten. 1 Joh grenzt sich heftig gegenüber Menschen mit anderen Deutungen
Jesu Christi ab, und er geht soweit, diese als «Antichristen»
zu bezeichnen. Der Verfasser des Ersten Johannesbriefes legt auch grossen
Wert auf die Übereinstimmung von Spiritualität, von Glauben und
Praxis (1 Joh 2,36). Diese Übereinstimmung hat sich für den
Johannesbrief im täglichen Verhalten (1,6) und insbesondere in konkreten
menschlichen Beziehungen zu vollziehen, die im Zeichen der geschwisterlichen
Liebe steht (2,10). Auch das scheint in seiner Gemeinde nicht selbstverständlich
gewesen zu sein.
Der erste Abschnitt (5,15) wird durch das Bekenntnis zu Jesus als dem
Sohn Gottes umrahmt (5,1 und 5,5). Die Beziehung zu Gott ist für den
Briefschreiber nicht loszulösen von der Beziehung zu Jesus: «Jeder,
der den Vater liebt, liebt auch den, der von ihm stammt» (5,1). Es
gibt keinen Gottesglauben ohne das Bekenntnis zum Sohn.
Der zweite Teil des Abschnitts (5,68) führt das Thema weiter.
Er handelt vom Christusereignis, das mit den Stichworten Wasser, Blut und
Geist auf den realen Tod Jesu am Kreuz verweist, wie er in Joh 19,34 beschrieben
wird. Gleichzeitig assoziierten die Leser und Leserinnen das Wasser und
den Geist auch mit der Taufe Jesu (Joh 1,3234). Durch die Zusammenfassung
von Geist, Wasser und Blut als Zeugen für die Wirklichkeit Christi
wird das gesamte Wirken Jesu von der Taufe bis zum Tod zusammengefasst und
in seiner Bedeutung für die Gegenwart betont.
5,24 befassen sich mit der Liebe zu den Mitmenschen, der Liebe zu Gott
und dem Gehorsam zu Gottes Weisungen. Die Beziehung zu Gott und das Verhältnis
zu meinen Mitmenschen sind eng verbunden. Damit hängt auch zusammen,
dass die Liebe zu Gott man könnte auch lesen: die Liebe Gottes
zu den Menschen nicht ohne praktische Folgen ist. Für 1 Joh hat
die Liebe zu Gott eine solch starke normative Kraft, dass die Gottesliebe
und die Befolgung der Gebote Gottes zu Synonymen werden können: «Denn
die Liebe zu Gott besteht darin, dass wir seine Gebote halten» (5,3).
Das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, das durch die Liebe geprägt
ist, steht in 1 Joh in scharfem Kontrast zu einem Verhältnis zur Welt,
das die Beziehung zu Gott ausklammert (5,4). Eine solche oberflächliche
Liebe zur Welt wird durch die Stichworte der fleischlichen Begierde, der
Begierde der Augen, der Prunksucht und des Reichtums gezeichnet (2,16).
An diesem Punkt macht sich die zeitgeistige Atmosphäre bemerkbar, in
der 1 Joh entstand und mit der sich der Traktat auseinander setzt: die Gnosis.
Sie war eine weit verbreitete Bewegung, die die Welt und die Materie grundsätzlich
ablehnte und das Heil in einer vollkommenen Ausrichtung auf das absolut
jenseitige Göttliche suchte. Praktisch konnten daraus zwei Haltungen
entwachsen: die vollkommene Askese oder die vollkommene Indifferenz gegenüber
jeder gesellschaftlichen und religiösen Norm. 1 Joh stimmt mit der
Gnosis darin überein, dass die in der Beziehung zwischen Gott und Mensch
begründete Dynamik in Gegensatz zu einem rein materialistischen Weltbezug
steht. Während aber gnostische Menschen die Welt nur als Hindernis
eigener spiritueller Vervollkommnung wahrnehmen können, geht es in
1 Joh um einen Sieg über die Welt. Es geht um die Veränderung
und Umwandlung der Welt aus der Beziehung zu Gott heraus.
Wie fast die ganze biblische Literatur ist 1 Joh kein Ratgeber für uns und unsere Zeit. Er war es ja auch nicht für seine Zeit. Er begnügt sich mit dem Grundsätzlichen und verliert kein Wort zu viel. Vielleicht ist es auch das, was wir uns mitnehmen könnten: uns auf das Grundsätzliche zurückzubesinnen. Für 1 Joh 5,19 besteht es in der unauflöslichen Einheit von Glauben, Spiritualität und Praxis. Es ist deshalb wohl auch kein Zufall, dass 1 Joh sonderbar abstrakt erscheint: so haben wir die Freiheit, zu tun, was uns richtig erscheint, zumindest solange wir unsere Fundamente im Blick haben und leidenschaftlich, mit Liebe am Werk sind.
Literatur: Wolfgang Baur, 1., 2. und 3. Johannesbrief, (Stuttgarter kleiner Kommentar Neues Testament 17), Stuttgart 1991; Hans-Josef Klauck, Der erste Johannesbrief, (Evangelisch-katholischer Kommentar zum Neuen Testament XXIII/1), Zürich/Neunkirchen 1991; Kerstin Ruoff, «Der erste Brief des Johannes. Du, lass dich nicht verhärten...», in: Luise Schottroff, Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21998, 709714.
Um welche Verben kreist der Abschnitt? Was ist mit ihnen gemeint? Lesen Sie 1 Joh durch, und streichen Sie die Verben, die in 5,19 vorkommen, mit verschiedenen Farben an.
Notieren Sie diese Kernwörter in der Gruppe auf grosse Papiere. Lassen Sie die Gruppe während 20 Minuten ihre Assoziationen zu den Begriffen notieren bzw. ihre weiterführenden Reaktionen dazu. Was ist herausgekommen?
Joh 5,19 ist ein Grundsatztext: «Übersetzen» Sie den Abschnitt in ein Leitbild für Ihre Pfarrgemeinde. Welche Visionen ergeben sich für die Gemeinde? Welche Massnahmen müsste ergriffen werden, um die Vision zu erreichen?