50/2002

INHALT

Lesejahr A

Von der göttlichen Geheimniskrämerei

Dieter Bauer zu Röm 16,25-27

 

Auf den Text zu

Geheimniskrämerei konnte ich noch nie ausstehen. Ich meine: Wenn etwas in Ordnung ist, dann kann man es offen sagen, und wenn jemand ein Geheimnis daraus macht, dann ist wohl etwas faul.
Gerade im religiösen Bereich bin ich da sehr empfindlich. In den Vorlesungen meines Dogmatikprofessors zum Beispiel kam immer dann, wenn es spannend wurde, der Satz: «Dies ist ein grosses Geheimnis, ein mysterium tremendum et fascinosum», wobei das Latein das Ganze wohl noch geheimnisvoller machen sollte. Mir als armem Theologiestudenten jedenfalls kam diese Geheimniskrämerei eher vor wie ein theologischer Nebelwerfer, und ich wurde den Verdacht nicht los, dass es mein Dogmatikprofessor auch nicht so genau wusste.
Heute gehe ich etwas gnädiger mit solchen Aussagen um. Als erwachsener Mensch habe ich gelernt, dass wir wirklich nicht alles wissen können. Und als Theologe habe ich gelernt, dass die Theologen auch nicht mehr von Gott wissen als andere Menschen. Sie haben auch nicht mehr als die Heiligen Schriften mit den Erfahrungen von vielen Generationen. Sie haben höchstens mehr Zeit, über manches nachzudenken. Das «Geheimnis» aber wird bleiben. Doch wir dürfen fragen.

Mit dem Text unterwegs

Wenn in unserem heutigen Lesungstext beispielsweise der Römerbrief davon spricht, dass Gott ein «Geheimnis offenbart, das seit ewigen Zeiten unausgesprochen war» (16,25f.), dann frage ich mich: Warum? Welchen Sinn soll es machen, dass Gott etwas weiss, aber «verschweigt» (so wörtlich im Urtext)? Und zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt der Geschichte lüftet er dann das Geheimnis?
Doch: Mit solchen Überlegungen bin ich bereits in eine theologische Falle getappt. Auch wenn es so da steht: Der Autor unseres Textes weiss genau so wenig wie ich, was Gott tut und was er nicht tut, was Gott wohl verheimlicht und was er offenbart. Er weiss es nicht. Aber er hat eine bestimmte Erfahrung gemacht: Ihm sind die Augen aufgegangen. Angesichts dieser Erfahrung deutet er sein bisheriges Leben wie eine einzige Blindheit, der nun ein Erkennen gewichen ist. Oder in der Sprache des Römerbriefs: ein Geheimnis, das endlich gelüftet wurde. Diese Erfahrung ist der Ausgangspunkt für unseren Autor: In «der Botschaft von Jesus Christus» (16,25) haben sich ihm alle Geheimnisse gelöst. Doch was waren diese Geheimnisse?
Um diese Sprache zu verstehen, ist ein kleiner Ausflug in die zeitgenössische Literatur der Apokalyptik hilfreich. Die apokalyptischen Theologen, angefangen bei den Autoren des Danielbuches über viele Schriften, die «zwischen den Testamenten» entstanden sind (wie etwa die Qumranschriften) bis hin zur Offenbarung des Johannes sprechen alle von diesem «göttlichen Geheimnis». Der Grund ist wieder eine bestimmte Erfahrung: Spätestens seit der schrecklichen Zeit der griechischen Besatzung, die dem Judentum im 2. Jahrhundert v. Chr. fast ein Ende bereitet hätte, waren viele Theologen zumindest sehr verunsichert, was Gott mit seinem Volk vorhabe. Sie stellten sich den Geschichtsplan Gottes bildlich vor wie eine geheimnisvolle Schriftrolle, auf der die gesamte Zukunft des Gottesvolkes vorgezeichnet war, und sie litten furchtbar darunter, dass dieser Geschichtsplan Gottes für die Menschen nicht einsichtig war. Sie hofften darauf, dass der «Gott, der Geheimnisse offenbart» (Dan 2,28) endlich einen Offenbarer schickt und in die Geschichte eingreift. Dieses Eingreifen in die Geschichte erwarteten sie im Bild eines wahren «Menschen(sohnes)», der von Gott beauftragt würde, die Wende herbeizuführen und damit der Gottesherrschaft zum Durchbruch verhelfen (Dan 7,13f.). Noch in der Offenbarung des Johannes wird der verborgene Geschichtsplan Gottes im Bild eines Buchs mit sieben Siegeln vor Augen geführt, das nur einer öffnen kann: «der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids» (Offb 5,5). Im Bild des Lammes erscheint der auferstandene Christus und öffnet die sieben Siegel. Es gibt eine klare Linie der Hoffnung:

Immer steht dahinter die Erfahrung einer grundlegenden Wende der Geschichte, wie sie auch Paulus in seinem eigenen Leben erfahren hat.
Mir hilft bei solch hochtheologischen und sehr dichten Formulierungen wie unseren im Römerbrief oft ein Blick in die Erzählungen der Evangelien. Gerade die Emmausgeschichte (Lk 24,13­35) beschreibt für mich sehr schön, wie man sich diese «Offenbarung des Geheimnisses» vorstellen kann: Die beiden Jünger, die sich mit ihren enttäuschten Hoffnungen auf den Weg fort von Jerusalem nach Hause ­ und wie sich zeigen wird: zunächst einmal ins Dunkel ­ gemacht haben, können die Erklärungen des Fremden, der sich zu ihnen gesellt, nicht verstehen. Wie ein grosses Geheimnis bleibt ihnen, «was in der gesamten Schrift über ihn (den Messias) geschrieben steht». Genau dies aber würde alle Traurigkeit von ihnen nehmen und ihrem Leben wieder einen Sinn geben, wie es vorher zusammen mit Jesus einen Sinn gehabt hatte. Sie vermögen nicht zu erkennen, dass er, der Auferstandene, längst bei ihnen ist: als der Fremde, dem sie Weggemeinschaft anbieten und den sie nicht allein ins Dunkle gehen lassen wollen. Mit diesem Verhalten gehen sie bereits in seiner Nachfolge, wenn auch ohne es zu merken. In der Auslegung der Schriften schliesslich und im Brechen des Brotes fällt es ihnen wie Schuppen von den Augen: Jesus lebt! Und ihr Leben hat wieder einen Sinn. Sie können nicht anders, als mitten in der Nacht, die ihnen so überraschend zum Tag geworden ist, zu ihren Freundinnen und Freunden zurück zu laufen und davon zu erzählen.
Nun könnte man sagen: Was hat das mit dem Römerbrief zu tun? Sehr viel, wie ich meine: Im Bild der vergeblichen Hoffnung und der unbeantworteten Fragen der beiden Jünger kommt nichts anderes zur Sprache als das Geheimnis unseres Lebens, das wir so oft nicht zu entschlüsseln vermögen. Obwohl es doch eigentlich klar sein müsste, sind wir «wie mit Blindheit geschlagen». Die überlieferten Schriften (Röm 16,25: «durch prophetische Schriften kundgemacht») erschliessen sich uns nicht, obwohl der Auferstandene bei uns ist. Und höchst selten geschieht es, dass wir ihn erkennen: im Fremden, wenn wir mit ihm teilen, uns von ihm das Brot brechen lassen.

Über den Text hinaus

Diese Christuserfahrung jedoch bestimmte das ganze Leben des Paulus, und sie war Anlass für den Lobpreis am Ende des Römerbriefs, dem unser Lesungstext entnommen ist. Es sind die «Sternstunden» des Lebens, von denen hier die Rede ist, die «Sternstunden», an denen auf einmal «alles klar» ist, an denen uns die Augen aufgehen für das, was wirklich wichtig ist in unserem Leben, die Momente, an denen wir meinen, jetzt hätten wirs ein für alle Mal verstanden. So ähnlich stelle ich mir die Christuserfahrung der beiden Emmausjünger vor.
Wenn wir nun solche Erfahrungen machen,

dann ist der Lobpreis der Ort, wo wir unserer Dankbarkeit Ausdruck verleihen können ­ wie im Römerbrief.

 

Literatur: Michael Theobald, Römerbrief Kapitel 12­16, (Stuttgarter Kleiner Kommentar ­ NT 6/2), Stuttgart 1993; Dieter Zeller, Der Brief an die Römer, (Regensburger Neues Testament), Regensburg 1985.


Er-lesen

Austausch: Wo habe ich in meinem Glauben schon einmal wirkliche «Schlüsselerlebnisse» gehabt, die Erfahrung, dass sich für mich etwas «geklärt» hat.

Er-hellen

Lesen des Textes: Röm 16,25­27.

Er-leben

Versuch einer Umformulierung des Textes in heutige Sprache mit eigenen (Christus)erfahrungen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002