50/2002 | |
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Lesejahr A |
Geheimniskrämerei konnte ich noch nie ausstehen. Ich meine: Wenn
etwas in Ordnung ist, dann kann man es offen sagen, und wenn jemand ein
Geheimnis daraus macht, dann ist wohl etwas faul.
Gerade im religiösen Bereich bin ich da sehr empfindlich. In den Vorlesungen
meines Dogmatikprofessors zum Beispiel kam immer dann, wenn es spannend
wurde, der Satz: «Dies ist ein grosses Geheimnis, ein mysterium tremendum
et fascinosum», wobei das Latein das Ganze wohl noch geheimnisvoller
machen sollte. Mir als armem Theologiestudenten jedenfalls kam diese Geheimniskrämerei
eher vor wie ein theologischer Nebelwerfer, und ich wurde den Verdacht nicht
los, dass es mein Dogmatikprofessor auch nicht so genau wusste.
Heute gehe ich etwas gnädiger mit solchen Aussagen um. Als erwachsener
Mensch habe ich gelernt, dass wir wirklich nicht alles wissen können.
Und als Theologe habe ich gelernt, dass die Theologen auch nicht mehr von
Gott wissen als andere Menschen. Sie haben auch nicht mehr als die Heiligen
Schriften mit den Erfahrungen von vielen Generationen. Sie haben höchstens
mehr Zeit, über manches nachzudenken. Das «Geheimnis» aber
wird bleiben. Doch wir dürfen fragen.
Wenn in unserem heutigen Lesungstext beispielsweise der Römerbrief
davon spricht, dass Gott ein «Geheimnis offenbart, das seit ewigen
Zeiten unausgesprochen war» (16,25f.), dann frage ich mich: Warum?
Welchen Sinn soll es machen, dass Gott etwas weiss, aber «verschweigt»
(so wörtlich im Urtext)? Und zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt der
Geschichte lüftet er dann das Geheimnis?
Doch: Mit solchen Überlegungen bin ich bereits in eine theologische
Falle getappt. Auch wenn es so da steht: Der Autor unseres Textes weiss
genau so wenig wie ich, was Gott tut und was er nicht tut, was Gott wohl
verheimlicht und was er offenbart. Er weiss es nicht. Aber er hat eine bestimmte
Erfahrung gemacht: Ihm sind die Augen aufgegangen. Angesichts dieser Erfahrung
deutet er sein bisheriges Leben wie eine einzige Blindheit, der nun ein
Erkennen gewichen ist. Oder in der Sprache des Römerbriefs: ein Geheimnis,
das endlich gelüftet wurde. Diese Erfahrung ist der Ausgangspunkt für
unseren Autor: In «der Botschaft von Jesus Christus» (16,25)
haben sich ihm alle Geheimnisse gelöst. Doch was waren diese Geheimnisse?
Um diese Sprache zu verstehen, ist ein kleiner Ausflug in die zeitgenössische
Literatur der Apokalyptik hilfreich. Die apokalyptischen Theologen, angefangen
bei den Autoren des Danielbuches über viele Schriften, die «zwischen
den Testamenten» entstanden sind (wie etwa die Qumranschriften) bis
hin zur Offenbarung des Johannes sprechen alle von diesem «göttlichen
Geheimnis». Der Grund ist wieder eine bestimmte Erfahrung: Spätestens
seit der schrecklichen Zeit der griechischen Besatzung, die dem Judentum
im 2. Jahrhundert v. Chr. fast ein Ende bereitet hätte, waren viele
Theologen zumindest sehr verunsichert, was Gott mit seinem Volk vorhabe.
Sie stellten sich den Geschichtsplan Gottes bildlich vor wie eine geheimnisvolle
Schriftrolle, auf der die gesamte Zukunft des Gottesvolkes vorgezeichnet
war, und sie litten furchtbar darunter, dass dieser Geschichtsplan Gottes
für die Menschen nicht einsichtig war. Sie hofften darauf, dass der
«Gott, der Geheimnisse offenbart» (Dan 2,28) endlich einen Offenbarer
schickt und in die Geschichte eingreift. Dieses Eingreifen in die Geschichte
erwarteten sie im Bild eines wahren «Menschen(sohnes)», der
von Gott beauftragt würde, die Wende herbeizuführen und damit
der Gottesherrschaft zum Durchbruch verhelfen (Dan 7,13f.). Noch in der
Offenbarung des Johannes wird der verborgene Geschichtsplan Gottes im Bild
eines Buchs mit sieben Siegeln vor Augen geführt, das nur einer öffnen
kann: «der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel
Davids» (Offb 5,5). Im Bild des Lammes erscheint der auferstandene
Christus und öffnet die sieben Siegel. Es gibt eine klare Linie der
Hoffnung:
Immer steht dahinter die Erfahrung einer grundlegenden Wende der Geschichte,
wie sie auch Paulus in seinem eigenen Leben erfahren hat.
Mir hilft bei solch hochtheologischen und sehr dichten Formulierungen wie
unseren im Römerbrief oft ein Blick in die Erzählungen der Evangelien.
Gerade die Emmausgeschichte (Lk 24,1335) beschreibt für mich sehr
schön, wie man sich diese «Offenbarung des Geheimnisses»
vorstellen kann: Die beiden Jünger, die sich mit ihren enttäuschten
Hoffnungen auf den Weg fort von Jerusalem nach Hause und wie sich
zeigen wird: zunächst einmal ins Dunkel gemacht haben, können
die Erklärungen des Fremden, der sich zu ihnen gesellt, nicht verstehen.
Wie ein grosses Geheimnis bleibt ihnen, «was in der gesamten Schrift
über ihn (den Messias) geschrieben steht». Genau dies aber würde
alle Traurigkeit von ihnen nehmen und ihrem Leben wieder einen Sinn geben,
wie es vorher zusammen mit Jesus einen Sinn gehabt hatte. Sie vermögen
nicht zu erkennen, dass er, der Auferstandene, längst bei ihnen ist:
als der Fremde, dem sie Weggemeinschaft anbieten und den sie nicht allein
ins Dunkle gehen lassen wollen. Mit diesem Verhalten gehen sie bereits in
seiner Nachfolge, wenn auch ohne es zu merken. In der Auslegung der Schriften
schliesslich und im Brechen des Brotes fällt es ihnen wie Schuppen
von den Augen: Jesus lebt! Und ihr Leben hat wieder einen Sinn. Sie können
nicht anders, als mitten in der Nacht, die ihnen so überraschend zum
Tag geworden ist, zu ihren Freundinnen und Freunden zurück zu laufen
und davon zu erzählen.
Nun könnte man sagen: Was hat das mit dem Römerbrief zu tun? Sehr
viel, wie ich meine: Im Bild der vergeblichen Hoffnung und der unbeantworteten
Fragen der beiden Jünger kommt nichts anderes zur Sprache als das Geheimnis
unseres Lebens, das wir so oft nicht zu entschlüsseln vermögen.
Obwohl es doch eigentlich klar sein müsste, sind wir «wie mit
Blindheit geschlagen». Die überlieferten Schriften (Röm
16,25: «durch prophetische Schriften kundgemacht») erschliessen
sich uns nicht, obwohl der Auferstandene bei uns ist. Und höchst selten
geschieht es, dass wir ihn erkennen: im Fremden, wenn wir mit ihm teilen,
uns von ihm das Brot brechen lassen.
Diese Christuserfahrung jedoch bestimmte das ganze Leben des Paulus,
und sie war Anlass für den Lobpreis am Ende des Römerbriefs, dem
unser Lesungstext entnommen ist. Es sind die «Sternstunden»
des Lebens, von denen hier die Rede ist, die «Sternstunden»,
an denen auf einmal «alles klar» ist, an denen uns die Augen
aufgehen für das, was wirklich wichtig ist in unserem Leben, die Momente,
an denen wir meinen, jetzt hätten wirs ein für alle Mal verstanden.
So ähnlich stelle ich mir die Christuserfahrung der beiden Emmausjünger
vor.
Wenn wir nun solche Erfahrungen machen,
dann ist der Lobpreis der Ort, wo wir unserer Dankbarkeit Ausdruck verleihen können wie im Römerbrief.
Literatur: Michael Theobald, Römerbrief Kapitel 1216, (Stuttgarter Kleiner Kommentar NT 6/2), Stuttgart 1993; Dieter Zeller, Der Brief an die Römer, (Regensburger Neues Testament), Regensburg 1985.
Austausch: Wo habe ich in meinem Glauben schon einmal wirkliche «Schlüsselerlebnisse» gehabt, die Erfahrung, dass sich für mich etwas «geklärt» hat.
Lesen des Textes: Röm 16,2527.
Versuch einer Umformulierung des Textes in heutige Sprache mit eigenen (Christus)erfahrungen.