49/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Der erste Thessalonicherbrief ist eine ermutigende Schrift. Dies wird
am Briefschluss noch einmal dick unterstrichen. Gegen den grossen Zuspruch
in siebenfacher Ausführung kann kaum jemand etwas haben. Für jeden
engagierten Menschen ist eine Ermutigung oder Bestätigung dabei: Freut
euch zu jeder Zeit! Betet ohne Unterlass! Dankt für alles!
Löscht den Geist nicht aus! Verachtet prophetisches Reden
nicht! Prüft alles und behaltet das Gute! Meidet das Böse
in jeder Gestalt!
Die Offenheit und Allgemeinheit dieser Sätze ist ihre Stärke und
ihr Problem. Alle, die mit innerem Feuer ihre Glaubensüberzeugung leben
und vertreten, können die eigenen Positionen und ihr Verhalten damit
legitimieren das kann, das wissen wir alle nur zu gut, sehr gefährlich
sein. Ohne Zuversicht geht es aber auch nicht weiter. Dieser fulminante
Briefschluss ist ein Manifest des engagierten, pluralen und mutig vertrauenden
Christentums.
Die Verantwortlichen für die Leseordnung haben im letzten Lesejahr
(vgl. SKZ 41/200245/2002) bemerkenswerte Perikopen aus dem ersten Thessalonicherbrief
ausgewählt: lauter ermächtigende Texte, die zeigen, wie die drei
Briefschreiber die Adressatinnen und Zuhörer in ihrer konkreten Weise,
das Evangelium zu leben, anerkennen und bestärken. Die drei sprechen
ihnen sogar die Autorität zu, als ganze Gemeinde Vorbild zu sein, losgelöst
von der Autorität der drei Gemeindegründer: «Überall
ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, so dass wir nichts mehr zu sagen
brauchen» (1,7). Die Briefschreiber lassen diese Gemeinde auf ihre
eigene Art als Vorbild, nicht als Kopie den konkreten Alltag
gestalten und vertrauen, dass es gut herauskommt.
Unser Briefschluss nimmt davon gar nichts zurück im Gegenteil.
Hier zeigt sich noch einmal, dass die drei Autoritäten ihr Vertrauen
nicht auf vergangenes Wohlverhalten setzen, sondern auf das gegenwärtige
und zukünftige Gemeindeleben beziehen. Nichts ist von Kontrolle zu
spüren. Das ist geglückte Emanzipation. Gründerväter
lassen los und bleiben gleichzeitig motivierend im Kontakt.
Der ganze Abschnitt (1224) enthält ermutigende, positive Ermahnungen.
Er beginnt damit, dass die Liebe zu den Leuten empfohlen wird, die besondere
Verantwortung in der Gemeinde tragen. Wohlverstanden Liebe, nicht
Gehorsam. Die folgenden Anweisungen sind ebenso praktisch auf den Gemeindealltag
ausgerichtet und am bestärkenden Zusammenleben orientiert. Die Gläubigen,
die auf das Kommen Jesu Christi warten (23), brauchen keine Angst zu haben,
müssen aber auch wissen, dass es auf sie alle ankommt (14).
Die ersten drei Zusprüche (1618) sind Gebetsbegriffe, auch Freuen
und Danken. Freude ist eine Frucht des Geistes (Gal 5,22), sich freuen gleichzeitig
ein Imperativ. In jede Situation mit der Haltung der Freude eintreten, betend
wach sein für das, was einem entgegenkommt, und für alles danken,
ist eine spirituelle Übung im Alltag. Verhängt sie aber jemand
über schmerzhafte Erfahrungen anderer (nimm es nicht so schwer, es
hat sicher einen Sinn), wird sie zynisch.
«Löscht den Geist nicht aus!», meint: Lasst die unterschiedlichen
Charismen und Ausdrucksformen des Glaubens in der Gemeinde leben! Eine besondere
und vielleicht besonders gefährdete Äusserung war die prophetische
Rede, die wie die ersttestamentlichen Vorbilder zeigen auch
unangenehme Botschaften auszurichten hat. Die konkrete Situation, auf die
sich diese Ermutigung bezieht, ist unbekannt, die Angst aber vor allzu viel
Geistkraft und Selbstkritik in einer fremd gewordenen Umwelt (vgl. 1,6)
gut nachvollziehbar.
Der Aufruf zur Kritik (21a) ist nicht einfach angehängt, sondern mit
einem betonten allerdings eingeleitet: Geistwehen und prophetisches Reden
verdienen Wertschätzung, bedürfen aber der Evaluation durch die
Gemeinde. Die Ermutigungen waren damals wohl und sind heute noch Wind unter
den Flügeln gegen Geist- und Kritikangst und für gemeinsam gestalteten
Glauben.
Die folgenden Sätze (21b22) entfalten das Ergebnis dieser Prüfung.
Nur das Gute soll in das Leben aufgenommen werden, das Böse muss erkannt,
benannt und gemieden werden. «Im Konfliktfall steht der charismatische
Anspruch der Prophetie gegen das charismatische Urteil der Gemeinde»
(Holtz, 262). Es gehört zum Stil des Briefes, dass es eine demokratisch-charismatische
und keine autoritäre Klärung von Gut und Böse gibt.
Am Schluss dieses Abschnitts mit den motivierenden Mahnungen kehrt Ruhe
ein. Ein weich formulierter, ausführlicher Segenswunsch schliesst die
kurzen, prägnanten Anweisungen ab. Es gibt zwar viel zu tun, und viel
Feuer ist nötig, aber das Wichtigste ist nicht in unserem Tun, nicht
einmal im Freuen, Danken und Prüfen. Geist, Seele und Leib sind aufgehoben
bei Gott Gott des Friedens.
Es ist keine Angst spürbar, dass es schief gehen könnte, dass
dort die falschen Leute sitzen und Falsches im Sinn haben. Der Schlusssatz,
ein ausführliches Amen, spricht theologisch begründet die Sicherheit
aus, dass die Menschen bei Gott gut aufgehoben sind.
Der erste Thessalonicherbrief gibt den Blick auf eine engagierte, ja vorbildliche Gemeinde frei, die das doppelte Glück hatte, von den Gründervätern in die Mündigkeit begleitet und in der Autonomie nicht fallen gelassen worden zu sein. Die drei Briefschreiber sind in der Lage, diese Gemeinde zurückhaltend, aber ermutigend und ungemein liebevoll zu begleiten. Den Weg muss sie selber gehen, sie darf ihn aber mit dem Segen der Gründer auch ausdrücklich selber gestalten.
Literatur: Traugott Holtz, Der erste Brief an die Thessalonischer, EKK XIII, Zürich u.a. 1986.
Text vorlesen. Die Ermutigungen gross auf Plakate geschrieben an die Wände hängen. Jede Person stellt sich zu dem Plakat mit der Aufforderung, die sie am meisten anspricht. Der Reihe nach sprechen alle ihren Satz den anderen laut und entschieden zu. Austausch: Was sagt mir die Ermutigung, die ich gewählt habe? Wie ist es, eine solche Ermutigung auszusprechen, sich anzuhören?
Ermutigung der Gemeinde im Brief und Diskretion der drei Briefschreiber aufzeigen. Als Dialogpredigt für den Gottesdienst gestalten: Zwei Menschen in Thessalonich staunen darüber, wie ihr konkretes Bemühen um einen guten Gemeindealltag wahrgenommen und unterstützt wird.
Im Gottesdienst (oder als persönliche Übung im Alltag): In Gedanken mehrmals einen dieser Sätze mir selber, Menschen, die ich liebe oder für die ich mich verantwortlich fühle (eigene Kinder, Schüler/Schülerinnen, Laienmitarbeiter/Laienmitarbeiterinnen...), zusprechen. Vielleicht die Angst spüren, dass sie es doch falsch machen könnten. In die Ermutigung, Angst oder Sorge hineinatmen. Wiederholen, bis die Ermutigung mich selber im Vertrauen und Loslassen stärkt.