49/2002

INHALT

Lesejahr A

So wenig Angst

Regula Grünenfelder zu 1 Thess 5,16-24

 

Auf den Text zu

Der erste Thessalonicherbrief ist eine ermutigende Schrift. Dies wird am Briefschluss noch einmal dick unterstrichen. Gegen den grossen Zuspruch in siebenfacher Ausführung kann kaum jemand etwas haben. Für jeden engagierten Menschen ist eine Ermutigung oder Bestätigung dabei: Freut euch zu jeder Zeit! ­ Betet ohne Unterlass! ­ Dankt für alles! ­ Löscht den Geist nicht aus! ­ Verachtet prophetisches Reden nicht! ­ Prüft alles und behaltet das Gute! ­ Meidet das Böse in jeder Gestalt!
Die Offenheit und Allgemeinheit dieser Sätze ist ihre Stärke und ihr Problem. Alle, die mit innerem Feuer ihre Glaubensüberzeugung leben und vertreten, können die eigenen Positionen und ihr Verhalten damit legitimieren ­ das kann, das wissen wir alle nur zu gut, sehr gefährlich sein. Ohne Zuversicht geht es aber auch nicht weiter. Dieser fulminante Briefschluss ist ein Manifest des engagierten, pluralen und mutig vertrauenden Christentums.

Mit dem Text unterwegs

Die Verantwortlichen für die Leseordnung haben im letzten Lesejahr (vgl. SKZ 41/2002­45/2002) bemerkenswerte Perikopen aus dem ersten Thessalonicherbrief ausgewählt: lauter ermächtigende Texte, die zeigen, wie die drei Briefschreiber die Adressatinnen und Zuhörer in ihrer konkreten Weise, das Evangelium zu leben, anerkennen und bestärken. Die drei sprechen ihnen sogar die Autorität zu, als ganze Gemeinde Vorbild zu sein, losgelöst von der Autorität der drei Gemeindegründer: «Überall ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, so dass wir nichts mehr zu sagen brauchen» (1,7). Die Briefschreiber lassen diese Gemeinde auf ihre eigene Art ­ als Vorbild, nicht als Kopie ­ den konkreten Alltag gestalten und vertrauen, dass es gut herauskommt.
Unser Briefschluss nimmt davon gar nichts zurück ­ im Gegenteil. Hier zeigt sich noch einmal, dass die drei Autoritäten ihr Vertrauen nicht auf vergangenes Wohlverhalten setzen, sondern auf das gegenwärtige und zukünftige Gemeindeleben beziehen. Nichts ist von Kontrolle zu spüren. Das ist geglückte Emanzipation. Gründerväter lassen los und bleiben gleichzeitig motivierend im Kontakt.
Der ganze Abschnitt (12­24) enthält ermutigende, positive Ermahnungen. Er beginnt damit, dass die Liebe zu den Leuten empfohlen wird, die besondere Verantwortung in der Gemeinde tragen. Wohlverstanden ­ Liebe, nicht Gehorsam. Die folgenden Anweisungen sind ebenso praktisch auf den Gemeindealltag ausgerichtet und am bestärkenden Zusammenleben orientiert. Die Gläubigen, die auf das Kommen Jesu Christi warten (23), brauchen keine Angst zu haben, müssen aber auch wissen, dass es auf sie alle ankommt (14).
Die ersten drei Zusprüche (16­18) sind Gebetsbegriffe, auch Freuen und Danken. Freude ist eine Frucht des Geistes (Gal 5,22), sich freuen gleichzeitig ein Imperativ. In jede Situation mit der Haltung der Freude eintreten, betend wach sein für das, was einem entgegenkommt, und für alles danken, ist eine spirituelle Übung im Alltag. Verhängt sie aber jemand über schmerzhafte Erfahrungen anderer (nimm es nicht so schwer, es hat sicher einen Sinn), wird sie zynisch.
«Löscht den Geist nicht aus!», meint: Lasst die unterschiedlichen Charismen und Ausdrucksformen des Glaubens in der Gemeinde leben! Eine besondere und vielleicht besonders gefährdete Äusserung war die prophetische Rede, die ­ wie die ersttestamentlichen Vorbilder zeigen ­ auch unangenehme Botschaften auszurichten hat. Die konkrete Situation, auf die sich diese Ermutigung bezieht, ist unbekannt, die Angst aber vor allzu viel Geistkraft und Selbstkritik in einer fremd gewordenen Umwelt (vgl. 1,6) gut nachvollziehbar.
Der Aufruf zur Kritik (21a) ist nicht einfach angehängt, sondern mit einem betonten allerdings eingeleitet: Geistwehen und prophetisches Reden verdienen Wertschätzung, bedürfen aber der Evaluation durch die Gemeinde. Die Ermutigungen waren damals wohl und sind heute noch Wind unter den Flügeln gegen Geist- und Kritikangst und für gemeinsam gestalteten Glauben.
Die folgenden Sätze (21b­22) entfalten das Ergebnis dieser Prüfung. Nur das Gute soll in das Leben aufgenommen werden, das Böse muss erkannt, benannt und gemieden werden. «Im Konfliktfall steht der charismatische Anspruch der Prophetie gegen das charismatische Urteil der Gemeinde» (Holtz, 262). Es gehört zum Stil des Briefes, dass es eine demokratisch-charismatische und keine autoritäre Klärung von Gut und Böse gibt.
Am Schluss dieses Abschnitts mit den motivierenden Mahnungen kehrt Ruhe ein. Ein weich formulierter, ausführlicher Segenswunsch schliesst die kurzen, prägnanten Anweisungen ab. Es gibt zwar viel zu tun, und viel Feuer ist nötig, aber das Wichtigste ist nicht in unserem Tun, nicht einmal im Freuen, Danken und Prüfen. Geist, Seele und Leib sind aufgehoben bei Gott ­ Gott des Friedens.
Es ist keine Angst spürbar, dass es schief gehen könnte, dass dort die falschen Leute sitzen und Falsches im Sinn haben. Der Schlusssatz, ein ausführliches Amen, spricht theologisch begründet die Sicherheit aus, dass die Menschen bei Gott gut aufgehoben sind.

Über den Text hinaus

Der erste Thessalonicherbrief gibt den Blick auf eine engagierte, ja vorbildliche Gemeinde frei, die das doppelte Glück hatte, von den Gründervätern in die Mündigkeit begleitet und in der Autonomie nicht fallen gelassen worden zu sein. Die drei Briefschreiber sind in der Lage, diese Gemeinde zurückhaltend, aber ermutigend und ungemein liebevoll zu begleiten. Den Weg muss sie selber gehen, sie darf ihn aber mit dem Segen der Gründer auch ausdrücklich selber gestalten.

 

Literatur: Traugott Holtz, Der erste Brief an die Thessalonischer, EKK XIII, Zürich u.a. 1986.


Er-lesen

Text vorlesen. Die Ermutigungen ­ gross auf Plakate geschrieben ­ an die Wände hängen. Jede Person stellt sich zu dem Plakat mit der Aufforderung, die sie am meisten anspricht. Der Reihe nach sprechen alle ihren Satz den anderen laut und entschieden zu. Austausch: Was sagt mir die Ermutigung, die ich gewählt habe? Wie ist es, eine solche Ermutigung auszusprechen, sich anzuhören?

Er-hellen

Ermutigung der Gemeinde im Brief und Diskretion der drei Briefschreiber aufzeigen. Als Dialogpredigt für den Gottesdienst gestalten: Zwei Menschen in Thessalonich staunen darüber, wie ihr konkretes Bemühen um einen guten Gemeindealltag wahrgenommen und unterstützt wird.

Er-leben

Im Gottesdienst (oder als persönliche Übung im Alltag): In Gedanken mehrmals einen dieser Sätze mir selber, Menschen, die ich liebe oder für die ich mich verantwortlich fühle (eigene Kinder, Schüler/Schülerinnen, Laienmitarbeiter/Laienmitarbeiterinnen...), zusprechen. Vielleicht die Angst spüren, dass sie es doch falsch machen könnten. In die Ermutigung, Angst oder Sorge hineinatmen. Wiederholen, bis die Ermutigung mich selber im Vertrauen und Loslassen stärkt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002