48/2002 | |
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Lesejahr A |
Haben Sie heute schon einmal an das «Jüngste Gericht»
gedacht? Ich vermute: eher nicht. Ich auch nicht. Für die meisten Christen
gehört das «Jüngste Gericht» nicht gerade zu den Dingen,
die sie tagtäglich umtreiben.
Um so seltsamer mutet es an, wenn gerade in der Adventszeit die Rede vom
«Jüngsten Gericht», vom Weltuntergang in Feuer und Brand
in den Schriftlesungen der Kirche Hochkonjunktur hat. Das verunsichert uns
und lässt uns eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Entweder wir
verdrängen diese Texte wie andere unangenehme Dinge auch, oder wir
versuchen nachzufragen, was sie denn nun eigentlich meinen.
Unser Lesungstext vom zweiten Adventssonntag ist dem 2. Petrusbrief (2
Petr) entnommen. Bei diesem Brief handelt es sich um den jüngsten Text
des Neuen Testaments. Wahrscheinlich wurde er zwischen 120140 n. Chr.
von einem uns unbekannten Autor im Namen des Apostels Petrus und als Weiterführung
des (ebenfalls nicht vom Apostel stammenden) 1. Petrusbriefes verfasst.
Thema des 2 Petr sind Irrlehrer, die offensichtlich grossen Einfluss in
der Gemeinde haben. Sie werden von unserem Autor wüst beschimpft
vor allem im 2. Kapitel , und der Hauptstreitpunkt scheint die Frage
nach dem Ausbleiben des Kommens Christi gewesen zu sein. Die Erwartung einer
baldigen Ankunft Christi hatte in den frühen Briefen des Apostels Paulus
noch eine ganz bedeutende Rolle gespielt. Inzwischen sind mindestens 60
Jahre vergangen, und es gab Leute, die offen von einer «Verzögerung»
(3,9) redeten und die Frage stellten, ob es sich nicht vielleicht doch um
einen Irrtum gehandelt habe: «Wo bleibt denn seine verheissene Ankunft?
Seit die Väter entschlafen sind, ist alles geblieben, wie es seit Anfang
der Schöpfung war» (3,4).
In diesem Zusammenhang versucht unser Autor, den Glauben an die noch ausstehende
Ankunft Christi zu stärken und das bisherige Ausbleiben seines Kommens
plausibel zu machen. Er tut dies mit zwei Argumenten:
Erstens, sagt er, ist «Zeit» ein relativer Begriff: «Beim
Herrn ist ein Tag wie tausend Jahre und sind tausend Jahre wie ein Tag»
(V. 8).
Zweitens hat die «Verzögerung» einen tieferen Sinn: Um
unsertwillen wartet Gott mit der Vollendung der Welt im Gericht, damit sich
noch alle bekehren können. Je schneller dies geschieht, sagt er, desto
schneller wird der «Tag des Herrn» anbrechen (3,9).
Woher aber kommt diese Vorstellung vom «Tag des Herrn» überhaupt?
Vom «Tag des Herrn» zum «Jüngsten Gericht»
Wenn in den ältesten ersttestamentlichen Überlieferungen vom
«Tag des Herrn» die Rede war, dann war damit das siegreiche
Eingreifen Gottes für sein Volk gemeint. Dieses Reden vom «Tag
des Herrn» beinhaltete die Zuversicht, dass Gott (immer!) mit seinem
Volk sei und es jeweils auch retten würde. Dass diese Heilszuversicht
auch trügerisch sein kann, vor allem wenn sie theologisch zu einer
Art Automatik verkommt nach dem Motto: Uns kann ja nichts passieren, haben
dann die Propheten kritisiert: «Weh denen, die den Tag des Herrn herbeisehnen.
Was nützt euch denn der Tag des Herrn? Finsternis ist er, nicht Licht»
(Amos 5,18). Spätestens mit dem von den Propheten vorhergesehenen Untergang
Judas war klar: Gottes Eingreifen in diese Welt geschieht nicht automatisch.
Gott ist nicht berechenbar. In der Zeit des Exils weitete sich das Gottesbild
und wuchs die theologische Überzeugung: «Ich (Gott) erschaffe
das Licht und mache das Dunkel, ich bewirke das Heil und erschaffe das Unheil»
(Jes 45,7). Als dann im 2. Jh. v. Chr. das jüdische Volk im Kampf mit
den griechischen Besatzern fast untergegangen wäre, glaubte niemand
mehr an ein rettendes Eingreifen Gottes in der Geschichte. Alles wurde vom
Ende dieser Geschichte her erwartet. Für die aufkommende «Apokalyptik»
hiess der «Tag des Herrn»: Untergang dieser Welt und (endlich!)
Anbruch der «ewigen, unvergänglichen» Gottesherrschaft
(Dan 7,14). Jesus von Nazaret verkündete zur Zeit der römischen
Besatzung in dieser Sprache den Anbruch des Reiches Gottes. Für ihn
war die Endzeit bereits angebrochen, die Gottesherrschaft schuf sich Raum.
Es ging nur noch darum, sich auch darauf einzulassen. Das fiel natürlich
den Menschen leichter, die sich von einer Veränderung der Verhältnisse
Erlösung versprachen: den Armen, Hungernden, Weinenden... (Lk 6,20f.).
Die anderen, die Reichen, Satten und Zufriedenen, hatten mit der Vorstellung
vom Anbrechen der Gottesherrschaft ihre liebe Mühe. So entstehen in
der Auseinandersetzung mit diesen Menschen Weherufe (Lk 6,24f.), aber auch
Vorstellungen von einem Gericht Gottes, der Unkraut und Weizen trennen wird
(Mt 13,2430).
Nach dem Tod Jesu von Nazaret, der zunächst einmal alle Hoffnungen
seiner Anhänger zunichte machte, war es die Ostererfahrung der Jüngerinnen
und Jünger Jesu, die sie an dem Glauben festhalten liess: Gottes Reich
ist angebrochen, in allernächster Zeit wird Jesus Christus kommen wie
der Menschensohn des Danielbuches und eine gerechte Klärung der Verhältnisse
herbeiführen: eine Welt, in der «Gerechtigkeit wohnt» (2
Petr 3,13). Daraus wurde dann in der kirchlichen Tradition die Vorstellung
vom «Jüngsten Gericht»: Aus dem Hoffnungsbild ist ein Drohbild
geworden.
Wenn man weiss, dass die Vorstellung vom «Tag des Herrn» im Lauf der Geschichte mehrere Bedeutungswandel mitgemacht hat, dann versteht man auch die Argumentation im 2. Petrusbrief. Unser Autor befürchtet, dass Grundlegendes für den Glauben seiner Gemeinde verloren geht: das Wissen darum, dass die Welt, in der sie leben, eben nicht «gerecht» ist. Wer das nicht mehr spürt, sondern sich bequem einrichtet und darauf scheinen die «Irrlehrer» hinauszuwollen , hat Wesentliches vom christlichen Anliegen nicht verstanden.
Trotzdem meine ich, dürften sich einige Anfragen an den 2. Petrusbrief
richten lassen:
Jesus von Nazaret war so davon durchdrungen, dass das Reich Gottes bereits
da sei, dass er in Wort und Tat sehr überzeugend dazu einladen konnte.
Ein wesentlicher Zug seiner Verkündigung war, dass er eben nicht
wie sein Lehrer Johannes etwa mit dem Gericht drohte. Er wollte das
Anbrechen des Reiches Gottes anderen plausibel machen: durch seine Gleichnisse,
die immer wieder von diesem einladenden himmlischen Vater sprachen, aber
auch durch sein einladendes Zugehen auf die Menschen, das Wunder wirkte.
Seine Nachfolgerinnen und Nachfolger haben sich redlich bemüht, in
seine Fussstapfen zu treten.
Das ist nicht immer gelungen. Nur allzu oft fehlte das Vertrauen in die
zuvorkommende Liebe des himmlischen Vaters, aber auch die liebevolle Geduld
mit den Mitmenschen. Aus der Einladung ins Reich Gottes wurde die Drohung
mit dem Gottesgericht. Diese wie ich meine unheilvolle Entwicklung findet
sich bereits im 2. Petrusbrief. Voller Sorge darum, dass der Glaube an das
Gottesreich in Gefahr sei, wo sich Menschen allzu bequem in dieser Welt
einrichten, droht unser Autor mit den verheerenden Folgen eines solchen
Verhaltens: dem Untergang dieser Welt. Das ist nicht falsch. Aber man kann
sich schon fragen, ob es nicht überzeugender wäre, das eigene
Christsein so vorzuleben, dass es auch für andere plausibel wird, sich
darauf einzulassen. Das ist im Übrigen eine Frage, die ich mir stets
auch selber stellen möchte.
Literatur: Paula-Angelika Seethaler, 1. und 2. Petrusbrief / Judasbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar NT 16), Stuttgart 1985; Anton Vögtle, Der Judasbrief / Der 2. Petrusbrief, (Evangelisch-Katholischer Kommentar zum NT XXII), Solothurn-Düsseldorf/Neukirchen-Vluyn 1994.
Austausch: Was verbinden Sie mit der Vorstellung vom «Jüngsten Gericht»?
Den Text 2 Petr 3,813 lesen. Was können Sie daraus über das «Jüngste Gericht» entnehmen? Kennen Sie ähnliche Worte aus der Verkündigung Jesu? Was war wohl das Anliegen Jesu?
Wenn Sie dafür werben wollten, dass der Kirche Fernstehende Zugang zu Ihrer Gemeinde finden, wie würden Sie vorgehen?