47/2002

INHALT

Lesejahr A

Gnade vor Recht?

Dieter Bauer zu 1 Kor 1,3-9

 

Auf den Text zu

Kennen Sie das auch? Sie sitzen im sonntäglichen Gottesdienst und freuen sich auf die Schriftlesung. Die Lektorin oder der Lektor treten an den Ambo und lesen einen Text aus den Paulusbriefen. Sie konzentrieren sich, bleiben an einem Wort oder einem Begriff hängen und bekommen nicht mehr mit, wie es weitergeht. Und am Ende der Schriftlesung wissen Sie beim besten Willen nicht mehr, wovon dieser Paulustext gehandelt hat.
Mir jedenfalls ist es immer und immer wieder so ergangen. Hoch theologisch und sehr dicht sind diese Briefe formuliert. Für das Zuhören sind sie meist einfach zu anspruchsvoll. Und oft habe ich mir gesagt, jetzt würde ich den Text gerne nochmals genauer nachlesen, mir wirklich Zeit nehmen dafür.

Mit dem Text unterwegs

Wenn wir den Lesungstext vom ersten Advent nehmen, so ist gleich das erste Wort ein hoch theologischer Begriff: «Gnade». In unserem Sprachgebrauch spielt «Gnade» eigentlich kaum mehr eine Rolle, es sei denn in juristischem Zusammenhang: «Begnadigung» oder «Gnade vor Recht». Damit eröffnet aber schon das erste Wort der Lesung einen Bedeutungsraum, von dem man sich fragen muss, ob Paulus von Gnade wirklich in diesen juristischen Zusammenhängen spricht.
Für die Beantwortung dieser Frage ist es wichtig zu wissen, dass unser Lesungstext dem Anfangsabschnitt des 1. Korintherbriefs entnommen ist. Wie in Briefen damals üblich, formuliert Paulus nach der Nennung von Absender und Empfänger einen Segenswunsch: «Gnade sei mit euch und Friede». In den Briefen der damaligen Zeit, die wir kennen, klang das etwa so: «Philippos an Markos, chaire (= Freue Dich! von charis = Gnade)» oder in jüdischen Briefen: «Matthias an Jojakim, schalom (= Friede)».
Interessanterweise bietet Paulus eine Art von Komposition beider Grussarten: «Gnade und Friede». Nun könnte man das ja für eine gewöhnliche Brieffloskel halten. Doch: Das Wort «Gnade» taucht sicher nicht zufällig in unserem Lesungstext noch zwei weitere Male auf. Paulus dankt «für die Gnade Gottes» (4), die er als einen «Reichtum» (5) der Gemeinde ansieht, und stellt fest, dass es den Korinthern «an keiner Gnadengabe fehlt» (7).
Für uns Zuhörer ist das vielleicht schon ein wenig zu viel der Gnade, und wir sind mit unseren Gedanken längst abgeschweift. Versucht man aber das zu übersetzen, was Paulus mit der «Gnade Gottes» meint, dann stellt man überrascht fest, dass es um etwas (aus der biblischen Überlieferung) sehr Bekanntes geht: dass Gott mit seiner zuvorkommenden Liebe jedem Tun von uns Menschen längst voraus ist.
Wenn der Gott des Ersten Testaments seinen Geboten am Sinai vorausschickt, dass sie nicht von einem allmächtigen Richter von oben herab erlassen werden, sondern von dem Gott, der das Elend seines Volkes gesehen und es «aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus» (Ex 20,2), dann geht es um diese zuvorkommende Liebe, die moralisches Handeln erst ermöglicht.
Wenn der Prophet Jesus aus Nazaret seiner Auslegung der Zehn Gebote in der «Bergpredigt» vorausschickt, dass die Angesprochenen in all ihrer Armut, ihrem Hunger und Durst, auch ihrer Trauer «selig» zu preisen sind, weil mit ihnen, die in Wirklichkeit «Salz der Erde» sind und «Stadt auf dem Berg» (Mt 5), das Reich Gottes anbricht, dann ist von nichts anderem die Rede als von dieser «Gnade Gottes». Auf diese Gnade kann man sich verlassen, sagt Paulus, denn «Gott ist treu» (9).
In diesen drei kleinen Worten fasst Paulus die Geschichte seines jüdischen Volkes, die Geschichte mit Jesus von Nazaret und die der kleinen korinthischen Gemeinde zusammen.
Was man am Anfang des 1. Korintherbriefes natürlich noch nicht wissen kann, ist, dass die Korinther eine für Paulus äusserst problematische Gemeinde waren, die ihn viel Tränen gekostet hat (vgl. 2 Kor 2,4). Die im Folgenden des Briefes angesprochenen Probleme waren keine Kleinigkeiten, und selbst die «Gnadengaben», die in Korinth so überreich vorhanden waren (7), boten unablässig Anlass zu Konflikten. Wer waren die Korinther?
Korinth, gelegen auf der Landenge zwischen dem griechischen Festland und der Halbinsel Peloppones, war zur Zeit des Paulus eine relativ junge aufstrebende Hafenstadt, eine Drehscheibe des Handels zwischen Ost und West. Sie war nach ihrer Zerstörung 146 v. Chr. durch die Römer erst 44 v. Chr. neu gegründet worden. Als Paulus um 50 n. Chr. in der Stadt eintraf, war sie also noch nicht einmal 100 Jahre alt. Bewohnt war Korinth von einem bunten Völkergemisch und dadurch ein Schmelztiegel verschiedenster Weltanschauungen, Religionen und Kulturen.
Paulus selbst sagt von Korinth, es gäbe dort «nicht viele Weise im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme» (1 Kor 1,26). Er hat wohl eher die so genannten «einfachen Leute» angesprochen. Und es gab riesige soziale Spannungen, die selbst die gemeinsame Feier des Herrenmahls verunmöglichten (11,17­34); es gab Gemeindemitglieder, denen das Auftreten der Frauen in der Gemeinde zu weit ging (11,2­16); es gab mindestens einen Fall von Blutschande (5,1­13), und Gemeindemitglieder zogen gegeneinander vor Gericht (6,1­11); manche leugneten sogar die Auferstehung (15,12).
Wie kann Paulus trotzdem so dankbar für diese Gemeinde sein und fest überzeugt davon, dass Gottes Gnade dort am Werk ist?
Paulus kann dies deshalb, weil er der festen Überzeugung ist, dass die Zusagen Gottes ­ unabhängig vom moralischen Verhalten der Menschen ­ gelten: «Treu ist Gott». Er legt nicht die Latte der Moralapostel an, sondern argumentiert von Gottes zuvorkommender Liebe her. Er erinnert die Gemeinde daran, was sie schon alles an Positivem erfahren hat. Nur von dieser Erfahrung her können sie ihr Leben in der Gemeinde vielleicht auch wieder anders gestalten.

Über den Text hinaus

Mir erscheint dieses Vorgehen auch heute noch spannend zu sein: Wenn ich all die Klagen und das Gejammer über unsere Kirche höre, frage ich mich schon manchmal, ob wir nicht vielleicht vergessen haben, wer wir als Christen eigentlich sind. Wir sind weder diejenigen, die alles (gut) machen können, noch diejenigen, die andere besser machen könnten. Wenn wir vergessen, dass es die zuvorkommende Liebe Gottes ist, die uns (und alle anderen Menschen) leben lässt, geraten wir in Versuchung, alles selbst machen zu wollen. Diese Versuchung, die bereits in der zweiten Schöpfungserzählung des Ersten Testaments als die eigentliche «Ursünde» dargestellt wird, ist damals wie heute aktuell, gerade in einer Zeit, in der die «Macher» allseits bewundert werden. Dagegen formuliert die Bibel ihren Einspruch: Unseren Selbstwert erhalten wir Menschen unabhängig von unseren Leistungen einzig und allein dadurch, dass Gott uns vorbehaltlos liebt, dass er ­ jetzt einmal wirklich juristisch gesehen ­ «Gnade vor Recht» ergehen lässt. Das könnte eigentlich ein riesige Entlastung sein. Wenn wirs glauben.

 

Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar ­ NT 7), Stuttgart 1993; Hans Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Die Neue Echter-Bibel Bd. 7), Würzburg 42000; Meinrad Limbeck, Mit Paulus Christ sein. Sachbuch zur Person und Theologie des Apostels Paulus, Stuttgart 1989.


Er-lesen

1 Kor 1,3­9 lesen. Was könnte Paulus konkret meinen, wenn er immer wieder von der «Gnade Gottes» spricht. Austausch in Kleingruppen.

Er-hellen

Miteinander im 5., 6. oder 11. Kapitel des 1. Korintherbriefes schauen, welche Probleme es in Korinth gab. Kann dies ein Grund für die Dankbarkeit des Paulus sein? Oder wie sieht er die «Gnade Gottes» am Werk?

Er-leben

Austausch in Kleingruppen, was Paulus wohl heute angesichts unserer Probleme in der Kirche an unsere Gemeinde schreiben würde.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002