47/2002 | |
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Lesejahr A |
Kennen Sie das auch? Sie sitzen im sonntäglichen Gottesdienst und
freuen sich auf die Schriftlesung. Die Lektorin oder der Lektor treten an
den Ambo und lesen einen Text aus den Paulusbriefen. Sie konzentrieren sich,
bleiben an einem Wort oder einem Begriff hängen und bekommen nicht
mehr mit, wie es weitergeht. Und am Ende der Schriftlesung wissen Sie beim
besten Willen nicht mehr, wovon dieser Paulustext gehandelt hat.
Mir jedenfalls ist es immer und immer wieder so ergangen. Hoch theologisch
und sehr dicht sind diese Briefe formuliert. Für das Zuhören sind
sie meist einfach zu anspruchsvoll. Und oft habe ich mir gesagt, jetzt würde
ich den Text gerne nochmals genauer nachlesen, mir wirklich Zeit nehmen
dafür.
Wenn wir den Lesungstext vom ersten Advent nehmen, so ist gleich das
erste Wort ein hoch theologischer Begriff: «Gnade». In unserem
Sprachgebrauch spielt «Gnade» eigentlich kaum mehr eine Rolle,
es sei denn in juristischem Zusammenhang: «Begnadigung» oder
«Gnade vor Recht». Damit eröffnet aber schon das erste
Wort der Lesung einen Bedeutungsraum, von dem man sich fragen muss, ob Paulus
von Gnade wirklich in diesen juristischen Zusammenhängen spricht.
Für die Beantwortung dieser Frage ist es wichtig zu wissen, dass unser
Lesungstext dem Anfangsabschnitt des 1. Korintherbriefs entnommen ist. Wie
in Briefen damals üblich, formuliert Paulus nach der Nennung von Absender
und Empfänger einen Segenswunsch: «Gnade sei mit euch und Friede».
In den Briefen der damaligen Zeit, die wir kennen, klang das etwa so: «Philippos
an Markos, chaire (= Freue Dich! von charis = Gnade)» oder in jüdischen
Briefen: «Matthias an Jojakim, schalom (= Friede)».
Interessanterweise bietet Paulus eine Art von Komposition beider Grussarten:
«Gnade und Friede». Nun könnte man das ja für eine
gewöhnliche Brieffloskel halten. Doch: Das Wort «Gnade»
taucht sicher nicht zufällig in unserem Lesungstext noch zwei weitere
Male auf. Paulus dankt «für die Gnade Gottes» (4), die
er als einen «Reichtum» (5) der Gemeinde ansieht, und stellt
fest, dass es den Korinthern «an keiner Gnadengabe fehlt» (7).
Für uns Zuhörer ist das vielleicht schon ein wenig zu viel der
Gnade, und wir sind mit unseren Gedanken längst abgeschweift. Versucht
man aber das zu übersetzen, was Paulus mit der «Gnade Gottes»
meint, dann stellt man überrascht fest, dass es um etwas (aus der biblischen
Überlieferung) sehr Bekanntes geht: dass Gott mit seiner zuvorkommenden
Liebe jedem Tun von uns Menschen längst voraus ist.
Wenn der Gott des Ersten Testaments seinen Geboten am Sinai vorausschickt,
dass sie nicht von einem allmächtigen Richter von oben herab erlassen
werden, sondern von dem Gott, der das Elend seines Volkes gesehen und es
«aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus» (Ex
20,2), dann geht es um diese zuvorkommende Liebe, die moralisches Handeln
erst ermöglicht.
Wenn der Prophet Jesus aus Nazaret seiner Auslegung der Zehn Gebote in der
«Bergpredigt» vorausschickt, dass die Angesprochenen in all
ihrer Armut, ihrem Hunger und Durst, auch ihrer Trauer «selig»
zu preisen sind, weil mit ihnen, die in Wirklichkeit «Salz der Erde»
sind und «Stadt auf dem Berg» (Mt 5), das Reich Gottes anbricht,
dann ist von nichts anderem die Rede als von dieser «Gnade Gottes».
Auf diese Gnade kann man sich verlassen, sagt Paulus, denn «Gott ist
treu» (9).
In diesen drei kleinen Worten fasst Paulus die Geschichte seines jüdischen
Volkes, die Geschichte mit Jesus von Nazaret und die der kleinen korinthischen
Gemeinde zusammen.
Was man am Anfang des 1. Korintherbriefes natürlich noch nicht wissen
kann, ist, dass die Korinther eine für Paulus äusserst problematische
Gemeinde waren, die ihn viel Tränen gekostet hat (vgl. 2 Kor 2,4).
Die im Folgenden des Briefes angesprochenen Probleme waren keine Kleinigkeiten,
und selbst die «Gnadengaben», die in Korinth so überreich
vorhanden waren (7), boten unablässig Anlass zu Konflikten. Wer waren
die Korinther?
Korinth, gelegen auf der Landenge zwischen dem griechischen Festland und
der Halbinsel Peloppones, war zur Zeit des Paulus eine relativ junge aufstrebende
Hafenstadt, eine Drehscheibe des Handels zwischen Ost und West. Sie war
nach ihrer Zerstörung 146 v. Chr. durch die Römer erst 44 v. Chr.
neu gegründet worden. Als Paulus um 50 n. Chr. in der Stadt eintraf,
war sie also noch nicht einmal 100 Jahre alt. Bewohnt war Korinth von einem
bunten Völkergemisch und dadurch ein Schmelztiegel verschiedenster
Weltanschauungen, Religionen und Kulturen.
Paulus selbst sagt von Korinth, es gäbe dort «nicht viele Weise
im irdischen Sinn, nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme»
(1 Kor 1,26). Er hat wohl eher die so genannten «einfachen Leute»
angesprochen. Und es gab riesige soziale Spannungen, die selbst die gemeinsame
Feier des Herrenmahls verunmöglichten (11,1734); es gab Gemeindemitglieder,
denen das Auftreten der Frauen in der Gemeinde zu weit ging (11,216);
es gab mindestens einen Fall von Blutschande (5,113), und Gemeindemitglieder
zogen gegeneinander vor Gericht (6,111); manche leugneten sogar die
Auferstehung (15,12).
Wie kann Paulus trotzdem so dankbar für diese Gemeinde sein und fest
überzeugt davon, dass Gottes Gnade dort am Werk ist?
Paulus kann dies deshalb, weil er der festen Überzeugung ist, dass
die Zusagen Gottes unabhängig vom moralischen Verhalten der Menschen
gelten: «Treu ist Gott». Er legt nicht die Latte der Moralapostel
an, sondern argumentiert von Gottes zuvorkommender Liebe her. Er erinnert
die Gemeinde daran, was sie schon alles an Positivem erfahren hat. Nur von
dieser Erfahrung her können sie ihr Leben in der Gemeinde vielleicht
auch wieder anders gestalten.
Mir erscheint dieses Vorgehen auch heute noch spannend zu sein: Wenn ich all die Klagen und das Gejammer über unsere Kirche höre, frage ich mich schon manchmal, ob wir nicht vielleicht vergessen haben, wer wir als Christen eigentlich sind. Wir sind weder diejenigen, die alles (gut) machen können, noch diejenigen, die andere besser machen könnten. Wenn wir vergessen, dass es die zuvorkommende Liebe Gottes ist, die uns (und alle anderen Menschen) leben lässt, geraten wir in Versuchung, alles selbst machen zu wollen. Diese Versuchung, die bereits in der zweiten Schöpfungserzählung des Ersten Testaments als die eigentliche «Ursünde» dargestellt wird, ist damals wie heute aktuell, gerade in einer Zeit, in der die «Macher» allseits bewundert werden. Dagegen formuliert die Bibel ihren Einspruch: Unseren Selbstwert erhalten wir Menschen unabhängig von unseren Leistungen einzig und allein dadurch, dass Gott uns vorbehaltlos liebt, dass er jetzt einmal wirklich juristisch gesehen «Gnade vor Recht» ergehen lässt. Das könnte eigentlich ein riesige Entlastung sein. Wenn wirs glauben.
Literatur: Franz-Josef Ortkemper, 1. Korintherbrief, (Stuttgarter Kleiner Kommentar NT 7), Stuttgart 1993; Hans Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Die Neue Echter-Bibel Bd. 7), Würzburg 42000; Meinrad Limbeck, Mit Paulus Christ sein. Sachbuch zur Person und Theologie des Apostels Paulus, Stuttgart 1989.
1 Kor 1,39 lesen. Was könnte Paulus konkret meinen, wenn er immer wieder von der «Gnade Gottes» spricht. Austausch in Kleingruppen.
Miteinander im 5., 6. oder 11. Kapitel des 1. Korintherbriefes schauen, welche Probleme es in Korinth gab. Kann dies ein Grund für die Dankbarkeit des Paulus sein? Oder wie sieht er die «Gnade Gottes» am Werk?
Austausch in Kleingruppen, was Paulus wohl heute angesichts unserer Probleme in der Kirche an unsere Gemeinde schreiben würde.