46/2002

INHALT

Lesejahr A

Was passiert, wenn Christus König ist?

Sabine Bieberstein zu 1 Kor 15,20-26.28

 

Auf den Text zu

Könige scheinen in unseren Zeiten etwas aus der Mode gekommen. Sie bevölkern höchstens noch die Hochglanzillustrierten und ab und zu, anlässlich von Jubiläen, Hochzeiten oder Begräbnissen, die Fernsehbildschirme. Eine etwas andere Gattung von «Königen» werden, wenn sie genug Geld haben, von Geschäften und Banken hofiert: Solcherlei Kunden sollen sich als Könige fühlen und es möglichst nicht merken, wie sie manipuliert und ausgenutzt werden.
Aber Christus als König? Der erste Lesungstext sowie das Evangelium zum Christkönigssonntag geben erste Hinweise, wie dieses König-sein zu verstehen sein könnte: Ez 34 zeichnet Gott selbst als einen Hirten, der seine zerstreuten und verirrten Schafe sammelt und auf eine üppige Weide führt, wo sie in Sicherheit leben können. Ein Gott, der sich um die Menschen kümmert, den Vertriebenen eine Heimat gibt, die Verletzten heilt, die Schwachen kräftigt und sie allesamt behütet und beschützt. Recht und Gerechtigkeit kennzeichnen seine «Herrschaft» (Ez 34,11­17), im Unterschied zu den schlechten Hirten, die aus den Schafen nur den grösstmöglichen Profit herauspressten und sie dann ihrem Schicksal überliessen (Ez 34,1­10).
Ganz ähnliche Bilder prägen das Gerichtsgleichnis des Evangelientextes (Mt 25,31­46). Hier werden die Menschen gefragt, wie sie sich in ihrem Leben gegenüber denjenigen verhalten haben, die vertrieben, verletzt, arm oder inhaftiert waren. Es wird deutlich, dass das Verhalten gegenüber solcherart bedürftigen Menschen etwas zu tun hat mit diesem Christus, der da als König auf dem Thron sitzt (25,34.40), und mit dem, was er Königsherrschaft Gottes nennt. Diese beginnt nämlich genau dort, wo Vertriebene eine Heimat finden, Verletzte Heilung, Arme eine Zukunft und Inhaftierte eine menschenwürdige Behandlung. Oder ein wenig biblischer: Wo Blinde sehen, Lahme gehen und den Armen das Evangelium verkündet wird (Mt 10,5). Dies entfalten die Evangelien Seite für Seite und Geschichte um Geschichte.
Auch im zweiten Lesungstext (1 Kor 15,20­28) ist von dieser Königsherrschaft, der basileia, die Rede und davon, dass der Christus diese ausübt und sie schlussendlich an Gott übergibt (15,24f.). Das könnte nun sehr abstrakt klingen, und man könnte sich alles Mögliche darunter vorstellen, wenn es nicht verbunden wird mit dem, was die Evangelien über die basileia erzählen, diese Königsherrschaft Gottes, die sich darin zeigt, dass eine verkrümmte Frau sich aufrichten darf, dass ein abgestempelter Zöllner mit am Tisch sitzt oder dass das Brot für alle reicht. Damit kann auch der Tod und seine Herrschaft, mit der sich Paulus in 1 Kor 15 auseinander setzt, konkretisiert werden: Er hat etwas zu tun mit all jenen widergöttlichen Mächten, Strukturen und Gewalten, die den Armen, Verfolgten, Rechtlosen, Hungernden, Vertriebenen, Kranken und Bedürftigen dieses «Leben in Fülle» (Joh 10,10) vorenthalten.

Mit dem Text unterwegs

1 Kor 15,20­28 ist Teil eines Kapitels, in dem sich Paulus mit der Auferstehung beschäftigt. Offensichtlich war es in Korinth alles andere als selbstverständlich, an eine Auferstehung der Toten zu glauben. Hintergrund dürfte die griechische Trennung des Menschen in einen sterblichen Leib und eine unsterbliche Seele sein. In einer solchen Vorstellungswelt konnte man zwar formal der Osterbotschaft zustimmen; doch dachte man sich den biologischen Tod eher als eine Befreiung der unsterblichen Seele, die nun in ihr ewiges Reich heimkehren konnte.
Demgegenüber ist Paulus im jüdischen Glauben an einen «Gott, der die Toten lebendig macht», verwurzelt, wie es zum Beispiel die zweite Benediktion des Achtzehngebetes ausdrückt (vgl. auch 2 Kor 1,9; Röm 4,17). Die Auferweckung Jesu durch Gott, wie es das Evangelium verkündet (15,1­11), gehört für ihn untrennbar mit der Auferweckung aller Toten durch denselben, Leben schaffenden Gott zusammen (15,12­19). Der auferweckte Christus ist quasi der «Erstling» derer, die auferweckt werden: Wie die Erstlingsgaben bei der Ernte die ganze Fülle der Ernte verheissen, so weist die Erweckung des Messias Jesus auf die Auferweckung aller Entschlafenen durch Gott voraus (15,20).
Wenn Gott auf diese Weise Leben schafft, dann überwindet er das, was die menschliche Existenz prägt: dass sie sterben müssen (15,21f.). Adam ist hier als Korporativpersönlichkeit verstanden: Wie der Stammvater der Menschheit sterben musste, so erleiden alle, die zu seiner Sippe gehören, dasselbe Geschick. Ebenso erleiden alle, die zum Messias Jesus gehören, dasselbe Geschick wie er: Sie werden auferweckt.
In 15,23­28 beschwört Paulus apokalyptische Szenarien herauf und verwendet dafür Psalm- und andere Schriftzitate, die in der urchristlichen Tradition bereits auf die Erhöhung des Christus und die Königsherrschaft Gottes bezogen wurden (Ps 110,1; Ps 8,7; Dan 2,44). Der Ablauf der Ereignisse, die Paulus aufzählt, mündet darin, dass Gott «alles in allem» ist (15,28): die Auferweckung Christi, sein Kommen, bei der alle, die zu ihm gehören, auferweckt werden, und unmittelbar darauf das Ende, bei dem alle todbringenden Gewalten entmachtet werden (15,24­26).
Bei diesen apokalyptischen Vorstellungen gilt es zu beachten, dass sie weder abstrakte theologische Spekulation sind noch als Drohszenarien eingesetzt werden. Apokalyptik hat ihre Wurzeln in konkreten Unterdrückungssituationen in der Geschichte des jüdischen Volkes und wurde aus der Hoffnung auf ein machtvolles Eingreifen Gottes geboren, das der Not der Bedrängten ein Ende machen würde. Dabei flossen die Wahrnehmung der Gegenwart und die Hoffnung auf die Zukunft ineinander. In den Nöten und Kämpfen der Gegenwart nahmen sie schon Gottes Zukunft wahr. Und aus der Hoffnung auf Gottes Zukunft gewannen sie die Kraft für die Veränderung der Gegenwart.
Auch Paulus lebte aus dieser Hoffnung auf Gottes Zukunft. In der Auferweckung des Messias Jesus sah er diese Zukunft bereits angebrochen. Die Strukturen von Gewalt, Unterdrückung und Tod hatten nicht mehr das letzte Wort, Gott hatte all dem etwas anderes entgegengesetzt. Es geht ihm um mehr als ein individuelles Weiterleben nach dem Tod. Es geht um die Befreiung der ganzen Schöfpung von den zerstörerischen und tödlichen Mächten und Gewalten, die die Menschen am Leben hindern. Jetzt ­ und «in Ewigkeit».

Über den Text hinaus

Mit Hilfe der Bilder aus Ez 34 und Mt 25 lässt sich die Vorstellung, was es bedeutet, wenn Gott «alles in allem» ist, konkretisieren. Es wird deutlich, dass das, was dem entgegensteht und was es zu überwinden gilt, keineswegs irgendwelche «jenseitigen» Mächte sind, sondern sehr konkrete und gegenwärtige Strukturen: eine globalisierte Wirtschaftspolitik, die vom Gefälle zwischen Nord und Süd lebt und Menschen aus ihrer Heimat treibt; Menschenrechtsverletzungen, die aus politischem und ökonomischem Kalkül stillschweigend toleriert werden; eine Weltsicht, die den Hunger und die medizinische Unterversorgung eines Grossteils der Weltbevölkerung als «leider unumgänglich» in Kauf nimmt. Eine Kirche, die sich von der Hoffnung des Paulus anstecken lässt, wird anfangen, Zeichen gegen diese todbringenden Mächte zu setzen.


Er-lesen

Sammeln: Was verstehen die Evangelien unter «Reich Gottes»?

Er-hellen

Wie lässt sich 1 Kor 15,20­28 konkretisieren, wenn die Geschichten und Bilder der Evangelien über dieses «Reich Gottes» mitgelesen werden?

Er-leben

Ein Christus-König-Fest feiern, das Hoffnungszeichen gegen todbringende Strukturen unserer Gegenwart setzt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002