45/2002 | |
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Lesejahr A |
Brüder, lesen wir im Brief, und Söhne. Frauen überlegen
bei solchen Texten: Sind wir mitgemeint bei den Brüdern? Gehören
auch wir zu den Söhnen des Tages? Oder vielleicht doch nicht? Die Brüder
sind ein Übersetzungsfehler. Adelfoi wird in der androzentrischen Sprache
sowohl exklusiv für Brüder als auch generisch für Geschwister
verwendet. Und? War die Gemeinde in Thessalonich eine Bruderschaft ohne
Frauen und Kinder? Alles, was wir über urchristliche Gemeinden wissen,
spricht dagegen. Also wäre in den Bibeln, aus denen wir vorlesen und
die wir verschenken, adelfoi korrekt mit Geschwister zu übersetzen.
Anders steht es mit den Söhnen. «Söhne» sind nicht
«Söhne und Töchter» oder «Kinder», dafür
gibt es spezifische Begriffe. «Söhne Israels» und vergleichbare
Bezeichnungen sprechen Frauen und Mädchen nicht mit wie die adelfoi-Geschwister,
sie meinen sie (bloss) mit. Eine ausdrückliche Erwähnung auch
der Mitgemeinten ist aus pastoralen Gründen unbedingt angezeigt.
Die Belehrung über die Zeiten und Fristen bis zum Tag des Herrn
folgt direkt auf die Tröstung der Gemeindeglieder, die um ihre Verstorbenen
trauern (vgl. Lesung vom vergangenen Sonntag). Die Autoren fügen ihrem
Trost eine Information bei, die wie sie selber schreiben gar
nicht nötig wäre. Das bedeutet: In der Sache gibt es keinen Klärungsbedarf.
Wahrscheinlich kommt es hier nicht auf ein neues und richtiges Wissen über
die Zeiten bis zum Ende an, sondern auf die Bestärkung dessen, was
in der Gemeinde schon lebt, durch die Trauer aber vielleicht gefährdet
ist.
Mit dem Trost ist es offensichtlich nicht getan. Die Lebenden brauchen noch
etwas anderes. Sie können nicht einfach auf den Moment warten, wo sie
endlich wieder mit ihren Lieben in Christus vereinigt sind. Sie müssen
ihre eigene Aufgabe, ihre Rolle für die Zwischenzeit finden. Die Briefschreiber
unterstützen sie mit der Ermutigung zur Achtsamkeit für das konkrete
Leben.
Dazu verweben sie drei apokalyptische Motive: Erstens die unbekannte Zeit
und Stunde des «Tages des Herrn», zweitens den Gegensatz von
Licht und Finsternis und drittens die Geburtswehe. Die «Fristen und
Zeiten», mit denen der Abschnitt beginnt, sprechen die Zeitspanne
vor dem Ende an, die den Hinterbliebenen noch bleibt oder, im Trauerprozess
gesehen, noch zugemutet wird.
Das Besondere an der restlichen Zeit ist die Ungewissheit über den
Zeitpunkt des Endes. Der Tag des Herrn kommt gewiss, aber wie ein Dieb in
der Nacht. Diese unheimliche Gefahrensituation ist ein verbreitetes neutestamentliches
Kürzel für die Unvorhersehbarkeit des jüngsten Tages.
Mit dem Tag des Herrn, im Ersten Testament erstmals bei Amos zu lesen, ist
nicht zu spassen, darauf kann man nicht einfach ruhig warten. Dieser Tag
des Gerichtes wirft seine Schatten voraus, denn es ist ein Tag ohne Licht,
ein Tag voll Finsternis (Amos 5,1820).
Der Tag setzt den normalen Alltagen eine Grenze. Gefährlich wird er,
wenn die Menschen den Schatten in den Alltagen nicht wahrnehmen wollen und
sich Frieden und Sicherheit einreden. Die Anspielung auf ein Schlagwort
der Pax Romana liegt nahe: pax et securitas. Mit diesem Frieden ist nicht
der Schalom gemeint, sondern Ruhe und Ordnung in den bestehenden Verhältnissen.
Die prophetische Kritik an der sorglosen Ruhe, die bestehende Unrechtsverhältnisse
ganz in Ordnung findet, zieht sich durch beide Testamente. Falschpropheten,
die «Heil, Heil» schreien (Jer 6,14), werden der Strafe ebenso
wenig entgehen wie gleichgültige Leute, die den Menschen in den Tagen
Noahs und Lots gleichen (Mt 24,3739, Lk 17,2630). Das Wissen um
das Nichtwissen stachelt zur Wachsamkeit an.
Auffällig ist nun das dritte Bild, das die Finsternis des Herrentages
illustrieren soll. Das Verderben wird plötzlich hereinbrechen wie die
Wehen über eine Schwangere. Die Zeit vor dem Ende wird in frühjüdischen
und christlichen Texten oft als Geburtssituation beschrieben: Die Schmerzen
sind so gross wie Geburtsschmerzen, doch wie bei der Geburt ist ein Ende
abzusehen, ein Kind wird zur Welt kommen, eine neue Zeit wird geboren. Die
messianische Geburt nimmt nicht irgendeine Geburt zum Vorbild, sondern spezifisch
eine anstrengende, schmerzhafte mit glücklichem Ausgang.
Das Besondere an diesem Text ist das Überraschungsmoment. Ja, natürlich,
können Mütter und Hebammen berichten, eine bevorstehende Geburt
sensibilisiert für das Ende der gewohnten Abläufe und das neue
Leben. Doch die Geburtsstunde war und ist nicht ganz so unbekannt wie dies
der Text (und mit ihm viele Kommentare) suggeriert. Ausgerechnet die Zeichen
ihres Nahens zwingen zur Aufmerksamkeit wie eben auch Zeichen die
Endzeit ankündigen.
Wird eine Frau von den Wehen überrascht wie von einem Dieb in der Nacht,
dann handelt es sich um eine besondere Situation, beispielsweise eine durch
tiefstes Erschrecken ausgelöste Sturzgeburt (vgl 1 Sam 4,19).
Der passende Vergleich für die gespannte Zeit der Erwartung des Tages
des Herrn ist aber die «normale» Geburt. Die folgenden Verse
versuchen nämlich genau das zu vermitteln, was die Absender mit dem
Bild einer gut begleiteten, innerlich wachen Geburt hätten zeigen können:
Wer aufmerksam ist, wird von den Wehen nicht unvorbereitet überfallen,
wird gespannt, vielleicht angstvoll vom Geburtstag her leben.
Während der Wehen wird dann zu erfahren sein, dass es zwar kein Entrinnen,
aber einen Durchgang ins Leben gibt.
Von der «normalen» Geburt weiss die Bibel nur wenig zu berichten.
Dass es sie aber damals auch gegeben hat, ist nicht nur an den mutigen Hebammen
Schifra und Pua abzulesen, sondern steht ebenso hinter den vielen biblischen
Genealogien. Die drei Männer könnten ihre «Brüder»
also auch auffordern: Lebt in Kontakt und wach wie eine Schwangere, damit
euch der Geburtstag, der Tag des Herrn, nicht überrascht wie ein Dieb
in der Nacht!
Wie Hebammen sprechen die Absender ihren Geschwistern die nötige Zuversicht
zu: «Ihr seid schon Töchter und Söhne des Lichtes und des
Tages. Wir gehören nicht zur Finsternis.» Es ist uns geschenkt,
lebendig und achtsam zu sein. Wir können an uns die Geburtszeichen
schon ablesen.
Das apokalyptische Gebärmotiv orientiert sich an einer Geburt, die eine Frau aufmerksam erwartet und unter Schmerzen und Angst, aber in Kontakt mit sich und mit dem unvorstellbar Neuen erlebt. Gebären war und ist gefährlich. Unvorhersehbar ist der Geburtsverlauf, ebenso das neue Kind und die neuen Beziehungen, die plötzlich entstehen. Mit gutem Grund also werden Gebärmotive apokalyptisch verwendet. Eine Geburt wenn sie nicht durch den erschreckten Blick von aussen auf die einzelne Wehe reduziert wird motiviert zur endzeitlichen Wachsamkeit und Nüchternheit. Welches Bild könnte Verunsicherte und Trauernde besser helfen, ihre Aufmerksamkeit dem Leben zuzuwenden?
Literatur: Luzia Sutter Rehmann, Geh Frage die Gebärerin. Feministisch-befreiungstheologische Untersuchungen zum Gebärmotiv in der Apokalyptik, Gütersloh 1995.
4,1318 und 5,16 im Zusammenhang lesen. Gespräch über den Zusammenhang der beiden Texte.
Motive im Text sammeln, ersttestamentliche Bezüge aufzeigen, nachlesen. Mit Farben Bildgebrauch im Text markieren. Argumentationslinie aufzeigen. Problem der androzentrischen Sprache besprechen. Wie formuliere ich in eigenen Worten, in einem eigenen Bild die Ermächtigung, die in diesen Versen ausgesprochen wird?
Übung der Achtsamkeit in der Gruppe oder am Anfang des Gottesdienstes
(Leibwahrnehmung). Frage zur persönlichen Reflexion in dieser Achtsamkeit:
Was ist wichtig in meinem Leben? Kann ich meine Priorität leiblich
wahrnehmen?
Mit der Kollekte eine Organisation unterstützen, die Frauen ermächtigt.
Z.B. cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit (Telefon 012429307).