44/2002

INHALT

Lesejahr A

Ermächtigung 4: Hoffnung macht den Unterschied

Regula Grünenfelder zu 1 Thess 4,13f. oder 13-18

 

Auf den Text zu

Auch wenn das lebendige Beispiel der Gemeinde von Thessalonich alle Fragen zu Glaube, Liebe und Hoffnung beantwortet (1,8), bleiben in der vorbildlichen Gemeinde selber Fragen offen. Wie ist das mit den Toten, die zur Christusgemeinschaft gehört haben, die wir vermissen und immer noch lieben, mögen die Leute in Thessalonich die drei Gemeindegründer mündlich oder schriftlich ­ wir wissen es nicht ­ gefragt haben. Ob die ermutigende Antwort angesichts des konkreten Verlustes damals getröstet hat, ist uns nicht überliefert. Tröstet sie heute?

Mit dem Text unterwegs

Die Briefschreiber treibt ein seelsorgerliches Anliegen: Sie wollen, dass es den Hinterbliebenen nicht so geht wie Menschen, die keine Hoffnung haben. Die gemeinsame Hoffnung soll sie trösten.
Der jüdische Auferstehungsglaube ist seit etwa Anfang des 2. Jahrhunderts vor Christus greifbar. Er entstand als Antwort auf politische Gewalt, die sinnlose und zu frühe Tode bringt.
Folgende Vorstellung ­ Alternativen und Varianten gab es auch ­ lässt sich rekonstruieren: Im Tod findet ein individuelles Gericht statt, nach dem die Menschen je nach Lebensführung entweder in einen Zustand der Gottnähe aufgenommen oder in die Verdammnis gestossen werden. Erst am jüngsten Tag werden die Menschen zum gemeinsamen Gericht gerufen, dem alle ­ manchmal mit Ausnahme der Erwählten ­ zugleich unterworfen sind. Dann werden die Geretteten in das neue Jerusalem aufgenommen und erfahren eine unbeschreibliche, glückliche Existenz im verwandelten Leib.
Unser Text zitiert einen kleinen Ausschnitt aus der Dramaturgie des Auferstehungsglaubens. Er ist konsequent in seinem seelsorgerlichen Bemühen, den Glauben als Begegnungsgeschehen über den Tod hinaus zu formulieren. Gott wird den schmerzhaften Trennungen ein Ende setzen und in Christus die Verstorbenen wieder herbringen.
Ziel ist die Gemeinschaft, nicht die «Herrlichkeit», welche die Einheitsübersetzung ohne Anknüpfungspunkt in den Text setzt (Herrlichkeit scheint immer zu passen). Uns liegt kein allgemeiner Text über die Auferstehung vor, Paulus bleibt hier wie in allen seinen Briefen präzise bei den brennenden Fragen.
Die Ankunft des Auferstandenen wird in den (militaristischen) Bildern der Begegnung einer Bürger-/Bürgerinnendelegation mit dem Oberhaupt geschildert. Sein Kommen wird von militärischen Befehlen und Posaunenklängen begleitet. Im Unterschied zur Tradition der Evangelien geht es hier wie in anderen Paulusbriefen nicht um die Nachfolge Jesu, sondern darum, ihm entgegenzugehen. Die Verstorbenen der Christusgemeinde zuerst, dann treten auch die Lebenden vor Christus hin. Alle werden dann gleichzeitig in die Wolken, in die den Blicken und der neugierigen Phantasie entzogene neue Gemeinschaft entrückt, dramatisch: weggerissen.
Die frohe Botschaft ist nicht von der Problematik des Todes her entworfen worden. Wie alle biblischen Bücher zeigen, liegt ihr Schwergewicht im diesseitigen Leben, im konkreten Alltag. Doch sie hat zum Schicksal der Toten und des Todes etwas zu sagen, weil sie mit zum Leben gehören: Die Verstorbenen sind nicht vergessen, ihre Lebenswünsche gehen nicht einfach verloren. Ihnen gebührt sogar der Vorrang!
Mit dem Sterben von Gemeindegliedern vor der Wiederkunft Christi wurde zur Abfassungszeit des ersten Thessalonicherbriefes vielleicht gar nicht gerechnet. Spätestens mit dem ersten Tod ist aber klar, dass die glaubende Gemeinde für ihre Verstorbenen einen Platz finden muss. Die Briefschreiber deuten ihnen Jesu Tod und Auferstehung als Urbild für das dynamische und hoffnungsvolle Geschick der Toten. Die Tröster bemühen ein (unbekanntes) Herrenwort, um ihrem Argument Gewicht zu geben (ähnlich Mk 9,1par; 1 Kor 15,51­53).
In ihrer Antwort über das Schicksal der Verstorbenen geht es den Gemeindegründern nicht um dogmatische Auskünfte über das Leben nach dem Tod, sondern um konkrete Hilfe. Es geht um die Kraft, mit dem Verlust zu leben. Das geht, lernen wir, wenn die Hoffnung auf Gemeinschaft geht. Der Abschnitt beginnt und endet mit diesem Trost.

Über den Text hinaus

Es gibt eine Unfähigkeit zu trauern, lassen uns Psychologinnen und Kinder von Trauerverweigerern wissen. Als Theologinnen und Theologen können wir diese Not anerkennen, müssen aber wohl die Hoffnungsfähigkeit einklagen: Die nicaraguanische Dichterin Gioconda Belli zeigte sich vom «Luxus der Hoffnungslosigkeit» gebildeter Leute in reichen westlichen Ländern erschüttert. Sie meint, dass sich Menschen in Nicaragua unter dem Druck von Unrecht und Gewalt so viel Resignation gar nicht leisten könnten.
Es liegt an uns, aus dem anamnetischen Text eine befreiende Botschaft zu entwickeln: Wie weit reicht unsere Erschütterung über die zu frühen Tode unserer Glaubensgeschwister weltweit? Wozu stiftet uns unsere Hoffnung hier und heute an? Aber auch: Wie können wir gegen den biblischen Text leben und sprechen, der die hoffnungslosen Anderen als Negativfolie verwendet?
Es reicht nicht, wenn drei Theologen eine kluge Antwort geben. Die Briefschreiber nehmen sich angemessen zurück und fordern ihre Zuhörer und Leserinnen dazu auf, sich gegenseitig mit diesen Worten zu stärken. Damit ist nicht der starre Wortlaut gemeint, sondern die personen- und situationsbezogene Übersetzung der Tradition nach dem Vorbild des Briefes. Hoffnung muss zugesprochen werden.

 

Literatur: Elsa Tamez, Gegen die Verurteilung zum Tod. Paulus oder die Rechtfertigung durch den Glauben aus der Perspektive der Unterdrückten und Ausgeschlossenen, Luzern 1998.


Er-lesen

Jemand liest den Text laut vor. Eindrücke sammeln.

Er-hellen

Text verteilen, in Kleingruppen lesen. Frage 1: Kann ich aus der vorliegenden Antwort herauslesen, herausspüren, was die Adressatinnen und Zuhörer umtreibt, wie sie emotional gestimmt sind? Frage 2: Antwort auf den 4 Ebenen der Kommunikation untersuchen («Wir-Botschaft», «Appell», «Sachinformation», «Ihr-Botschaft»).
Austausch im Plenum. Impuls anhand der Eindrücke und der Ergebnisse aus der Gruppenarbeit: Die Auferstehungshoffnung ist in frühjüdischen Texten wie bei Paulus nie als dogmatisches Paket formuliert. Auferstehungsbilder beziehen sich immer auf konkretes Zusammenleben und antworten auf brennende Fragen und Nöte.

Er-leben

In der Gruppe oder im Gottesdienst: Zentrierungsübung anbieten. Der Tod ragt auch in unser Leben. Unser Text antwortet auf die Trennungserfahrung im Tod mit dem Trost der Gemeinschaft. Wir hören noch einmal hin, in Kontakt mit unseren eigenen Verlusten. Gibt der Trost Hoffnung? Wie hilft sie mir zu leben, mich zu engagieren? Einen Satz dazu für sich selber auf einen kleinen, schönen Zettel aufschreiben. (Tanz und) Schlussgebet.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002