44/2002 | |
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Lesejahr A |
Auch wenn das lebendige Beispiel der Gemeinde von Thessalonich alle Fragen zu Glaube, Liebe und Hoffnung beantwortet (1,8), bleiben in der vorbildlichen Gemeinde selber Fragen offen. Wie ist das mit den Toten, die zur Christusgemeinschaft gehört haben, die wir vermissen und immer noch lieben, mögen die Leute in Thessalonich die drei Gemeindegründer mündlich oder schriftlich wir wissen es nicht gefragt haben. Ob die ermutigende Antwort angesichts des konkreten Verlustes damals getröstet hat, ist uns nicht überliefert. Tröstet sie heute?
Die Briefschreiber treibt ein seelsorgerliches Anliegen: Sie wollen,
dass es den Hinterbliebenen nicht so geht wie Menschen, die keine Hoffnung
haben. Die gemeinsame Hoffnung soll sie trösten.
Der jüdische Auferstehungsglaube ist seit etwa Anfang des 2. Jahrhunderts
vor Christus greifbar. Er entstand als Antwort auf politische Gewalt, die
sinnlose und zu frühe Tode bringt.
Folgende Vorstellung Alternativen und Varianten gab es auch
lässt sich rekonstruieren: Im Tod findet ein individuelles Gericht
statt, nach dem die Menschen je nach Lebensführung entweder in einen
Zustand der Gottnähe aufgenommen oder in die Verdammnis gestossen werden.
Erst am jüngsten Tag werden die Menschen zum gemeinsamen Gericht gerufen,
dem alle manchmal mit Ausnahme der Erwählten zugleich unterworfen
sind. Dann werden die Geretteten in das neue Jerusalem aufgenommen und erfahren
eine unbeschreibliche, glückliche Existenz im verwandelten Leib.
Unser Text zitiert einen kleinen Ausschnitt aus der Dramaturgie des Auferstehungsglaubens.
Er ist konsequent in seinem seelsorgerlichen Bemühen, den Glauben als
Begegnungsgeschehen über den Tod hinaus zu formulieren. Gott wird den
schmerzhaften Trennungen ein Ende setzen und in Christus die Verstorbenen
wieder herbringen.
Ziel ist die Gemeinschaft, nicht die «Herrlichkeit», welche
die Einheitsübersetzung ohne Anknüpfungspunkt in den Text setzt
(Herrlichkeit scheint immer zu passen). Uns liegt kein allgemeiner Text
über die Auferstehung vor, Paulus bleibt hier wie in allen seinen Briefen
präzise bei den brennenden Fragen.
Die Ankunft des Auferstandenen wird in den (militaristischen) Bildern der
Begegnung einer Bürger-/Bürgerinnendelegation mit dem Oberhaupt
geschildert. Sein Kommen wird von militärischen Befehlen und Posaunenklängen
begleitet. Im Unterschied zur Tradition der Evangelien geht es hier wie
in anderen Paulusbriefen nicht um die Nachfolge Jesu, sondern darum, ihm
entgegenzugehen. Die Verstorbenen der Christusgemeinde zuerst, dann treten
auch die Lebenden vor Christus hin. Alle werden dann gleichzeitig in die
Wolken, in die den Blicken und der neugierigen Phantasie entzogene neue
Gemeinschaft entrückt, dramatisch: weggerissen.
Die frohe Botschaft ist nicht von der Problematik des Todes her entworfen
worden. Wie alle biblischen Bücher zeigen, liegt ihr Schwergewicht
im diesseitigen Leben, im konkreten Alltag. Doch sie hat zum Schicksal der
Toten und des Todes etwas zu sagen, weil sie mit zum Leben gehören:
Die Verstorbenen sind nicht vergessen, ihre Lebenswünsche gehen nicht
einfach verloren. Ihnen gebührt sogar der Vorrang!
Mit dem Sterben von Gemeindegliedern vor der Wiederkunft Christi wurde zur
Abfassungszeit des ersten Thessalonicherbriefes vielleicht gar nicht gerechnet.
Spätestens mit dem ersten Tod ist aber klar, dass die glaubende Gemeinde
für ihre Verstorbenen einen Platz finden muss. Die Briefschreiber deuten
ihnen Jesu Tod und Auferstehung als Urbild für das dynamische und hoffnungsvolle
Geschick der Toten. Die Tröster bemühen ein (unbekanntes) Herrenwort,
um ihrem Argument Gewicht zu geben (ähnlich Mk 9,1par; 1 Kor 15,5153).
In ihrer Antwort über das Schicksal der Verstorbenen geht es den Gemeindegründern
nicht um dogmatische Auskünfte über das Leben nach dem Tod, sondern
um konkrete Hilfe. Es geht um die Kraft, mit dem Verlust zu leben. Das geht,
lernen wir, wenn die Hoffnung auf Gemeinschaft geht. Der Abschnitt beginnt
und endet mit diesem Trost.
Es gibt eine Unfähigkeit zu trauern, lassen uns Psychologinnen und
Kinder von Trauerverweigerern wissen. Als Theologinnen und Theologen können
wir diese Not anerkennen, müssen aber wohl die Hoffnungsfähigkeit
einklagen: Die nicaraguanische Dichterin Gioconda Belli zeigte sich vom
«Luxus der Hoffnungslosigkeit» gebildeter Leute in reichen westlichen
Ländern erschüttert. Sie meint, dass sich Menschen in Nicaragua
unter dem Druck von Unrecht und Gewalt so viel Resignation gar nicht leisten
könnten.
Es liegt an uns, aus dem anamnetischen Text eine befreiende Botschaft zu
entwickeln: Wie weit reicht unsere Erschütterung über die zu frühen
Tode unserer Glaubensgeschwister weltweit? Wozu stiftet uns unsere Hoffnung
hier und heute an? Aber auch: Wie können wir gegen den biblischen Text
leben und sprechen, der die hoffnungslosen Anderen als Negativfolie verwendet?
Es reicht nicht, wenn drei Theologen eine kluge Antwort geben. Die Briefschreiber
nehmen sich angemessen zurück und fordern ihre Zuhörer und Leserinnen
dazu auf, sich gegenseitig mit diesen Worten zu stärken. Damit ist
nicht der starre Wortlaut gemeint, sondern die personen- und situationsbezogene
Übersetzung der Tradition nach dem Vorbild des Briefes. Hoffnung muss
zugesprochen werden.
Literatur: Elsa Tamez, Gegen die Verurteilung zum Tod. Paulus oder die Rechtfertigung durch den Glauben aus der Perspektive der Unterdrückten und Ausgeschlossenen, Luzern 1998.
Jemand liest den Text laut vor. Eindrücke sammeln.
Text verteilen, in Kleingruppen lesen. Frage 1: Kann ich aus der vorliegenden
Antwort herauslesen, herausspüren, was die Adressatinnen und Zuhörer
umtreibt, wie sie emotional gestimmt sind? Frage 2: Antwort auf den 4 Ebenen
der Kommunikation untersuchen («Wir-Botschaft», «Appell»,
«Sachinformation», «Ihr-Botschaft»).
Austausch im Plenum. Impuls anhand der Eindrücke und der Ergebnisse
aus der Gruppenarbeit: Die Auferstehungshoffnung ist in frühjüdischen
Texten wie bei Paulus nie als dogmatisches Paket formuliert. Auferstehungsbilder
beziehen sich immer auf konkretes Zusammenleben und antworten auf brennende
Fragen und Nöte.
In der Gruppe oder im Gottesdienst: Zentrierungsübung anbieten. Der Tod ragt auch in unser Leben. Unser Text antwortet auf die Trennungserfahrung im Tod mit dem Trost der Gemeinschaft. Wir hören noch einmal hin, in Kontakt mit unseren eigenen Verlusten. Gibt der Trost Hoffnung? Wie hilft sie mir zu leben, mich zu engagieren? Einen Satz dazu für sich selber auf einen kleinen, schönen Zettel aufschreiben. (Tanz und) Schlussgebet.