42/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
«Esel voran», hiess es, wenn wir Kinder uns an die erste Stelle setzten. Im Lesungstext fällt auf, dass die Briefschreiber und Gemeindegründer Paulus, Silvanus und Timotheus sich selber ungeniert an den Anfang stellen. Sie loben die Glaubenden für die Nachahmung zuerst von ihnen selber, und dann, an zweiter Stelle erst!, für die Nachahmung des Herrn. Ebenso ist die frohe Kunde vom Glauben der thessalonischen Gemeinde zuerst die Kunde davon, wie die Dreiergruppe aufgenommen worden ist, dann erst, wie sich die Gemeinde zu Gott gewandt und den Glauben an den Auferstandenen angenommen hat.
Diese Reihenfolge folgt dem Weg der Erfahrung. Zuerst kommen Menschen
mit ihrer Botschaft, dann erst kann sich die kraftvolle Erfahrung des Herrn
einstellen (1,5). In den Erzählungen landauf, landab über die
Erfahrungen in Thessalonich bleibt diese Reihenfolge bestimmend. Die drei
Briefschreiber achten das Beziehungsgeschehen zwischen sich und der Gemeinde
und nehmen den Lernprozess im Glauben ernst, der an Begegnungen und Abläufe
gebunden ist.
Paulus empfiehlt in keinem seiner Briefe die Nachahmung Christi. Er stellt
sich selber immer dazwischen. Christus kann nur nachgeahmt werden in der
Imitation derer, die vorher geglaubt haben, die wissen und zeigen, dass
in ihnen das Evangelium Gestalt angenommen hat. An Paulus, Silvanus und
Timotheus lässt sich Christus ablesen.
Die drei Missionare verstehen ihre Vorbildfunktion nicht exklusiv. Sie zeigen
in diesem Briefabschnitt im Gegenteil, wie Glaubende zum Wort Gottes für
andere werden. Der gute Anfang der Gemeinde und ihr Glaube machen in den
römischen Provinzen Griechenlands die Runde. Die Gemeinde in Thessalonich
ist in ihrem Glaubensweg so deutlich lesbar, dass die drei Missionare nichts
mehr hinzuzufügen haben: «...überall ist euer Glaube an
Gott bekannt geworden, so dass wir nichts mehr zu sagen brauchen.»
Die Einheits- wie die Zürcher Übersetzung flicken (mit und ohne
Klammern) das kleine Wörtchen darüber ein, das der Ermächtigung
die Zähne zieht.
Ob dieser Eingriff in den biblischen Text der Sorge entspringt, Glaubensinhalte
könnten verloren gehen, wenn sie radikal und exklusiv nur am gelebten
und mitgeteilten Glauben ablesbar sind? (Nota bene auch die späteren
Paulusbriefe zeigen es: Erfahrungen von Beziehung und Freude führen
nicht automatisch zu lebensfreundlichem, gemeinschaftsförderndem Handeln.
Naivität Erfahrungen gegenüber ist keine vertretbare Haltung,
trotzdem sind sie fundamental.)
Die Absender des Briefes sind diesbezüglich gar nicht ängstlich.
Glaube setzt Beziehung voraus. Die Freude autorisiert ihn.
Erst am Schluss unseres Abschnitts und kein Bisschen zu früh lassen
die drei Missionare der guten Nachricht von der geglückten Nachahmung
auch Glaubensinhalte folgen: Hinwendung zu Gott und Erwartung des Auferstandenen.
Wenn niemand vormacht, was das bedeutet, wenn dies nicht als Freude erfahrbar
wäre, dann hätten wir hier nichts als bedeutungslose Formeln vor
uns. Am Schluss des Erfahrungsweges hat die Zusage vom Leben über den
Tod hinaus Hand und Fuss.
Dieses Spiel von Vorbild und Nachahmung ermöglicht und stärkt
die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gemeinschaft, es kann aber auch
schmerzhafte Abgrenzungen provozieren. Wer sich auf eine Minderheitstradition
einlässt und Götzen nennt, was andere anbeten, lebt gefährlich
(vgl. 2,14).
Die Gemeinde hat sich in Bedrängnis für das Wort Gottes entschieden.
Die Not wird nicht genauer bestimmt. Wahrscheinlich ist damit die Ausgrenzung
durch eine Umgebung gemeint, die das Verhalten der jungen Gemeinde nicht
mehr versteht und als Kritik erfährt. Die drei Gründer anerkennen
diese Not. Sie spiegeln ihnen deshalb ihre Lesbarkeit für einen anderen,
neuen sozialen Zusammenhang. Die Geschichten, die über die Gemeinde
in Thessalonich umgehen, sind zum Brot geworden, das nun das bedrängte
Vorbild wiederum selber nährt.
Nach Paulus gibt es keinen unvermittelten Christusbezug. Christus wird erfahrbar erst in der Nachahmung von Menschen, die sich als Christinnen und Christen kenntlich machen. Dies ist ein starkes Argument für Tradition und gegen eine Jesus-liebt-dich-werde-wie-er-Katechese. Die frohe Botschaft für Theologinnen und Katecheten: Wir müssen in Predigt und Katechese nicht originell oder theologisch-abstrakt sein, sondern dürfen uns mit unseren Adressaten und Zuhörerinnen in der Nachahmung üben. Allerdings verlangt dies Klarheit im Bezug auf die eigenen Vorbilder und die Bereitschaft, für uns und andere als Christin und Christ erfahrbar zu sein. Die Glaubensinhalte können nicht immer, so aber zur rechten Zeit einleuchten.
Literatur: Klaus Haacker u.a., Aus der Freiheit leben: kleinere Paulusbriefe; Galater Thessalonicher Philemon, hrsg. von der deutschen Bibelgesellschaft und dem Katholischen Bibelwerk. Stuttgart 1982; Fulbert Stefensky, Der alltägliche Charme des Glaubens, Würzburg (Echter Verlag) 2002.
In der Gruppe (oder zu Beginn des Gottesdienstes): Ermutigendes müssen wir nicht selber erleben, um Ermutigung zu erfahren. Fällt mir eine Geschichte ein, die mich gestärkt hat? Wo habe ich sie aufgeschnappt? Wie konnte ich (oder kann ich jetzt) die Ermutigung bei mir ablesen? Austausch zu zweit oder dritt.
Lesung vorlesen. Am Text die Linien VorbildNachahmung aufzeigen,
besser noch: aufzeichnen. Dabei spielen sowohl persönliche Beziehungen
wie Geographie eine Rolle.
Hintergrund beleuchten. In der hebräischen Bibel gilt das Schaliach-Prinzip:
Wenn jemand eine Botschaft ausrichtet, dann ist sie so verbindlich, wie
wenn der Absender oder die Auftraggeberin selber anwesend wäre.
Aus der griechischen Philosophie stammt umgekehrt das Prinzip der Nachahmung,
besser, weil aktiver: Nachgestaltung. Als Imitatio Dei hat die Mimesis in
der christlich-mystischen Tradition eine intensive Wirkungsgeschichte erfahren.
Unseren Text mit beiden Konzepten deuten.
Oft erzählen sich Menschen Katastrophengeschichten, die nicht in
ein Tun gegen die Not münden, sondern in Gleichgültigkeit oder
Depression. Wir können uns vornehmen, das nächste Mal nicht in
den Chor der Hoffnungslosigkeit einzustimmen, sondern eine ermächtigende
Geschichte zu erzählen. Und wenn uns keine einfällt? zu
schweigen.
Entsprechende Fürbitten gestalten.