41/2002

INHALT

Lesejahr A

Ermächtigung I

Regula Grünenfelder zu 1 Thess 1,1-5b

 

Auf den Text zu

Der erste Brief an die Gemeinde von Thessalonich gilt als älteste Schrift des Paulus, die erhalten geblieben ist, als ältestes Buch des Neuen Testamentes überhaupt. Älteste Zeugnisse wecken Erwartungen: Sie sind einerseits nahe am Ereignis dran und deshalb besonders glaubwürdig. Andererseits könnten sie noch mit Kinderkrankheiten behaftet und nicht ganz ausgereift sein. Positiv formuliert: Es gibt noch Entwicklungspotential. Beides scheint zuzutreffen. Paulus blickt liebevoll auf die Gründung der Gemeinde und tröstet sie, die sich in einer kritisch-ablehnenden Umwelt erst finden muss. Und wenn unter Theologie abstrakte komplizierte Reflexion verstanden wird, dann findet sie sich in diesem kleinen Brief nicht. Was der ferne Apostel 50/51 n. Chr. der Gemeinde mitteilt, ist einsichtig, konkret und ermächtigend. Gott liebt euch, ihr macht das schon gut, auch die Toten sind euch nicht verloren.
Mit der Briefanschrift beginnt eine fünfteilige Lesungsreihe. Die Auswahl der Texte ist bemerkenswert: Wir lesen knappe eingängige Worte der Anerkennung, Ermächtigung und des Trostes. Kurz: Genau das, was wir brauchen.

Mit dem Text unterwegs

Alle paulinischen Briefanfänge folgen dem antiken Briefformular: Der erste Satz ist technisch und nennt Absendende und Empfangende. Neben Paulus stehen gleichberechtigt zwei weitere Absender: Silvanus und Timotheus. Die Gemeinde wird über den Wohn- und ihren theologischen Ort (in Gott, dem Vater, und in Jesus Christus, dem Herrn) adressiert. Der zweite Satz wünscht Gnade und Frieden. Bei der Gemeinde meldet sich nicht ein einsamer Gründer zurück, sondern eine Dreiergruppe, die sich Zeit nimmt, den Gläubigen in Thessalonich Mut und Selbstvertrauen zuzusprechen. Sie tun dies im Chor und danken Gott ausnahmslos für die ganze Gemeinde («für euch alle»).
Auf der Grundlage dieser Dankbarkeit erinnern sie sich vor Gott an das Gute in dieser Gemeinde. Gott eröffnet also einen Raum der liebevollen, aktiven Erinnerung. Sie umfasst in drei Stichworten das ganze Leben: Werke des Glaubes, Engagement in der Liebe und Durchstehvermögen in der Hoffnung. Das klingt konkret, anstrengend und realistisch: Werke, Engagement oder Mühe, Geduld. Das zeugt von einem erfüllten Leben, für das man wirklich nicht genug danken kann.
In unserer Lesung folgt nach dem ermutigenden Blick auf das Leben der Gemeinde die Ermächtigung. Die drei Briefschreiber werfen ihre Autorität in die Waagschale und sprechen den Adressaten und Adressatinnen ihre Erwählung zu. Das hat offenbar Gewicht. Wenn die drei sagen, ihr seid erwählt, dann ist das nicht nur glaubwürdig, sondern lebbar.
Die Christinnen und Christen der einflussreichen Stadt Thessalonich in Nordgriechenland gehören zur heidenchristlichen Fraktion des Frühchristentums. Sie leben in einer multikulturellen und multireligiösen Situation an einer Kreuzung von See- und Landwegen, an der Verbindung zwischen Rom und Byzanz. Der Zuspruch der Erwählung bricht mit der Geschäftigkeit und Vieldeutigkeit einer betriebsamen Handelsstadt. Erwählung heisst, dass da vor allem Bekennen, Sich-zugehörig-Fühlen, Sicherklären und Sichabgrenzen Beziehung oder Heimat ist. Am Anfang unseres Briefes muss die Erwählung nicht aufgeschlüsselt und näher definiert, sie muss mit Autorität zugesprochen werden. Sie ist das indiskutable Fundament von Glauben und Leben.
Die Erwählung wird von den Dreien mit dem kraftvollen Anfang der Christus-Beziehung beglaubigt. Die Verkündigung der Frohbotschaft in Thessalonich geschah nicht durch dürre Worte, sondern erwies sich als machtvoll im Heiligen Geist. Mit der Geburtsstunde der Gemeinde sind konkrete Erfahrungen von Stärke, von der Präsenz des Heiligen Geistes und von Fülle und Zuversicht verbunden. Die drei Gründer erinnern an Erfahrungen, die den Adressaten/Adressatinnen noch so geläufig sind, dass sie nicht im Einzelnen besprochen werden müssen, sondern als verbindender guter Auftakt in Erinnerung gerufen werden können.

Über den Text hinaus

Wir erfahren zu Beginn des Briefes, dass Absender, Leser und Hörerinnen einen göttlichen Raum der gemeinsamen Erinnerung bewohnen. Wir sehen, dass die Absender vor Gott fähig sind, von sich und von ihren Geschwistern gross zu denken und die konkrete Glaubensarbeit, die Liebe und die Hoffnung anzuerkennen. Das ist ein guter Briefbeginn. Er erinnert an den Zauber des Anfangs und hilft zu leben.

 

Literatur: Otto Knoch, 1. und 2. Thessalonicherbrief, Stuttgarter Kleiner Kommentar NT 12, Stuttgart 1987.


Er-lesen

Den Briefanfang für alle auf Briefpapier abschreiben (kopieren) und in einem verschlossenen Umschlag überreichen.
Jede und jeder liest den Briefanfang. Anschliessend Gespräch: Wie wirkt der Anfang? Was bewirkt er?

Er-hellen

Nicht zufällig besteht das Neue Testament zu etwa einem Drittel aus Briefen. Sie sind Zeugnisse der Gespräche in der frühen Kirche. Leider hat die Tradition keine Antwortbriefe auf Paulus überliefert, so dass wir die Gemeindesituationen damals nur durch die Brille des Paulus sehen können. Gehen wir die Briefe leseorientiert an, dann wächst die Sensibilität für die Probleme und theologischen Entwürfe aus den Gemeinden, auf die Paulus oftmals schroff antwortet. Vielleicht können wir die Briefe aus der Sicht der Gemeinden lesen und alternative Positionen wahrnehmen, ohne gleich das Urteil des Paulus zu unterschreiben.
Ein solches rezeptionsorientiertes Lesen, das offen ist für Alternativen und respektvoll gegenüber unterschiedlichen Standpunkten, lässt sich an einem ermächtigenden, konfliktfreien Text gut üben. Wie also könnten die ersten Leserinnen und Zuhörer diese Brieferöffnung aufgenommen haben? Welche Gemeindesituation macht einen solchen Rückgriff auf den kraftvollen Anfang sinnvoll? Aus der Fortsetzung des Briefes lässt sich herauslesen, dass die Gemeinde ihre Identität sucht, weil sie von ihrer Umwelt bedrängt wird. Ausserdem quält die Frage der Trauernden: Was passiert mit den Toten? Können auch sie gerettet werden? Die Gemeinde muss sich selber finden ­ wie der Anfang zeigt, nicht durch Abgrenzung, sondern durch die Wahrnehmung ihrer eigenen Kraft.
Die Trias Glaube, Liebe und Hoffnung ist auch in anderen Paulusbriefen anzutreffen. Ein Vergleich erhellt die aktive Formulierung am Briefanfang (vgl. die militarisierte Formel am Briefende: 1 Thess 5,8; 1 Kor 13,13; Eph 1,16­18; Kol 1,4f.; Hebr 10,22­24).

Er-leben

Im Gottesdienst auf den guten Anfang Wert legen. Wie spreche ich die Menschen an? Wie kann der gute Anfang der Frohen Botschaft lebendig werden ­ für die Leitenden und für die Teilnehmenden?
oder:
Wie könnte ein Brief, der so beginnt, weitergehen? Fortsetzung in Kleingruppen auf Wandzeitungen schreiben. Beim nächsten Treffen anschauen und mit der Fortsetzung des Thess vergleichen.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002