40/2002 | |
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Lesejahr A |
Immer wieder erreichen uns Spendenaufrufe christlicher Hilfswerke. Darin
wird um die Unterstützung verschiedenster Projekte gebeten: Aufbau
eines Krankenhauses in Afrika; Lebensmittellieferungen für Menschen,
denen die Ernte durch Überschwemmung, Bürgerkrieg oder lang anhaltende
Dürre zerstört worden ist; Selbsthilfeprojekte in Lateinamerika
oder Asien usw.
Bei der Analyse der eingegangenen Spenden machen die Mitarbeiterinnen dieser
Hilfswerke häufig eine interessante Beobachtung: Der grösste Teil
der gespendeten Summe verdankt sich nicht etwa hoch dotierten Einzelspenden,
sondern vielmehr den vielen kleineren Beiträgen, welche von den so
genannten «einfachen Leuten» gegeben werden. Es scheint so etwas
wie eine «Kultur des Spendens» zu geben. Vielleicht erinnern
sich die Spender dabei an Weisheiten wie «Geben ist seliger denn Nehmen»
oder auch «Beim Almosengeben soll die linke Hand nicht wissen, was
die rechte tut». Jedenfalls sind sie zu geben bereit, obwohl sie nicht
viel besitzen.
Menschen, die diese Kultur pflegen, spenden nicht, weil sie für sich
irgendeine Gegenleistung erwarten. Es geht ihnen auch nicht um die Beruhigung
von schlechtem Gewissen oder um den Erkauf des ewigen Lebens. Sie geben
einfach so, von sich aus, denn: «Es wird schon (für etwas) gut
sein.» Obwohl sie oft nicht die konkreten Empfänger der Hilfe
vor Augen haben, fühlen sie sich mit ihnen verbunden. Sie solidarisieren
sich und geben deshalb etwas vom Eigenen ab. Wahrscheinlich hat die Kultur
des Spendens viel mit dieser Solidarität und Verbundenheit zu tun,
einer Verbundenheit mit den Menschen und mit Gott, «unter dessen
Segen doch all dies steht».
Zum Schluss seines Briefes kommt Paulus darauf zu sprechen, dass er mit
keiner Gemeinde durch Geben und Nehmen so verbunden ist wie mit der in Philippi
(4,15). Es geht auch hier um Solidarität und Verbundenheit in Form
von Spenden.
Paulus hatte bei seinem ersten Besuch in Philippi mit den Christinnen dort
vereinbart, dass sie ihn nach Möglichkeit finanziell unterstützen
sollen. Das ist in zweierlei Hinsicht nicht selbstverständlich: Zum
einen, weil Paulus als Missionar von anderen Gemeinden (ausser eben Philippi)
wohl niemals Geld für sich angenommen hat (vgl. 1 Kor 9,118),
zum anderen wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation: Weder Paulus
noch die Christen in Philippi konnten materiell aus dem Vollen schöpfen.
Paulus hatte ihnen das Evangelium gebracht und damit ihrem Leben einen neuen
Bezugspunkt gegeben (1,5). Und wie er auf diese Weise ihren Mangel aufgefüllt
hat, tun sie es nun im Gegenzug mit ihm: Sie schicken ihm wie schon
mehrfach (4,16) Geld (4,1018) und solidarisieren sich auf diese
Weise mit ihm finanziell, aber auch politisch, da er ja in Ephesus im Gefängnis
sitzt. Mit den Philippern durch Geben und Nehmen verbunden zu sein ist also
keine einseitige, sondern eine «wechselseitige Solidarität»
(Schottroff). Jede(r) gibt jedem und jeder und so wird Mangel behoben und
manchmal wird aus ihm sogar Überfluss (4,18).
Diese wechselseitige Solidarität ist allerdings nicht auf die Beziehung
zwischen Paulus und der christlichen Gemeinde in Philippi beschränkt.
Sie bestimmmt auch das Verhältnis zwischen Paulus und Christus. Der
Apostel fühlt sich seit dem Damaskuserlebnis dazu berufen, den gekreuzigten
und auferweckten Christus zu verkündigen, dessen Knecht er ist (1,1).
Vom Messias Jesus kann er aber auch sagen: «Alles vermag ich durch
ihn, der mir Kraft gibt» (4,13). Christus ist also die Quelle seiner
Macht, Kraft und Dynamik. Er ermöglicht ihm seine missionarische Tätigkeit
mit allem, was sie mit sich bringt: «Sattsein und Hungern, Überfluss
und Entbehrung» (4,12; vgl. auch die so genannten Peristasenkataloge
1 Kor 4,913; 2 Kor 6,410; 11,2330).
Wenn Gott schliesslich den Philippern durch Christus alles, was sie nötig
haben, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken wird (4,19) und die
Philipper durch die Geldspende an Paulus ein Gott wohlgefälliges Opfer
darbringen (4,18), dann ist auch hier die Wechselseitigkeit der Beziehung
zu fassen.
Bei diesem Beziehungsgeflecht zwischen Paulus, den Christinnen in Philippi
und Christus bzw. Gott ist es wichtig zu sehen, dass die Gegenseitigkeit
nicht abgehoben auf einer rein theologisch-spirituellen Ebene ihren Platz
hat. Vielmehr bezieht sie auch den wirtschaftlichen und politischen Alltag
der Menschen mit ein. Entsprechend fühlen sich die Philipper eben nicht
nur im Gebet mit dem gefangengesetzten Paulus verbunden, sondern sie schicken
einen aus ihrer Gemeinde, Epaphroditus, mit Brot und Geld zu ihm (4,18).
Auch in anderen Briefen des Paulus spielt diese wechselseitige Solidarität
eine grosse Rolle (z.B. Röm 15,27; 2 Kor 8,1315; 2 Kor 8,9). Von
ihr spricht er aber immer nur dann, wenn beide Seiten geben und beide Seiten
nehmen und zwar so, dass sich Mangel in Überfluss verwandelt.
Irgendwie hat der Lesungstext (der am besten mit seinem zum Verständnis
notwendigen Kontext 4,1020 vorgelesen werden sollte) einen fahlen Beigeschmack.
Begegnet uns hier nicht das Vergeltungsdenken «do ut des»: Ich
gebe und rechne mit einer Gegengabe oder einem Gegendienst? Sollte Paulus
etwa beim Verkündigen des Evangeliums in Philippi bereits allfällige
Hilfeleistungen durch die Christen im Hinterkopf gehabt haben?
Zwischen Paulus, den christlichen Gemeinden und Christus gibt es so ein
völlig formalisiertes Vergeltungsdenken nicht. Bei ihnen läuft
das anders: Paulus predigt, weil er von Christus und seinem Evangelium so
«voll» ist, dass er gar nicht anders kann als dies mit-teilen.
Und er wird dabei genauso wenig an eine spätere Gegenleistung gedacht
haben wie die Philipper, als sie in ihrer Gemeinde beschlossen, Paulus,
der ihnen wertvoll ist und jetzt Hilfe braucht, zu unterstützen.
Diese Praxis macht beide Seiten reicher, niemand wird ausgenutzt, missbraucht
oder beraubt. Die eine gibt, weil sie es kann und der andere nimmt,
weil er es braucht. Keiner wird dabei arm, vielmehr profitieren alle Beteiligten.
Unser Alltag ist wohl viel stärker vom berechnenden Geben und Nehmen
geprägt. Wechselseitige Solidarität, «die darauf aus ist,
den Mangel der Geschwister in Überfluss zu verwandeln» (Schottroff),
erleben wir eher selten.
Gerade deshalb kann uns die gelebte wechselseitige Solidarität, die
uns im Philipperbrief und bei den vielen «kleinen» Spendern
heute gleichermassen begegnet, dazu ermutigen, es einmal auszuprobieren:
zu geben und zu nehmen einfach so. Vielleicht gelingt es ja dann,
den Mangel der vielen in Überfluss für alle zu verwandeln.
Literatur: Luise Schottroff, Reich sein in Gegenseitigkeit. Brief an die Gemeinde in Philippi 4,1013.1420, in: Claudia Janssen/Beate Wehn, Wie Freiheit entsteht. Sozialgeschichtliche Bibelauslegungen, Gütersloh 1999, 133139 (Zitate: 137).
Phil 4,1020 lesen. Was erfahren wir über die in V 10 erwähnte «Sorge»?
Aufzeigen der wechselseitigen Solidarität, die das Verhältnis zwischen Paulus, der christlichen Gemeinde und Christus/Gott prägt (evtl. Rückgriff auf Referenzstellen wie Phil 1,5; Röm 15,27; 2 Kor 8,1315; 2 Kor 8,9).
Gruppengespräch: Kennen wir aus unserem Alltag die Erfahrung dieser Solidarität als Gebende und/oder Nehmende? Wo wäre sie heute im finanziellen und politischen Bereich dringend erforderlich?