40/2002

INHALT

Lesejahr A

Wechselseitige Solidarität

Peter Reinl zu Phil 4,12-14.19-20

 

Auf den Text zu

Immer wieder erreichen uns Spendenaufrufe christlicher Hilfswerke. Darin wird um die Unterstützung verschiedenster Projekte gebeten: Aufbau eines Krankenhauses in Afrika; Lebensmittellieferungen für Menschen, denen die Ernte durch Überschwemmung, Bürgerkrieg oder lang anhaltende Dürre zerstört worden ist; Selbsthilfeprojekte in Lateinamerika oder Asien usw.
Bei der Analyse der eingegangenen Spenden machen die Mitarbeiterinnen dieser Hilfswerke häufig eine interessante Beobachtung: Der grösste Teil der gespendeten Summe verdankt sich nicht etwa hoch dotierten Einzelspenden, sondern vielmehr den vielen kleineren Beiträgen, welche von den so genannten «einfachen Leuten» gegeben werden. Es scheint so etwas wie eine «Kultur des Spendens» zu geben. Vielleicht erinnern sich die Spender dabei an Weisheiten wie «Geben ist seliger denn Nehmen» oder auch «Beim Almosengeben soll die linke Hand nicht wissen, was die rechte tut». Jedenfalls sind sie zu geben bereit, obwohl sie nicht viel besitzen.
Menschen, die diese Kultur pflegen, spenden nicht, weil sie für sich irgendeine Gegenleistung erwarten. Es geht ihnen auch nicht um die Beruhigung von schlechtem Gewissen oder um den Erkauf des ewigen Lebens. Sie geben einfach so, von sich aus, denn: «Es wird schon (für etwas) gut sein.» Obwohl sie oft nicht die konkreten Empfänger der Hilfe vor Augen haben, fühlen sie sich mit ihnen verbunden. Sie solidarisieren sich und geben deshalb etwas vom Eigenen ab. Wahrscheinlich hat die Kultur des Spendens viel mit dieser Solidarität und Verbundenheit zu tun, einer Verbundenheit mit den Menschen ­ und mit Gott, «unter dessen Segen doch all dies steht».

Mit dem Text unterwegs

Zum Schluss seines Briefes kommt Paulus darauf zu sprechen, dass er mit keiner Gemeinde durch Geben und Nehmen so verbunden ist wie mit der in Philippi (4,15). Es geht auch hier um Solidarität und Verbundenheit in Form von Spenden.
Paulus hatte bei seinem ersten Besuch in Philippi mit den Christinnen dort vereinbart, dass sie ihn nach Möglichkeit finanziell unterstützen sollen. Das ist in zweierlei Hinsicht nicht selbstverständlich: Zum einen, weil Paulus als Missionar von anderen Gemeinden (ausser eben Philippi) wohl niemals Geld für sich angenommen hat (vgl. 1 Kor 9,1­18), zum anderen wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation: Weder Paulus noch die Christen in Philippi konnten materiell aus dem Vollen schöpfen.
Paulus hatte ihnen das Evangelium gebracht und damit ihrem Leben einen neuen Bezugspunkt gegeben (1,5). Und wie er auf diese Weise ihren Mangel aufgefüllt hat, tun sie es nun im Gegenzug mit ihm: Sie schicken ihm ­ wie schon mehrfach (4,16) ­ Geld (4,10­18) und solidarisieren sich auf diese Weise mit ihm finanziell, aber auch politisch, da er ja in Ephesus im Gefängnis sitzt. Mit den Philippern durch Geben und Nehmen verbunden zu sein ist also keine einseitige, sondern eine «wechselseitige Solidarität» (Schottroff). Jede(r) gibt jedem und jeder und so wird Mangel behoben und manchmal wird aus ihm sogar Überfluss (4,18).
Diese wechselseitige Solidarität ist allerdings nicht auf die Beziehung zwischen Paulus und der christlichen Gemeinde in Philippi beschränkt. Sie bestimmmt auch das Verhältnis zwischen Paulus und Christus. Der Apostel fühlt sich seit dem Damaskuserlebnis dazu berufen, den gekreuzigten und auferweckten Christus zu verkündigen, dessen Knecht er ist (1,1). Vom Messias Jesus kann er aber auch sagen: «Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt» (4,13). Christus ist also die Quelle seiner Macht, Kraft und Dynamik. Er ermöglicht ihm seine missionarische Tätigkeit mit allem, was sie mit sich bringt: «Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung» (4,12; vgl. auch die so genannten Peristasenkataloge 1 Kor 4,9­13; 2 Kor 6,4­10; 11,23­30).
Wenn Gott schliesslich den Philippern durch Christus alles, was sie nötig haben, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken wird (4,19) und die Philipper durch die Geldspende an Paulus ein Gott wohlgefälliges Opfer darbringen (4,18), dann ist auch hier die Wechselseitigkeit der Beziehung zu fassen.
Bei diesem Beziehungsgeflecht zwischen Paulus, den Christinnen in Philippi und Christus bzw. Gott ist es wichtig zu sehen, dass die Gegenseitigkeit nicht abgehoben auf einer rein theologisch-spirituellen Ebene ihren Platz hat. Vielmehr bezieht sie auch den wirtschaftlichen und politischen Alltag der Menschen mit ein. Entsprechend fühlen sich die Philipper eben nicht nur im Gebet mit dem gefangengesetzten Paulus verbunden, sondern sie schicken einen aus ihrer Gemeinde, Epaphroditus, mit Brot und Geld zu ihm (4,18).
Auch in anderen Briefen des Paulus spielt diese wechselseitige Solidarität eine grosse Rolle (z.B. Röm 15,27; 2 Kor 8,13­15; 2 Kor 8,9). Von ihr spricht er aber immer nur dann, wenn beide Seiten geben und beide Seiten nehmen und zwar so, dass sich Mangel in Überfluss verwandelt.

Über den Text hinaus

Irgendwie hat der Lesungstext (der am besten mit seinem zum Verständnis notwendigen Kontext 4,10­20 vorgelesen werden sollte) einen fahlen Beigeschmack. Begegnet uns hier nicht das Vergeltungsdenken «do ut des»: Ich gebe und rechne mit einer Gegengabe oder einem Gegendienst? Sollte Paulus etwa beim Verkündigen des Evangeliums in Philippi bereits allfällige Hilfeleistungen durch die Christen im Hinterkopf gehabt haben?
Zwischen Paulus, den christlichen Gemeinden und Christus gibt es so ein völlig formalisiertes Vergeltungsdenken nicht. Bei ihnen läuft das anders: Paulus predigt, weil er von Christus und seinem Evangelium so «voll» ist, dass er gar nicht anders kann als dies mit-teilen. Und er wird dabei genauso wenig an eine spätere Gegenleistung gedacht haben wie die Philipper, als sie in ihrer Gemeinde beschlossen, Paulus, der ihnen wertvoll ist und jetzt Hilfe braucht, zu unterstützen.
Diese Praxis macht beide Seiten reicher, niemand wird ausgenutzt, missbraucht oder beraubt. Die eine gibt, weil sie es kann ­ und der andere nimmt, weil er es braucht. Keiner wird dabei arm, vielmehr profitieren alle Beteiligten.
Unser Alltag ist wohl viel stärker vom berechnenden Geben und Nehmen geprägt. Wechselseitige Solidarität, «die darauf aus ist, den Mangel der Geschwister in Überfluss zu verwandeln» (Schottroff), erleben wir eher selten.
Gerade deshalb kann uns die gelebte wechselseitige Solidarität, die uns im Philipperbrief und bei den vielen «kleinen» Spendern heute gleichermassen begegnet, dazu ermutigen, es einmal auszuprobieren: zu geben und zu nehmen ­ einfach so. Vielleicht gelingt es ja dann, den Mangel der vielen in Überfluss für alle zu verwandeln.

 

Literatur: Luise Schottroff, Reich sein in Gegenseitigkeit. Brief an die Gemeinde in Philippi 4,10­13.14­20, in: Claudia Janssen/Beate Wehn, Wie Freiheit entsteht. Sozialgeschichtliche Bibelauslegungen, Gütersloh 1999, 133­139 (Zitate: 137).


Er-lesen

Phil 4,10­20 lesen. Was erfahren wir über die in V 10 erwähnte «Sorge»?

Er-hellen

Aufzeigen der wechselseitigen Solidarität, die das Verhältnis zwischen Paulus, der christlichen Gemeinde und Christus/Gott prägt (evtl. Rückgriff auf Referenzstellen wie Phil 1,5; Röm 15,27; 2 Kor 8,13­15; 2 Kor 8,9).

Er-leben

Gruppengespräch: Kennen wir aus unserem Alltag die Erfahrung dieser Solidarität ­ als Gebende und/oder Nehmende? Wo wäre sie heute im finanziellen und politischen Bereich dringend erforderlich?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002