39/2002

INHALT

Lesejahr A

Wenn das Wesentliche wieder in den Blick kommt

Peter Reinl zu Phil 4,6-9

 

Auf den Text zu

Es ist kein Wunder, dass Dale Carnegie mit ihrem Buch «Sorge dich nicht ­ lebe!» in vielen Ländern über Monate die Bestsellerlisten anführte. Unter anderem mit dem Anspruch angetreten, ihr Werk könne dabei helfen, sich das Sorgen abzugewöhnen, ehe es eine(n) zugrunde richtet, fokussierte sie nämlich genau auf eine unserer grössten Nöte: Wir machen uns (zu viele) Sorgen!
Und manchmal haben wir ja den Eindruck, unser Leben bestünde aus nichts anderem: Wir sorgen uns um die schulische Ausbildung der Kinder, um Haus(halt), Beziehung, Ausbau der Karrierechancen, die nächsten Urlaubsziele, Kleidung, Aussehen, Umweltzerstörung, Weltfrieden, Ausgang der nächsten Abstimmungen, Ansehen, Status...
Ohne Zweifel hat jede dieser Sorgen ihre Berechtigung: Wer sich derzeit nicht um den Weltfrieden sorgt, ist entweder uninformiert oder ein Zyniker; wenn Eltern sich nicht ausreichend um die Förderung ihrer Kinder kümmern, ist das schlichtweg unverantwortlich; und ist in einer Welt, in der «Kleider Leute machen», nicht eine gewisse Achtsamkeit hinsichtlich Kleidung, An- und Aussehen angebracht und lebensnotwendig? Nein, wenn wir uns heute Sorgen machen, dann tun wir dies meist aus gutem Grund! Und doch wissen wir, dass uns die Sorgen am Leben hindern, wie Carnegies Buchtitel kurz und bündig unterstreicht.
Im Neuen Testament begegnen uns immer wieder Texte, die eine kritische Haltung zu den «vielen Sorgen der Menschen» erkennen lassen.
So sagt Jesus provokativ in der Bergpredigt: «Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?» (Mt 6,25). Wenig später gesteht er natürlich zu, dass es Nahrung und Kleidung braucht (32), aber er macht sofort unmissverständlich deutlich, worauf es eigentlich ankommt: «Euch aber muss es zuerst um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben» (33). Bei aller berechtigter Sorge um das tägliche Leben verweist Jesus darauf, dass diese uns nicht den Blick auf das Wesentliche, auf das Reich Gottes und die diesem entsprechende Gerechtigkeit versperren darf.
Ebenso bekannt ist uns die Erzählung von der Begegnung Jesu mit Maria und Marta in ihrem Haus (Lk 10,38­42). Während Marta sich abschuftet und ihrer Rolle als Gastgeberin nachzukommen versucht ­ Lukas schreibt, sie «war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen» (40) ­ sitzt Maria Jesus als Hörende zu Füssen. Als Marta nun Jesus darum bittet, Maria zur Mithilfe zu bewegen, sagt der: «Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden» (41f.). Auch diese Perikope zeigt: Das, worum es eigentlich geht, gerät wegen der vielen alltäglichen Sorgen aus dem Blick. So angebracht die Mühen der Marta um ihren Gast auch waren, sie liessen sie übersehen, dass in der Nachfolge Jesu Rollen aufgegeben werden müssen, weil jetzt eine neue Zeit angebrochen ist: die des Reiches Gottes.

Mit dem Text unterwegs

Mit unserem Lesungstext verhält es sich ähnlich.
Paulus sieht die Einheit der christlichen Gemeinde in Philippi gefährdet. Darauf kommt er mehrfach in seinem Brief (1,27; 2,2) und besonders deutlich an dessen Schluss zu sprechen: Zwischen Euodia und Syntyche ist es zum Konflikt gekommen. Beide Frauen haben Paulus bei seiner Missionstätigkeit unterstützt (4,3) und gehören mit grosser Wahrscheinlichkeit zu den Führenden in der Gemeinde, welche Paulus zu Beginn des Briefes eigens als Diakone und Episkopen anspricht (1,1). Der Streit kann verschiedene Gründe gehabt haben.
Vielleicht standen an seinem Beginn gegensätzliche Auffassungen hinsichtlich der Bedeutung des jüdischen Gesetzes, insbesondere der Beschneidung (vgl. Phil 3). Wie schnell können Streitereien um die Orthodoxie zu Gruppenbildung und Schisma führen!
Es kann auch um die Frage der Ehre gegangen sein, darum also, wer in der Gemeinde die grössere Wertschätzung, den höheren Rang einnimmt. In einer Gesellschaft, in der das Leben von Männern und Frauen vor allem durch den täglichen Kampf um Ansehen und Status geprägt war, ist das hier vorhandene Konfliktpotential kaum zu unterschätzen.
Was auch immer am Beginn der Auseinandersetzung zwischen den Frauen stand ­ für Paulus schiessen beide, egal ob sie sich nun um ihren Rang in der Gemeinde oder auch um die rechte theologische Auffassung von der Tora sorgen, am Wesentlichen vorbei. Mit seiner sicherlich nicht nur an Euodia und Syntyche gerichteten Aufforderung: «Sorgt euch um nichts, sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor Gott!» (4,6) will Paulus nämlich bestimmt nicht sagen, sie sollten in Zukunft nur noch beten und sonst nichts mehr tun. Alleine schon der folgende Tugendkatalog (4,8) und der Aufruf zum Tun in V 9 verbietet ein solches Verständnis. Vielmehr macht Paulus deutlich: Worum es gehen muss ist Gott selbst, sein Frieden (4,7.9) bzw. ­ um es mit Matthäus zu sagen ­ sein Reich und seine Gerechtigkeit (Mt 6,33). Der Friede Gottes entspricht auch dem einen Notwendigen, von dem Lukas spricht (Lk 10,42).
Wenn sich die Christinnen und Christen in Philippi nach diesem Frieden ausstrecken, wenn dieser im Zentrum ihrer Bemühungen steht, dann geraten all ihre anderen Sorgen und Zwistigkeiten an den Rand und verlieren an Bedeutung. Sie werden relativiert und so wird es den Christinnen dann auch wieder möglich, sich im Herrn ­ der wieder in den Mittelpunkt gerückt ist ­ zu freuen (3,1; 4,4).

Über den Text hinaus

Die heutige Lesung bietet die gute Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken, wie es um die Gewichtung unserer Sorgen und Interessen steht. Welche nehmen uns am meisten in Beschlag und rauben uns den Schlaf? Welche stehen im Zentrum, welche befinden sich am Rand? Spielt der Friede Gottes, also das Reich Gottes und die ihm entsprechende Gerechtigkeit, in unseren Überlegungen überhaupt eine Rolle?
Geht es mir beispielsweise bei der zukünftigen Verwendung der Goldreserven alleine darum, von einem unerwarteten Geldsegen bestmöglich zu profitieren ­ oder bin ich auch bereit, wenigstens einen Teil an die abzugeben, die ohnehin immer zu kurz kommen?
Ziehe ich ­ gerade auch im Rückblick auf den Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg ­ die uneingeschränkte wirtschaftliche Vormachtstellung vor allem der westlichen Industrienationen einem fairen und verantwortungsvollen Teilen unserer Ressourcen vor?
Und ist mir im so genannten Kampf gegen den Terrorismus jedes Mittel zur Sicherung des eigenen Wohlergehens recht, oder liegt mir dabei beispielsweise auch an der Einhaltung von Menschenrechten?

 

Literatur: Sheila Briggs, Der Brief an die Gemeinde in Philippi. Die Aufrichtung der Gedemütigten, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, München 21999, 625­634. Dale Carnegie, Sorge dich nicht ­ lebe!, Bern 841998. Carolyn Osiek, Philippians. Philemon, (Abingdon New Testament Commentaries), Nashville 2000.


Er-lesen

Phil 4,2­9 lesen. Was könnten die Sorgen der Menschen in Philippi sein, auf die Paulus in 4,6 anspielt?

Er-hellen

Mt 6,25­34 oder Lk 10,38­42 als weitere dem Sorgen gegenüber kritische Texte heranziehen. Wie werden die vielen alltäglichen Sorgen relativiert?

Er-leben

Austausch in Kleingruppen, welche Sorgen uns derzeit beschäftigen. Hätte es auf mich und mein Leben eine Auswirkung, wenn ich dem Bemühen um das Reich Gottes den ihm gebührenden Platz einräumen würde?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002