39/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Es ist kein Wunder, dass Dale Carnegie mit ihrem Buch «Sorge dich
nicht lebe!» in vielen Ländern über Monate die Bestsellerlisten
anführte. Unter anderem mit dem Anspruch angetreten, ihr Werk könne
dabei helfen, sich das Sorgen abzugewöhnen, ehe es eine(n) zugrunde
richtet, fokussierte sie nämlich genau auf eine unserer grössten
Nöte: Wir machen uns (zu viele) Sorgen!
Und manchmal haben wir ja den Eindruck, unser Leben bestünde aus nichts
anderem: Wir sorgen uns um die schulische Ausbildung der Kinder, um Haus(halt),
Beziehung, Ausbau der Karrierechancen, die nächsten Urlaubsziele, Kleidung,
Aussehen, Umweltzerstörung, Weltfrieden, Ausgang der nächsten
Abstimmungen, Ansehen, Status...
Ohne Zweifel hat jede dieser Sorgen ihre Berechtigung: Wer sich derzeit
nicht um den Weltfrieden sorgt, ist entweder uninformiert oder ein Zyniker;
wenn Eltern sich nicht ausreichend um die Förderung ihrer Kinder kümmern,
ist das schlichtweg unverantwortlich; und ist in einer Welt, in der «Kleider
Leute machen», nicht eine gewisse Achtsamkeit hinsichtlich Kleidung,
An- und Aussehen angebracht und lebensnotwendig? Nein, wenn wir uns heute
Sorgen machen, dann tun wir dies meist aus gutem Grund! Und doch wissen
wir, dass uns die Sorgen am Leben hindern, wie Carnegies Buchtitel kurz
und bündig unterstreicht.
Im Neuen Testament begegnen uns immer wieder Texte, die eine kritische Haltung
zu den «vielen Sorgen der Menschen» erkennen lassen.
So sagt Jesus provokativ in der Bergpredigt: «Sorgt euch nicht um
euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und
darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als
die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung?» (Mt 6,25). Wenig
später gesteht er natürlich zu, dass es Nahrung und Kleidung braucht
(32), aber er macht sofort unmissverständlich deutlich, worauf es eigentlich
ankommt: «Euch aber muss es zuerst um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit
gehen; dann wird euch alles andere dazugegeben» (33). Bei aller berechtigter
Sorge um das tägliche Leben verweist Jesus darauf, dass diese uns nicht
den Blick auf das Wesentliche, auf das Reich Gottes und die diesem entsprechende
Gerechtigkeit versperren darf.
Ebenso bekannt ist uns die Erzählung von der Begegnung Jesu mit Maria
und Marta in ihrem Haus (Lk 10,3842). Während Marta sich abschuftet
und ihrer Rolle als Gastgeberin nachzukommen versucht Lukas schreibt,
sie «war ganz davon in Anspruch genommen, für ihn zu sorgen»
(40) sitzt Maria Jesus als Hörende zu Füssen. Als Marta
nun Jesus darum bittet, Maria zur Mithilfe zu bewegen, sagt der: «Marta,
Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig.
Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden»
(41f.). Auch diese Perikope zeigt: Das, worum es eigentlich geht, gerät
wegen der vielen alltäglichen Sorgen aus dem Blick. So angebracht die
Mühen der Marta um ihren Gast auch waren, sie liessen sie übersehen,
dass in der Nachfolge Jesu Rollen aufgegeben werden müssen, weil jetzt
eine neue Zeit angebrochen ist: die des Reiches Gottes.
Mit unserem Lesungstext verhält es sich ähnlich.
Paulus sieht die Einheit der christlichen Gemeinde in Philippi gefährdet.
Darauf kommt er mehrfach in seinem Brief (1,27; 2,2) und besonders deutlich
an dessen Schluss zu sprechen: Zwischen Euodia und Syntyche ist es zum Konflikt
gekommen. Beide Frauen haben Paulus bei seiner Missionstätigkeit unterstützt
(4,3) und gehören mit grosser Wahrscheinlichkeit zu den Führenden
in der Gemeinde, welche Paulus zu Beginn des Briefes eigens als Diakone
und Episkopen anspricht (1,1). Der Streit kann verschiedene Gründe
gehabt haben.
Vielleicht standen an seinem Beginn gegensätzliche Auffassungen hinsichtlich
der Bedeutung des jüdischen Gesetzes, insbesondere der Beschneidung
(vgl. Phil 3). Wie schnell können Streitereien um die Orthodoxie zu
Gruppenbildung und Schisma führen!
Es kann auch um die Frage der Ehre gegangen sein, darum also, wer in der
Gemeinde die grössere Wertschätzung, den höheren Rang einnimmt.
In einer Gesellschaft, in der das Leben von Männern und Frauen vor
allem durch den täglichen Kampf um Ansehen und Status geprägt
war, ist das hier vorhandene Konfliktpotential kaum zu unterschätzen.
Was auch immer am Beginn der Auseinandersetzung zwischen den Frauen stand
für Paulus schiessen beide, egal ob sie sich nun um ihren Rang
in der Gemeinde oder auch um die rechte theologische Auffassung von der
Tora sorgen, am Wesentlichen vorbei. Mit seiner sicherlich nicht nur an
Euodia und Syntyche gerichteten Aufforderung: «Sorgt euch um nichts,
sondern bringt in jeder Lage betend und flehend eure Bitten mit Dank vor
Gott!» (4,6) will Paulus nämlich bestimmt nicht sagen, sie sollten
in Zukunft nur noch beten und sonst nichts mehr tun. Alleine schon der folgende
Tugendkatalog (4,8) und der Aufruf zum Tun in V 9 verbietet ein solches
Verständnis. Vielmehr macht Paulus deutlich: Worum es gehen muss ist
Gott selbst, sein Frieden (4,7.9) bzw. um es mit Matthäus zu
sagen sein Reich und seine Gerechtigkeit (Mt 6,33). Der Friede Gottes
entspricht auch dem einen Notwendigen, von dem Lukas spricht (Lk 10,42).
Wenn sich die Christinnen und Christen in Philippi nach diesem Frieden ausstrecken,
wenn dieser im Zentrum ihrer Bemühungen steht, dann geraten all ihre
anderen Sorgen und Zwistigkeiten an den Rand und verlieren an Bedeutung.
Sie werden relativiert und so wird es den Christinnen dann auch wieder möglich,
sich im Herrn der wieder in den Mittelpunkt gerückt ist
zu freuen (3,1; 4,4).
Die heutige Lesung bietet die gute Gelegenheit, einmal darüber nachzudenken,
wie es um die Gewichtung unserer Sorgen und Interessen steht. Welche nehmen
uns am meisten in Beschlag und rauben uns den Schlaf? Welche stehen im Zentrum,
welche befinden sich am Rand? Spielt der Friede Gottes, also das Reich Gottes
und die ihm entsprechende Gerechtigkeit, in unseren Überlegungen überhaupt
eine Rolle?
Geht es mir beispielsweise bei der zukünftigen Verwendung der Goldreserven
alleine darum, von einem unerwarteten Geldsegen bestmöglich zu profitieren
oder bin ich auch bereit, wenigstens einen Teil an die abzugeben,
die ohnehin immer zu kurz kommen?
Ziehe ich gerade auch im Rückblick auf den Weltgipfel für
nachhaltige Entwicklung in Johannesburg die uneingeschränkte
wirtschaftliche Vormachtstellung vor allem der westlichen Industrienationen
einem fairen und verantwortungsvollen Teilen unserer Ressourcen vor?
Und ist mir im so genannten Kampf gegen den Terrorismus jedes Mittel zur
Sicherung des eigenen Wohlergehens recht, oder liegt mir dabei beispielsweise
auch an der Einhaltung von Menschenrechten?
Literatur: Sheila Briggs, Der Brief an die Gemeinde in Philippi. Die Aufrichtung der Gedemütigten, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, München 21999, 625634. Dale Carnegie, Sorge dich nicht lebe!, Bern 841998. Carolyn Osiek, Philippians. Philemon, (Abingdon New Testament Commentaries), Nashville 2000.
Phil 4,29 lesen. Was könnten die Sorgen der Menschen in Philippi sein, auf die Paulus in 4,6 anspielt?
Mt 6,2534 oder Lk 10,3842 als weitere dem Sorgen gegenüber kritische Texte heranziehen. Wie werden die vielen alltäglichen Sorgen relativiert?
Austausch in Kleingruppen, welche Sorgen uns derzeit beschäftigen. Hätte es auf mich und mein Leben eine Auswirkung, wenn ich dem Bemühen um das Reich Gottes den ihm gebührenden Platz einräumen würde?