38/2002

INHALT

Lesejahr A

Einheit durch Statusverzicht?

Peter Reinl zu Phil 2,1-11

 

Auf den Text zu

Jede und jeder von uns nimmt, ob nun in der Familie, am Arbeitsplatz oder auch in einem Verein, eine bestimmte Stellung ein. Wir alle haben ­ egal ob als Vater, Tochter, Arbeiter, Schüler, Lehrerin...­ am jeweiligen Ort unseren Rang, unseren (mehr oder weniger hohen) Status. Da dies ausnahmslos für alle gilt, erhält unsere Gesellschaft gerade durch die unterschiedlichen Status der Einzelnen ihre Struktur. Jede(r) hat darin ganz selbstverständlich seinen Platz, der eine eher «oben» und die andere eher «unten». So stehen Direktoren und Abteilungsleiterinnen über den Angestellten, Präsidenten über den Mitgliedern und Vater und Mutter sind höher gestellt als Sohn oder Tochter.
Mit dem Status verbindet sich natürlich auch ein bestimmtes Verhalten und Denken. Wer einen hohen Status hat, versucht, diesen (um alles in der Welt) zu halten, wer «unten» ist, will nach «oben». Höhergestellte erfahren eine grössere Wertschätzung; sie sind angesehen, haben mehr Privilegien als Tiefergestellte.
Auch unsere christlichen Gemeinden tanzen hier nicht aus der Reihe, schliesslich verbindet sich auch dort beispielsweise mit dem jeweiligen Amt (Gemeindeleiterin, Pfarrer, Kirchenvorstand, Seelsorgerat usw.) ein gewisser Status. Gottesdienste zeigen dabei oft nur allzu deutlich, wer «oben» und wer «unten» steht.
Für die Gesellschaft im Allgemeinen wie auch für die christliche Gemeinde im Speziellen muss allerdings festgehalten werden, dass sie anscheinend ohne diese von allen akzeptierte Rangordnung weder funktionieren noch überleben können. Sie verdanken ihr ihre Stabilität.
An dieser Stabilität scheint Paulus jedoch nicht interessiert zu sein, wenn er an die Christinnen und Christen in Philippi schreibt und sie dazu auffordert, auf ihren Status zu verzichten.

Mit dem Text unterwegs

Phil 2,1­11 ist Teil einer Mahnrede des Paulus (2,1­18). Der macht sich Sorgen um die Einheit der christlichen Gemeinde in Philippi (vgl. 4,1­3). Daher mahnt er die Christinnen gleich zu Beginn, sie sollten eines Sinnes sein, einander in Liebe verbunden, einmütig und einträchtig (2,2).
Einheit für die christliche Gemeinde könne es nur unter bestimmten Bedingungen geben, die einander erläutern und ergänzen. So sollen Christinnen und Christen

Was Paulus hier von den Männern und Frauen in Philippi fordert, ist unerhört. Denn in einer Gesellschaft mit einem Ehrenkodex, «demzufolge sich jeder entsprechend seinem Status verhalten soll und die Mehrung von Status und Ansehen eine der wichtigsten Triebfedern des Handelns ist () gilt ÐDemutð () als servile, verachtenswerte Gesinnung» (Theissen).
Paulus weiss, was er hier der christlichen Gemeinde in Philippi abverlangt. Deshalb unterstreicht er seine Forderung mit einem Hymnus, der Christus als den besingt, der auf seinen Status verzichtet. Er besitzt anfangs den höchstmöglichen Status: Er ist Gott. Und ausgerechnet als solcher tut er das, was man eigentlich nicht tut: Christus verzichtet auf diesen Status, entäussert und erniedrigt sich. Und als wäre dies nicht genug, wird er nicht nur Mensch, sondern auch noch Sklave und stirbt den schändlichsten aller Tode: den am Kreuz. Gewaltiger kann ein Statusverzicht nicht geschildert werden.
Mit dem Hymnus will Paulus die Philipper motivieren: Wer auf seinen Status verzichtet, der ahmt niemanden Geringeren nach als den Messias Jesus selbst.
Demut hat bei Paulus nichts mit Unterwürfigkeit und eigener Geringschätzung zu tun. Sie umfasst vielmehr die Sorge um die Nächsten sowie den Verzicht auf Ehre und Status. Vor allem aber beruht sie auf Gegenseitigkeit, denn sie wird nicht von den einen gefordert und von den anderen eingehalten. Im Gegenteil: Jeder und jede in der christlichen Gemeinde von Philippi verzichtet auf seinen Status, egal ob Sklavin oder Sklavenhalter, Mann oder Frau, Kind oder Apostel oder Neugetaufte(r). So kann niemand, der auf seinen Status verzichtet, ausgebeutet werden, und es kann auch keinen geben, der andere zum Verzicht auffordert und diese dann als Niedrige «klein hält».
Dass die Christen und Christinnen in Philippi auf ihren Status verzichten können, erklärt sich aus dem zweiten Teil des Hymnus. Beschrieb der erste (VV 6­8) die Abwärtsbewegung Christi, so folgt in VV 9­11 die Bewegung nach oben. Weil Christus auf seinen Status verzichtete, wird er von Gott erhöht, erhält einen Namen, der grösser als alle Namen ist, und wird als Gott eingesetzt.
Indem sich die christliche Gemeinde zum Erhöhten bekennt, hat sie Teil an dessen Würde. So steht dem Verzicht auf Status eine Erhöhung gegenüber, an der alle Christinnen und Christen in Philippi Anteil haben ­ unterschiedslos!

Über den Text hinaus

Für Paulus war klar, dass die christliche Gemeinde in Philippi erst dann zu einer Einheit werden kann, wenn sie das Modell einer «Demut auf Gegenseitigkeit» in die Praxis umsetzt. Dass dies schon zu seiner Zeit schwierig war, zeigt die Notwendigkeit der mahnenden Worte, die er im heutigen Lesungstext an die Philipper richtet.
Bereits zu Beginn des 2. Jahrhunderts bezeugt der erste Clemensbrief, ein Brief der Christengemeinde in Rom an die in Korinth, dass die Gegenseitigkeit der Demut zugunsten einer Einseitigkeit aufgehoben worden ist. Bis dahin war Demut eine vom Status unabhängige Forderung an alle Christinnen einer Gemeinde gewesen. Sie war herrschaftskritisch ­ eine Alternative zur Gesellschaft.
Nun aber werden Gemeindemitglieder zur Demut ermahnt, indem sie zur Unterordnung unter Ranghöhere, also die Gemeindeleiter, aufgefordert werden. Dadurch wird Demut zu einem Wert, der die innerkirchliche Herrschaft stabilisiert.
Daran hat sich bis heute, der Sache nach, nichts geändert. Oder wollte jemand behaupten, Kinder und Männer und Frauen und Gemeindeleiter und Bischöfe hätten in den christlichen Gemeinden gleichermassen auf ihren Status verzichtet?
Paulus aber bleibt dabei: Ohne Nächstenliebe und ohne den Verzicht auf Ehre und Status, also ohne eine «Demut auf Gegenseitigkeit» ist in der christlichen Gemeinde keine Einheit möglich. Leider behält er bis heute damit Recht.

 

Literatur: Gudrun Guttenberger Ortwein, Status und Statusverzicht im Neuen Testament und seiner Umwelt, (NTOA 39), Freiburg (Schweiz)/Göttingen 1999. Gerd Theissen, Die Religion der ersten Christen. Eine Theorie des Urchristentums, Gütersloh 2000 (Zitat: 113).


Er-lesen

Phil 2,1­11 lesen. Inwiefern erfahren die VV 1­5 durch den Hymnus (VV 6­11) eine Vertiefung?

Er-hellen

Unter Verweis auf Phil 4,1­3 auf die gefährdete Einheit in der christlichen Gemeinde in Philippi hinweisen. Was benötigt es nach Paulus, um die Einheit wieder herzustellen?

Er-leben

Austausch über Statusverzicht: Kennen wir Personen, die auf Status verzichteten (z.B. Franz v. Assisi)? Würde sich in der Ortsgemeinde (oder auch im Bibelkreis) etwas verändern, wenn alle auf ihren Status verzichteten? Wenn ja, was?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002