35/2002

INHALT

Lesejahr A

Keine Schulden ausser Liebe

Detlef Hecking zu Röm 13,8-10

 

Auf den Text zu

Eine Bekannte erzählte mir neulich zufrieden, sie habe einen Bankkredit aufgenommen. Sie wolle mit dem Geld Schulden begleichen, die sie bei einigen Menschen habe, und da sie jetzt wieder eine Arbeitsstelle habe, könne sie den Kredit auch regelmässig zurückzahlen. Ich war überrascht: Warum sie ihre Schulden bei Bekannten denn mit einem Bankkredit tilgen wolle? Sie könne ihnen das Geld doch auch nach und nach direkt geben, ohne Umweg über den Bankkredit. Doch genau das wollte sie nicht: Sie wolle ihre Schulden jetzt auf einen Schlag loswerden, sagte sie. Die Beziehungen zu einigen ihrer Gläubiger seien stark belastet, und deshalb wolle sie diese Kontakte jetzt durch Rückzahlung des Geldes möglichst schnell und endgültig hinter sich lassen.
In der Tat: Wer bei jemandem «in der Schuld» steht ­ finanziell oder auch dadurch, dass etwas in der Beziehung nicht bereinigt ist ­, bleibt mit einem Menschen verbunden, auch wenn er oder sie dies nicht mehr will. Und wer sich innerlich wirklich von einem Menschen ablösen möchte, muss erst die Beziehung ins Reine bringen ­ finanziell und auch sonst.
Paulus weiss offenbar gut, wie stark sich solche Abhängigkeiten auf das alltägliche Leben auswirken und wie sehr sie eigenständige, freie Lebensentscheidungen beeinträchtigen können. Äussere und innere Abhängigkeiten waren in der patriarchalen, hierarchischen römischen Sklavenhaltergesellschaft mit ihrem Klientelwesen stark ausgeprägt; der Besitzanspruch reicher Familien auf das Leben und die Arbeitskraft anderer Menschen schränkte die Lebensmöglichkeiten sehr vieler Frauen, Männer und Kinder massiv ein. Wohl gerade deshalb legt Paulus Wert darauf, dass Christinnen und Christen trotzdem so weit wie möglich freie, unabhängige Menschen sind. Niemandem und in keinem Bereich sollen die Römerinnen und Römer etwas schuldig bleiben, weder bei Steuern und Zoll noch bei «Furcht» und «Ehre» gegenüber ihren Herren und Herrschern, wie Paulus im Schlussvers des umstrittenen Abschnitts 13,1­7 fordert. Paulus argumentiert paradox: Dort, wo es möglich ist, sollen die Römerinnen und Römer ihren Verpflichtungen nachkommen, um sich angesichts des bevorstehenden Weltendes (vgl. 13,10­14) nicht in unproduktiven Bindungen und Konflikten zu verstricken. Im Kern christlicher Existenz, in der (Nächsten-)Liebe, stehen sie jedoch sehr wohl bei anderen Menschen in der Schuld ­ auch über die Grenzen der Gemeinde hinaus.

Mit dem Text unterwegs

13,8 schliesst mit dem Stichwort «schuldig sein/bleiben» an das entsprechende Substantiv in 13,7 an. Die griechische Wortfamilie (opheílo/opheilé) wird meist für finanzielle Schulden und damit für Abhängigkeit gebraucht; sie begegnet zum Beispiel auch in den Gleichnissen vom klugen Verwalter (Lk 16,1­8) und vom unbarmherzigen Gläubiger (Mt 18,23­35) sowie im Vaterunser (in Lk 11,4 eindeutiger ökonomisch verstanden als in Mt 6,12). Röm 13,8 überträgt dieses Verständnis nun auf die Liebe (agápe): Alle anderen Rechnungen sollen beglichen und damit möglichst viele Abhängigkeiten gelöst werden. Nur die Liebe ­ in den folgenden Versen als Nächstenliebe charakterisiert ­ bleibt als Bindung bestehen. Sie ist das unlösbare Band, das die Römerinnen und Römer (und auch uns heute) mit der Welt verbindet.
In dieser (Nächsten-)Liebe sieht Paulus die Tora erfüllt (13,8). Der Gedankengang ist somit ein zentrales Mosaikstück in dem grossen Thema, das Paulus im ganzen Römerbrief bewegt: die Gültigkeit der Tora und die Neuformulierung praktischer Lebensregeln angesichts seiner These, dass die Einhaltung der Tora soteriologisch keine zwingende Rolle mehr spielt. Vor diesem Hintergrund laufen für Paulus alle Gebote in der Aufforderung zur Nächstenliebe zusammen, die Paulus am Ende von 13,9 aus Lev 19,18 zitiert. Auffällig ist, dass er in diesem Zusammenhang keines der Jesusworte oder -gleichnisse zur Nächstenliebe anführt. Paulus erweitert die Nächstenliebe auch nicht zum «Doppelgebot», wie Jesus es in Mt 22,39f. tut, sondern zitiert nur aus der so genannten «2. Tafel» des Dekalogs, das heisst aus denjenigen Geboten, die die Beziehungen zu den Mitmenschen regeln (4.­10. Gebot). Kannte er die einschlägigen Jesus-Traditionen nicht ­ oder hielt er es vielleicht sogar für unnötig, sich in einer so selbstverständlichen Frage wie der Nächstenliebe auf ein Jesuswort zu berufen? Schliesslich weiss Paulus bei seinen Ausführungen einen grossen Teil der jüdischen Tradition auf seiner Seite. Indem er die Tora auf die Nächstenliebe und (in 13,10a) auf eine Formulierung zuspitzt, die an die negative Version der «Goldenen Regel» erinnert, trifft er sich inhaltlich zum Beispiel mit dem grossen Rabbi Hillel, der ebenfalls im 1. Jh. n. Chr. lebte: Sowohl zu Hillel wie auch zu Rabbi Schammai war ein provozierender Fragesteller gekommen, der sie aufforderte, die Tora zu erklären, solange er auf einem Bein stehen könne. Während der (strengere) Schammai den Fragenden erbost davonjagte, antwortete Hillel: «Was dir unliebsam ist, das tu auch deinem Nächsten nicht. Dies ist die ganze Tora, das andere ist ihre Auslegung; geh hin und lerne das!» (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat, 31a).

Über den Text hinaus

Das Stichwort «Nächstenliebe» bietet unerschöpfliche Anknüpfungspunkte für die Predigt, zum Beispiel in den Lebenszeugnissen engagierter Christinnen und Christen. Wichtig ist dabei, einen Weg zwischen «Skylla und Charybdis» zu finden: «Liebe» wird einerseits leicht zum Allerweltswort, das nichts Konkretes mehr beinhaltet, andererseits führt(e) verordnete «Liebe» vor allem für Frauen vielfach zu Unterordnung und zum duldenden Ausharren in unerträglichen Lebenssituationen. Einige Zeilen aus dem Gedicht «Ich will dich» von Hilde Domin (zitiert in SKZ 23/2002, S. 351) können dabei helfen, das viel gebrauchte, abgenutzte Wort «aufzurauhen» und ihm so wieder Konturen zu geben. Mögliche Stichworte zur Aktualisierung der Lesung sind:


Er-lesen, Er-hellen, Er-leben

Kann Liebe «geschuldet» werden? Was für Erfahrungen haben Sie mit ­ ausgesprochenen oder unausgesprochenen ­ Erwartungen, sich einem Menschen oder einer Lebenssituation liebend, liebevoll zuzuwenden? Welche Rolle spielen dabei Erziehung, Rollenklischees, gesellschaftliche Veränderungen usw.? Unterscheiden sich die Erfahrungen von Frauen und Männern zu dieser Frage? Austausch in einer Gruppe, in der ein vertrauensvolles Klima besteht.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002