35/2002 | |
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Lesejahr A |
Eine Bekannte erzählte mir neulich zufrieden, sie habe einen Bankkredit
aufgenommen. Sie wolle mit dem Geld Schulden begleichen, die sie bei einigen
Menschen habe, und da sie jetzt wieder eine Arbeitsstelle habe, könne
sie den Kredit auch regelmässig zurückzahlen. Ich war überrascht:
Warum sie ihre Schulden bei Bekannten denn mit einem Bankkredit tilgen wolle?
Sie könne ihnen das Geld doch auch nach und nach direkt geben, ohne
Umweg über den Bankkredit. Doch genau das wollte sie nicht: Sie wolle
ihre Schulden jetzt auf einen Schlag loswerden, sagte sie. Die Beziehungen
zu einigen ihrer Gläubiger seien stark belastet, und deshalb wolle
sie diese Kontakte jetzt durch Rückzahlung des Geldes möglichst
schnell und endgültig hinter sich lassen.
In der Tat: Wer bei jemandem «in der Schuld» steht finanziell
oder auch dadurch, dass etwas in der Beziehung nicht bereinigt ist ,
bleibt mit einem Menschen verbunden, auch wenn er oder sie dies nicht mehr
will. Und wer sich innerlich wirklich von einem Menschen ablösen möchte,
muss erst die Beziehung ins Reine bringen finanziell und auch sonst.
Paulus weiss offenbar gut, wie stark sich solche Abhängigkeiten auf
das alltägliche Leben auswirken und wie sehr sie eigenständige,
freie Lebensentscheidungen beeinträchtigen können. Äussere
und innere Abhängigkeiten waren in der patriarchalen, hierarchischen
römischen Sklavenhaltergesellschaft mit ihrem Klientelwesen stark ausgeprägt;
der Besitzanspruch reicher Familien auf das Leben und die Arbeitskraft anderer
Menschen schränkte die Lebensmöglichkeiten sehr vieler Frauen,
Männer und Kinder massiv ein. Wohl gerade deshalb legt Paulus Wert
darauf, dass Christinnen und Christen trotzdem so weit wie möglich
freie, unabhängige Menschen sind. Niemandem und in keinem Bereich sollen
die Römerinnen und Römer etwas schuldig bleiben, weder bei Steuern
und Zoll noch bei «Furcht» und «Ehre» gegenüber
ihren Herren und Herrschern, wie Paulus im Schlussvers des umstrittenen
Abschnitts 13,17 fordert. Paulus argumentiert paradox: Dort, wo es
möglich ist, sollen die Römerinnen und Römer ihren Verpflichtungen
nachkommen, um sich angesichts des bevorstehenden Weltendes (vgl. 13,1014)
nicht in unproduktiven Bindungen und Konflikten zu verstricken. Im Kern
christlicher Existenz, in der (Nächsten-)Liebe, stehen sie jedoch sehr
wohl bei anderen Menschen in der Schuld auch über die Grenzen
der Gemeinde hinaus.
13,8 schliesst mit dem Stichwort «schuldig sein/bleiben»
an das entsprechende Substantiv in 13,7 an. Die griechische Wortfamilie
(opheílo/opheilé) wird meist für finanzielle Schulden
und damit für Abhängigkeit gebraucht; sie begegnet zum Beispiel
auch in den Gleichnissen vom klugen Verwalter (Lk 16,18) und vom unbarmherzigen
Gläubiger (Mt 18,2335) sowie im Vaterunser (in Lk 11,4 eindeutiger
ökonomisch verstanden als in Mt 6,12). Röm 13,8 überträgt
dieses Verständnis nun auf die Liebe (agápe): Alle anderen Rechnungen
sollen beglichen und damit möglichst viele Abhängigkeiten gelöst
werden. Nur die Liebe in den folgenden Versen als Nächstenliebe
charakterisiert bleibt als Bindung bestehen. Sie ist das unlösbare
Band, das die Römerinnen und Römer (und auch uns heute) mit der
Welt verbindet.
In dieser (Nächsten-)Liebe sieht Paulus die Tora erfüllt (13,8).
Der Gedankengang ist somit ein zentrales Mosaikstück in dem grossen
Thema, das Paulus im ganzen Römerbrief bewegt: die Gültigkeit
der Tora und die Neuformulierung praktischer Lebensregeln angesichts seiner
These, dass die Einhaltung der Tora soteriologisch keine zwingende Rolle
mehr spielt. Vor diesem Hintergrund laufen für Paulus alle Gebote in
der Aufforderung zur Nächstenliebe zusammen, die Paulus am Ende von
13,9 aus Lev 19,18 zitiert. Auffällig ist, dass er in diesem Zusammenhang
keines der Jesusworte oder -gleichnisse zur Nächstenliebe anführt.
Paulus erweitert die Nächstenliebe auch nicht zum «Doppelgebot»,
wie Jesus es in Mt 22,39f. tut, sondern zitiert nur aus der so genannten
«2. Tafel» des Dekalogs, das heisst aus denjenigen Geboten,
die die Beziehungen zu den Mitmenschen regeln (4.10. Gebot). Kannte
er die einschlägigen Jesus-Traditionen nicht oder hielt er es
vielleicht sogar für unnötig, sich in einer so selbstverständlichen
Frage wie der Nächstenliebe auf ein Jesuswort zu berufen? Schliesslich
weiss Paulus bei seinen Ausführungen einen grossen Teil der jüdischen
Tradition auf seiner Seite. Indem er die Tora auf die Nächstenliebe
und (in 13,10a) auf eine Formulierung zuspitzt, die an die negative Version
der «Goldenen Regel» erinnert, trifft er sich inhaltlich zum
Beispiel mit dem grossen Rabbi Hillel, der ebenfalls im 1. Jh. n. Chr. lebte:
Sowohl zu Hillel wie auch zu Rabbi Schammai war ein provozierender Fragesteller
gekommen, der sie aufforderte, die Tora zu erklären, solange er auf
einem Bein stehen könne. Während der (strengere) Schammai den
Fragenden erbost davonjagte, antwortete Hillel: «Was dir unliebsam
ist, das tu auch deinem Nächsten nicht. Dies ist die ganze Tora, das
andere ist ihre Auslegung; geh hin und lerne das!» (Babylonischer
Talmud, Traktat Schabbat, 31a).
Das Stichwort «Nächstenliebe» bietet unerschöpfliche Anknüpfungspunkte für die Predigt, zum Beispiel in den Lebenszeugnissen engagierter Christinnen und Christen. Wichtig ist dabei, einen Weg zwischen «Skylla und Charybdis» zu finden: «Liebe» wird einerseits leicht zum Allerweltswort, das nichts Konkretes mehr beinhaltet, andererseits führt(e) verordnete «Liebe» vor allem für Frauen vielfach zu Unterordnung und zum duldenden Ausharren in unerträglichen Lebenssituationen. Einige Zeilen aus dem Gedicht «Ich will dich» von Hilde Domin (zitiert in SKZ 23/2002, S. 351) können dabei helfen, das viel gebrauchte, abgenutzte Wort «aufzurauhen» und ihm so wieder Konturen zu geben. Mögliche Stichworte zur Aktualisierung der Lesung sind:
Kann Liebe «geschuldet» werden? Was für Erfahrungen haben Sie mit ausgesprochenen oder unausgesprochenen Erwartungen, sich einem Menschen oder einer Lebenssituation liebend, liebevoll zuzuwenden? Welche Rolle spielen dabei Erziehung, Rollenklischees, gesellschaftliche Veränderungen usw.? Unterscheiden sich die Erfahrungen von Frauen und Männern zu dieser Frage? Austausch in einer Gruppe, in der ein vertrauensvolles Klima besteht.