33-34/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
In den «Chassidischen Erzählungen», die Martin Buber
gesammelt hat, findet sich folgende Geschichte (S. 425f.):
«Einer erbat von Rabbi Schlomo von Karlin das Versprechen, ihn am
kommenden Tag zu besuchen. ÐWie kannst duð, sagte der Zadik, Ðvon
mir ein Versprechen begehren? Heute muss ich zu Abend beten und ÐHöre
Israelð sprechen, da begibt sich meine Seele an den Rand des Lebens;
dann kommt das Dunkel des Schlafs; und in der Frühe das grosse Morgengebet,
das ist ein Schreiten durch alle Welten, und endlich das Aufs-Angesicht-fallen,
da neigt sich die Seele über den Rand des Lebens. Vielleicht werde
ich auch dieses Mal noch nicht sterben; aber wie soll ich dir versprechen,
etwas nach dem Gebet zu tun?ð».
Die Geschichte illustriert gut, welch existentielle Bedeutung einem Gebet
im Judentum zugesprochen werden kann. Was wir vielleicht zum Beispiel
bei einem touristischen Blick auf die Jerusalemer Klagemauer nur als
kuriose Körperbewegungen wahrnehmen, kann auch äusseres Zeichen
für tiefste innere Erregung sein.
Der Jude und Völkerapostel Paulus steht in dieser Tradition: Intensive,
ekstatische Gebete haben bei ihm durchaus ihren Platz jedenfalls dann,
wenn sie für andere sinnvoll gedeutet werden können (vgl. 1 Kor
14,2633). Und wenn das Leben durch Abgründe geht, geht das Gebet
mit.
Solche Abgründe und innerste Erregung hat Paulus in Röm 911
selbst durchlitten, wenn er jetzt in 11,33 zum grossen Schlussgebet ansetzt.
Schliesslich stand in den vorangegangenen Kapiteln nichts Geringeres auf
dem Spiel als die heilsgeschichtliche Bedeutung der Erwählung Israels
angesichts der «Gründung eines neuen Gottesvolkes» (J.
Taubes, vgl. SKZ 3132/2002, S. 448). Wie tief Paulus diese Frage bewegt,
zeigt sich unter anderem daran, dass er jeden der drei Unterabschnitte mit
einer persönlichen, emotionalen Bemerkung eröffnet (9,15;
10,1; 11,1). Jetzt hat Paulus den Gedankengang zu Ende gebracht, das komplexe
Problem auf jedenfalls für ihn selbst einigermassen zufriedenstellende
Weise gelöst. Und so setzt er nun zum erlösenden Gebet an, obwohl
ja schon 8,38f. einen stark hymnischen Charakter hatten.
Röm 11,3336 beginnt mit einem kleinen Übersetzungsproblem:
Das erste Wort des Gebetes (gr. báthos, wenn man vom staunenden Gebetsanruf
absieht, der den Text einleitet) kann «Tiefe» im neutralen oder
positiven Sinn, aber auch einen erschreckenden, Schaudern erregenden «Abgrund»
bedeuten (so z.B. in Ps 68,3.15). Welche Assoziation schwingt für Paulus
in 11,33 wohl mit? Die Antwort hat Auswirkungen auf das Gottesbild, das
im Gebet anklingt, und auf seine Bedeutung als Abschluss von Röm 911.
Mir scheint (mit F. Stier, aber gegen die meisten anderen Übersetzungen)
der «Abgrund» angemessener: Die schwierigen inhaltlichen Fragen
in Röm 911 gerieten Paulus zum kaum lösbaren Ernstfall seiner
Theologie. Gerade deshalb betont ja das ganze Gebet die Grösse und
Undurchschaubarkeit Gottes. Eine Übersetzung mit «Abgrund»
bringt mehr von diesen offenen Fragen und der Sperrigkeit des Themas zum
Ausdruck. «Tiefe» könnte allzu glatt und einfach verstanden
werden.
Paulus sieht den Abgrund/die Tiefe in «Reichtum», «Weisheit»
(sophía) und «Erkenntnis» (gnósis) Gottes. Gott
allein weiss, wie Israel, das entstehende Christentum und die Welt am Ende
gemeinsam zum Heil kommen werden. Das Gebet beginnt so mit dem Bekenntnis,
dass die Menschen Gottes Ratschluss nicht ergründen können. Einen
ähnlich skeptischen (oder realistischen?) Ton schlägt auch die
dritte Strophe in «Salomos» Gebet um Weisheit in Weish 9,1319
an, das nur einige Jahrzehnte vor dem Römerbrief entstanden sein dürfte.
Wenn man denselben Sachverhalt (die Abgründigkeit oder Unerklärlichkeit
Gottes) weniger fromm ausdrückt, landet man bei einem auch heute weit
verbreiteten Grundgefühl: Der sichtbare Lauf der Welt lässt viele
Fragen offen, folgt keiner erkennbaren Gesetzmässigkeit und lässt
sich nicht auf einen Nenner bringen.
Die rhetorischen Fragen, die Paulus in V. 34.35a. stellt, sind natürlich
negativ zu beantworten. Paulus zitiert hier zum Teil aus Jes 40,13 und Ijob
15,8.
V. 35 nimmt indirekt auf die inhaltlichen Fragen aus Röm 911 Bezug:
Da niemand von den Menschen weder Juden noch Juden- oder Heidenchristen
oder überhaupt irgendjemand Gott etwas gegeben hat, bevor er/sie
selbst empfangen hat, hat auch niemand Anspruch auf irgendeine Vergeltung
von Gott
So sind alle gemeinsam auf Gottes Erbarmen angewiesen (vgl. 11,32).
V. 36 hat verschiedene Parallelen im NT (1 Kor 8,6; Eph 4,6; Kol 1,16f.;
Hebr 2,10). Da sich die Parallelstellen auf Christus beziehen, ist der Vers
früher gelegentlich christologisch gedeutet worden. Dazu gibt es jedoch
keinerlei Anlass, die Aussagen in V. 36 beziehen sich auf Gott. Auffallend
ist jedoch umgekehrt, dass Aussagen, die Paulus und die jüdische Tradition
über Gott macht, ganz ähnlich auf Christus übertragen werden
können. Im Kolosser-Hymnus beispielsweise ist das Bindeglied zwischen
Gott und Christus die Weisheits-Theologie: Die Schöpfungsmittlerschaft
der Sophia wird in verschiedenen biblischen Schriften thematisiert (z.B.
Sir 24; Weish 8,4; 9,2) und wurde im frühen Christentum auf Jesus übertragen.
Interessante Parallelen hat V. 36 jedoch auch in der hellenistischen Literatur.
Marc Aurel preist in seinen Selbstgesprächen zum Beispiel die Natur:
«Aus dir kommt alles, in dir ist alles, zu dir hin geht alles»
(4,23). Falls Paulus Röm 11,36 bewusst oder unbewusst in
Anlehnung an solche Parallelen formuliert hat, hat er ihn «getauft»,
indem er ihn auf Gott bezogen hat.
Indem Röm 11,3336 ausgerechnet Röm 911 abschliesst,
ist es ein stark kontextbezogenes Gebet. Wird es aus der inneren Erregung
des Paulus gelöst, verliert es an Eindringlichkeit und wird zu einem
fast schöngeistig-skeptischen Text.
Diese Beobachtung kann dabei helfen, Gebete nicht zu leicht zu nehmen. Gebetsanreden
wie «Unergründlicher», «Ferner» oder «Fremder
Gott», die im Zusammenhang des paulinischen (oder eines anderen, ähnlich
existentiellen) Gebetes am Platz wären, wirken vielleicht im ersten
Moment irritierend, aber sie treffen die Gotteserfahrung vieler Menschen
und können dabei helfen, auch die Gebetsinhalte und die Gebetssprache
selbst in ehrlichere, alltagsnahe Bahnen zu lenken.
Man kann die Rede von den «Tiefen» oder «Abgründen»
Gottes übrigens auch banalisieren: Wer immerfort davon spricht, dass
alles Mögliche ein «Geheimnis» oder «Mysterium»
sei, hat zwar sicher immer recht, macht sich die Sache aber auch zu einfach.
Literatur: Ulrich Wilckens, Der Brief an die Römer. Röm 611, (EKK VI/2), Zürich 1980.
Röm 11,3336 in unterschiedlichen Sprechstilen vortragen: getragen, erregt, dramatisch, philosophisch, jubilierend, resignierend...
Welcher Sprechstil ist mir für diesen Text am nächsten, was passt zu meinen Lebens- und Glaubenserfahrungen? Warum? Austausch.
Röm 911 gründlich lesen, diskutieren. Dann zum Abschluss noch einmal das Gebet in 11,3336 lesen: Wie klingt es jetzt?
In einer Wohngemeinschaft in der Ruelle de la Rosière in Freiburg,
in der schon viele Generationen Studierender miteinander gekocht, gearbeitet,
gelebt, diskutiert und Feste gefeiert haben, hat einer der Bewohner vor
Jahren eine eindrückliche Visitenkarte hinterlassen. Über den
Eingang seines Zimmers hat er gross die griechischen Worte mh suschmatizesqe
(me sys-chematízeste) geschrieben. Seitdem sind dies die Worte, die
ich am besten aus dem NT auf Griechisch auswendig kenne. Gelernt habe ich
sie nicht in einer Vorlesung oder dem «Nestle-Aland», sondern
in der Diele gegenüber der Wohngemeinschafts-Küche. mh suschmatizesqe
ist ein Zitat aus Röm 12,2: «Gleicht euch nicht [dieser Weltzeit]
an!»
Es gibt schlechtere Sätze, die man als Kurzzusammenfassung der biblischen
Schriften auswählen könnte. Die wenigen Buchstaben enthalten zwar
keine grosse Dogmatik und keine spekulative Theologie. Stattdessen verweisen
sie jedoch auf den Bereich, an dem sich nach Mt 25 alles entscheidet, der
in der Theologie aber notorisch zu kurz kommt: auf die Praxis, auf konkrete
Alltagsentscheidungen in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Beruf, auf
Zusammenleben in Wohngemeinschaft, Partnerschaft und Familie.
mh suschmatizesqe dieser Satz ist aber auch interpretationsbedürftig.
«Gleicht euch nicht dieser Weltzeit an», das bedeutet für
die einen «Ja zum Leben» und für die anderen «Nein
zur Globalisierung», für die Nächsten Konzentration auf
Innerlichkeit und Gebet und für wieder andere ewiges Herummäkeln
an allem Schönen und Genussvollen, ja für Einzelne sogar Rückzug
und totale Absonderung, weil diese Welt sowieso zum Scheitern und zum Untergang
verurteilt sei. Ist es überhaupt möglich, zu einer halbwegs gemeinsamen
Interpretation zu kommen, was mh suschmatizesqe bedeuten soll selbst
in der Kirche? Und: Ist eine gemeinsame Interpretation überhaupt wünschenswert
oder nötig?
Mit 12,1 beginnt der zweite grosse Teil des Römerbriefes, die «Paränese»
(12,115,13), in der Paulus den Römerinnen und Römern Hilfen
und Richtlinien für ein gutes Zusammenleben vermitteln will. Dabei
hat er ein grundsätzliches Problem. Bisher hatte Paulus ja seitenlang
argumentiert, dass und warum die Tora, das jüdische Gesetz mit allen
seinen hilfreichen Lebensregeln und Geboten, für die Römerinnen
und Römer nicht mehr relevant sei jedenfalls im Blick auf ihr
existentielles Heil. Andererseits ist Paulus kein Freund von Zügellosigkeit:
Einigermassen ordentlich soll es ja schon zugehen in den Gemeinden, auch
wenn die Gebote nicht mehr absolut gelten... (vgl. 1 Kor 14,33). Und einen
offenen Zusammenstoss mit dem gesellschaftlichen Umfeld, zum Beispiel mit
den «Besitzern» der römischen Christinnen und Christen,
die ja zu einem erheblichen Teil Sklaven waren, will Paulus auch nicht riskieren.
Er muss also zur Begründung und Konkretisierung neuer Lebensregeln
kommen, ohne die Freiheit und Gleichheit, die er allen Menschen in Christus
geschenkt sieht (vgl. Gal 5,1; 3,2628), in Frage zu stellen und
das in einer stark hierarchisch und patriarchal geprägten Gesellschaft.
Darum bemüht er sich ernsthaft und zumindest etwas erfolgreicher als
viele seiner Nachfolger. Die sehr traditionellen «Haustafeln»
beispielsweise, die zur zeitgenössischen Familienethik gehörten
und Frauen, Kinder und Sklaven in ihren untergeordneten Rollen festschrieben,
verwendet Paulus nicht. Sie begegnen erst in pseudepigraphischen Briefen
(z.B. Kol 3,184,1, vgl. SKZ 5152/2001, 735).
Röm 12,1f. enthält zwei grundlegende Gedankengänge: Anstelle
Opfergaben in die Tempel zu bringen (das Opfer in römischen Tempeln
ist für Paulus sowieso verpönt, doch auch das Opfer in Jerusalem
gehört für ihn nicht mehr zum Kern religiösen Lebens), sollen
Christinnen und Christen sich mit ihrem Leib Gott darbringen (12,1). Was
Paulus darunter versteht, illustriert zum Beispiel 1 Kor 6,1220.
12,2 enthält den zweiten Gedankengang: die Warnung, sich an «diese
Weltzeit» (aión) anzugleichen (gr. sys-chematizo). Das griechische
Wort hat mit dem Fremdwort «Schema» zu tun, Christinnen und
Christen sollen also nicht nach demselben Schema denken, leben, «funktionieren»
wie andere Menschen, sich nicht in dasselbe Schema pressen (lassen). Paulus
verbindet damit die Aufforderung, sich «umgestalten» zu lassen
(EÜ: «wandeln», gr. metamorphóomai, vgl. das Fremdwort
«Metamorphose») und das eigene Denken ständig zu erneuern
und auf Gott auszurichten. Damit gibt Paulus ein anspruchsvolles Programm
für die folgenden Paränese-Kapitel vor. Es scheint jedoch, als
schrecke er vor seinem eigenen Mut zurück. Denn schon im nächsten
Vers meint er seine Hörerinnen und Leser davor warnen zu müssen,
jetzt allzu kühne Pläne zu schmieden (12,3). Wo kämen wir
und die Gemeinden damals denn hin, wenn plötzlich die Sklaven
ihre Freiheit und die Armen ihr Recht fordern würden...?
Eine Predigt zu Röm 12,1f. könnte verschiedene Akzente setzen:
Literatur: Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, München 1951; Maria Lopez Vigil, Oscar Romero. Ein Porträt aus tausend Bildern, Luzern 1999.
«Gleicht euch nicht dieser Weltzeit an» auf ein Plakat schreiben und zunächst ein schriftliches «stummes Gespräch» führen, dann diskutieren: Was bedeutet das in unserem Umfeld (politische Gemeinde, Pfarrei...)?
Was bedeutet es für Paulus? Die Paränese in Röm 12,115,13 am Stück lesen. Hält er sein grosses Programm aus 12,1f. durch?
Handlungsmöglichkeiten für die eigene «Nicht-Angleichung» skizzieren, Verbündete suchen. Christinnen und Christen sind nicht die einzigen, die in kritischer Distanz zu Zeit und Welt stehen!