29-30/2002

INHALT

Lesejahr A

Wer gehört zu Gottes Lieblingen?

Detlef Hecking zu Röm 8,28-30

 

Auf den Text zu

Wenn Politiker in der Fernseh-«Arena» aufeinander losgehen und behaupten: «Aber Herr Kollege, Sie wissen doch genauso gut wie ich, dass...», ist Vorsicht geboten: Wird da wirklich eine allseits bekannte Tatsache referiert ­ oder geht es nicht vielmehr darum, einer durchaus begründeten Gegenposition rhetorisch den Boden unter den Füssen wegzuziehen?
Auch in dem kleinen Abschnitt, der die Sommer-Lesereihe aus Röm fortsetzt, operiert Paulus mit ­ vermeintlichen ­ Selbstverständlichkeiten: «Wir wissen doch, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum Guten zusammenwirkt» (8,28). Wissen wir das wirklich? Sicher, es gibt ausgemachte Glückskinder, die immer auf die Füsse fallen und selbst aus schweren Krisen gestärkt hervorgehen. Josef im Ersten Testament ist das beste biblische Beispiel für dieses Phänomen. Doch es gibt auch das Gegenteil, und das wissen die biblischen Schriften genauso gut wie wir heute. Tobit in der gleichnamigen Erzählung gehört beispielsweise zu den biblischen Unglücksraben: Er liebt Gott, lebt im Einklang mit der Tora, wo er nur kann ­ und gerät trotzdem immer tiefer ins Unglück (vgl. Tob 1­2), zunächst jedenfalls. Verschiedene Weisheitsschriften reflektieren dieses Problem genauso wie zahlreiche Psalmen (z.B. Koh 8,12­14 und Ps 10). Späte biblische Schriften ­ zum Beispiel die Makkabäerbücher, das Buch der Weisheit und die Schriften des Neuen Testamentes ­ lösen das Problem auf ihre Weise: Sie postulieren, dass ein Scheitern im irdischen Leben kein Scheitern vor Gott bedeuten muss. Gottes ausgleichende Gerechtigkeit gehe vielmehr weit über das irdische Leben hinaus (z.B. 2 Makk 7; Weish 2­5; Lk 16,19­31). Doch im irdischen Leben sind Gerechtigkeit und Frömmigkeit kein Garant für Wohlergehen. Gott wirkt eben gerade nicht alles zum Guten zusammen, nicht einmal bei denen, die ihn lieben. Wohlergehen und Unglück sind im Leben oft höchst zufällig, manchmal sogar stossend «ungerecht» verteilt.

Mit dem Text unterwegs

Paulus behauptet in Röm 8,28 trotzdem das Gegenteil. Als Begründung entwickelt in V. 29f. einen so genannten «Kettenschluss», ein beliebtes Argumentationsmuster der antiken Philosophie, dessen Beweiskraft freilich schon damals höchst umstritten war: Aus A folgt B, aus B folgt C, aus C folgt D und so weiter (vgl. z.B. auch Röm 5,3­5 und Weish 6,17­20). Die einzelnen Glieder des Gedankengangs werden dabei nicht in vertiefter Argumentation entwickelt, sondern nur als Behauptungen aneinander gereiht ­ das Ergebnis, das letzte Glied der Argumentationskette, gilt trotzdem als bewiesen. Das hermeneutische Problem eines solchen Kettenschlusses liegt darin, dass mit jedem neuen Glied der Argumentationskette nur einer von vielen möglichen Schlüssen gezogen und als selbstverständlich deklariert wird. So findet eine Komplexitätsreduktion statt, die Plausibilität suggeriert, wo eigentlich Fragen formuliert und gründlich diskutiert werden müssten. Sind die Gedanken des Paulus in Röm 8,28­30 also nur fromme Behauptungen, die mehr der Seelenberuhigung dienen als einer echten Lebensbewältigung?
Der Schlüssel zum Verständnis des Abschnitts liegt in der Frage, was Paulus eigentlich genau meint, wenn er betont, dass Gott bei denen, die ihn lieben, alles zum «Guten» zusammenwirke (Paulus verwendet das griechische Verb synergéo, das als Fremdwort «Synergie» in den letzten Jahren in Mode gekommen ist; die EÜ gibt es etwas blass mit «führen zu» wieder). Glück, Wohlstand und Ähnliches kann Paulus nämlich kaum im Blick haben. Dafür hatte er wenige Verse zuvor die endzeitliche Not-Situation der Adressaten/Adressatinnen und die «Leiden dieser Zeit» allzu deutlich beleuchtet (vgl. 8,18­27). V. 29 gibt einen Hinweis, wie das «Gute» zu verstehen ist: Ziel des Lebens der Auserwählten ist die «Gleichgestalt mit dem Bild seines [Gottes] Sohnes, damit er sei: Erstgeborener unter vielen Brüdern»; die Schwestern sind im Sinne einer inklusiven Sprache natürlich im Gottesdienst mitzulesen. «Gleichgestalt mit dem Bild seines Sohnes» (die EÜ übersetzt verbal: «an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilhaben») ­ das bedeutet: Wir müssen in den Text all das hineinlesen, was wir vom Leben Jesu wissen; Christinnen und Christen sind aufgerufen, ihre Lebenspraxis dem Leben Jesu anzugleichen. Dazu gehören Offenheit für das nahe herangekommene, ja schon heute erfahrbare Gottesreich, Gemeinschaft über Grenzen hinweg und auch mit denen, die sonst ausgeschlossen bleiben, Widerstand gegen die Götzen der eigenen Zeit, Einstehen für eine aufrichtige Religiosität und gegen Religionsverwalter, die mehr der Macht des Systems und ihrem eigenen Ansehen als dem lebendigen Gott und dem Wohl der Menschen verpflichtet sind ... Jesus wird in dieser Lesart zum (brüderlichen, nicht hierarchischen!) Erstgeborenen unter den neuen Menschen, zum sichtbaren Zeichen für eine neue Schöpfung. Dieser Weg ist jedoch nicht nur gemütlich und mit guten Posten gepflastert, er kann bisweilen zu Scheitern und Tod führen ­ aber auch zu der Erfahrung, dass der Tod das Leben nicht besiegen kann. «Gleichgestalt mit dem Bild seines Sohnes» heisst also auch: Teilhabe an Tod und Auferstehung Jesu, freilich nicht abstrakt, sondern konkret in diesem ­ und im nächsten ­ Leben. So bezeichnet es Paulus im letzten Glied des «Kettenschlusses» (8,30) auch als Ziel menschlichen Lebens, «verherrlicht» zu werden (gr. doxázo, vgl. das Substantiv dóxa) ­ teilzuhaben an Gottes eigener Schönheit und Kraft, die Jesus als erster Mensch erfahren hat.
Röm 8,28­30 bleibt trotzdem problematisch. Die Ausgangsthese in 8,28 ist selbst für Paulus so riskant, dass er sie sofort mit einem zusätzlichen Gedanken einschränkt: Nicht einfach bei allen, die Gott lieben, wirke Gott alles zum «Guten» zusammen, sondern nur bei «denen, die nach Vorbestimmung berufen sind» (8,28). Damit handelt Paulus sich jedoch ein neues Problem ein: Hat Gott etwa besondere Lieblinge? Was ist mit denen, die Gott zwar auch lieben, die aber nicht vorherbestimmt sind? Besondere Brisanz gewinnen diese Fragen im Blick auf die folgenden Kapitel 9­11 in Röm: Dort wird Paulus sich damit auseinander setzen, warum ausgerechnet die meisten Jüdinnen und Juden, Gottes besonders auserwähltes Volk, Jesus nicht als Messias akzeptiert haben. Auch hier sieht Paulus den einzigen Ausweg im Gedanken der Prädestination: Gott selbst habe es so bestimmt. Das löst das Problem zwar nicht, verlagert es aber in Gott selbst hinein ­ und entzieht es damit letztlich der Diskussion. Das paulinische Gottesbild stösst hier an Grenzen, und mit ihm auch die Argumentation. Es bleibt den Leserinnen und Hörern überlassen zu entscheiden, für wie plausibel sie die Ausführungen des Paulus halten. Helfen kann vielleicht der Hinweis, dass Paulus beansprucht, mit dem Blick des Apokalyptikers hinter die äussere Fassade der Welt und unter die Oberfläche der Dinge zu schauen: Er enthüllt, deckt auf (das gerade heisst ja apokályto/apokaly ´psis, vgl. SKZ 27­28/2002, 416), was er für Gottes Ratschluss hält. Diese Enthüllungen zu teilen bleibt dem Glauben vorbehalten; im strengen Sinn beweisen kann Paulus sie nicht.

Über den Text hinaus

Der Text bietet zahlreiche Ansatzpunkte für Predigt und Aktualisierung, gerade beim Motiv der Vorbestimmung, das für viele Menschen zu den offenen Fragen des Glaubens gehört. Augustinus und Calvin haben das Thema ausgiebig diskutiert; die moderne deutschsprachige Theologie behandelt es auffallend wenig. Das zweibändige «Handbuch der Dogmatik» streift es beispielsweise nur aus theologiegeschichtlicher Perspektive. Zu einfach sollte man es sich mit Röm 8,28­30 nicht machen: Die Prädestinationslehre wirft oft mehr Fragen auf als sie beantwortet und konnte schon in der Vergangenheit nur schwer gegen zahlreiche Anfragen verteidigt werden. So wäre zum Beispiel niemandem damit geholfen, wenn etwa der Flugzeugabsturz am Bodensee mit Prädestination erklärt würde, wobei Gott sich eines tragischen Zusammenspiel aus Technik und menschlichem Versagen bedient hätte.

 

Literatur: Theodor Schneider (Hrsg.), Handbuch der Dogmatik, 2 Bände, Düsseldorf 1992.


Er-hellen

Auf einem Plakat ein «stummes Gespräch» zum Thema Vorherbestimmung führen: Gedanken, Assoziationen, Meinungen aufschreiben, aufeinander reagieren.

Er-lesen

Röm 8,28­30 lesen, diskutieren, auf das Gottesbild und Plausibilität hin hinterfragen.

Er-leben

Ein Rollenspiel durchführen: Einige Personen übernehmen die Rolle Gottes, andere die der Menschen. «Gott» versucht, die Vorherbestimmung zu begründen und gegen die Fragen und Einwände der Menschen zu verteidigen.


Das Vermächtnis des Jacob Taubes

Detlef Hecking zu Röm 8,31-39

 

Auf den Text zu

Im Juni 1986 reichte der jüdische Philosoph Jacob Taubes (1923­1987) in einer Berliner Apotheke ein Rezept ein. Der Apotheker entzifferte den Namen und vergewisserte sich: «Heissen Sie Paulus?» Darauf Taubes: «Eigentlich ja, aber auf dem Rezept steht Taubes.»
Diese Anekdote illustriert, wie sehr sich Jacob Taubes mit dem Völkerapostel geistesverwandt fühlte. Dies ist jedoch alles andere als selbstverständlich. Denn so sehr manche Jüdinnen und Juden in den letzten Jahrzehnten ihren «Bruder Jesus» (Schalom Ben-Chorin) ins Judentum zurückgeholt haben, so tief wird der Graben meistens bei Paulus. Wo der historische Jesus als charismatischer Wanderrabbi der eigenen, jüdischen Tradition gedeutet werden kann, ja sogar muss, gilt Paulus oft als Abtrünniger, der den Weg von der Synagoge zur Ecclesia bereitet hat. Selbst Schalom Ben-Chorin, der Vorreiter des jüdisch-christlichen Dialogs im deutschsprachigen Raum, betonte, «dass mich bei aller Verbundenheit (...) das Entscheidende von Paulus trennt» ­ und meinte damit das Damaskus-Erlebnis sowie die «Auflösung des Gesetzes durch Christologie».
Umso bedeutender sind die (nach Tonband-Protokollen herausgegebenen) Paulus-Vorlesungen von Jacob Taubes. Taubes hielt sie im Februar 1987 in einem auserlesenen Heidelberger Studienzirkel. Da er bereits schwer erkrankt war und mit seinem Tod rechnete, entschloss er sich, sein ursprünglich geplantes Thema zugunsten von Römerbrief-Vorlesungen aufzugeben, in denen er sein geistiges Vermächtnis sah. So «kommt der kleine Jacob Taubes und tritt ein in das Geschäft der Heimholung des Ketzers, weil ich ihn [Paulus], das ist nun meine persönliche Sache, jüdischer empfinde als jeden Reformrabbiner ­ oder liberalen Rabbiner, den ich in Deutschland, England, Amerika, Schweiz oder irgendwo gehört habe» (Zitat J. T.). In den Heidelberger Vorlesungen und Diskussionen schlägt Taubes einen grandiosen, anspruchsvollen geistesgeschichtlichen Bogen von Paulus über Marcion zu Walter Benjamin. Zunächst verwurzelt er Paulus jedoch anhand einer kursorischen Lektüre des Römerbriefes tief im Judentum und kommt dabei zu zahlreichen Erkenntnissen, die quer und äusserst anregend zur traditionellen christlichen Röm-Exegese stehen.

Mit dem Text unterwegs

Die Lektüre von Röm 8,31ff. (der Lesungstext setzt leider erst mit V. 35 ein und lässt das Zitat aus Ps 44,23 in V. 36 aus) unterbricht Taubes immer wieder, um eine einzige Frage zu stellen: Wer will Paulus und die Römer/Römerinnen denn eigentlich von der Liebe Gottes trennen, dass sich der Völkerapostel so eindringlich dagegen zur Wehr setzt? Warum fühlt sich Paulus derart unter Anklage, dass er sich mit dem Verweis auf die alles überwindende Liebe Gottes rechtfertigen muss?
Taubes lässt die Frage offen. An anderer Stelle weist er jedoch nachdrücklich darauf hin, wie unsicher sich Paulus gegenüber den judenchristlichen Autoritäten in Jerusalem fühlte: Nicht einmal bei der Kollekte, die er in seinen (heidenchristlichen) Gemeinden gesammelt hatte, konnte Paulus sicher sein, dass sie von den Jerusalemer Autoritäten angenommen würde. Das Geld könnte auch zurückgewiesen werden, um die Heidenmission nicht zu legitimieren. Paulus hat also Angst vor seinem geplanten Besuch in Jerusalem (vgl. Röm 15,25­33); er fürchtet um sein Lebenswerk, die gesetzesfreie Heidenmission. Die Angst ist berechtigt: Es ist ja gerade dieser Besuch in Jerusalem, der zu seiner Verhaftung im Tempel (vgl. Apg 21), zu seiner langen Gefangenschaft und letztlich zu seiner Hinrichtung in Rom führte. Gegen die Definitionsmacht der judenchristlichen Kreise kam Paulus nur schwer an. Was für uns heute im Rückblick selbstverständlich erscheint ­ Paulus hat dem Heidenchristentum zum Durchbruch verholfen ­, war zu seinen Lebzeiten höchst umstritten. Und wo judenchristliche Kreise die Oberhand behielten, konnte dies tatsächlich Ab- und Ausgrenzung bedeuten: Wer die Tora, zum Beispiel die Speisegebote und die Beschneidung, nicht einhielt, gehörte weiterhin zu den «Völkern» und galt als Nichtjude von der besonderen Liebe Gottes ausgeschlossen.
Röm 8,31­39 ist vor diesem Hintergrund ein ergreifendes Selbstzeugnis des Paulus. Er wird zum Anwalt nicht nur für sich selbst ­ Prozesse und Gefangenschaft hatte er ja schon öfters erfolgreich überstanden ­, sondern vor allem für die Römerinnen und Römer: Für sie schlägt er sich, leidenschaftlich argumentierend, mit seinen judenchristlichen Gegnern herum, damit die Römer/Römerinnen (und mit ihnen alle Heidenchristen/Heidenchristinnen) nicht aus der Liebe und Erwählung Gottes, aus der Heilsgemeinschaft, ausgeschlossen werden. Gott ist es, der gerecht macht (8,33; sinngemäss zu ergänzen ist: und nicht die Einhaltung der Tora), auch der Messias, der denkbar wichtigste Mensch auf Erden, wird die Römer/Römerinnen nicht anklagen, denn selbst er ist schon eingetreten für sie (8,32.34), so dass die endzeitliche Not, so bedrängend sie auch sein mag, keine echte Gefahr mehr darstellt. Und die Liebe Gottes zeigt sich gerade «im Messias Jesus, unserem Herrn» ­ und der ist ausserhalb der Gebote der Tora gestorben, nämlich am verfluchten Kreuz (vgl. Dtn 21,23), wodurch die Tora ihren potentiell ausgrenzenden Charakter verliert (8,39, vgl. Gal 3,13).

Über den Text hinaus

Paulus setzt sich in Röm mit Judenchristen/Judenchristinnen auseinander, die ihm zeitweise übermächtig erscheinen. Auch die (allerdings ebenfalls aus heidenchristlicher Perspektive geschriebene) Apostelgeschichte erwähnt, dass die Jerusalemer Judenchristen die Heidenchristen benachteiligt hätten (Apg 6,1­6). In Rom jedoch waren die Judenchristen in der Minderheit: Paulus bezeichnet sie in Röm 14 als «Schwache» und fordert die («starken») Heidenchristen zur Rücksichtnahme auf. Dies illustriert die komplexen Gruppenkonflikte im 1. Jh. n. Chr.. Die neutestamentliche Forschung hat diese Prozesse zunehmend sachgerechter aufgearbeitet. Dabei ist auch in den Blick gekommen, dass sich alle Seiten ­ Juden, Judenchristen und Heidenchristen ­ durch Ausschluss-Mechanismen gegenseitig viel Leid zugefügt haben. Je nach Gemeindesituation sassen dabei traditionell jüdische (wie z.B. im Umfeld des Johannesevangeliums), judenchristliche (wie z.B. in Jerusalem) oder heidenchristliche Kreise (wie z.B. in Rom) am längeren Hebel. Spätestens mit dem fragwürdigen «Aufstieg» des Christentums zur Staats(tragenden)-Religion hat sich das Blatt jedoch bitter und blutig gegen die jüdischen Gemeinden gekehrt, wobei die judenchristlichen Gruppen zwischen die Fronten gerieten und untergingen. Vor dem Hintergrund des nach wie vor latenten christlichen Antijudaismus ist eine historisch sorgfältige Aufarbeitung dieser Prozesse deshalb nicht unproblematisch: Allzu leicht kann die Erkenntnis, dass ein Teil der frühen Christen/Christinnen zunächst von einer jüdischen oder judenchristlichen Mehrheit ausgegrenzt wurden, wieder zu den traditionellen antijüdischen Ressentiments führen.
Paulus ergreift in Röm 8,31­39 leidenschaftlich Partei ­ und riskiert dabei viel. Er spricht den Römern/Römerinnen Mut zu, sich nicht ausgrenzen und von Gottes Liebe trennen zu lassen, sondern auf Gottes Heilswillen für alle Menschen zu vertrauen. Wo sind die «Hirten», die dies heute tun? Für wiederverheiratete Geschiedene? Für Homosexuelle und ihre öffentliche Anerkennung in Gesellschaft und Partnerschaft? Für sozial Randständige? Für Frauen und Männer, die zwar von Gott berufen sind, aber nicht geweiht werden dürfen? Für Menschen, die sich aus der Kirche ausgegrenzt fühlen, weil sie mit ihren Fragen nicht ernst genommen werden? Für Theologinnen und Theologen, die keine stromlinienförmigen Theologie vertreten? Für Landlose, Entrechtete, Arme in anderen Ländern.

 

Literatur: Jacob Taubes, Die politische Theologie des Paulus. Vorträge gehalten an der Forschungsstätte der evangelischen Studiengemeinschaft in Heidelberg, 23.­27. Februar 1987, München 1993; Schalom Ben-Chorin, Paulus. Der Völkerapostel in jüdischer Sicht, München 1980.


Er-lesen, Er-hellen, Er-leben

Röm 8,31­39 lesen und Ausgrenzungsmechanismen in Kirche, Gesellschaft, Wirtschaft nachgehen: Wo gehöre ich/gehören wir dazu, wo fühle ich mich ausgeschlossen? Wer definiert, wer dazugehört und wer nicht? Warum, nach welchen Kriterien? Wo grenze ich selber eventuell aus? Wer tritt heute dafür ein, dass Ausgegrenzte einbezogen werden?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002