26/2002

INHALT

Lesejahr A

Einspruch, Bruder Paulus!

Detlef Hecking zu Röm 8,9.11-13

 

Auf den Text zu

Paulus gilt als der frühchristliche Theologe schlechthin. Ohne Paulus, so heisst es, hätte das Christentum wohl kaum zu einer eigenständigen Identität gefunden, sondern wäre als jüdische Sekte bald wieder in der Versenkung verschwunden. Ja, Paulus habe das Christentum überhaupt erst wirklich begründet. Erst er habe die kraftvolle, charismatische und lebendige Jesusbewegung auf eine tragfähige theologische Grundlage gestellt.
Es gibt also mehr als genug Gründe, Loblieder auf den «Völkerapostel» zu singen. Paulus ist ein innovativer und wortgewaltiger Theologe mit einem tiefen Gespür für Wahrhaftigkeit im Leben und Glauben. Seine Theologie entwickelt er meist nicht abstrakt, sondern im brieflichen Gespräch mit den Gemeinden, in denen er wirkte, sowie im Aufgreifen lokaler Traditionen und Bekenntnisse. Dabei ist es ihm ein zentrales Anliegen, dass wirklich alle Menschen ohne Ab- und Ausgrenzung Zugang zur Liebe Gottes haben (vgl. Gal 3,26­28).
Paulus hat jedoch auch seine Schattenseiten. Dass er streitbar ist und bisweilen äusserst polemisch werden kann ­ seinen judenchristlichen Gegnern, die auf der Beschneidung für alle Christen beharren, empfiehlt er zum Beispiel zornig, sie sollten «es sich doch vollends abhacken lassen» (Gal 5,12 nach F. Stier) ­ ist dabei nur die eine Seite. Die nahezu unfehlbare Stellung, die Paulus in der christlichen Theologie eingeräumt wird, hat den Blick auf manche problematische theologische Position verklärt. Das führt dazu, dass Exegeten/Exegetinnen und Prediger/Predigerinnen auch den ­ nicht unbedingt nur aus heutiger Sicht ­ problematischsten Gedanken und Argumenten in den paulinischen Briefen oft noch etwas Gutes abzugewinnen versuchen. Selbstverständlich ist es weitgehend möglich und sinnvoll, die paulinische Theologie in ihren historischen Kontext einzubetten und somit nachvolllziehbarer und aktualisierbar zu machen. Daneben ist jedoch auch Widerspruch nötig, Einspruch gegen Paulus und manche seiner theologischen Konzepte. Auch im frühen Christentum war Paulus schliesslich nur einer von vielen ­ Frauen und Männern ­, die ihren Glauben an Jesus, den Messias, in systematische Formen zu bringen versuchten. Und mit theologischen Auseinandersetzungen hatte gerade Paulus reichlich Erfahrung, rühmt er sich doch, Petrus ins Angesicht widersprochen zu haben (Gal 2,14).
Röm 8,9.11­13, die Lesung für den 14. Sonntag im Jahreskreis, ist eine der Stellen, an denen es sich lohnt, Paulus offen und grundsätzlich zu widersprechen.

Mit dem Text unterwegs

In Röm 8 geht es in vielfältigen Variationen um den Geist. Die Lesung war in ausführlicherer Form schon für den 5. Fastensonntag vorgesehen (vgl. den Kommentar in SKZ 10/2002, S. 135). Selbstverständlich gibt es viel Positives über den Text zu sagen: Paulus geht zum Beispiel sehr differenziert mit den Begriffen sarx (Fleisch), soma (Leib/Körper) und pneuma (Geist) um. Insbesondere steht sarx nicht grundsätzlich für alles Körperliche, sondern «nur» für die negativ qualifizierte Lebensführung vieler Menschen (die Paulus aber oft in körperlich-sexuellen Begriffen wie «Unzucht» oder Ähnliches beschreibt, vgl. Röm 1,24­32). Den Begriff soma (Leib) verwendet Paulus dagegen positiv. Paulus weiss auch eindrucksvolle Dinge darüber zu sagen, wie der Geist die sterblichen Leiber der Römer/Römerinnen (und hoffentlich auch die unsrigen) lebendig macht (8,11). Und dass er seine Theologie nicht irgendwo zwischen Himmel und Erde schweben lässt, sondern sie ­ wie er das so häufig tut ­ sofort an das alltägliche Verhalten zurückbindet (8,12f.), ist ebenfalls bemerkenswert.
Und trotzdem: Bei diesem Text ist in einer Predigt grundsätzlicher Widerspruch angebracht. Der Gegensatz zwischen «Fleisch» und «Geist», den Paulus hier aufbaut, hat viel zur überaus tragischen, lebensbehindernden Leibfeindlichkeit in der abendländischen Tradition beigetragen. Die Entfremdung vieler Menschen von ihrem nächsten «Gefährten», dem eigenen Körper, ist ohne diese paulinische Theologie schwer vorstellbar und wohl ein spezifisches Merkmal der westlichen Kultur. Dazu gehört auch die oft fehlende Rücksichtnahme auf körperliche Signale bei Krankheit oder Erschöpfung.
Es wäre unangemessen, Paulus gegen diese Folgen in Schutz zu nehmen. Es geht nicht an, zwischen einem «guten» Paulus und einer «bösen» Wirkungsgeschichte zu unterscheiden. In manchen paulinischen Konzepten ist eine verengende, unheilvolle Rezeption bereits angelegt. Und wenn die Wirkungsgeschichte eines Textes ins Negative kippt, dann muss auch der zugrunde liegende Text selbst kritisch hinterfragt werden.
Vor diesem Hintergrund bedeutet es einen unangemessenen und übergrossen Aufwand, wenn versucht wird, dem paulinischen Begriff «Fleisch» in Predigt und Katechese die «richtigen» Konnotationen abzugewinnen. «Fleisch» dient nun einmal gerade im christlich geprägten Sprachgebrauch als Oberbegriff für vieles, was mit der körperlichen Seite des Lebens zu tun hat. Gerade dieser Begriff wird von Paulus aber negativ qualifiziert. Wir im Westen lernen jedoch zurzeit erst mühsam wieder ­ oft notgedrungen unter Rückgriff auf östliche Traditionen ­, Leib und Seele, Körper und Geist als Einheit wahrzunehmen und auf ihre Zusammenhänge zu achten. Diesem Not wendenden Prozess ist mit der abwertenden Gegenüberstellung von «Fleisch» und «Geist» à la Paulus wahrhaftig nicht gedient.

Über den Text hinaus

Was hier für die Frage von pneuma und sarx gesagt wurde, gilt sinngemäss auch für andere wichtige Aspekte der paulinischen Theologie ­ sei dies nun der postulierte Zusammenhang von Sünde, Tod und Erlösung und die Adam-Christus-Typologie (Röm 5) oder auch die Rede vom Zorn Gottes, die dem Römerbrief als These voransteht (Röm 1,18) und auch sonst einen zentralen Bestandteil paulinischer Theologie bildet. Gerade wer Paulus als vielleicht wichtigsten christlichen Theologen schätzt, sollte ihn ernst genug nehmen, um ihm gelegentlich klar und deutlich zu widersprechen, auch in der Predigt. Denn Paulus haben vielfach andere Fragen umgetrieben als uns, und er hat sie oftmals auch anders beantwortet als wir es heute tun würden. Wir müssen seine Antworten deshalb ­ bei allem Respekt ­ nicht bis zur Selbstverleugnung teilen. Einem wachsenden, erwachsenen Glauben kann ein kritischer Umgang mit dem grossen Paulus nur gut tun.

 

Literatur: Meinrad Limbeck, Zürnt Gott wirklich? Fragen an Paulus, Stuttgart 2001; Hermann-Josef Venetz/Sabine Bieberstein, Im Bannkreis des Paulus. Hannah und Rufus berichten aus seinen Gemeinden, Würzburg 1995; Gott mit allen Sinnen erleben. Ein ganzheitlicher Bibelparcours zu den fünf Sinnen, Zürich 32002 (letzteres erhältlich an der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 012059960, E-Mail info@bibelwerk.ch).


Er-lesen

Röm 8,5­13 lesen.

Er-hellen

Eigene Erfahrungen austauschen: Wie erleben wir das Zusammenspiel von Leib und Seele, Körper und Geist? Wie sind wir allenfalls von leibfeindlicher Tradition geprägt?

Er-leben

Einen ­ persönlichen oder gemeinsamen ­ Brief an Paulus schreiben und die eigenen Erfahrungen darstellen, ohne Scheu vor Kritik an Paulus sowie theologischen Neuentwürfen zu «Körper» und «Geist». Zum Abschluss ein sinnliches Bestärkungsritual feiern, zum Beispiel Tanz, Brot und Wein.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002