26/2002 | |
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Lesejahr A |
Paulus gilt als der frühchristliche Theologe schlechthin. Ohne Paulus,
so heisst es, hätte das Christentum wohl kaum zu einer eigenständigen
Identität gefunden, sondern wäre als jüdische Sekte bald
wieder in der Versenkung verschwunden. Ja, Paulus habe das Christentum überhaupt
erst wirklich begründet. Erst er habe die kraftvolle, charismatische
und lebendige Jesusbewegung auf eine tragfähige theologische Grundlage
gestellt.
Es gibt also mehr als genug Gründe, Loblieder auf den «Völkerapostel»
zu singen. Paulus ist ein innovativer und wortgewaltiger Theologe mit einem
tiefen Gespür für Wahrhaftigkeit im Leben und Glauben. Seine Theologie
entwickelt er meist nicht abstrakt, sondern im brieflichen Gespräch
mit den Gemeinden, in denen er wirkte, sowie im Aufgreifen lokaler Traditionen
und Bekenntnisse. Dabei ist es ihm ein zentrales Anliegen, dass wirklich
alle Menschen ohne Ab- und Ausgrenzung Zugang zur Liebe Gottes haben (vgl.
Gal 3,2628).
Paulus hat jedoch auch seine Schattenseiten. Dass er streitbar ist und bisweilen
äusserst polemisch werden kann seinen judenchristlichen Gegnern,
die auf der Beschneidung für alle Christen beharren, empfiehlt er zum
Beispiel zornig, sie sollten «es sich doch vollends abhacken lassen»
(Gal 5,12 nach F. Stier) ist dabei nur die eine Seite. Die nahezu
unfehlbare Stellung, die Paulus in der christlichen Theologie eingeräumt
wird, hat den Blick auf manche problematische theologische Position verklärt.
Das führt dazu, dass Exegeten/Exegetinnen und Prediger/Predigerinnen
auch den nicht unbedingt nur aus heutiger Sicht problematischsten
Gedanken und Argumenten in den paulinischen Briefen oft noch etwas Gutes
abzugewinnen versuchen. Selbstverständlich ist es weitgehend möglich
und sinnvoll, die paulinische Theologie in ihren historischen Kontext einzubetten
und somit nachvolllziehbarer und aktualisierbar zu machen. Daneben ist jedoch
auch Widerspruch nötig, Einspruch gegen Paulus und manche seiner theologischen
Konzepte. Auch im frühen Christentum war Paulus schliesslich nur einer
von vielen Frauen und Männern , die ihren Glauben an Jesus,
den Messias, in systematische Formen zu bringen versuchten. Und mit theologischen
Auseinandersetzungen hatte gerade Paulus reichlich Erfahrung, rühmt
er sich doch, Petrus ins Angesicht widersprochen zu haben (Gal 2,14).
Röm 8,9.1113, die Lesung für den 14. Sonntag im Jahreskreis,
ist eine der Stellen, an denen es sich lohnt, Paulus offen und grundsätzlich
zu widersprechen.
In Röm 8 geht es in vielfältigen Variationen um den Geist.
Die Lesung war in ausführlicherer Form schon für den 5. Fastensonntag
vorgesehen (vgl. den Kommentar in SKZ 10/2002, S. 135). Selbstverständlich
gibt es viel Positives über den Text zu sagen: Paulus geht zum Beispiel
sehr differenziert mit den Begriffen sarx (Fleisch), soma (Leib/Körper)
und pneuma (Geist) um. Insbesondere steht sarx nicht grundsätzlich
für alles Körperliche, sondern «nur» für die
negativ qualifizierte Lebensführung vieler Menschen (die Paulus aber
oft in körperlich-sexuellen Begriffen wie «Unzucht» oder
Ähnliches beschreibt, vgl. Röm 1,2432). Den Begriff soma
(Leib) verwendet Paulus dagegen positiv. Paulus weiss auch eindrucksvolle
Dinge darüber zu sagen, wie der Geist die sterblichen Leiber der Römer/Römerinnen
(und hoffentlich auch die unsrigen) lebendig macht (8,11). Und dass er seine
Theologie nicht irgendwo zwischen Himmel und Erde schweben lässt, sondern
sie wie er das so häufig tut sofort an das alltägliche
Verhalten zurückbindet (8,12f.), ist ebenfalls bemerkenswert.
Und trotzdem: Bei diesem Text ist in einer Predigt grundsätzlicher
Widerspruch angebracht. Der Gegensatz zwischen «Fleisch» und
«Geist», den Paulus hier aufbaut, hat viel zur überaus
tragischen, lebensbehindernden Leibfeindlichkeit in der abendländischen
Tradition beigetragen. Die Entfremdung vieler Menschen von ihrem nächsten
«Gefährten», dem eigenen Körper, ist ohne diese paulinische
Theologie schwer vorstellbar und wohl ein spezifisches Merkmal der westlichen
Kultur. Dazu gehört auch die oft fehlende Rücksichtnahme auf körperliche
Signale bei Krankheit oder Erschöpfung.
Es wäre unangemessen, Paulus gegen diese Folgen in Schutz zu nehmen.
Es geht nicht an, zwischen einem «guten» Paulus und einer «bösen»
Wirkungsgeschichte zu unterscheiden. In manchen paulinischen Konzepten ist
eine verengende, unheilvolle Rezeption bereits angelegt. Und wenn die Wirkungsgeschichte
eines Textes ins Negative kippt, dann muss auch der zugrunde liegende Text
selbst kritisch hinterfragt werden.
Vor diesem Hintergrund bedeutet es einen unangemessenen und übergrossen
Aufwand, wenn versucht wird, dem paulinischen Begriff «Fleisch»
in Predigt und Katechese die «richtigen» Konnotationen abzugewinnen.
«Fleisch» dient nun einmal gerade im christlich geprägten
Sprachgebrauch als Oberbegriff für vieles, was mit der körperlichen
Seite des Lebens zu tun hat. Gerade dieser Begriff wird von Paulus aber
negativ qualifiziert. Wir im Westen lernen jedoch zurzeit erst mühsam
wieder oft notgedrungen unter Rückgriff auf östliche Traditionen
, Leib und Seele, Körper und Geist als Einheit wahrzunehmen und
auf ihre Zusammenhänge zu achten. Diesem Not wendenden Prozess ist
mit der abwertenden Gegenüberstellung von «Fleisch» und
«Geist» à la Paulus wahrhaftig nicht gedient.
Was hier für die Frage von pneuma und sarx gesagt wurde, gilt sinngemäss auch für andere wichtige Aspekte der paulinischen Theologie sei dies nun der postulierte Zusammenhang von Sünde, Tod und Erlösung und die Adam-Christus-Typologie (Röm 5) oder auch die Rede vom Zorn Gottes, die dem Römerbrief als These voransteht (Röm 1,18) und auch sonst einen zentralen Bestandteil paulinischer Theologie bildet. Gerade wer Paulus als vielleicht wichtigsten christlichen Theologen schätzt, sollte ihn ernst genug nehmen, um ihm gelegentlich klar und deutlich zu widersprechen, auch in der Predigt. Denn Paulus haben vielfach andere Fragen umgetrieben als uns, und er hat sie oftmals auch anders beantwortet als wir es heute tun würden. Wir müssen seine Antworten deshalb bei allem Respekt nicht bis zur Selbstverleugnung teilen. Einem wachsenden, erwachsenen Glauben kann ein kritischer Umgang mit dem grossen Paulus nur gut tun.
Literatur: Meinrad Limbeck, Zürnt Gott wirklich? Fragen an Paulus, Stuttgart 2001; Hermann-Josef Venetz/Sabine Bieberstein, Im Bannkreis des Paulus. Hannah und Rufus berichten aus seinen Gemeinden, Würzburg 1995; Gott mit allen Sinnen erleben. Ein ganzheitlicher Bibelparcours zu den fünf Sinnen, Zürich 32002 (letzteres erhältlich an der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 012059960, E-Mail info@bibelwerk.ch).
Röm 8,513 lesen.
Eigene Erfahrungen austauschen: Wie erleben wir das Zusammenspiel von Leib und Seele, Körper und Geist? Wie sind wir allenfalls von leibfeindlicher Tradition geprägt?
Einen persönlichen oder gemeinsamen Brief an Paulus schreiben und die eigenen Erfahrungen darstellen, ohne Scheu vor Kritik an Paulus sowie theologischen Neuentwürfen zu «Körper» und «Geist». Zum Abschluss ein sinnliches Bestärkungsritual feiern, zum Beispiel Tanz, Brot und Wein.