25/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Der Römerbrief hat eine gefährliche Eigenart. Sein Inhalt ist
so komplex und seine theologische Argumentation über weite Strecken
so abstrakt, dass man beim Versuch, den Text zu verstehen, leicht die konkreten
Adressatinnen und Adressaten aus dem Blick verlieren kann. Wie die Frauen,
Kinder und Männer in Rom damals gelebt und welche Fragen sie beschäftigt
haben, welche Erfahrungen und Hoffnungen sie gestärkt und welche Ereignisse
sie enttäuscht und bedrückt haben all das wird oft zur Nebensache
gegenüber dem Versuch, die paulinische Theologie überhaupt erst
einmal nach-zudenken und zu verstehen. Mir scheint, dieses Phänomen
sei erschreckenderweise geradezu paradigmatisch für viele
theologische Entwürfe: Je «höher» die Theologie, desto
leichter verdrängt sie den Blick auf die konkreten Menschen und ihre
«Freude und Hoffnung, Trauer und Angst» (GS 1). Umgekehrt setzen
sich kontextuelle Theologien, die diese Fragen als Ausgangs- und Referenzpunkt
ihrer Reflexion ernst nehmen, schnell dem Verdacht von Parteilichkeit, Unwissenschaftlichkeit
oder Abweichung von theologischen Lehrmeinungen aus.
Weil Röm theologisch sehr komplex ist, läuft der Brief und auch
seine Auslegung also Gefahr, an den konkreten Fragen der Menschen vorbeizureden.
Röm ist anders als die übrigen Paulusbriefe tatsächlich
eine Art «Einbahnstrassen-Kommunikation». Paulus kennt die Gemeinde,
an die er schreibt, nicht aus persönlicher Begegnung und nimmt deshalb
kaum zu Fragen Stellung, die in Rom gerade diskutiert werden. Der Anteil
an systematischer Theologie ist dafür deutlich höher als in anderen
Paulusbriefen. Und trotzdem: Auch Röm hat den Anspruch, ein Brief zu
sein, also aufrichtige Kommunikation mit Nutzen und Veränderung auf
beiden Seiten, und kein Lehrschreiben. Wenn die Pointe der Lesung zum 13.
Sonntag im Jahreskreis deshalb lautet, alle Getauften seien «tot für
die Sünde, doch lebend für Gott in Eins mit dem Messias Jesus»
(6,11), dann muss das für die Christinnen und Christen in Rom eine
praktische, alltagsrelevante Bedeutung gehabt haben. Insbesondere die ausführliche
Auseinandersetzung mit «der Sünde», die Paulus in Röm
leistet, muss für die Adressaten/Adressatinnen in irgendeiner Form
erhellend, klärend oder herausfordernd gewesen sein - wenn Paulus
nicht komplett an ihnen vorbeigeschrieben hat. Wie haben also wohl Christinnen
und Christen in Rom im Jahre 56 n. Chr. die paulinische Rede von «der
Sünde» verstanden? Was haben sie damit verbunden?
Die römischen Christinnen und Christen lebten im 1. Jh. n. Chr.
vermutlich zum grösseren Teil in mehrstöckigen Mietskasernen in
den Bezirken Trastevere und entlang der Via Appia, also in den niedrig gelegenen
und deshalb feuchten, ungesunden Randgebieten der Stadt. Dem entspricht
auch die soziale Zusammensetzung der Gemeinde, soweit wir sie aus der Grussliste
in Röm 16 erschliessen können: Sie enthält 28 Personen, wobei
zahlreiche Namen auf eine unfreie Herkunft (Sklaven oder Freigelassene)
oder auf eine Zuwanderung aus den östlichen Teilen des Römischen
Reiches hinweisen. Ausser den Sklaven werden auch noch Tagelöhner und
Kleinhandwerker in der Gemeinde vertreten gewesen sein. Die oberste soziale
Schicht (z.B. Senatoren) fehlte jedoch genauso wie wahrscheinlich auch Menschen,
die regelmässig deutlich unter dem Existenzminimum lebten. Frauen waren
in der Gemeinde offensichtlich aktiver als Männer, Paulus spricht jedenfalls
sechs Frauen, aber nur drei Männern besondere Verdienste um die Gemeinde
zu obwohl die Liste zu zwei Dritteln aus Männern besteht (auch
die Apostelin «Junia(s)» in 16,7 ist bekanntlich eine Frau).
Ein grosser Teil der Gemeindemitglieder wird die Schattenseiten der römischen
Weltherrschaft jedenfalls deutlich zu spüren bekommen haben. Sie lebten
in Abhängigkeit von ihrem Besitzer oder Patron, hatten wenig Einfluss
auf ihre persönliche Zukunft und besassen das römische Bürgerrecht
nicht. Damit mussten sie nicht nur Steuern zahlen, was Paulus in Röm
13,6 ja voraussetzt, sondern waren gegebenenfalls auch wesentlich grausameren
Strafen (z.B. der Kreuzigung) ausgesetzt als römische Bürger/Bürgerinnen.
Ca. 49 n. Chr. waren einige Christen/Christinnen von Kaiser Claudius aus
Rom ausgewiesen worden, als es wahrscheinlich wegen Auseinandersetzungen
um die Messianität Jesu in den jüdischen Synagogen zu Konflikten
kam, die auch von der nichtjüdisch/christlichen Bevölkerung wahrgenommen
wurden. Und 64 n. Chr., also nur 8 Jahre nach der Verfassung des Römerbriefes,
fallen viele Gemeindemitglieder dem Gemetzel zum Opfer, das Nero nach dem
Brand von Rom anrichten lässt. Viele Christinnen und Christen werden
deshalb eine ganz andere Perspektive auf den angeblichen «Römischen
Frieden» gehabt haben: Für sie war die «Pax Romana»
angesichts der militärischen Besatzung der Provinzen, der hohen Steuerbelastung,
der ständig drohenden Kolonialkriege an den Reichsgrenzen, der erzwungenen
Loyalitätsbezeugungen für den vergöttlichten Kaiser sowie
der Gefahr einer persönlichen Verfolgung tatsächlich ein «Frieden
voll Blut» (so ein zeitgenössischer römischer Historiker),
eine einzige grosse Lüge, die dem Mittelmeerraum im Namen Roms aufgezwungen
wurde. Von diesem «Frieden» profitierten nur die wenigen, die
an der Macht teilhatten. Den oftmals blutigen Preis zahlte die grosse Mehrheit
der unfreien Bevölkerung und der unterworfenen Völker.
Wenn der Paulusbrief nun in den Gemeindeversammlungen vorgelesen wurde und
die römischen Christinnen und Christen darin von «der Sünde»
hören, dann werden sie dabei sicher auch an ihre persönlichen
Unzulänglichkeiten gedacht haben. So totalitär, wie Paulus «die
Sünde» beschreibt sie herrscht als Königin über
die ganze Welt (5,1221), vergiftet jeden Menschen bis ins Innerste
und ist durch persönliche Anstrengung unbesiegbar (7,1424), hat
ihr eigenes «Gesetz» (8,2), zahlt (Kriegs-)Sold (6,23), ja,
«der Sünde» werden sogar Menschenkörper wie Sklaven
verkauft (7,14) usw. liegt eine andere Assoziation jedoch mindestens
genauso nahe. Paulus beschreibt «die Sünde» in Kategorien,
in denen viele römische Christinnen und Christen die versklavenden,
unterdrückenden Seiten der kaiserlich-römischen Weltherrschaft
wiedererkannten. Und wenn Paulus triumphiert, alle «in den Messias
hineingetauften» (6,3) Menschen seien nun «tot für die
Sünde, doch lebend für Gott in Eins mit dem Messias Jesus»,
dann liegen die politischen Implikationen dieser systematischen Theologie
plötzlich auf der Hand: Die Überwindung der Todesherrschaft der
Sünde macht frei für ein Leben, das das Mittun an den Unrechtsstrukturen
des Kaiserreiches verweigert, wo immer das nur möglich ist. Wer zum
kyrios Jesus gehört, ist dem kyrios Nero nur noch sehr begrenzt verpflichtet
Röm 13 hin oder her. Dass Paulus dabei «die Befreiung wieder
in den Kategorien der Herrschaft ausdrückt» (L. Schottroff),
ist aus heutiger Perspektive zwar befremdlich, entspricht aber damals
wie heute? wohl auch einer Realität: Es gibt Unterdrückungsstrukturen,
bei denen kein verständnisvolles Zureden hilft, sondern nur eine starke
Gegen-Macht.
Die Rede vom Tod «der Sünde» wird dort relevant und brisant, wo Sünde nicht nur als individuelles, moralisches Fehlverhalten definiert (und damit oft auch banalisiert), sondern mit den weltumspannenden Todesmächten unserer Zeit identifiziert wird. Dann kann «die Sünde» wieder das werden, was sie bei Paulus ist: ein scharfer, analytischer, in höchstem Masse gesellschaftskritischer und politischer Begriff. Dass gerade kirchliche Kreise oft uneinig darüber sind, was denn eigentlich «die Sünde» unserer Zeit ist, verweist dabei auf die Kontextbezogenheit jeder Theologie. Es ist deshalb bleibende Aufgabe der Kirche, die Stimmen der Opfer weltweiter Machtstrukturen nicht nur selber zu hören, sondern auch deutlich zu verstärken.
Literatur: Peter Lampe, Die stadtrömischen Christen in den ersten beiden Jahrhunderten. Untersuchungen zur Sozialgeschichte, Tübingen 1987; Luise Schottroff, Die Schreckensherrschaft der Sünde und die Befreiung durch Christus nach dem Römerbrief des Paulus, in: Dies., Befreiungserfahrungen. Studien zur Sozialgeschichte des Neuen Testaments, München 1990, 5772.
Lesen Sie Röm 6,311 (oder andere Stellen aus Röm, in denen «die Sünde» genannt wird). Ersetzen Sie dabei das Wort «Sünde» durch möglichst konkrete, aktuelle Begriffe, die weltweite Macht- und Unrechtsstrukturen, Unterwerfung oder Weltherrschaft ausdrücken. Diskutieren Sie die Texte dann in ihrer aktualisierten Form.