25/2002

INHALT

Lesejahr A

"Tot für die Sünde". Aber für welche?

Detlef Hecking zu Röm 6,3-4.8-11

 

Auf den Text zu

Der Römerbrief hat eine gefährliche Eigenart. Sein Inhalt ist so komplex und seine theologische Argumentation über weite Strecken so abstrakt, dass man beim Versuch, den Text zu verstehen, leicht die konkreten Adressatinnen und Adressaten aus dem Blick verlieren kann. Wie die Frauen, Kinder und Männer in Rom damals gelebt und welche Fragen sie beschäftigt haben, welche Erfahrungen und Hoffnungen sie gestärkt und welche Ereignisse sie enttäuscht und bedrückt haben ­ all das wird oft zur Nebensache gegenüber dem Versuch, die paulinische Theologie überhaupt erst einmal nach-zudenken und zu verstehen. Mir scheint, dieses Phänomen sei ­ erschreckenderweise ­ geradezu paradigmatisch für viele theologische Entwürfe: Je «höher» die Theologie, desto leichter verdrängt sie den Blick auf die konkreten Menschen und ihre «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst» (GS 1). Umgekehrt setzen sich kontextuelle Theologien, die diese Fragen als Ausgangs- und Referenzpunkt ihrer Reflexion ernst nehmen, schnell dem Verdacht von Parteilichkeit, Unwissenschaftlichkeit oder Abweichung von theologischen Lehrmeinungen aus.
Weil Röm theologisch sehr komplex ist, läuft der Brief und auch seine Auslegung also Gefahr, an den konkreten Fragen der Menschen vorbeizureden. Röm ist ­ anders als die übrigen Paulusbriefe ­ tatsächlich eine Art «Einbahnstrassen-Kommunikation». Paulus kennt die Gemeinde, an die er schreibt, nicht aus persönlicher Begegnung und nimmt deshalb kaum zu Fragen Stellung, die in Rom gerade diskutiert werden. Der Anteil an systematischer Theologie ist dafür deutlich höher als in anderen Paulusbriefen. Und trotzdem: Auch Röm hat den Anspruch, ein Brief zu sein, also aufrichtige Kommunikation mit Nutzen und Veränderung auf beiden Seiten, und kein Lehrschreiben. Wenn die Pointe der Lesung zum 13. Sonntag im Jahreskreis deshalb lautet, alle Getauften seien «tot für die Sünde, doch lebend für Gott in Eins mit dem Messias Jesus» (6,11), dann muss das für die Christinnen und Christen in Rom eine praktische, alltagsrelevante Bedeutung gehabt haben. Insbesondere die ausführliche Auseinandersetzung mit «der Sünde», die Paulus in Röm leistet, muss für die Adressaten/Adressatinnen in irgendeiner Form erhellend, klärend oder herausfordernd gewesen sein ­- wenn Paulus nicht komplett an ihnen vorbeigeschrieben hat. Wie haben also wohl Christinnen und Christen in Rom im Jahre 56 n. Chr. die paulinische Rede von «der Sünde» verstanden? Was haben sie damit verbunden?

Mit dem Text unterwegs

Die römischen Christinnen und Christen lebten im 1. Jh. n. Chr. vermutlich zum grösseren Teil in mehrstöckigen Mietskasernen in den Bezirken Trastevere und entlang der Via Appia, also in den niedrig gelegenen und deshalb feuchten, ungesunden Randgebieten der Stadt. Dem entspricht auch die soziale Zusammensetzung der Gemeinde, soweit wir sie aus der Grussliste in Röm 16 erschliessen können: Sie enthält 28 Personen, wobei zahlreiche Namen auf eine unfreie Herkunft (Sklaven oder Freigelassene) oder auf eine Zuwanderung aus den östlichen Teilen des Römischen Reiches hinweisen. Ausser den Sklaven werden auch noch Tagelöhner und Kleinhandwerker in der Gemeinde vertreten gewesen sein. Die oberste soziale Schicht (z.B. Senatoren) fehlte jedoch genauso wie wahrscheinlich auch Menschen, die regelmässig deutlich unter dem Existenzminimum lebten. Frauen waren in der Gemeinde offensichtlich aktiver als Männer, Paulus spricht jedenfalls sechs Frauen, aber nur drei Männern besondere Verdienste um die Gemeinde zu ­ obwohl die Liste zu zwei Dritteln aus Männern besteht (auch die Apostelin «Junia(s)» in 16,7 ist bekanntlich eine Frau).
Ein grosser Teil der Gemeindemitglieder wird die Schattenseiten der römischen Weltherrschaft jedenfalls deutlich zu spüren bekommen haben. Sie lebten in Abhängigkeit von ihrem Besitzer oder Patron, hatten wenig Einfluss auf ihre persönliche Zukunft und besassen das römische Bürgerrecht nicht. Damit mussten sie nicht nur Steuern zahlen, was Paulus in Röm 13,6 ja voraussetzt, sondern waren gegebenenfalls auch wesentlich grausameren Strafen (z.B. der Kreuzigung) ausgesetzt als römische Bürger/Bürgerinnen.
Ca. 49 n. Chr. waren einige Christen/Christinnen von Kaiser Claudius aus Rom ausgewiesen worden, als es ­ wahrscheinlich wegen Auseinandersetzungen um die Messianität Jesu in den jüdischen Synagogen ­ zu Konflikten kam, die auch von der nichtjüdisch/christlichen Bevölkerung wahrgenommen wurden. Und 64 n. Chr., also nur 8 Jahre nach der Verfassung des Römerbriefes, fallen viele Gemeindemitglieder dem Gemetzel zum Opfer, das Nero nach dem Brand von Rom anrichten lässt. Viele Christinnen und Christen werden deshalb eine ganz andere Perspektive auf den angeblichen «Römischen Frieden» gehabt haben: Für sie war die «Pax Romana» angesichts der militärischen Besatzung der Provinzen, der hohen Steuerbelastung, der ständig drohenden Kolonialkriege an den Reichsgrenzen, der erzwungenen Loyalitätsbezeugungen für den vergöttlichten Kaiser sowie der Gefahr einer persönlichen Verfolgung tatsächlich ein «Frieden voll Blut» (so ein zeitgenössischer römischer Historiker), eine einzige grosse Lüge, die dem Mittelmeerraum im Namen Roms aufgezwungen wurde. Von diesem «Frieden» profitierten nur die wenigen, die an der Macht teilhatten. Den oftmals blutigen Preis zahlte die grosse Mehrheit der unfreien Bevölkerung und der unterworfenen Völker.
Wenn der Paulusbrief nun in den Gemeindeversammlungen vorgelesen wurde und die römischen Christinnen und Christen darin von «der Sünde» hören, dann werden sie dabei sicher auch an ihre persönlichen Unzulänglichkeiten gedacht haben. So totalitär, wie Paulus «die Sünde» beschreibt ­ sie herrscht als Königin über die ganze Welt (5,12­21), vergiftet jeden Menschen bis ins Innerste und ist durch persönliche Anstrengung unbesiegbar (7,14­24), hat ihr eigenes «Gesetz» (8,2), zahlt (Kriegs-)Sold (6,23), ja, «der Sünde» werden sogar Menschenkörper wie Sklaven verkauft (7,14) usw. ­ liegt eine andere Assoziation jedoch mindestens genauso nahe. Paulus beschreibt «die Sünde» in Kategorien, in denen viele römische Christinnen und Christen die versklavenden, unterdrückenden Seiten der kaiserlich-römischen Weltherrschaft wiedererkannten. Und wenn Paulus triumphiert, alle «in den Messias hineingetauften» (6,3) Menschen seien nun «tot für die Sünde, doch lebend für Gott in Eins mit dem Messias Jesus», dann liegen die politischen Implikationen dieser systematischen Theologie plötzlich auf der Hand: Die Überwindung der Todesherrschaft der Sünde macht frei für ein Leben, das das Mittun an den Unrechtsstrukturen des Kaiserreiches verweigert, wo immer das nur möglich ist. Wer zum kyrios Jesus gehört, ist dem kyrios Nero nur noch sehr begrenzt verpflichtet ­ Röm 13 hin oder her. Dass Paulus dabei «die Befreiung wieder in den Kategorien der Herrschaft ausdrückt» (L. Schottroff), ist aus heutiger Perspektive zwar befremdlich, entspricht aber ­ damals wie heute? ­ wohl auch einer Realität: Es gibt Unterdrückungsstrukturen, bei denen kein verständnisvolles Zureden hilft, sondern nur eine starke Gegen-Macht.

Über den Text hinaus

Die Rede vom Tod «der Sünde» wird dort relevant und brisant, wo Sünde nicht nur als individuelles, moralisches Fehlverhalten definiert (und damit oft auch banalisiert), sondern mit den weltumspannenden Todesmächten unserer Zeit identifiziert wird. Dann kann «die Sünde» wieder das werden, was sie bei Paulus ist: ein scharfer, analytischer, in höchstem Masse gesellschaftskritischer und politischer Begriff. Dass gerade kirchliche Kreise oft uneinig darüber sind, was denn eigentlich «die Sünde» unserer Zeit ist, verweist dabei auf die Kontextbezogenheit jeder Theologie. Es ist deshalb bleibende Aufgabe der Kirche, die Stimmen der Opfer weltweiter Machtstrukturen nicht nur selber zu hören, sondern auch deutlich zu verstärken.

 

Literatur: Peter Lampe, Die stadtrömischen Christen in den ersten beiden Jahrhunderten. Untersuchungen zur Sozialgeschichte, Tübingen 1987; Luise Schottroff, Die Schreckensherrschaft der Sünde und die Befreiung durch Christus nach dem Römerbrief des Paulus, in: Dies., Befreiungserfahrungen. Studien zur Sozialgeschichte des Neuen Testaments, München 1990, 57­72.


Er-lesen, Er-hellen, Er-leben

Lesen Sie Röm 6,3­11 (oder andere Stellen aus Röm, in denen «die Sünde» genannt wird). Ersetzen Sie dabei das Wort «Sünde» durch möglichst konkrete, aktuelle Begriffe, die weltweite Macht- und Unrechtsstrukturen, Unterwerfung oder Weltherrschaft ausdrücken. Diskutieren Sie die Texte dann in ihrer aktualisierten Form.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002