24/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Wie schreibt man eigentlich eine Weltgeschichte? Welche Kategorien sind
hilfreich, um wesentliche Etappen und Entwicklungsschritte zu markieren?
Gibt es in der Geschichte überhaupt Entwicklung und Fortschritt, oder
läuft sie mehr oder weniger zufällig und planlos ab?
In Röm 5,1215 (dem ersten Teil eines Abschnittes, der bis 5,21
reicht) schreibt Paulus seine Art von Weltgeschichte. Äussere Abläufe
interessieren ihn dabei kaum. Er versucht, die inneren Zusammenhänge
der Welt zu benennen, er schreibt Heilsgeschichte. Die entscheidenden Vorgänge
sieht Paulus prototypisch in drei Männern gegeben: Adam, Mose und Jesus.
Alle anderen Frauen, Kinder und Männer, aber auch die ganze Schöpfung
begegnen nur anonym und eher als Mit-Beteiligte denn als Hauptpersonen,
sie sind einfach «die Vielen» (5,15). Neben die drei Männer
und «die Vielen» treten in der heilsgeschichtlichen Dynamik
noch andere Wirkkräfte: Gott zum Beispiel, aber auch «Sünde»,
«Tod», «Gesetz» und «Gnadengabe», um
nur einige zu nennen (alle Begriffe nach der Übersetzung von F. Stier).
Die Weltgeschichte des Paulus wirkt damit wie eine grosse Inszenierung auf
der Weltbühne, wobei jedoch unklar bleibt, wer eigentlich die Regie
führt. Ja, es scheint streckenweise sogar fraglich, ob es überhaupt
ein festgelegtes Stück gibt oder ob die beteiligten Personen und Kräfte
ihre Rollen und ihren Beitrag zum Handlungsverlauf autonom bestimmen.
Adam jedenfalls, das wird schnell einmal klar, hat offenbar eine entscheidende
Rolle gespielt. Er war es nämlich, so Paulus, der den hinteren Bühneneingang
für zwei Mitspieler geöffnet hat, die im Skript gar nicht vorgesehen
waren: Nur durch Adam haben «Sünde» und «Tod»
überhaupt Einlass in die Welt gefunden (5,12). Dabei ist mit «Sünde»
(gr. hamartía) nicht eine einzelne Tat Adams oder seiner Nachkommen
gemeint, sondern eine Art kollektive Struktur, die die Welt bis ins Innerste
hinein verunstaltet. Für einzelne Taten oder Unterlassungen verwendet
Paulus dagegen die Begriffe «Übertretung» oder «Verfehlung»
(gr. parábasis bzw. paráptoma, 5,14f.).
Die Leidtragenden von «Sünde» und «Tod» sind
nicht nur Adam selber, sondern mit ihm auch alle anderen Menschen. Nachdem
die beiden ungeliebten Mitspieler nämlich einmal die Bühne betreten
hatten, ist es ihnen schnell gelungen, sich Hauptrollen zu sichern. Der
«Tod» hat es sogar bis zum König in diesem Drama gebracht
jedenfalls von Adam bis zu Mose (5,14; die EÜ übersetzt
das von F. Stier substantivisch wiedergegebene Verb basileúo mit
«herrschen»). Die Rolle von «Sünde» und «Tod»
verändert sich jedoch mit Mose, das heisst: mit dem ersten Auftritt
von «Gesetz», dem Gegenspieler von «Sünde»
und «Tod». Die genaue Funktion von «Gesetz» bleibt
jedoch undurchsichtig. «Sünde» scheint mit Auftritt von
«Gesetz» zu erstarken, denn nun ist sie nicht nur wie
schon vorher einfach vorhanden, sondern wird sogar «zugerechnet»
(5,13), das heisst sie hat weit reichende Folgen für «die Vielen»,
die mit ihr in Kontakt kommen (vgl. Röm 3,20; 5,20). Andererseits verschwindet
König «Tod» beim Erscheinen von «Gesetz» auf
eigenartige Weise in einem Nebenausgang. Für die Zeit nach Mose hat
Paulus ihm keinen Auftritt mehr zugestanden, auch wenn er endgültig
erst durch das Leben «der Vielen» (5,17) bzw. durch «die
Gnade» (5,21) abgelöst wird. Ist der Abtritt von König «Tod»
schon zur Zeit des Mose (5,14) einfach ein Versehen, eine unpräzise
Gedanken- und Regieführung des Paulus oder blitzt darin sogar
bei Paulus und sogar im Römerbrief die gute jüdische Vorstellung
auf, dass das Gesetz dem Leben im besten und tiefsten Sinne dient?
In 5,14 lässt Paulus dann auf der Bühne eine Sensation platzen:
Ausgerechnet der vorbelastete Adam entpuppt sich als «Vorausbild»,
als (Anti-) Typus des «Künftigen», womit erstmals die heimliche
Hauptperson der Weltgeschichte, der «Messias Jesus», in den
Blick gerät. Die Begegnung dieser beiden, Adam und Christus, hat Paulus
auch noch in 1 Kor 15,21f. und 1 Kor 15,4449 gestaltet; sie darf als
einer der Höhepunkte des weltgeschichtlichen Dramas aus der Feder des
Paulus gelten.
Wie sich Adam und Christus begegnen, ist kompliziert und folgenreich. Beide
treten mit ihren Komparsen auf: Mit «Adam» kommen seine «Verfehlung»,
sein «Richtspruch», die »Verurteilung» und noch
anderes mehr auf die Bühne, Christus dagegen wird von der «Gnadengabe»
und der «Gnade Gottes» (5,15), ja sogar vom «Übermass
der Gnade» (5,17), der «Gerechtheit» (5,17) und der «Rechtsordnung»
(5,16) begleitet. Was dann folgt, ist jedoch keineswegs ein Kampf zwischen
Adam und Christus, sondern eine ganz undramatisch und mit nur wenig ausdrucksstarken
Verben beschriebene Begegnung. Fast von alleine, so scheint es, wird aus
der «Verurteilung» die «Gerechtsprechung», und «Gnade»
strömt reichlich (5,15). Das Entscheidende daran, sozusagen der Schlusschor
des antiken Dramas, ist: «Die Vielen», die schon vor langer
Zeit in so unerträgliche Nähe zu «Sünde» geraten
waren, sind jetzt «im Leben König» (5,17), gemeinsam mit
«Gnade» (5,21). Sie stehen neu auf Seiten des Messias Jesus
gemeinsam mit Adam.
Die Lektüre von Röm 5,1221 ist durch eine jahrhundertelange
Auslegungsgeschichte wie zum Beispiel die Erbsünden- und Erlösungs-Theologie
überlagert. Wer diese Themen in der Lesung sucht, wird sie leicht darin
finden. Fruchtbarer scheint mir jedoch der Versuch, die gewichtigen Gedanken
aus Röm 5 in die Subjektivität der paulinischen Lebens- und Glaubenserfahrung
zurückzuholen. Der Text sollte deshalb nicht primär als überzeitliche
Wahrheit gelesen werden, sondern als tastender Versuch, aus einer tiefen
persönlichen Ergriffenheit über das Jesusgeschehen einen neuen
Blick auf Menschen und Welt zu werfen. So wird die Sicht frei auf eine Welt
ohne Sünde und Tod, was im Kontext des Römischen Weltreiches,
das seinen berüchtigten Frieden auf Blut aufbaute, massive politische
Implikationen hatte. Wo die paulinische Ergriffenheit jedoch fehlt oder
die aus ihr entspringende menschheits-, ja sogar kosmosumfassende Perspektive
nicht mehr nachvollziehbar ist, wo der zwar überzeugte und selbstbewusste,
aber dennoch suchende, fragmentarische paulinische Entwurf nur als Baustein
für ein fugenloses Dogmengebäude zurechtgehauen wird, da verkommt
Röm 5,1221 leicht zu einer abstrakten Lehre, die nicht mehr viel
zu bewegen vermag und obendrein nicht nur den Verstand, sondern auch die
Freiheit der Menschen und vielleicht sogar die Freiheit Gottes aufs Spiel
zu setzen droht.
Heute sind es nicht zufällig die Dichterinnen und Dichter, die das
Welt- und Gottesgeheimnis oft packender in Worte zu fassen vermögen
als die Theologen/Theologinnen. Die Dichterinnen und Dichter lehren uns
eine offene, einladende Sprache des Glaubens, die zentrale Fragen lieber
aufwirft als beantwortet. Hilde Domin schrieb einmal, Lyrik sei das «Nichtwort,
ausgespannt zwischen Wort und Wort» ein Selbstverständnis,
das auch der Theologie gut zu Gesicht stünde.
So hat Kurt Marti einmal einen kurzen Text verfasst, den man geradezu als
«heilsgeschichtliches Credo» bezeichnen könnte und der
den Gedanken von Röm 5,1221 durchaus ähnlich ist. Marti lässt
dabei viel Raum für eigene Assoziationen und Vertiefungen. Gerade theologische
Grundsatzfragen müssen eben neu gelebt, in neue Formen umgegossen werden,
damit sie hör- und verstehbar bleiben:
Kurt Marti, das leere grab
ein grab greift
tiefer
als die gräber
grubendenn ungeheuer
ist der vorsprung todam tiefsten
greift
das grab das selbst
den tod begrubdenn ungeheuer
ist der vorsprung leben
Literatur: Kurt Marti, Namenszug mit Mond. Gedichte, Zürich 1996; Michael Theobald, Römerbrief. Kapitel 111, (SKK NT 6/1), Stuttgart 1992.
Röm 5,1221 lesen und die einzelnen Rollen herausarbeiten. Dann den Text szenisch umsetzen als Pantomime oder mit Dialogen zwischen den beteiligten Personen/Figuren, die um ihre Rolle auf der «Weltbühne» ringen. Anschliessend zum Text zurückkehren. Text und Spiel miteinander vergleichen, damit beides zu seinem Recht kommt.