24/2002

INHALT

Lesejahr A

Weltgeschichte, Heilsgeschichte und Theopoesie

Detlef Hecking zu Röm 5,12-15

 

Auf den Text zu

Wie schreibt man eigentlich eine Weltgeschichte? Welche Kategorien sind hilfreich, um wesentliche Etappen und Entwicklungsschritte zu markieren? Gibt es in der Geschichte überhaupt Entwicklung und Fortschritt, oder läuft sie mehr oder weniger zufällig und planlos ab?
In Röm 5,12­15 (dem ersten Teil eines Abschnittes, der bis 5,21 reicht) schreibt Paulus seine Art von Weltgeschichte. Äussere Abläufe interessieren ihn dabei kaum. Er versucht, die inneren Zusammenhänge der Welt zu benennen, er schreibt Heilsgeschichte. Die entscheidenden Vorgänge sieht Paulus prototypisch in drei Männern gegeben: Adam, Mose und Jesus. Alle anderen ­ Frauen, Kinder und Männer, aber auch die ganze Schöpfung ­ begegnen nur anonym und eher als Mit-Beteiligte denn als Hauptpersonen, sie sind einfach «die Vielen» (5,15). Neben die drei Männer und «die Vielen» treten in der heilsgeschichtlichen Dynamik noch andere Wirkkräfte: Gott zum Beispiel, aber auch «Sünde», «Tod», «Gesetz» und «Gnadengabe», um nur einige zu nennen (alle Begriffe nach der Übersetzung von F. Stier). Die Weltgeschichte des Paulus wirkt damit wie eine grosse Inszenierung auf der Weltbühne, wobei jedoch unklar bleibt, wer eigentlich die Regie führt. Ja, es scheint streckenweise sogar fraglich, ob es überhaupt ein festgelegtes Stück gibt oder ob die beteiligten Personen und Kräfte ihre Rollen und ihren Beitrag zum Handlungsverlauf autonom bestimmen.

Mit dem Text unterwegs

Adam jedenfalls, das wird schnell einmal klar, hat offenbar eine entscheidende Rolle gespielt. Er war es nämlich, so Paulus, der den hinteren Bühneneingang für zwei Mitspieler geöffnet hat, die im Skript gar nicht vorgesehen waren: Nur durch Adam haben «Sünde» und «Tod» überhaupt Einlass in die Welt gefunden (5,12). Dabei ist mit «Sünde» (gr. hamartía) nicht eine einzelne Tat Adams oder seiner Nachkommen gemeint, sondern eine Art kollektive Struktur, die die Welt bis ins Innerste hinein verunstaltet. Für einzelne Taten oder Unterlassungen verwendet Paulus dagegen die Begriffe «Übertretung» oder «Verfehlung» (gr. parábasis bzw. paráptoma, 5,14f.).
Die Leidtragenden von «Sünde» und «Tod» sind nicht nur Adam selber, sondern mit ihm auch alle anderen Menschen. Nachdem die beiden ungeliebten Mitspieler nämlich einmal die Bühne betreten hatten, ist es ihnen schnell gelungen, sich Hauptrollen zu sichern. Der «Tod» hat es sogar bis zum König in diesem Drama gebracht ­ jedenfalls von Adam bis zu Mose (5,14; die EÜ übersetzt das von F. Stier substantivisch wiedergegebene Verb basileúo mit «herrschen»). Die Rolle von «Sünde» und «Tod» verändert sich jedoch mit Mose, das heisst: mit dem ersten Auftritt von «Gesetz», dem Gegenspieler von «Sünde» und «Tod». Die genaue Funktion von «Gesetz» bleibt jedoch undurchsichtig. «Sünde» scheint mit Auftritt von «Gesetz» zu erstarken, denn nun ist sie nicht nur ­ wie schon vorher ­ einfach vorhanden, sondern wird sogar «zugerechnet» (5,13), das heisst sie hat weit reichende Folgen für «die Vielen», die mit ihr in Kontakt kommen (vgl. Röm 3,20; 5,20). Andererseits verschwindet König «Tod» beim Erscheinen von «Gesetz» auf eigenartige Weise in einem Nebenausgang. Für die Zeit nach Mose hat Paulus ihm keinen Auftritt mehr zugestanden, auch wenn er endgültig erst durch das Leben «der Vielen» (5,17) bzw. durch «die Gnade» (5,21) abgelöst wird. Ist der Abtritt von König «Tod» schon zur Zeit des Mose (5,14) einfach ein Versehen, eine unpräzise Gedanken- und Regieführung des Paulus ­ oder blitzt darin sogar bei Paulus und sogar im Römerbrief die gute jüdische Vorstellung auf, dass das Gesetz dem Leben im besten und tiefsten Sinne dient?
In 5,14 lässt Paulus dann auf der Bühne eine Sensation platzen: Ausgerechnet der vorbelastete Adam entpuppt sich als «Vorausbild», als (Anti-) Typus des «Künftigen», womit erstmals die heimliche Hauptperson der Weltgeschichte, der «Messias Jesus», in den Blick gerät. Die Begegnung dieser beiden, Adam und Christus, hat Paulus auch noch in 1 Kor 15,21f. und 1 Kor 15,44­49 gestaltet; sie darf als einer der Höhepunkte des weltgeschichtlichen Dramas aus der Feder des Paulus gelten.
Wie sich Adam und Christus begegnen, ist kompliziert und folgenreich. Beide treten mit ihren Komparsen auf: Mit «Adam» kommen seine «Verfehlung», sein «Richtspruch», die »Verurteilung» und noch anderes mehr auf die Bühne, Christus dagegen wird von der «Gnadengabe» und der «Gnade Gottes» (5,15), ja sogar vom «Übermass der Gnade» (5,17), der «Gerechtheit» (5,17) und der «Rechtsordnung» (5,16) begleitet. Was dann folgt, ist jedoch keineswegs ein Kampf zwischen Adam und Christus, sondern eine ganz undramatisch und mit nur wenig ausdrucksstarken Verben beschriebene Begegnung. Fast von alleine, so scheint es, wird aus der «Verurteilung» die «Gerechtsprechung», und «Gnade» strömt reichlich (5,15). Das Entscheidende daran, sozusagen der Schlusschor des antiken Dramas, ist: «Die Vielen», die schon vor langer Zeit in so unerträgliche Nähe zu «Sünde» geraten waren, sind jetzt «im Leben König» (5,17), gemeinsam mit «Gnade» (5,21). Sie stehen neu auf Seiten des Messias Jesus ­ gemeinsam mit Adam.

Über den Text hinaus

Die Lektüre von Röm 5,12­21 ist durch eine jahrhundertelange Auslegungsgeschichte wie zum Beispiel die Erbsünden- und Erlösungs-Theologie überlagert. Wer diese Themen in der Lesung sucht, wird sie leicht darin finden. Fruchtbarer scheint mir jedoch der Versuch, die gewichtigen Gedanken aus Röm 5 in die Subjektivität der paulinischen Lebens- und Glaubenserfahrung zurückzuholen. Der Text sollte deshalb nicht primär als überzeitliche Wahrheit gelesen werden, sondern als tastender Versuch, aus einer tiefen persönlichen Ergriffenheit über das Jesusgeschehen einen neuen Blick auf Menschen und Welt zu werfen. So wird die Sicht frei auf eine Welt ohne Sünde und Tod, was im Kontext des Römischen Weltreiches, das seinen berüchtigten Frieden auf Blut aufbaute, massive politische Implikationen hatte. Wo die paulinische Ergriffenheit jedoch fehlt oder die aus ihr entspringende menschheits-, ja sogar kosmosumfassende Perspektive nicht mehr nachvollziehbar ist, wo der zwar überzeugte und selbstbewusste, aber dennoch suchende, fragmentarische paulinische Entwurf nur als Baustein für ein fugenloses Dogmengebäude zurechtgehauen wird, da verkommt Röm 5,12­21 leicht zu einer abstrakten Lehre, die nicht mehr viel zu bewegen vermag und obendrein nicht nur den Verstand, sondern auch die Freiheit der Menschen und vielleicht sogar die Freiheit Gottes aufs Spiel zu setzen droht.
Heute sind es nicht zufällig die Dichterinnen und Dichter, die das Welt- und Gottesgeheimnis oft packender in Worte zu fassen vermögen als die Theologen/Theologinnen. Die Dichterinnen und Dichter lehren uns eine offene, einladende Sprache des Glaubens, die zentrale Fragen lieber aufwirft als beantwortet. Hilde Domin schrieb einmal, Lyrik sei das «Nichtwort, ausgespannt zwischen Wort und Wort» ­ ein Selbstverständnis, das auch der Theologie gut zu Gesicht stünde.
So hat Kurt Marti einmal einen kurzen Text verfasst, den man geradezu als «heilsgeschichtliches Credo» bezeichnen könnte und der den Gedanken von Röm 5,12­21 durchaus ähnlich ist. Marti lässt dabei viel Raum für eigene Assoziationen und Vertiefungen. Gerade theologische Grundsatzfragen müssen eben neu gelebt, in neue Formen umgegossen werden, damit sie hör- und verstehbar bleiben:

Kurt Marti, das leere grab

ein grab greift
tiefer
als die gräber
gruben

denn ungeheuer
ist der vorsprung tod

am tiefsten
greift
das grab das selbst
den tod begrub

denn ungeheuer
ist der vorsprung leben

 

Literatur: Kurt Marti, Namenszug mit Mond. Gedichte, Zürich 1996; Michael Theobald, Römerbrief. Kapitel 1­11, (SKK NT 6/1), Stuttgart 1992.


Er-lesen, Er-hellen, Er-leben

Röm 5,12­21 lesen und die einzelnen Rollen herausarbeiten. Dann den Text szenisch umsetzen ­ als Pantomime oder mit Dialogen zwischen den beteiligten Personen/Figuren, die um ihre Rolle auf der «Weltbühne» ringen. Anschliessend zum Text zurückkehren. Text und Spiel miteinander vergleichen, damit beides zu seinem Recht kommt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002