23/2002

INHALT

Lesejahr A

Gottes Freundschaft

Detlef Hecking zu Röm 5,6-11

 

Auf den Text zu

Röm 5,6­11 hat zwei Gesichter: Der Text wirkt vertraut und fremd zugleich. Einerseits enthält er (allzu) bekannte Aussagen über den Tod Jesu, die sogar im Credo Aufnahme gefunden haben («für uns gestorben», Röm 5,8). Andererseits stellt er gängige Plausibilitäten auf den Kopf: Was Röm 5,6­11 über Gott und die Welt sagt, widerspricht unseren Selbstverständlichkeiten ­ unseren heutigen noch mehr als denen zur Zeit des Paulus. Ein Schlüssel für das Verständnis des Textes liegt deshalb darin, die fremden, überraschenden Seiten neu zu entdecken, gerade in den vermeintlich bekannten Aussagen. Hilde Domin hat eine solche Wiederaneignung eines allzu abgedroschenen Begriffes («Freiheit») einmal so ausgedrückt: «Freiheit Wort/das ich aufrauhen will/ich will dich mit Glassplittern spicken/dass man dich schwer auf die Zunge nimmt/und du niemandes Ball bist//Dich/und andere/Worte möchte ich mit Glassplittern spicken» (aus ihrem Gedicht «Ich will dich»).
Ein solches «Aufrauhen» hat der zentrale Gedanke des Paulus in unserem Abschnitt tatsächlich nötig: Dass Jesus «für uns gestorben» sein soll, das können wohl die meisten Christinnen und Christen vom Hörensagen her wiedergeben. Ob dies allerdings wirklich etwas «für uns» zu sagen hat, ist wohl für fast genauso viele Menschen sehr fraglich.

Mit dem Text unterwegs

Röm 5 knüpft an 3,21­31, die These von der Gerechtsprechung aus dem Glauben, an. Die Gerechtsprechung bringt nach Paulus Frieden mit Gott (5,1), obwohl eigentlich der Zorn Gottes auf allen Menschen lastet (5,9, vorher schon Röm 1,18­3,20). 5,6­11 reflektiert und interpretiert vor diesem Hintergrund nun den Tod Jesu als Rettungs- und Versöhnungswerk. Einige Verse des Textes waren bereits Teil der Lesung am 3. Fastensonntag (5,1­2.5­8, vgl. meinen Artikel in SKZ 8/2002, S. 103).
Paulus geht für seine Argumentation von einem antiken Freundschaftsverständnis aus, bei dem das Sterben für einen Freund durchaus im Bereich des Normalen, Denkbaren liegt. So schreibt z.B. ein Zeitgenosse des Paulus, der Philosoph und Schriftsteller Seneca (4 v.Chr. bis 65 n.Chr.): «Wozu erwerbe ich mir einen Freund? Um jemanden zu haben, für den ich sterben könnte, um jemanden zu haben, dem ich ins Exil folgen könnte, dessen Tod ich mich entgegenstellen und verhindern könnte» (Brief an Lucilius I 9,10). Dieses radikale Freundschaftsideal hat bei Seneca wohl einen biographischen Hintergrund: Er wurde verbannt, nachdem er in Rom hohe Staatsämter innegehabt hatte, konnte aber später zurückkehren, bis er schliesslich von Nero wegen einer angeblichen Verschwörung zum Selbstmord gezwungen wurde. Freundschaft ist für Seneca vor diesem Hintergrund keine Schön-Wetter-Angelegenheit, sondern ein Bündnis auf Leben ­ und eben auch auf Tod. Paulus, der zur Zeit der Abfassung des Römerbriefes (ca. 56 n.Chr.) ja ebenfalls schon zahlreiche Not- und Verfolgungssituation überstanden hat, argumentiert ähnlich: «Für den Guten wagt vielleicht jemand zu sterben» (Röm 5,7). Auch die Abschiedsreden im Johannesevangelium sind von diesem Freundschaftsverständnis geprägt (Joh 15,13).
Dieses weit verbreitete antike Freundschaftsideal, so Paulus, kann den Tod Jesu «für uns» jedoch gerade nicht begründen. Denn Jesus starb bereits, als «wir» noch «schwach» (5,6), ja sogar «Sünder» (5,8) und «Feinde Gottes» waren (5,10). Die Freundschaft Gottes ist also paradox, läuft menschlichem Handeln voraus und lässt sich nicht mit irgendwelchen Leistungen verrechnen. So wird der Tod Jesu für Paulus ein Zeichen für Gottes Menschenliebe (5,8). Paulus richtet sich mit diesen Formulierungen wohl an Heiden (christen/christinnen), die die Tora, das göttliche Gesetz, bisher noch nicht kannten, und schliesst sich selber in sein «wir» mit ein. Er, der Jude, solidarisiert sich mit den Heiden ­ er ist «allen alles geworden» (1 Kor 9,22).
Eher nebenbei erwähnt Paulus, dass wir «durch sein [Jesu] Blut gerechtgesprochen» seien (5,9, ähnlich auch schon 3,25; vgl. meinen Artikel zu Röm 3,21­25.28, SKZ 21/2002). Auch hinter dieser schwer verständlichen Formulierung steht für Paulus und seine juden(christlichen) Leser/Leserinnen eine Selbstverständlichkeit: Der grosse Versöhnungsritus, der am Versöhnungstag Jom Kippur im Jerusalemer Tempel mit dem Blut eines Opfertieres vollzogen wurde (vgl. Lev 16). Liest man Röm 5,9 und ähnliche Texte vor diesem Hintergrund, dann ist der Verweis auf Jesu Blut eine allegorische Anspielung auf das jüdische Versöhnungsritual, die nicht zu sehr ­ und vor allem nicht zu bildhaft ­ mystifiziert werden sollte.

Über den Text hinaus

Was für Paulus plausible Ausgangspunkte für seine Argumentation waren, muss für uns keineswegs genauso plausibel sein. So sehr man versuchen kann, den Text zu erklären, es bleibt fragwürdig, wie Paulus die Heilsbedeutung Jesu hier auf seinen Tod reduziert und die Auferstehung nur ganz nebenbei anklingen lässt (5,10b). Die nachkonziliäre Theologie hat deshalb neben das «Sterben für», das Paulus so betont, das «Leben für», die «Pro-Existenz» Jesu, gestellt: Schon Jesu Leben wurde heilsstiftend für viele Menschen bis hin zu uns, und sein Tod war «nur» die Folge seines konsequenten Lebens.
Dass Paulus so intensiv über das Sterben Jesu nachdenkt, zeigt, wie schwer verständlich der Tod Jesu für ihn war. Denn im Judentum ist nichts weniger plausibel als ein Messias, der am Kreuz endet (Dtn 21,22f.), und im Heidentum gibt es kaum etwas Erklärungsbedürftigeres als einen angeblichen «Sohn Gottes», der sich im Tod nicht heldenhaft verhält oder davor rettet, sondern schreiend untergeht (vgl. 1 Kor 1,23). Das Kreuz Jesu blieb deshalb für Paulus zeitlebens eine radikale Herausforderung an seine Theologie und Verkündigung. Deshalb sollten auch wir es uns nicht zu einfach damit machen. Die Rede (und die Predigt) von Jesu Sterben «für uns» sollte uns nicht allzu leicht von den Lippen gehen. Dagegen steht die Aufforderung Hilde Domins, die Worte «aufzurauhen» und «mit Glassplittern zu spikken», damit sie das Anstössige und Provozierende wiedergewinnen, das sie auch für Paulus hatten. Offene Fragen dürfen dabei auch einmal stehen gelassen werden.
Wie plausibel die Rede vom «Sterben für» ist, hängt übrigens auch stark vom persönlichen, politischen und strukturellen Kontext ab: Wo mehr und v.a. gewaltsamer gestorben wird als in der Schweiz, da gehört auch die Frage des Sterbens für andere selbstverständlicher zum Alltag als bei uns. Menschen wie Bischof Romero oder andere, die wegen ihrer Überzeugung, wegen ihres Glaubens oder ihres Einsatzes für Gerechtigkeit umgebracht werden, wissen meistens, dass sie den besonderen Hass eines Teils ihrer Mitmenschen auf sich ziehen ­ stellvertretend für ihre Freundinnen und Freunde, die genauso denken oder handeln. Und sie sind bereit, dieses Risiko einzugehen und die Konsequenzen dafür zu tragen. Wenn Paulus den Tod Jesu in der Linie dieser ungezählten Frauen und Männer deutet, dann verweist das auch darauf, dass die Bibel mehr Erfahrungen und Deutungen bereithält, als wir hier und heute nachvollziehen können. Diesem biblischen «Überschuss» mit Respekt zu begegnen, auch wenn er für uns selber befremdlich sein mag, bedeutet einen lebendigen Umgang mit dem biblischen Kanon.

 

Literatur: Hilde Domin, Gesammelte Gedichte, Frankfurt 1987; Michael Theobald, Römerbrief. Kapitel 1­11, (SKK NT 6/1), Stuttgart 1992.


Er-hellen

Besinnung, Austausch: Gottes Freundschaft als reines Geschenk, ohne mein Zutun und meine Leistung ­ kann ich das von meinem Glaubensweg her nachempfinden?

Er-leben

Röm 5,8 mit Stiften oder Farben als Schreibbild gestalten. Evtl. variieren: «Sünder» durch einen Begriff ersetzen, der besser auf mich passt; «für uns gestorben» ersetzen durch «für uns gelebt».

Er-lesen

Dem Thema im Ersten Testament nachgehen, z.B. anhand von Ps 139, Ex 3, Hos 11.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002