20-21/2002

INHALT

Lesejahr A

Keine Angst vor Verschiedenheiten!

Sabine Bieberstein zu 2 Kor 13,11-13

 

Auf den Text zu

Die Frauen und Männer aus der korinthischen Gemeinde fochten nicht nur untereinander manchen Zwist aus ­ auch mit Paulus gerieten sie in massive Konflikte. Stärker noch als in 1 Kor kommt dies in 2 Kor zum Ausdruck, in dem mindestens zwei Briefe des Paulus redaktionell zusammengefügt sind. Nach Hans-Josef Klauck sind in 2 Kor 10­13 der so genannte Tränenbrief und in 2 Kor 1­9 der so genannte Versöhnungsbrief erhalten.
Schon diese Bezeichnungen, die ja den Inhalt der Briefe charakterisieren, geben Zeugnis davon, wie sehr sich Paulus in diesen Konflikten auch emotional engagierte. Und das ist kein Wunder; denn es geht um nichts weniger als die Anerkennung und das Selbstverständnis des Apostels.
Wie sich aus dem Brief rekonstruieren lässt, sind nach dem Weggang des Paulus Wandermissionare/Wandermissionarinnen aufgetreten, die nicht nur andere inhaltliche Positionen als Paulus vertraten, sondern ­ zumindest seiner eigenen Ansicht nach ­ auch die Autorität des Apostels in Misskredit brachten und ihn selbst beleidigt und verletzt hatten (2,5; 7,12). Paulus fürchtet, die Gemeinde zu verlieren, und sieht sich genötigt zu reagieren.

Mit dem Text unterwegs

Der Lesungstext ist der Schluss des Tränenbriefes (2 Kor 10­13). Paulus befindet sich also noch mitten im Konflikt; eine Versöhnung ist noch nicht in Sicht. Vehement hatte Paulus in diesem Brief mit den Leuten abgerechnet, die sich gegen ihn gestellt und seine Autorität angefochten hatten. Er hatte versucht, sein Apostolat zu verteidigen und seinen Einfluss in der Gemeinde wiederzuerlangen. Seine Ansprüche gegenüber der Gemeinde hatte er durch Vaterschafts- und Elternschafts-Motivik verstärkt (11,2; 12,14; 6,13) und aus dieser Position heraus zu Einheit und Ordnung gerufen.
Nach diesem höchst emotionalen und engagierten Brief scheint der Schluss, obwohl kürzer als in anderen Briefen geraten, doch in einigermassen versöhnlichem Ton gehalten. Obwohl sein Inhalt mit den Schlussmahnungen anderer Briefe vergleichbar ist, bekommt er doch einen besonderen Klang auf dem Hintergrund des Konflikts, in dem Paulus steht. Paulus will nach allem, was vorgefallen ist, gegenseitiges Verständnis, Frieden und Einheit wiederherstellen und bringt diese Eintracht untereinander in eine interessante Verbindung damit, dass dann «der Gott der Liebe und des Friedens mit euch sein» wird (13,11). Dieser Gott der Liebe und des Friedens ist also nicht davon zu trennen, dass Menschen diese Liebe und den Frieden tatsächlich tun. Und, noch einen Schritt weiter gegangen: Diesen Gott der Liebe und des Friedens kann legitimerweise nur im Munde führen, wer einen respektvollen, friedlichen Umgang mit anderen pflegt. Zeichen dieses versöhnlichen Umgangs soll der «Heilige Kuss» (13,12) sein, mit dem sich die Gemeindemitglieder untereinander grüssen sollen. Damit wird das herzliche Begrüssungszeichen des Kusses, das in der Umwelt durchaus üblich war, durch das Attribut «heilig» auf die Gemeindemitglieder bezogen, die damit ihre Verbundenheit bestärken und ihre Gemeinschaft untereinander als vom Geist gewirkt anerkennen.
Eingang in die Liturgie des Dreifaltigkeitssonntags hat die Lesung jedoch wegen des dreigliedrigen Segenswunsches gefunden. Triadisch sind hier ­ anders als in anderen Briefschlüssen ­ Jesus Christus, Gott und der Heilige Geist einander zugeordnet. Die Trias Gnade, Liebe und Gemeinschaft scheinen zwar ad hoc zusammengestellt. Doch erinnert Paulus mit seiner Formulierung «die Gemeinschaft des Heiligen Geistes» an etwas für ihn Wesentliches: Der Heilige Geist ist für ihn immer die Gabe Gottes. Zugleich ist in ihm Christus in den Gemeinden präsent. Und an diesem Geist erhalten Christinnen und Christen in der Taufe Anteil (1 Kor 12,13), wodurch die Gemeinschaft untereinander ihren tiefsten Grund erhält. «Gemeinschaft des Geistes bedeutet somit Gemeinschaft aller Christen untereinander aufgrund der gemeinsamen Teilhabe an dem Geist, der die Gnade Christi und die Liebe Gottes erst unter uns zum Ereignis werden lässt» (Klauck 104). Damit versucht Paulus, die Einheit, die er in Korinth und mit den Korintherinnen und Korinthern wiederherstellen möchte, auf einen festen und tragfähigen Grund zu stellen.

Über den Text hinaus

Die Mahnungen des Paulus zu Ordnung und Einheit haben etwas durchaus Ambivalentes. Einerseits ist Einheit etwas Zentrales für eine Gemeinschaft. Jede Gemeinschaft braucht einen gewissen Konsens, verbindende Elemente oder eine gemeinsame Praxis, wenn sie nicht auseinander fallen will. Auf der anderen Seite lässt sich aber feststellen, dass oft dann zur Einheit gemahnt wird, wenn es gilt, abweichende Meinungen zum Schweigen zu bringen. Verschiedene Meinungen und Positionen werden manchmal allzu schnell als bedrohlich für die Gemeinschaft empfunden. Und Menschen, die eine andere Meinung als die «orthodoxe», mehrheitsfähige oder auch nur die von den Mächtigsten erwünschte vertreten, werden allzu schnell als polarisierend abgestempelt oder gar bekämpft.
Eine Gemeinschaft aber, die weder Dissidenten/Dissidentinnen noch Debatten um Positionen und Inhalte erträgt, gerät leicht in die Gefahr, Einheit mit Einförmigkeit zu verwechseln ­ und mit der Zeit an der Einförmigkeit zu ersticken. Jede Gemeinschaft braucht abweichende Meinungen, um die Debatten darüber, was verbindet und trägt, lebendig zu erhalten. Nur eine Gemeinschaft, die ob der Verschiedenheiten von Menschen und ihren Positionen nicht erschrickt, kann gelassen nach einer tragfähigen Einheit suchen. Das Gleiche gilt für die anderen grossen Worte, die Paulus gebraucht. Liebe und Frieden können nur dort blühen, wo Verschiedenheiten sein und Unterschiede ausdiskutiert werden dürfen.
In 2 Kor ist nicht viel Diskussionsbereitschaft des Paulus mit seinen Kontrahenten/Kontrahentinnen zu erkennen. Einheit scheint zu bedeuten, dass sich die Frauen und Männer von Korinth sich von denen abwenden, die ihm widersprochen haben. Welche Positionen diese genau vertreten haben, ist heute nur noch schwer zu rekonstruieren. Die Perspektive des Paulus hat sich durchgesetzt. Ob Paulus allerdings schon zu der Zeit, als er seine Briefe schrieb, in einer so mächtigen Position war, wie wir ihn heute wahrnehmen, ist gar nicht so sicher. Ein Brief wie der Gal zeigt ihn vielmehr in einer angefochtenen Minderheitenposition und lässt seine so gewichtigen Autoritätsargumente in einem anderen Licht erscheinen.
Es ist also immer zu fragen: Wer mahnt wen zur Einheit, und warum? Werden Worte wie Einheit, Gemeinschaft, Friede und Liebe dazu benutzt, um abweichende Meinungen mit einem Schuldverdikt zu belegen, zum Schweigen zu bringen und die eigene Position durchzusetzen? Oder geht es um ein lebendiges Miteinander, in dem Verschiedenheiten gefeiert werden können und das Bewusstsein der Gemeinsamkeiten dennoch nicht verloren geht?

 

Literatur: Hans-Josef Klauck, 2. Korintherbrief, (Die Neue Echter Bibel, Neues Testament, Bd. 8), Würzburg 21988; Caroline Vander Stichele, Der zweite Brief an die Gemeinde in Korinth. Einheit auf Kosten des Unterschieds, in: Luise Schottroff/Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, 593­602.


Er-lesen

2 Kor 13,11­13 lesen und die zentralen Begriffe anstreichen. Was bedeuten sie? Wie wirken sie?

Er-hellen

Den Abschnitt auf dem Hintergrund des Konflikts zwischen Paulus und der Gemeinde von Korinth wahrnehmen.

Er-leben

Konflikte und unterschiedliche Positionen in der eigenen Gemeinde betrachten. Lassen sich Gemeinsamkeiten entdecken, die einen tragfähigen Grund für ein versöhntes Miteinander ­ in Verschiedenheit ­ bilden?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002