18/2002

INHALT

Lesejahr A

Selig seid ihr... - Vom Trotz des Glaubens und vom Aufbruch zu einer neuen Wirklichkeit

Peter Reinl zu 1 Petr 4,13-16

 

Auf den Text zu

Seligpreisungen begegnen uns immer wieder im Ersten und Zweiten Testament. Beispielsweise heisst es im Buch der Sprichwörter: «Selig der Mann, der Weisheit gefunden, der Mann, der Einsicht gewonnen hat» (Spr 3,13). Und im Jakobusbrief lesen wir: «Selig der Mann, der in der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den Kranz des Lebens erhalten []» (Jak 1,12).
Zugegeben: Worte wie «selig» oder «selig preisen» gehören heute kaum mehr zu unserem Vokabular, und wenn sie uns in biblischen Texten begegnen, erscheinen sie doch etwas antiquiert und fremd.
Den Menschen zur Zeit Jesu waren Seligpreisungen hingegen recht vertraut. Sie wussten um ihren besonderen Wert: So ist das «selig» für den Mann in Spr 3,13 ein Kompliment ­ ein Glückwunsch ­ weil er Weisheit gefunden hat, und für denjenigen in Jak 1,12 ein Zuspruch, der Versuchung nicht zu erliegen, damit er den Kranz des Lebens erhält.
Die Seligpreisungen Jesu fallen hier etwas aus dem Rahmen. Wahrscheinlich hatte er sie ungefähr so zu seinen Zuhörerinnen gesprochen: «Selig ihr, die ihr arm seid, denn euch gehört das Reich der Himmel. Selig ihr, die ihr hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig ihr, die ihr weint, denn ihr werdet getröstet werden» (vgl. Mt 5,3­12; Lk 6,20b­26). Anders als in Sir 3,13 sind die Seligpreisungen Jesu nicht an eine Bedingung geknüpft. Der Mann musste erst Weisheit finden, um selig gepriesen zu werden. Die Armen dagegen müssen nicht erst arm werden, um selig zu sein. Sie sind schon arm! Und im Unterschied zu Jak 1,12, wo der Mann sich selig preisen kann, wenn er in der Versuchung standhält, gilt den Armen (die auch die Trauernden und Hungernden sind) die Zusage des Seligseins bereits für die Gegenwart: «denn euch gehört [jetzt!] das Reich der Himmel».
Ist das nicht paradox? Hätte Jesus die selig gepriesen, die gut und gerecht sind, wäre das ja noch verständlich. Aber ausgerechnet Menschen, die arm sind und weinen, im Übrigen jedoch nicht besser sind als alle anderen?
Jesus liefert direkt im Anschluss die Begründung: «Selig ihr, die ihr arm seid, denn euch gehört das Reich der Himmel.» Er hätte genauso gut sagen können: «denn Gott hat sich euch zugewandt» oder auch: «denn Gott hat für euch Partei ergriffen». Wie auch immer Jesus es ausgedrückt hätte: Den Armen wurde beim Hören dieser Seligpreisungen klar: Gott steht auf ihrer Seite; mit dem Anbruch seines Reiches werden von nun an Gerechtigkeit und Erbarmen unaufhaltsam von der Welt Besitz ergreifen. So etwas macht Mut, baut auf und lässt auf(er)stehen.

Mit dem Text unterwegs

Ermutigung ist auch das Anliegen des Verfassers von 1 Petr. Die Christen sollen trotz ihrer bedrückenden Lebensumstände (1,6; 4,12 u.ö.) nicht resignieren.
Und wie Jesus die Armen selig gepriesen hatte, um ihnen Zuversicht zu geben, so tut dies nun auch «Petrus» mit den Christinnen in Kleinasien: «Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen» (14a). Auch hier gibt es, wie bei den jesuanischen Seligpreisungen, keine Bedingung. Die Mitglieder der frühchristlichen Gemeinden müssen nicht erst beschämt werden, um selig zu sein. Sie sind bereits beschämt (2,12; 3,9.16; 4,4)! Und ausgerechnet als Beschämte werden sie selig gepriesen.
Der Verfasser von 1 Petr folgt Jesus auch darin, dass er das Seligsein bereits für die Gegenwart beansprucht. Begründend fährt er nämlich fort: «denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht [jetzt!] auf euch». Dabei greift er auf Jes 11,2 zurück, wobei er den Geist Gottes als den Geist der Herrlichkeit interpretiert. Diese Herrlichkeit ist allerdings keine andere als die des Christus, welche in der Zukunft offenbar wird und an der die Christen Anteil haben werden (13b). Wie aber das Reich Gottes für die Armen bereits in der Gegenwart beginnt, so bricht auch die Zukunft der Christinnen bereits jetzt an, wo sie es gar nicht erwarten: mitten im Leiden.
Die Frage sei erlaubt: Ist das nicht paradox, Leidende selig zu preisen? «Petrus» sagt eindeutig: Nein! Schliesslich ruht der Geist Gottes auf euch! Der Verfasser hätte natürlich auch ­ wie schon öfters im Brief ­ sagen können: «denn ihr seid von Gott auserwählt und berufen» (1,1.15; 2,9; 3,9; 5,10) oder auch: «denn Gott hat für euch Partei ergriffen».
Mit der Form der Seligpreisung gelingt es dem Verfasser jedenfalls, die Christinnen und Christen zu stärken, indem er sie mit Gott zusammenbringt. Sie, die am Leiden (V 13) und an der Schande (VV 14.16) zu scheitern drohen, dürfen erfahren, dass Gott auf ihrer Seite steht. Sie, welchen wegen des Namens Christi (V 14) Schande zuteil und um der Gerechtigkeit willen Leiden zugefügt wird (3,14!), werden selig gepriesen, denn auf ihnen ruht Gottes Geist.
Mit den Seligpreisungen bricht der Verfasser die leidvolle Wirklichkeit der Christinnen in Kleinasien auf. Er eröffnet ihnen damit eine ganz andere Wirklichkeit, die viel bedeutender als die derzeit erfahrene ist, und ermutigt sie so dazu, gegen Leiden und Resignation aufzustehen und ihnen zu widerstehen.

Über den Text hinaus

Über den Verfasser von 1 Petr können wir vieles nur vermuten. So wissen wir weder genau, wer er (oder sie?) war noch wo er sein Rundschreiben verfasst hat. Unklar bleibt auch, ob er die eine oder andere Gemeinde in Kleinasien kannte.
Mit Sicherheit lässt sich aber von ihm behaupten, dass er ein trotziger Mensch gewesen ist. Er nahm jedenfalls nicht in defätistischer Manier eine Welt hin, in der Leiden und Ungerechtigkeit sein eigenes Leben und das vieler anderer bestimmen. Vielmehr trotzte er der Mut- und Hoffnungslosigkeit dieser scheinbar unabänderlichen Welt mit seinem Glauben an eine ganz andere Wirklichkeit, nämlich der des Reiches Gottes. Wegen seines trotzigen Glaubens lässt er nichts unversucht, resignativen Tendenzen der Christinnen und Christen zu begegnen. Und dies tut er, indem er ihnen Hoffnung und Freude im Leiden zuspricht (2,21­25; 4,13), ihnen ihren besonderen Wert bei Gott aufzeigt (1,1.15 u.ö.; 1,18­21) und ihnen erklärt, dass allein Gott über Ehre und Schande der Menschen entscheidet (2,4­9). Hinzu kommen die vielen Hoffnungsbilder, die er den Christinnen entwirft: Sie sind «auserwähltes Volk», «Königshaus», «Priesterschaft», «heilige Volksgemeinschaft» und «ein Volk, das sein [Gottes] besonderes Eigentum wurde» (2,9a). Und da sind nicht zuletzt noch die Seligpreisungen zu nennen, mit denen der Verfasser unmissverständlich die verunsicherten Christen mit Gott in Verbindung bringt (3,14; 4,14).
Mit seinem sehr einfallsreichen und trotzigen Glauben lenkt «Petrus» den Blick der kleinasiatischen Christen über die leidvolle und von Resignation geprägte Welt hinaus auf die eigentliche, aber eben doch ganz andere Wirklichkeit Gottes. Damit macht er ihnen Mut, sich mit ihrer scheinbar hoffnungslosen Situation nicht abzufinden, sondern sie zu überwinden.
Durch sein Rundschreiben angeregt, können wir uns abschliessend anfragen lassen: Wie trotzen wir resignativen Tendenzen in Kirche und Welt? Mit welchem Glauben sprechen wir anderen und uns selbst Mut zu? Und wie bringen wir ­ bedingungslos und heute schon ­ Gott und die Welt zusammen?

 

Literatur: Norbert Brox, Der erste Petrusbrief, (EKK XXI), Zürich 1979. Hermann-Josef Venetz, Die Bergpredigt. Biblische Anstösse, Düsseldorf/Freiburg (Schweiz) 1987.


Er-hellen

Seligpreisungen aus Erstem und Zweitem Testament lesen (zum Beispiel: Ps 1,1­6; Spr 3,13; Sir 50,28; Tob 13,14; Lk 1,45; Jak 1,12; Offb 19,9). Vergleich mit den oben als jesuanisch bezeichneten Seligpreisungen.

Er-lesen

1 Petr 4,13­16 lesen. Was ist besonders an dieser Seligpreisung? Eventuell noch 1 Petr 3,14 hinzuziehen.

Er-leben

Die Welt, wie wir sie erleben, kann nicht alles sein. Möglichkeiten bedenken, wie unsere täuschende und selbst gemachte Welt durchbrochen und der Blick für eine viel weitere Wirklichkeit, nämlich die des Reiches Gottes, frei werden kann.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002