18/2002 | |
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Lesejahr A |
Seligpreisungen begegnen uns immer wieder im Ersten und Zweiten Testament.
Beispielsweise heisst es im Buch der Sprichwörter: «Selig der
Mann, der Weisheit gefunden, der Mann, der Einsicht gewonnen hat»
(Spr 3,13). Und im Jakobusbrief lesen wir: «Selig der Mann, der in
der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den
Kranz des Lebens erhalten []» (Jak 1,12).
Zugegeben: Worte wie «selig» oder «selig preisen»
gehören heute kaum mehr zu unserem Vokabular, und wenn sie uns in biblischen
Texten begegnen, erscheinen sie doch etwas antiquiert und fremd.
Den Menschen zur Zeit Jesu waren Seligpreisungen hingegen recht vertraut.
Sie wussten um ihren besonderen Wert: So ist das «selig» für
den Mann in Spr 3,13 ein Kompliment ein Glückwunsch weil
er Weisheit gefunden hat, und für denjenigen in Jak 1,12 ein Zuspruch,
der Versuchung nicht zu erliegen, damit er den Kranz des Lebens erhält.
Die Seligpreisungen Jesu fallen hier etwas aus dem Rahmen. Wahrscheinlich
hatte er sie ungefähr so zu seinen Zuhörerinnen gesprochen: «Selig
ihr, die ihr arm seid, denn euch gehört das Reich der Himmel. Selig
ihr, die ihr hungert, denn ihr werdet gesättigt werden. Selig ihr,
die ihr weint, denn ihr werdet getröstet werden» (vgl. Mt 5,312;
Lk 6,20b26). Anders als in Sir 3,13 sind die Seligpreisungen Jesu nicht
an eine Bedingung geknüpft. Der Mann musste erst Weisheit finden, um
selig gepriesen zu werden. Die Armen dagegen müssen nicht erst arm
werden, um selig zu sein. Sie sind schon arm! Und im Unterschied zu Jak
1,12, wo der Mann sich selig preisen kann, wenn er in der Versuchung standhält,
gilt den Armen (die auch die Trauernden und Hungernden sind) die Zusage
des Seligseins bereits für die Gegenwart: «denn euch gehört
[jetzt!] das Reich der Himmel».
Ist das nicht paradox? Hätte Jesus die selig gepriesen, die gut und
gerecht sind, wäre das ja noch verständlich. Aber ausgerechnet
Menschen, die arm sind und weinen, im Übrigen jedoch nicht besser sind
als alle anderen?
Jesus liefert direkt im Anschluss die Begründung: «Selig ihr,
die ihr arm seid, denn euch gehört das Reich der Himmel.» Er
hätte genauso gut sagen können: «denn Gott hat sich euch
zugewandt» oder auch: «denn Gott hat für euch Partei ergriffen».
Wie auch immer Jesus es ausgedrückt hätte: Den Armen wurde beim
Hören dieser Seligpreisungen klar: Gott steht auf ihrer Seite; mit
dem Anbruch seines Reiches werden von nun an Gerechtigkeit und Erbarmen
unaufhaltsam von der Welt Besitz ergreifen. So etwas macht Mut, baut auf
und lässt auf(er)stehen.
Ermutigung ist auch das Anliegen des Verfassers von 1 Petr. Die Christen
sollen trotz ihrer bedrückenden Lebensumstände (1,6; 4,12 u.ö.)
nicht resignieren.
Und wie Jesus die Armen selig gepriesen hatte, um ihnen Zuversicht zu geben,
so tut dies nun auch «Petrus» mit den Christinnen in Kleinasien:
«Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen»
(14a). Auch hier gibt es, wie bei den jesuanischen Seligpreisungen, keine
Bedingung. Die Mitglieder der frühchristlichen Gemeinden müssen
nicht erst beschämt werden, um selig zu sein. Sie sind bereits beschämt
(2,12; 3,9.16; 4,4)! Und ausgerechnet als Beschämte werden sie selig
gepriesen.
Der Verfasser von 1 Petr folgt Jesus auch darin, dass er das Seligsein bereits
für die Gegenwart beansprucht. Begründend fährt er nämlich
fort: «denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht [jetzt!]
auf euch». Dabei greift er auf Jes 11,2 zurück, wobei er den
Geist Gottes als den Geist der Herrlichkeit interpretiert. Diese Herrlichkeit
ist allerdings keine andere als die des Christus, welche in der Zukunft
offenbar wird und an der die Christen Anteil haben werden (13b). Wie aber
das Reich Gottes für die Armen bereits in der Gegenwart beginnt, so
bricht auch die Zukunft der Christinnen bereits jetzt an, wo sie es gar
nicht erwarten: mitten im Leiden.
Die Frage sei erlaubt: Ist das nicht paradox, Leidende selig zu preisen?
«Petrus» sagt eindeutig: Nein! Schliesslich ruht der Geist Gottes
auf euch! Der Verfasser hätte natürlich auch wie schon öfters
im Brief sagen können: «denn ihr seid von Gott auserwählt
und berufen» (1,1.15; 2,9; 3,9; 5,10) oder auch: «denn Gott
hat für euch Partei ergriffen».
Mit der Form der Seligpreisung gelingt es dem Verfasser jedenfalls, die
Christinnen und Christen zu stärken, indem er sie mit Gott zusammenbringt.
Sie, die am Leiden (V 13) und an der Schande (VV 14.16) zu scheitern drohen,
dürfen erfahren, dass Gott auf ihrer Seite steht. Sie, welchen wegen
des Namens Christi (V 14) Schande zuteil und um der Gerechtigkeit willen
Leiden zugefügt wird (3,14!), werden selig gepriesen, denn auf ihnen
ruht Gottes Geist.
Mit den Seligpreisungen bricht der Verfasser die leidvolle Wirklichkeit
der Christinnen in Kleinasien auf. Er eröffnet ihnen damit eine ganz
andere Wirklichkeit, die viel bedeutender als die derzeit erfahrene ist,
und ermutigt sie so dazu, gegen Leiden und Resignation aufzustehen und ihnen
zu widerstehen.
Über den Verfasser von 1 Petr können wir vieles nur vermuten.
So wissen wir weder genau, wer er (oder sie?) war noch wo er sein Rundschreiben
verfasst hat. Unklar bleibt auch, ob er die eine oder andere Gemeinde in
Kleinasien kannte.
Mit Sicherheit lässt sich aber von ihm behaupten, dass er ein trotziger
Mensch gewesen ist. Er nahm jedenfalls nicht in defätistischer Manier
eine Welt hin, in der Leiden und Ungerechtigkeit sein eigenes Leben und
das vieler anderer bestimmen. Vielmehr trotzte er der Mut- und Hoffnungslosigkeit
dieser scheinbar unabänderlichen Welt mit seinem Glauben an eine ganz
andere Wirklichkeit, nämlich der des Reiches Gottes. Wegen seines trotzigen
Glaubens lässt er nichts unversucht, resignativen Tendenzen der Christinnen
und Christen zu begegnen. Und dies tut er, indem er ihnen Hoffnung und Freude
im Leiden zuspricht (2,2125; 4,13), ihnen ihren besonderen Wert bei
Gott aufzeigt (1,1.15 u.ö.; 1,1821) und ihnen erklärt, dass
allein Gott über Ehre und Schande der Menschen entscheidet (2,49).
Hinzu kommen die vielen Hoffnungsbilder, die er den Christinnen entwirft:
Sie sind «auserwähltes Volk», «Königshaus»,
«Priesterschaft», «heilige Volksgemeinschaft» und
«ein Volk, das sein [Gottes] besonderes Eigentum wurde» (2,9a).
Und da sind nicht zuletzt noch die Seligpreisungen zu nennen, mit denen
der Verfasser unmissverständlich die verunsicherten Christen mit Gott
in Verbindung bringt (3,14; 4,14).
Mit seinem sehr einfallsreichen und trotzigen Glauben lenkt «Petrus»
den Blick der kleinasiatischen Christen über die leidvolle und von
Resignation geprägte Welt hinaus auf die eigentliche, aber eben doch
ganz andere Wirklichkeit Gottes. Damit macht er ihnen Mut, sich mit ihrer
scheinbar hoffnungslosen Situation nicht abzufinden, sondern sie zu überwinden.
Durch sein Rundschreiben angeregt, können wir uns abschliessend anfragen
lassen: Wie trotzen wir resignativen Tendenzen in Kirche und Welt? Mit welchem
Glauben sprechen wir anderen und uns selbst Mut zu? Und wie bringen wir
bedingungslos und heute schon Gott und die Welt zusammen?
Literatur: Norbert Brox, Der erste Petrusbrief, (EKK XXI), Zürich 1979. Hermann-Josef Venetz, Die Bergpredigt. Biblische Anstösse, Düsseldorf/Freiburg (Schweiz) 1987.
Seligpreisungen aus Erstem und Zweitem Testament lesen (zum Beispiel: Ps 1,16; Spr 3,13; Sir 50,28; Tob 13,14; Lk 1,45; Jak 1,12; Offb 19,9). Vergleich mit den oben als jesuanisch bezeichneten Seligpreisungen.
1 Petr 4,1316 lesen. Was ist besonders an dieser Seligpreisung? Eventuell noch 1 Petr 3,14 hinzuziehen.
Die Welt, wie wir sie erleben, kann nicht alles sein. Möglichkeiten bedenken, wie unsere täuschende und selbst gemachte Welt durchbrochen und der Blick für eine viel weitere Wirklichkeit, nämlich die des Reiches Gottes, frei werden kann.