17/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Alljährlich setzen sich am Abend des Pessachfestes Männer und
Frauen zum Sedermahl zusammen, um sich an den Auszug des Volkes Israel aus
Ägypten und die damit verbundene Befreiung aus der Sklaverei zu erinnern.
Wenn die Gläser zum zweiten Mal mit Wein gefüllt sind, stellt
der Jüngste am Tisch folgende Frage: «Wodurch unterscheidet sich
diese Nacht von allen anderen Nächten? Jede andere Nacht essen wir
beliebig gesäuertes und ungesäuertes Brot, diese Nacht nur ungesäuertes;
jede andere Nacht geniessen wir jede Art Kraut nach Belieben, diese Nacht
Bitteres []». Gemäss der Pessach-Haggada, die den Ablauf des
Sedermahles beschreibt, wird die Frage folgendermassen beantwortet: «Einst
waren wir Sklaven des Pharao in Ägypten, aber der Ewige, unser Gott,
führte uns von da heraus mit starker Hand und ausgestrecktem Arme.
Hätte der Heilige gelobt sei er unsere Väter nicht
aus Ägypten geführt, wahrlich, wir, unsere Kinder und Kindeskinder
hätten auf ewig in Ägypten dienstbar bleiben müssen. Wären
wir alle auch weise, vernünftige und erfahrene Männer, auch Kenner
der Thora, so bliebe es dennoch Pflicht, die Geschichte des Auszugs aus
Ägypten zu erzählen; und wer am meisten davon erzählt, ist
lobenswert.»
Dieser Ausschnitt aus der Pessach-Haggada verweist uns auf einen wesentlichen
Zug der jüdischen und der in ihrer Tradition stehenden christlichen
Religion: Beide sind Erzählreligionen! Dem fragenden Jüngsten
wird nicht in einer abstrakten Formel geantwortet, sondern es wird ihm (und
allen anderen am Tisch) die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten erzählt.
Gerade indem man sich an dieses Ereignis erzählend erinnert, vergegenwärtigt
man es. Man macht es für die Gegenwart fruchtbar. Das Erzählen
ist so auch nicht allein auf die Vergangenheit ausgerichtet. Vielmehr hat
es die Gegenwart im Blick und ist auf die Zukunft hin orientiert. Für
den konkreten Fall des Sederabends heisst das: Heute, wo wir von der Befreiung
erzählen, da kann und soll und wird sie erneut geschehen.
Von der grossen Befreiung fühlen sich die Christinnen und Christen
in den Provinzen Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, an
die sich 1 Petr wendet, meilenweit entfernt. Deshalb spricht ihnen der Verfasser
auch Mut zu: Fürchtet euch nicht vor ihnen [denen, die euch Leid zufügen],
und lasst euch nicht erschrecken, sondern haltet in eurem Herzen Christus,
den Herrn, heilig! (3,14f.; es ist sinnvoll, die Lesung mit V 14b zu beginnen!)
«Petrus» greift hier, wie so oft, auf eine ersttestamentliche
Tradition zurück. Wollte Jesaja 800 Jahre vor ihm den Einwohnern Jerusalems
die Angst vor den Assyrern nehmen, indem er im Namen Jahwes sagte, sie sollten
sich vor diesen Feinden nicht fürchten und erschrecken, sondern Jahwe
heilig halten (Jes 8,12f.), so will der Verfasser von 1 Petr mit den gleichen
Worten, allerdings auf Christus bezogen, den Christinnen die Angst vor ihren
Feinden nehmen. Wenn die Christen in ihrem Herzen (1,22; 3,4), also aufrichtig,
Christus heilig halten, dann werden sie auch immer bereit sein, «jedem
Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die [sie] erfüllt»
(3,15).
Da ihre Lebensweise zum Teil von der sonst üblichen abwich (1,1419;
4,14), wurden die Christen wohl häufig angefragt: Warum denkt
und handelt ihr nicht mehr wie wir es tun? Was ist der Grund dafür,
dass ihr jetzt anders lebt als wir? Den Christinnen war die Antwort klar:
Der Grund ihrer sich von den Nachbarn unterscheidenden Lebensweise, der
Grund ihrer Hoffnung, der ist Christus.
Und von ihm sollen sie erzählen! Dabei sollen sie weder auftrumpfen
noch arrogant sein noch irgendwelche Geschichten zum Besten geben. Vielmehr
sollen sie «bescheiden und ehrfürchtig», also werbend von
Christus sprechen. Und der Verfasser fügt noch hinzu, dass sie mit
reinem Gewissen erzählen sollen, dass sie also nur von dem sprechen
mögen, was sie vorleben, was eine Bedeutung in ihrem eigenen Leben
bekommen hat (3,16).
Und wer auf diese Weise verantwortlich von seiner Hoffnung Zeugnis gibt
und «in Christus ein rechtschaffenes Leben führt», der
und die werden zwar sicherlich von den Menschen in ihrer Umwelt beschimpft
werden. Aber es wird eine Zeit kommen, in der sich diejenigen, welche die
Christen heute beschimpfen, selbst schämen müssen. Denn dann werden
die ehrenvoll vor Gott dastehen, die sich an Christus, dem Grund ihrer Hoffnung,
festmachen und von ihm erzählen (3,16).
Wie den frühen Christen wird auch heute kaum einem wörtlich
die Frage gestellt werden, was denn die Hoffnung sei, die ihn erfüllt.
Wahrscheinlicher ist da schon die Frage, warum eine so lebt, denkt oder
handelt und nicht anders. Warum setzt du dich so für Gerechtigkeit,
gegen Gewalt, für das Leben, für Freiheitein?
Auf solche Fragen und oft sind es wohl weniger Fragen als vielmehr
Vorwürfe oder Anklagen erzählend zu antworten, ist ungewohnt.
Die christliche und jüdische Erzähltradition kann hier eine Hilfe
sein.
Wie wird denn zum Beispiel der Israelit seinen Kindern nahe gebracht haben,
dass Jahwe einzig ist, und wie hat er davon in allen Lebenslagen geredet?
(Dtn 6,49) Sicher wird er nicht allein die Formel «Jahwe ist
einzig» aufgesagt haben. Vielmehr dürfte er vom Durchzug durch
das Rote Meer erzählt haben (Ex 14f.) oder vom Gott, der Mitleid mit
den Bewohnern von Ninive hat (Jona). Und vielleicht erzählte er auch
davon, dass die Einzigkeit Gottes darin besteht, dass er kein Tier, das
man den Armen weggenommen hat, als Opfer annehmen will, ja dass er überhaupt
kein Opfer, sondern eben Gerechtigkeit will (Sir 34,2127).
Und wie hat Jesus wohl darauf reagiert, wenn man ihn wegen seines unbefangenen
Umgangs mit Zöllnern, Prostituierten und Sündern angriff? Er hat
Gleichnisse erzählt. Und während er beispielsweise vom Weinbergsbesitzer
sprach, der allen Arbeitern den gleichen Lohn auszahlte, egal ob sie nun
den ganzen Tag oder nur eine Stunde gearbeitet hatten (Mt 20,116),
da erschloss sich seinen Zuhörerinnen mitten in ihrem Alltag ein ganz
neuer Horizont, nämlich dass es bei Gott nicht auf Lohn und Leistung
ankommt, sondern allein auf die Güte.
Und heute? Da halten zum Beispiel viele Menschen trotz zunehmender Umweltzerstörung,
zahlloser Kriege und menschenverachtender Wirtschaftssysteme weiterhin daran
fest, dass Krieg, Tod, Ausbeutung und Unterdrückung nicht das letzte
Wort haben werden. Ihr Engagement für Frieden und Gerechtigkeit wird
aber häufig als sinnlos und utopisch in Frage gestellt. Wäre es
in dieser Situation nicht möglich, zum Beispiel das Gleichnis vom Sämann
(Mk 4,38) zu erzählen? Fast alles, was dieser aussäte, ging
«daneben». Trotzdem machte er einfach weiter, denn er liess
sich nicht von der Hoffnung abbringen, dass sich hinter seinem scheinbar
sinnlosen Tun eine Wirklichkeit verbirgt, die letztendlich für eine
grosse Ernte einsteht.
Und wie sich am Sederabend im Erzählen der Geschichte vom Auszug aus
Ägypten Befreiung ereignet, so wird sich beim Erzählen des Gleichnisses
eine Dynamik entwickeln, die Gerechtigkeit und Frieden schon jetzt
zum Durchbruch verhelfen wird.
Literatur: Die Pessach-Haggada. Erzählung von dem Auszuge Israels aus Ägypten an den beiden ersten Pessach-Abenden. Übersetzt von W. Heidenheim, Verlagsbuchhandlung Victor Goldschmidt, Basel 1970 (Zitat: 78).
1 Petr 3,14b18 lesen. Mehrfach den Vers «Seid stets bereit...» (15b) wiederholen und mit der Frage verbinden, was denn (Grund für) unsere Hoffnung ist. Stichworte zusammentragen und auf einem Plakat notieren.
Anhand von Texten aus beiden Testamenten die Bedeutung des Erzählens in Juden- und Christentum erschliessen.
Die Dynamik biblischer Texte erahnen, indem man sich verschiedene Situationen vor Augen hält (Unterdrückung; Frieden;...) und mit wechselnden Rollen (bei einem Gleichnis, zum Beispiel: Zuhörer/Zuhörerinnen, Jesus, Jünger...) Geschichten erzählt. Austausch.