17/2002

INHALT

Lesejahr A

Erzähle von deiner Hoffnung!

Peter Reinl zu 1 Petr 3,15-18

 

Auf den Text zu

Alljährlich setzen sich am Abend des Pessachfestes Männer und Frauen zum Sedermahl zusammen, um sich an den Auszug des Volkes Israel aus Ägypten und die damit verbundene Befreiung aus der Sklaverei zu erinnern. Wenn die Gläser zum zweiten Mal mit Wein gefüllt sind, stellt der Jüngste am Tisch folgende Frage: «Wodurch unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten? Jede andere Nacht essen wir beliebig gesäuertes und ungesäuertes Brot, diese Nacht nur ungesäuertes; jede andere Nacht geniessen wir jede Art Kraut nach Belieben, diese Nacht Bitteres []». Gemäss der Pessach-Haggada, die den Ablauf des Sedermahles beschreibt, wird die Frage folgendermassen beantwortet: «Einst waren wir Sklaven des Pharao in Ägypten, aber der Ewige, unser Gott, führte uns von da heraus mit starker Hand und ausgestrecktem Arme. Hätte der Heilige ­ gelobt sei er ­ unsere Väter nicht aus Ägypten geführt, wahrlich, wir, unsere Kinder und Kindeskinder hätten auf ewig in Ägypten dienstbar bleiben müssen. Wären wir alle auch weise, vernünftige und erfahrene Männer, auch Kenner der Thora, so bliebe es dennoch Pflicht, die Geschichte des Auszugs aus Ägypten zu erzählen; und wer am meisten davon erzählt, ist lobenswert.»
Dieser Ausschnitt aus der Pessach-Haggada verweist uns auf einen wesentlichen Zug der jüdischen und der in ihrer Tradition stehenden christlichen Religion: Beide sind Erzählreligionen! Dem fragenden Jüngsten wird nicht in einer abstrakten Formel geantwortet, sondern es wird ihm (und allen anderen am Tisch) die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten erzählt. Gerade indem man sich an dieses Ereignis erzählend erinnert, vergegenwärtigt man es. Man macht es für die Gegenwart fruchtbar. Das Erzählen ist so auch nicht allein auf die Vergangenheit ausgerichtet. Vielmehr hat es die Gegenwart im Blick und ist auf die Zukunft hin orientiert. Für den konkreten Fall des Sederabends heisst das: Heute, wo wir von der Befreiung erzählen, da kann und soll und wird sie erneut geschehen.

Mit dem Text unterwegs

Von der grossen Befreiung fühlen sich die Christinnen und Christen in den Provinzen Pontus, Galatien, Kappadozien, Asien und Bithynien, an die sich 1 Petr wendet, meilenweit entfernt. Deshalb spricht ihnen der Verfasser auch Mut zu: Fürchtet euch nicht vor ihnen [denen, die euch Leid zufügen], und lasst euch nicht erschrecken, sondern haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! (3,14f.; es ist sinnvoll, die Lesung mit V 14b zu beginnen!)
«Petrus» greift hier, wie so oft, auf eine ersttestamentliche Tradition zurück. Wollte Jesaja 800 Jahre vor ihm den Einwohnern Jerusalems die Angst vor den Assyrern nehmen, indem er im Namen Jahwes sagte, sie sollten sich vor diesen Feinden nicht fürchten und erschrecken, sondern Jahwe heilig halten (Jes 8,12f.), so will der Verfasser von 1 Petr mit den gleichen Worten, allerdings auf Christus bezogen, den Christinnen die Angst vor ihren Feinden nehmen. Wenn die Christen in ihrem Herzen (1,22; 3,4), also aufrichtig, Christus heilig halten, dann werden sie auch immer bereit sein, «jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die [sie] erfüllt» (3,15).
Da ihre Lebensweise zum Teil von der sonst üblichen abwich (1,14­19; 4,1­4), wurden die Christen wohl häufig angefragt: Warum denkt und handelt ihr nicht mehr wie wir es tun? Was ist der Grund dafür, dass ihr jetzt anders lebt als wir? Den Christinnen war die Antwort klar: Der Grund ihrer sich von den Nachbarn unterscheidenden Lebensweise, der Grund ihrer Hoffnung, der ist Christus.
Und von ihm sollen sie erzählen! Dabei sollen sie weder auftrumpfen noch arrogant sein noch irgendwelche Geschichten zum Besten geben. Vielmehr sollen sie «bescheiden und ehrfürchtig», also werbend von Christus sprechen. Und der Verfasser fügt noch hinzu, dass sie mit reinem Gewissen erzählen sollen, dass sie also nur von dem sprechen mögen, was sie vorleben, was eine Bedeutung in ihrem eigenen Leben bekommen hat (3,16).
Und wer auf diese Weise verantwortlich von seiner Hoffnung Zeugnis gibt und «in Christus ein rechtschaffenes Leben führt», der und die werden zwar sicherlich von den Menschen in ihrer Umwelt beschimpft werden. Aber es wird eine Zeit kommen, in der sich diejenigen, welche die Christen heute beschimpfen, selbst schämen müssen. Denn dann werden die ehrenvoll vor Gott dastehen, die sich an Christus, dem Grund ihrer Hoffnung, festmachen und von ihm erzählen (3,16).

Über den Text hinaus

Wie den frühen Christen wird auch heute kaum einem wörtlich die Frage gestellt werden, was denn die Hoffnung sei, die ihn erfüllt. Wahrscheinlicher ist da schon die Frage, warum eine so lebt, denkt oder handelt und nicht anders. Warum setzt du dich so für Gerechtigkeit, gegen Gewalt, für das Leben, für Freiheitein?
Auf solche Fragen ­ und oft sind es wohl weniger Fragen als vielmehr Vorwürfe oder Anklagen ­ erzählend zu antworten, ist ungewohnt. Die christliche und jüdische Erzähltradition kann hier eine Hilfe sein.
Wie wird denn zum Beispiel der Israelit seinen Kindern nahe gebracht haben, dass Jahwe einzig ist, und wie hat er davon in allen Lebenslagen geredet? (Dtn 6,4­9) Sicher wird er nicht allein die Formel «Jahwe ist einzig» aufgesagt haben. Vielmehr dürfte er vom Durchzug durch das Rote Meer erzählt haben (Ex 14f.) oder vom Gott, der Mitleid mit den Bewohnern von Ninive hat (Jona). Und vielleicht erzählte er auch davon, dass die Einzigkeit Gottes darin besteht, dass er kein Tier, das man den Armen weggenommen hat, als Opfer annehmen will, ja dass er überhaupt kein Opfer, sondern eben Gerechtigkeit will (Sir 34,21­27).
Und wie hat Jesus wohl darauf reagiert, wenn man ihn wegen seines unbefangenen Umgangs mit Zöllnern, Prostituierten und Sündern angriff? Er hat Gleichnisse erzählt. Und während er beispielsweise vom Weinbergsbesitzer sprach, der allen Arbeitern den gleichen Lohn auszahlte, egal ob sie nun den ganzen Tag oder nur eine Stunde gearbeitet hatten (Mt 20,1­16), da erschloss sich seinen Zuhörerinnen mitten in ihrem Alltag ein ganz neuer Horizont, nämlich dass es bei Gott nicht auf Lohn und Leistung ankommt, sondern allein auf die Güte.
Und heute? Da halten zum Beispiel viele Menschen trotz zunehmender Umweltzerstörung, zahlloser Kriege und menschenverachtender Wirtschaftssysteme weiterhin daran fest, dass Krieg, Tod, Ausbeutung und Unterdrückung nicht das letzte Wort haben werden. Ihr Engagement für Frieden und Gerechtigkeit wird aber häufig als sinnlos und utopisch in Frage gestellt. Wäre es in dieser Situation nicht möglich, zum Beispiel das Gleichnis vom Sämann (Mk 4,3­8) zu erzählen? Fast alles, was dieser aussäte, ging «daneben». Trotzdem machte er einfach weiter, denn er liess sich nicht von der Hoffnung abbringen, dass sich hinter seinem scheinbar sinnlosen Tun eine Wirklichkeit verbirgt, die letztendlich für eine grosse Ernte einsteht.
Und wie sich am Sederabend im Erzählen der Geschichte vom Auszug aus Ägypten Befreiung ereignet, so wird sich beim Erzählen des Gleichnisses eine Dynamik entwickeln, die Gerechtigkeit und Frieden ­ schon jetzt ­ zum Durchbruch verhelfen wird.

 

Literatur: Die Pessach-Haggada. Erzählung von dem Auszuge Israels aus Ägypten an den beiden ersten Pessach-Abenden. Übersetzt von W. Heidenheim, Verlagsbuchhandlung Victor Goldschmidt, Basel 1970 (Zitat: 7­8).


Er-lesen

1 Petr 3,14b­18 lesen. Mehrfach den Vers «Seid stets bereit...» (15b) wiederholen und mit der Frage verbinden, was denn (Grund für) unsere Hoffnung ist. Stichworte zusammentragen und auf einem Plakat notieren.

Er-hellen

Anhand von Texten aus beiden Testamenten die Bedeutung des Erzählens in Juden- und Christentum erschliessen.

Er-leben

Die Dynamik biblischer Texte erahnen, indem man sich verschiedene Situationen vor Augen hält (Unterdrückung; Frieden;...) und mit wechselnden Rollen (bei einem Gleichnis, zum Beispiel: Zuhörer/Zuhörerinnen, Jesus, Jünger...) Geschichten erzählt. Austausch.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002