16/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Ehre spielt heute in den meisten Gesellschaften eine nicht zu unterschätzende
Rolle: Städte und Dörfer ernennen Personen, die sich um sie verdient
gemacht haben, zu Ehren-Bürgerinnen und Ehren-Bürgern; Universitäten
verleihen den Titel des Ehren-Doktors; der französische Staat beruft
in die Ehren-Legion und bestimmte Veranstaltungen schmücken sich mit
Ehren-Gästen oder gar mit einem Ehren-Komitee. Wer besonders lange
Mitglied in einem Verein ist, bekommt eine Ehren-Urkunde oder Ehren-Nadel
und schafft es manchmal sogar noch zur Ehren-Präsidentin. Ehren-Salut
oder Ehren-Salve können dann das Ende eines verdienstvollen Lebens
markieren.
Trotzdem wird wohl kaum jemand behaupten, dass Ehre beispielsweise
in der Schweiz die entscheidende Rolle in der Gesellschaft spielt.
Das hängt vor allem damit zusammen, dass heute der Einzelne für
die eigene Wertschätzung nicht unbedingt auf den Ehrerweis durch die
Öffentlichkeit angewiesen ist.
Für die Zeit, in der 1 Petr und die anderen neutestamentlichen Schriften
entstanden sind, ergibt sich da allerdings ein ganz anderes Bild: Im gesellschaftlichen
Zusammenleben der Menschen in der Antike hatten Ehre und Schande (als Gegenpol
der Ehre) eine Schlüsselrolle.
Wissenschaftler nehmen für den Mittelmeerraum im 1. Jahrhundert an,
dass damals hinsichtlich der Ehre folgendermassen gedacht wurde: Jedem Menschen
kommt aufgrund seiner Herkunft (Tochter des Soundso) oder auch besonderer
Taten (z.B. bei Wettkämpfen) ein gewisses Mass an Ehre zu. Diese Ehre
hat aber erst dann einen Wert, wenn sie auch von der Öffentlichkeit
anerkannt wird. Insofern ist jeder und jede gezwungen, Ehre (und Ehrerweise)
von aussen einzufordern. Wird mir die eingeforderte Ehre zuerkannt, so behalte
ich meinen Stand in der Gesellschaft. Sind die anderen aber nicht bereit,
meinen Ehranspruch zu bestätigen, so gereicht mir dies zur Schande;
ich werde beschämt, und mein gesellschaftlicher Rang wird gemindert.
Ich erleide einen Ehrverlust. Zudem ging man davon aus, dass Ehre ein begrenztes
Gut ist. Für die soziale Dynamik war dies folgenreich. Will der eine
nämlich seine Ehre vermehren, so muss er sie, da ja nur eine begrenzte
Menge an Ehre vorhanden ist, einem anderen wegnehmen. Folge dieser Annahme
ist ein ständiger Kampf um Ehre, der den Alltag der Menschen prägte.
Den Christinnen und Christen in den kleinasiatischen Gemeinden, an die sich
1 Petr als Rundbrief wendet, war das Denken in den Kategorien von Ehre und
Schande wohl bekannt. Es war auch ihr Denken, und insofern war ihnen natürlich
ebenfalls an der Wertschätzung durch die Öffentlichkeit gelegen,
denn ohne diese galt man nichts.
Nur gab es da ein Problem: Bei ihrer «fremden» Lebensweise,
die sich ja teilweise von der ihrer Nachbarn unterschied (1,1419; 4,14),
konnten sie weder öffentlichen Respekt noch Anerkennung erwarten. Vielmehr
reagierten die Menschen in ihrer Umwelt so, wie es im täglichen Kampf
um die Ehre gefordert war: Sie verleumdeten (2,12; 3,16), beschimpften (3,16),
lästerten (4,4) und kränkten (3,9) die Christen, denn auf diesem
Weg konnten sie diese entehren und beschämen. Nicht zuletzt waren sie
wohl auch daran interessiert, die christlichen Abweichler auf diesem Weg
wieder ins Boot der gesellschaftsüblichen Ordnung zu holen.
Für den Verfasser von 1 Petr stellte sich somit die Frage: Wie kann
ich die Christinnen und Christen, die unter dem Ehrverlust in der Öffentlichkeit
leiden, davon abhalten, wieder zur gesellschaftlich anerkannten Lebensform
zurück- und dem Christsein den Rücken zuzukehren? Der heutige
Lesungstext versucht, darauf eine Antwort zu geben.
Der Verfasser greift dabei in VV 69 auf ersttestamentliche Traditionen
aus dem Propheten Jesaja (Jes 8,14; 28,16; 43,20f.), dem Psalmenbuch (Ps
118,22) und dem Buch Exodus (Ex 19,5f.) zurück, wobei er sehr frei
mit ihnen umgeht. Die Quintessenz und Interpretation der verschiedenen alttestamentlichen
Anspielungen stellt er dann in VV 45 seinen Ausführungen voran.
Erneut parallelisiert er dabei die frühchristliche Gemeinde mit Jesus
(vgl. 2,20b25):
Jesus, der lebendige Stein, wurde von den Menschen verworfen. Am deutlichsten
zeigt sich dies am Kreuz. Eine grössere Schande als die, wie ein Sklave
hingerichtet zu werden, war nicht vorstellbar. In den Augen der Öffentlichkeit
hatte Jesus spätestens am Karfreitag jede Ehre verloren. Aber ausgerechnet
ihn ehrt Gott, indem er ihn auserwählt (2,4).
Christinnen und Christen ruft der Verfasser nun auf, zu diesem lebendigen
Stein zu kommen. Sie sollen Partei ergreifen für den von der Welt Verworfenen
(2,4). Wie Jesus sollen sie lebendige Steine sein. Was für ihn gilt,
gilt auch für sie: Wie er werden sie von ihrer Umwelt beschämt
und entehrt (s.o.), aber wie er sind auch sie von Gott auserwählt und
berufen (1,1.15; 2,9; 3,9; 5,10). Mag ihnen die Öffentlichkeit auch
alle Ehre entziehen und sie beschämen, das spielt keine Rolle mehr.
Denn Gott ist derjenige, der ihnen Ehre zuteil werden lässt.
Die Strategie des Verfassers leuchtet ein: Nicht mehr die Öffentlichkeit,
sondern Gott allein teilt nun Ehre zu. Indem «Petrus» dies den
Gläubigen in Kleinasien klarmacht und darauf verweist, dass nicht der
gesellschaftsübliche, sondern der christliche Lebenswandel allein ausschlaggebend
ist für die Zuteilung von Ehre und Schande, motiviert er sie, an Christus
festzuhalten. Wer nicht an ihn glaubt, wer nicht seinem Wort gehorcht, für
den wird der Eckstein zum Stolperstein, an dem er zu Fall kommt (2,7f.),
das heisst: Ausgerechnet die, die sich in der Welt für sehr ehrenvoll
halten, werden beschämt. Wer aber gläubig auf ihn vertraut, geht
nicht zugrunde, wird nicht beschämt (2,6). Vielmehr sind alle, die
an Christus festhalten, voll der Ehre.
Dies drückt der Verfasser abschliessend mit einer Vielzahl von Metaphern
aus, die im Ersten Testament für den Bundesschluss zwischen Gott und
seinem Volk stehen (Ex 19,5f.). Sie wollen die einzigartige Erwählung
durch Gott und den besonderen Status der Erwählten ausdrücken.
Sie zeigen den christlichen Gemeinden, dass sie vor und für Gott kostbar
und wertvoll sind, und wollen ihnen so Trost in der bedrückenden Situation
spenden und Hoffnung wecken: «Ihr aber seid ein auserwähltes
Stammvolk, ein Königshaus, eine Priesterschaft, eine heilige Volksgemeinschaft,
ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde» (2,9a).
1 Petr 2,49 hat gerade hinsichtlich der Rede vom «allgemeinen Priestertum» eine breite Wirkungsgeschichte entfaltet. Sämtliche Entwürfe, gehen sie nun auf die Kirchenväter, die Reformatoren oder auch das 2. Vatikanische Konzil zurück, werden sich daran messen lassen müssen, inwiefern sie der Metapher vom Priestertum, wie sie ja bereits in Ex 19,6 angelegt war, gerecht werden. Richtig wird vom Priestertum aller Gläubigen jedenfalls nur dort gesprochen, wo der Gedanke der Erwählung durch Gott so zum Tragen kommt, dass die Ehre und Würde aller Gläubigen ernst genommen und gefördert wird.
Literatur: John H. Elliott, Disgraced Yet Graced. The Gospel according to 1 Peter in the Key of Honor and Shame, in: BTB 25 (1995) 166178. Bruce J. Malina, Die Welt des Neuen Testaments. Kulturanthropologische Einsichten, Stuttgart u.a. 1993, bes. 4066.
1 Petr 2,49 miteinander lesen und die Metaphern auf einem Plakat notieren (Stein, Haus, Priesterschaft). Anhand des Kontextes der ersttestamentlichen Zitate aus Jes, Ex und Ps versuchen, die Bilder als Metaphern besser zu verstehen.
Mit dem Hinweis auf die Denkkategorien Ehre und Schande die Bedeutung des Auserwähltseins als Ehrung durch Gott herausstellen.
Austausch darüber, wovon wir heute unsere Wertschätzung abhängig machen: Öffentlichkeit, Gott, meine eigene Leistung