16/2002

INHALT

Lesejahr A

Von den Menschen verworfen, aber von Gott geehrt...

Peter Reinl zu 1 Petr 2,4-9

 

Auf den Text zu

Ehre spielt heute in den meisten Gesellschaften eine nicht zu unterschätzende Rolle: Städte und Dörfer ernennen Personen, die sich um sie verdient gemacht haben, zu Ehren-Bürgerinnen und Ehren-Bürgern; Universitäten verleihen den Titel des Ehren-Doktors; der französische Staat beruft in die Ehren-Legion und bestimmte Veranstaltungen schmücken sich mit Ehren-Gästen oder gar mit einem Ehren-Komitee. Wer besonders lange Mitglied in einem Verein ist, bekommt eine Ehren-Urkunde oder Ehren-Nadel und schafft es manchmal sogar noch zur Ehren-Präsidentin. Ehren-Salut oder Ehren-Salve können dann das Ende eines verdienstvollen Lebens markieren.
Trotzdem wird wohl kaum jemand behaupten, dass Ehre ­ beispielsweise in der Schweiz ­ die entscheidende Rolle in der Gesellschaft spielt. Das hängt vor allem damit zusammen, dass heute der Einzelne für die eigene Wertschätzung nicht unbedingt auf den Ehrerweis durch die Öffentlichkeit angewiesen ist.
Für die Zeit, in der 1 Petr und die anderen neutestamentlichen Schriften entstanden sind, ergibt sich da allerdings ein ganz anderes Bild: Im gesellschaftlichen Zusammenleben der Menschen in der Antike hatten Ehre und Schande (als Gegenpol der Ehre) eine Schlüsselrolle.
Wissenschaftler nehmen für den Mittelmeerraum im 1. Jahrhundert an, dass damals hinsichtlich der Ehre folgendermassen gedacht wurde: Jedem Menschen kommt aufgrund seiner Herkunft (Tochter des Soundso) oder auch besonderer Taten (z.B. bei Wettkämpfen) ein gewisses Mass an Ehre zu. Diese Ehre hat aber erst dann einen Wert, wenn sie auch von der Öffentlichkeit anerkannt wird. Insofern ist jeder und jede gezwungen, Ehre (und Ehrerweise) von aussen einzufordern. Wird mir die eingeforderte Ehre zuerkannt, so behalte ich meinen Stand in der Gesellschaft. Sind die anderen aber nicht bereit, meinen Ehranspruch zu bestätigen, so gereicht mir dies zur Schande; ich werde beschämt, und mein gesellschaftlicher Rang wird gemindert. Ich erleide einen Ehrverlust. Zudem ging man davon aus, dass Ehre ein begrenztes Gut ist. Für die soziale Dynamik war dies folgenreich. Will der eine nämlich seine Ehre vermehren, so muss er sie, da ja nur eine begrenzte Menge an Ehre vorhanden ist, einem anderen wegnehmen. Folge dieser Annahme ist ein ständiger Kampf um Ehre, der den Alltag der Menschen prägte.
Den Christinnen und Christen in den kleinasiatischen Gemeinden, an die sich 1 Petr als Rundbrief wendet, war das Denken in den Kategorien von Ehre und Schande wohl bekannt. Es war auch ihr Denken, und insofern war ihnen natürlich ebenfalls an der Wertschätzung durch die Öffentlichkeit gelegen, denn ohne diese galt man nichts.
Nur gab es da ein Problem: Bei ihrer «fremden» Lebensweise, die sich ja teilweise von der ihrer Nachbarn unterschied (1,14­19; 4,1­4), konnten sie weder öffentlichen Respekt noch Anerkennung erwarten. Vielmehr reagierten die Menschen in ihrer Umwelt so, wie es im täglichen Kampf um die Ehre gefordert war: Sie verleumdeten (2,12; 3,16), beschimpften (3,16), lästerten (4,4) und kränkten (3,9) die Christen, denn auf diesem Weg konnten sie diese entehren und beschämen. Nicht zuletzt waren sie wohl auch daran interessiert, die christlichen Abweichler auf diesem Weg wieder ins Boot der gesellschaftsüblichen Ordnung zu holen.
Für den Verfasser von 1 Petr stellte sich somit die Frage: Wie kann ich die Christinnen und Christen, die unter dem Ehrverlust in der Öffentlichkeit leiden, davon abhalten, wieder zur gesellschaftlich anerkannten Lebensform zurück- und dem Christsein den Rücken zuzukehren? Der heutige Lesungstext versucht, darauf eine Antwort zu geben.

Mit dem Text unterwegs

Der Verfasser greift dabei in VV 6­9 auf ersttestamentliche Traditionen aus dem Propheten Jesaja (Jes 8,14; 28,16; 43,20f.), dem Psalmenbuch (Ps 118,22) und dem Buch Exodus (Ex 19,5f.) zurück, wobei er sehr frei mit ihnen umgeht. Die Quintessenz und Interpretation der verschiedenen alttestamentlichen Anspielungen stellt er dann in VV 4­5 seinen Ausführungen voran. Erneut parallelisiert er dabei die frühchristliche Gemeinde mit Jesus (vgl. 2,20b­25):
Jesus, der lebendige Stein, wurde von den Menschen verworfen. Am deutlichsten zeigt sich dies am Kreuz. Eine grössere Schande als die, wie ein Sklave hingerichtet zu werden, war nicht vorstellbar. In den Augen der Öffentlichkeit hatte Jesus spätestens am Karfreitag jede Ehre verloren. Aber ausgerechnet ihn ehrt Gott, indem er ihn auserwählt (2,4).
Christinnen und Christen ruft der Verfasser nun auf, zu diesem lebendigen Stein zu kommen. Sie sollen Partei ergreifen für den von der Welt Verworfenen (2,4). Wie Jesus sollen sie lebendige Steine sein. Was für ihn gilt, gilt auch für sie: Wie er werden sie von ihrer Umwelt beschämt und entehrt (s.o.), aber wie er sind auch sie von Gott auserwählt und berufen (1,1.15; 2,9; 3,9; 5,10). Mag ihnen die Öffentlichkeit auch alle Ehre entziehen und sie beschämen, das spielt keine Rolle mehr. Denn Gott ist derjenige, der ihnen Ehre zuteil werden lässt.
Die Strategie des Verfassers leuchtet ein: Nicht mehr die Öffentlichkeit, sondern Gott allein teilt nun Ehre zu. Indem «Petrus» dies den Gläubigen in Kleinasien klarmacht und darauf verweist, dass nicht der gesellschaftsübliche, sondern der christliche Lebenswandel allein ausschlaggebend ist für die Zuteilung von Ehre und Schande, motiviert er sie, an Christus festzuhalten. Wer nicht an ihn glaubt, wer nicht seinem Wort gehorcht, für den wird der Eckstein zum Stolperstein, an dem er zu Fall kommt (2,7f.), das heisst: Ausgerechnet die, die sich in der Welt für sehr ehrenvoll halten, werden beschämt. Wer aber gläubig auf ihn vertraut, geht nicht zugrunde, wird nicht beschämt (2,6). Vielmehr sind alle, die an Christus festhalten, voll der Ehre.
Dies drückt der Verfasser abschliessend mit einer Vielzahl von Metaphern aus, die im Ersten Testament für den Bundesschluss zwischen Gott und seinem Volk stehen (Ex 19,5f.). Sie wollen die einzigartige Erwählung durch Gott und den besonderen Status der Erwählten ausdrücken. Sie zeigen den christlichen Gemeinden, dass sie vor und für Gott kostbar und wertvoll sind, und wollen ihnen so Trost in der bedrückenden Situation spenden und Hoffnung wecken: «Ihr aber seid ein auserwähltes Stammvolk, ein Königshaus, eine Priesterschaft, eine heilige Volksgemeinschaft, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde» (2,9a).

Über den Text hinaus

1 Petr 2,4­9 hat gerade hinsichtlich der Rede vom «allgemeinen Priestertum» eine breite Wirkungsgeschichte entfaltet. Sämtliche Entwürfe, gehen sie nun auf die Kirchenväter, die Reformatoren oder auch das 2. Vatikanische Konzil zurück, werden sich daran messen lassen müssen, inwiefern sie der Metapher vom Priestertum, wie sie ja bereits in Ex 19,6 angelegt war, gerecht werden. Richtig wird vom Priestertum aller Gläubigen jedenfalls nur dort gesprochen, wo der Gedanke der Erwählung durch Gott so zum Tragen kommt, dass die Ehre und Würde aller Gläubigen ernst genommen und gefördert wird.

 

Literatur: John H. Elliott, Disgraced Yet Graced. The Gospel according to 1 Peter in the Key of Honor and Shame, in: BTB 25 (1995) 166­178. Bruce J. Malina, Die Welt des Neuen Testaments. Kulturanthropologische Einsichten, Stuttgart u.a. 1993, bes. 40­66.


Er-lesen

1 Petr 2,4­9 miteinander lesen und die Metaphern auf einem Plakat notieren (Stein, Haus, Priesterschaft). Anhand des Kontextes der ersttestamentlichen Zitate aus Jes, Ex und Ps versuchen, die Bilder als Metaphern besser zu verstehen.

Er-hellen

Mit dem Hinweis auf die Denkkategorien Ehre und Schande die Bedeutung des Auserwähltseins als Ehrung durch Gott herausstellen.

Er-leben

Austausch darüber, wovon wir heute unsere Wertschätzung abhängig machen: Öffentlichkeit, Gott, meine eigene Leistung


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002