15/2002 | |
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Lesejahr A |
Am 23. März 1980 richtet sich Erzbischof Oscar Romero am Ende seiner
Fastenpredigt in der Kathedrale von San Salvador an die Armee: «Im
Namen Gottes und im Namen dieses leidenden Volkes, dessen Klagen jeden Tag
lauter zum Himmel steigen, beschwöre ich euch, bitte ich euch, befehle
ich euch im Namen Gottes: Beendet die Repression!» Bauern und Arbeiter
wurden in El Salvador seit langem von der Militärregierung und den
reichen Familien des Landes ausgebeutet und unterdrückt. Oscar Romero
und viele andere mit ihm setzen sich für mehr Gerechtigkeit im Land
ein. Sie kämpfen für die Rechte der Rechtlosen. Dieser Einsatz
hatte seit Jahren brutalste Repressalien durch die Armee zur Folge. Obwohl
Oscar Romero für Gerechtigkeit eintritt, oder besser: Gerade weil er
für Gerechtigkeit eintritt, muss er (und müssen viele mit ihm)
leiden. Am 24. März 1980, einen Tag nach der Fastenpredigt, wird er
schliesslich durch eine Todesschwadron ermordet.
Wenn der Verfasser von 1 Petr in seinem Brief immer wieder das Thema Leiden
anschneidet (1,6; 2,12.19f.; u.ö.), dann geht es ihm gerade um dieses
Leiden: Leiden, obwohl und weil man gerecht ist. Dies unterscheidet er mehrfach
von einem Leiden aufgrund eigener Bosheit und Ungerechtigkeit (z.B. Mord;
Diebstahl; vgl. 2,19f.; 4,15f.).
Dass diejenigen, die zu Unrecht leiden, nicht resignieren sollen, begründet
der Verfasser in 1 Petr folgendermassen: Zum einen sollen die Christen im
Leiden nicht die Hoffnung und die Freude aus den Augen verlieren, denn Gott
steht auf ihrer Seite (1,39). Zum anderen dürfen sie erkennen:
Leiden hat einen Sinn.
In diese Richtung hatte er bereits zu Beginn seines Briefes hingewirkt:
Das Leiden interpretierte er dort theologisch als «Prüfung»
(durch Gott!) und als notwendig (zur Läuterung des Glaubens; 1,6f.).
In der heutigen Lesung fügt er nun eine weitere Begründung hinzu.
1 Petr 2,20b25 ist Teil einer erweiterten «Haustafel»,
wie wir sie des Öfteren im Neuen Testament vorfinden (z.B. Kol 3,184,1).
Diese wollen das Verhalten der verschiedenen zum antiken «Haus»
gehörigen Personen und Gruppen im Sinne patriarchalischer Gesellschaftsstrukturen
regeln. So werden dem pater familias als Oberhaupt der Familie Ehefrau,
Kinder sowie Sklavinnen und Sklaven zugeordnet. Die in den Haustafeln geforderte
Unterordnung (der Frau unter den Mann, des Sklaven unter den Sklavenhalter
usw.) muss im Sinne eines Sich-Einfügens in die Gesellschaft verstanden
werden. Für den Verfasser von 1 Petr bedeutet dies also auch keinen
Widerspruch zur «Fremdheit» der Christen. Diese beinhaltete
ja, dass sich die Christinnen und Christen von der Umwelt unterscheiden,
nicht aber «verabschieden» sollten. (vgl. SKZ 170 [1314/2002]
193).
«Petrus» gelingt es unter Rückgriff auf die um ein Christuslied
(2125) erweiterte Haustafel, dem Leiden erneut Sinn zuzuschreiben.
Dabei ergänzt und verändert er den ihm vorliegenden Text geschickt
in seinem Interesse. Zunächst hält er fest: Das ist Gnade in den
Augen Gottes, wenn Christinnen recht handeln und doch zu Unrecht
leiden müssen (20). Wie er darauf kommt, das ungerechte Leiden als
Gnade auszuweisen (vgl. 2,19; 5,12), erklärt das folgende Christuslied
(2125).
Ursprünglich besang es Jesus als den leidenden Gerechten, indem es
ihn mit Bildern aus dem vierten Gottesknechtslied (Jes 52,1353,12)
zeichnete. Der Verfasser von 1 Petr ergänzt nun bei V 21 seine Vorlage
um den Passus « und [Christus hat] euch ein Beispiel gegeben, damit
ihr seinen Spuren folgt». Damit führt er in das Christuslied
einen neuen Gedanken ein: Christus, der ausschliesslich mit Stationen aus
der Passion umschrieben wird, ist euch als leidender Gerechter das Vorbild,
dem ihr nachfolgen sollt. Das gibt eurem Leiden einen neuen Sinn. Euer Christen-Leiden
ist Christus-Leiden. So wie Christus als Gerechtem Leid angetan wurde (22f.),
ergeht es auch euch. Und wie Gott sich bereits bei Jesus als der erwiesen
hat, der auf der Seite der Unterdrückten steht und ihnen zum Sieg verhilft,
so wird er es auch in eurem Fall tun. Das soll den bedrängten Christinnen
in Kleinasien Grund zur Hoffnung sein. «Gerade ihre notvolle Situation
bedeutet Nachfolge in seinen ÐSpurenð. Und diese Rede berechtigt
zur Hoffnung, weil sie impliziert [] dass die ÐSpurenð zur Herrlichkeit
führen (4,13)» (Brox).
Kann denn Leiden Gnade sein? Für «Petrus» und die Christinnen
in Kleinasien schon. Leiden bestimmt ihre Wirklichkeit. Um es zu ertragen
und zu überwinden, füllen sie es mit Sinn. Dabei scheint ihnen
auch der Gedanke vom «Leiden des Gerechten als Gnade» hilfreich
zu sein. So fremd uns heute dieser Gedanke auch ist, in der damaligen Situation
hatte er seine Berechtigung.
Verlässt man allerdings den historischen Ort dieser Überlegungen
und überträgt diesen Text 1:1 in unsere Situation, so kann das
fatale Folgen haben. Gerade Texte wie der unsere, geschrieben aus der Perspektive
der Ohnmacht zum Aufstand gegen das Leid, können dann zur Vertröstung
werden, weil sie einer einseitigen Verherrlichung des Leids (und nicht dessen
Überwindung) das Wort reden.
1 Petr 2,20b25 ist nicht an uns geschrieben worden. Unsere Situation
ist grundverschieden zu der des Textes. Dieser Tatsache sollte auch beim
Vortragen der Lesung im Gottesdienst Rechnung getragen werden. Dies könnte
zum Beispiel dadurch geschehen, dass man mit der Lektüre entweder bereits
in V 18 beginnt oder aber den Briefanfang 1,1 voranstellt.
Aus der Distanz heraus kann die Lesung dann sehr wohl etwas bewirken. Zum
einen wird sie uns mit der Frage, warum Menschen zu Unrecht leiden müssen,
dazu anhalten, einmal über die Ursachen des Leidens heute nachzudenken.
Und wir werden dabei auch unsere Rolle als Verursacher von Leiden entdecken.
Zum anderen kämen die Menschen in den Blick, die 1 Petr 2,20b25
auch heute ohne grosse Erklärung verstehen könnten, da sie
wie die in 1 Petr angesprochenen Christinnen und Christen leidende
Gerechte sind.
Literatur: Norbert Brox, Der erste Petrusbrief, (EKK XXI), Zürich 1979 (Zitat: 140). Irene Foulkes, Der erste Brief des Petrus, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, München 21999, 701707. Maria Lopez Vigil, Oscar Romero. Ein Porträt aus tausend Bildern, Luzern 1999 (Zitat: 316).
1 Petr 2,1825 lesen, anschliessend das 4. Gottesknechtslied (Jes 52,1353,12). Die Übereinstimmungen im neutestamentlichen Text markieren und besprechen.
Welches Hoffnungspotential ersteht für die frühchristliche Gemeinde, wenn sie das Schicksal Jesu, des leidenden Gerechten, auf ihre Situation überträgt?
Kennen wir Menschen, die aufgrund ihres Einsatzes für Gerechtigkeit
leiden? Wissen wir, wie sie mit diesen Leidenssituationen umgehen? Wo können
wir zur Überwindung von Leiden in der Welt beitragen?
Eine weitere gute Möglichkeit, sich mit dem Thema des leidenden Gerechten
in der Gegenwart auseinander zu setzen, wäre auch die gemeinsame Lektüre
des ausgezeichneten Buches über Oscar Romero (Literaturangabe s.o.).