13-14/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Es soll gleich vorweg gesagt sein: Der 1. Petrusbrief hat es verdient,
an den nächsten sechs Sonntagen in den Gemeinden vorgelesen zu werden.
Dieses Verdienst lässt sich allerdings nicht mit dem grossen Namen
des Absenders am Beginn des Briefes begründen: «Petrus, Apostel
Jesu Christi» (1,1). Denn der uns bekannte Petrus kommt als Verfasser
des Briefes nicht in Frage. Allein schon das gehobene Griechisch des Briefes
spricht gegen den von Haus aus Aramäisch sprechenden Fischer vom See
Gennesaret. Heute geht man davon aus, dass 1 Petr ein pseudepigraphischer
Brief ist, geschrieben also von einem uns unbekannten Verfasser, der sich
mit dem Namen zugleich die Autorität des Apostels «entlieh»
und damit seinem Schreiben das nötige Gewicht verlieh.
Auch die Tatsache, dass 1 Petr neben dem Jakobus-, Judas- und 2. Petrusbrief
zu den so genannten «katholischen» Briefen zählt, zu den
Briefen also, die spätestens seit Eusebius von Caesarea (ca. 260340)
als an die gesamte Christenheit gerichtet galten, macht sein Vorlesen im
Gottesdienst nicht zwingend.
Interessanter ist da schon, dass fünf der sechs ausgewählten Lesungen
(Ausnahme ist 1 Petr 4,1316) einen deutlichen Bezug zu Ostern erkennen
lassen. Mit österlichen Themen und Motiven wie Tod und Auferstehung,
Taufe sowie der Metapher vom Hirten drängen sie sich gerade am 2.,
3. und 4. Ostersonntag als wichtiger Ko-Text zum Evangelium auf.
Wenn hier dafür plädiert wird, 1 Petr in den folgenden Wochen
zum Zuge kommen zu lassen, dann aus folgendem Grund: Der Brief, in den neunziger
Jahren des ersten Jahrhunderts (vielleicht in Rom?) entstanden, erlaubt
uns, Rückschlüsse auf die Situation von Christinnen und Christen
der dritten Generation in Kleinasien zu ziehen. Ihre Fragen und Ängste
sind die einer bedrängten Minderheit, ebenso wie die immer wieder wechselnden
Antwortstrategien des Verfassers von 1 Petr. Bei diesen Menschen stand alles
auf dem Spiel. Europäischen Christen des 21. Jahrhunderts ist diese
Situation fremd. Insofern bietet die Lektüre von 1 Petr die Chance,
sich mit neuen alten Fragen zu konfrontieren und aktuelle Antwortversuche
zu unternehmen. Zudem lädt der Brief dazu ein, uns in die Situation
dieser Menschen zu versetzen, ihre Perspektive einzunehmen: Von dort sieht
die Welt ganz anders aus und lesen sich auch die Texte anders. 1 Petr kann
so auch den Blick öffnen für eine Gegenwart, der Minderheiten
alles andere als fremd sind.
Wer 1 Petr einmal in einem Zuge liest, dem wird schnell klar, dass der Autor
nicht nur bei der Verfasserangabe «gemogelt» hat. Auch hinsichtlich
des Korrespondenzcharakters des Briefes gibt er nämlich im Rahmen (1,1f.;
5,1214) mehr vor, als er im Hauptteil (1,35,11) einlösen
kann. So macht er einerseits exakte Angaben, die darauf schliessen lassen,
dass man sich gut gekannt hat und in regem Austausch miteinander stand:
«Petrus» ist Absender und die «Auserwählten, die
als Fremde in Pontus, Galatien, Kappadozien, der Provinz Asien und Bithynien
in der Zerstreuung leben» sind Empfänger des Briefes (1,1). «Silvanus,
der treue Bruder» (5,12), überbringt den Brief, an dessen Ende
noch die «Mitauserwählte in Babylon» und «Markus»,
der Sohn des Petrus (5,13), grüssen. Andererseits macht er aber in
den inhaltlichen Passagen Aussagen von so allgemeiner Art, dass man dahinter
kaum spezielle Anfragen aus einzelnen Gemeinden in Kleinasien vermuten kann.
Man nimmt deshalb an, dass 1 Petr ein «Rundschreiben» ist, das
von vornherein so konzipiert war, dass man es von einer Gemeinde an die
nächste weiterreichte. Insofern wird man zum Beispiel die Aufnahme
konkreter Fragen vermissen, wie sie uns in den Paulusbriefen häufig
begegnen (vgl. 1 Kor). Die konkrete Situation der Christen aber dürfte
«Petrus» schon bekannt gewesen sein. Sie war am ausgehenden
ersten Jahrhundert in sämtlichen Gemeinden Kleinasiens die gleiche:
die einer bedrängten und allmählich resignierenden Minderheit
(dazu mehr im Kommentar zu 1 Petr 1,1721; 3. Sonntag der Osterzeit).
In der «Danksagung» des 1 Petr (1,39) führt der
Verfasser bereits einen Grossteil der für seinen Brief wichtigen Bilder
und Stichworte ein: Hoffnung, Glaube, Heil, Freude, Leiden und Neugeburt
(als Bild für die Taufe) bilden den Grundstock für sein Plädoyer
wider die Resignation. Im Verlauf des Briefes wird er diese Begriffe mehr
und mehr ausdifferenzieren und wenigstens etwas konkreter fassen. Aber bereits
hier bekommen wir einen guten Eindruck von der Strategie des Verfassers.
In ihrer gegenwärtigen, von Leiden (1,6) und Unsicherheit (1,8) geprägten
Situation sollen die Christinnen wissen, dass sie Gott auf ihrer Seite haben.
Er hat sie «auserwählt» (1,1) und «ausersehen»
(1,2), damit sie zum Glauben kommen. Sein Erbarmen durften sie bereits in
der Taufe (1,3) erfahren. Durch diese sind sie privilegiert! Denn nun haben
sie eine «lebendige Hoffnung» und werden ein unüberbietbares
Erbe (1,4) empfangen: das Heil, das für sie bereitsteht (1,5.9).
Was sich hier zunächst wie eine billige Vertröstung anhört,
entpuppt sich als für die Gegenwart äusserst handfest. Das Heil
ist nämlich nicht auf die Zukunft beschränkt. Es ist vielmehr
Realität, denn es zeigt bereits in der Gegenwart seine Wirkungen. «Die
Predigt von Erbe und Heil orientiert Ðnach vornð, das heisst, sie
lässt die jetzige Situation unter veränderten Massstäben
sehen» (Brox). Damit gelingt es dem Verfasser, den Christen mit einem
veränderten Blick auf die Gegenwart Mut zu machen. Sie sollen nicht
resignieren. Und so verwundert es nicht, wenn er an sie appelliert, jetzt
schon den Leiden ihre Freude entgegenzuhalten (1,6). Ebenso sollen sie mit
Freude der Unsicherheit trotzen, die durch Jesus, den sie weder sehen noch
beweisen können, ausgelöst sein mag (1,8). So verständlich
es ist, dass sie in ihrer schwierigen Situation gerne etwas mehr in der
Hand hätten als «nur» den tradierten Glauben: Vorerst ist
eben nicht mehr möglich als Freude.
Am Beginn des Briefes verwendet der Verfasser nur wenige Worte zur Umschreibung
der heillosen Situation. Viel grösser ist dagegen der Raum, der dem
Entwurf der ganz anderen, heilsamen Wirklichkeit gewidmet ist. Das provoziert.
Müsste man nicht viel mehr die bedrängende Situation der Menschen
einfangen, bevor man vom Heil redet?
Für uns trifft das sicherlich zu. Es wurde schon viel zu oft mit Lobhymnen
auf den «guten Gott» über das Leid anderer Menschen hinweggegangen
(und -gepredigt) und damit der status quo zementiert. Für 1 Petr hingegen
gilt, dass sowohl der Schreiber als auch die angesprochenen Christinnen
in ihrer bedrückenden Situation leben und überleben müssen.
Sie dürfen so gewichten, aber eben nur sie.
1 Petr kann daher eine Einladung an uns sein, einmal die Perspektive zu
wechseln. Mit den Augen der Bedrängten sieht die Welt eben ganz anders
aus. Dies kann uns einerseits dabei helfen, die Situation von Minderheiten
damals und heute besser zu verstehen. Andererseits könnten wir dabei
auch lernen, dass unsere Aufgabe weniger die ist, von heilsamer Wirklichkeit
zu reden als vielmehr diese zu schaffen.
Literatur: Norbert Brox, Der erste Petrusbrief, (EKK XXI), Zürich 1979 (Zitat: 63).
1 Petr 1,39 lesen und wichtige Stichworte des Textes auf ein Plakat schreiben. Wie wirken diese auf uns (provokativ; «Worthülse»...)?
Den sozialgeschichtlichen Hintergrund der bedrängten Minderheit benennen und den Text nochmals aus deren Perspektive hören. Bekommen die Stichworte eine andere «Note»?
Austausch über die Erfahrungen, die wir beim Hören des Textes aus den verschiedenen Blickwinkeln bekommen haben.
Wenn ich von einer Person behaupte, sie sei mir fremd geworden, dann
will ich damit zum Ausdruck bringen, dass ich sie nicht verstehe, dass ihr
Verhalten und ihre Gedanken mir nicht mehr einsichtig sind. Wird dies zum
Dauerzustand, so ist die allmähliche Verflachung der Beziehung bis
hin zum endgültigen Bruch die logische Konsequenz. Umgekehrt kann ich
mich selbst fremd fühlen, wenn ich feststelle, dass in meiner Umwelt
anders gedacht und gelebt und geredet wird, als ich es für angebracht
halte. Beide Erfahrungen bilden den Hintergrund für 1 Petr.
Für die Christinnen in den kleinasiatischen Gemeinden müssen die
Entfremdungstendenzen derart einschneidend gewesen sein, dass sie sich wohl
selbst als «Fremde» bezeichneten. Folgerichtig wendet sich «Petrus»
in seinem Brief auch nicht an die «Heiligen» oder «Brüder
und Schwestern», wie dies Paulus in seinen Briefen (Röm 1,7;
1 Thess 1,4 u.ö.) tut, sondern er schreibt an die «auserwählten
Fremden» (1,1).
Wenig später richtet er erneut das Wort an die «Fremden und Beisassen»
(2,11). Er greift dabei auf Vokabular zurück, welches auch die griechische
Übersetzung des Ersten Testaments verwendet, wenn sich zum Beispiel
Abraham in Gen 23,4 als jemand vorstellt, der weder Landbesitz hat noch
an den derzeitigen Aufenthaltsort gehört. Für ihn scheint das
Gleiche zu gelten wie für die Christen: Erwählung durch Gott hat
Fremdheit zur Folge. Dies besser zu verstehen hilft uns der heutige Lesungstext,
in dem die Fremde ebenfalls eine Rolle spielt.
Erneut motiviert «Petrus» die bedrängten Christen zum
Durchhalten, indem er ihnen unter Rückgriff auf ersttestamentliche
Bilder aufzeigt, wie bedeutsam sie für Gott sind. Gerade sie hatte
Gott «vor der Erschaffung der Welt» (1,20) im Auge, als er Christus
zum Lösegeld für sie bestimmte. Ihretwegen erschien dieser am
Ende der Zeiten (1,20), und es ist schliesslich ihm zu verdanken, dass sie
«an Gott glauben und auf ihn hoffen» (1,21). Dass sie jetzt
einen Grund zur Hoffnung haben, ist seit Urzeiten Plan Gottes und ihr Glaube
nichts anderes als das Resultat einer enormen göttlichen Investition.
Allerdings ist es mit diesem grossartigen Zuspruch Gottes alleine nicht
getan. Dahinter steht auch ein Anspruch. Gott, «der jeden ohne Ansehen
der Person nach seinem Tun beurteilt», erwartet von denen, die sich
zu ihm als «Vater» bekennen, «ein Leben in Gottesfurcht»
(1,17). Was dies bedeutet zeigt V 18. Die Christinnen wurden demnach losgekauft
aus ihrer «sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise»
(1,18). Ein Leben in Gottesfurcht zu führen heisst also nichts anderes
als das bisherige, in der heidnischen (!) Welt übliche Leben hinter
sich zu lassen und auf andere Art und Weise zu leben. Wer aber so lebt,
der führt ein Leben «in der Fremde» (1,17), weil er und
sie nicht mehr so leben, wie «man» eigentlich lebt.
Den Bruch zwischen dem Leben vor und nach der Bekehrung umschreibt «Petrus»
später folgendermassen: «Lange genug habt ihr in der vergangenen
Zeit das heidnische Treiben mitgemacht und habt ein ausschweifendes Leben
voller Begierden geführt, habt getrunken, geprasst, gezecht und unerlaubten
Götzenkult getrieben. Jetzt erregt es ihren Unwillen, und sie lästern,
weil ihr euch nicht mehr in diesen Strudel der Leidenschaften hineinreissen
lasst.» (4,3f.; vgl. auch 1,14; 2,13). Diese Verse geben uns
zwei wichtige Hinweise auf die Lebens- und Leidenssituation in den frühchristlichen
Gemeinden.
Sie zeigen, dass die neue Lebensweise zunächst einmal in der Verweigerung
der bisherigen bestand. So nahmen die Christinnen nicht mehr an den grossen
Spielen teil (panem et circenses), verweigerten dem Kaiser, dem Garanten
für die staatliche und gesellschaftliche Ordnung sowie sämtlichen
anderen Göttern die Verehrung. Sie blieben den Kultmählern der
verschiedenen Vereine fern und entzogen sich so ihrem bis dahin bestehenden
Beziehungsnetz wie auch dem täglichen Gerangel um Posten und Pöstchen.
Den Christen war dies alles fremd geworden. So lebten sie zwar weiterhin
in dieser Gesellschaft, aber in so grosser Distanz, dass es für sie
zu einem Leben in der Fremde wurde.
Umgekehrt wurden auch sie ihrer Umwelt mehr und mehr fremd. Das hatte Konsequenzen
für sie, denn wer nicht mehr mitspielt, der wird verleumdet (2,12;
3,16; 4,4.14), eingeschüchtert (3,6) und bedroht (3,13f.). So prägten
Isolation, Diskriminierung und Kriminalisierung das Leben der christlichen
Gemeinden. Antike Zeugnisse lassen erkennen, dass die Christen recht schnell
von ihrer unmittelbaren Umgebung als so sonderbar erfahren wurden, dass
man die verschiedensten Anklagen gegen sie vorbrachte. Dabei regten die
regelmässigen nächtlichen Gottesdienste der Christen und ihre
gegenseitige Anrede als «Brüder» und «Schwestern»
die Phantasie dermassen an, dass ihnen nahezu alle meist sexuellen
Abartigkeiten und Verbrechen (bis hin zum Ritualmord) vorgeworfen
wurden. Zudem war man von römischer Seite alleine schon deshalb misstrauisch
ihnen gegenüber, weil der Urheber des christlichen «Aberglaubens»
am Kreuz, also als politischer Aufrührer, getötet worden war und
seine Anhänger diesen Revolutionär mit «Kyrios» ansprachen,
einem Titel, der eigentlich dem Kaiser vorbehalten war. In all dem dürfen
wir sicher Gründe für die «Leiden» der Christinnen
vermuten, die in 1 Petr immer wieder angesprochen werden (1,6; 2,12.15.19f.
u.ö.).
Für den Verfasser und die Christinnen in Kleinasien ist die Fremde
nichts anderes als die Kehrseite der Auserwählung durch Gott. Wer auserwählt
ist, lebt anders. Und wer anders lebt, der wird fremd sein in dieser Welt.
Dieses Fremdsein treibt sie aber nicht in die Flucht aus der Welt. Vielmehr
soll es helfen, die Welt mit neuen Augen zu betrachten und zu bewältigen.
Fremdsein heisst für sie nicht Trennung, sondern Unterscheidung von
der Welt.
Bis auf den heutigen Tag hat die Kategorie der Fremde nichts an Herausforderung
für die Menschen eingebüsst. Sicherlich wurde sie manchmal auch
als Weltflucht missverstanden. Aber meist konnte sie eine Wirkung entfalten,
welche die Wirklichkeit nicht ver-, sondern erschloss.
Für Dietrich Bonhoeffer war «Fremdlingschaft» der Platz
der christlichen Gemeinden in der «Welt». Diese Kategorie hat
heute noch ein kritisches Potential. Aus seiner Schrift «Nachfolge»
sei daher abschliessend zitiert: «Die Welt feiert und sie stehen abseits;
die Welt schreit: freut euch des Lebens, und sie trauern. Sie sehen, dass
das Schiff, auf dem festlicher Jubel ist, schon leck ist. Die Welt phantasiert
von Fortschritt, Kraft, Zukunft, die Jünger wissen um das Ende, das
Gericht und die Ankunft des Himmelreiches, für das die Welt so gar
nicht geschickt ist. Darum sind die Jünger Fremdlingein der Welt, lästige
Gäste, Friedensstörer...
Sie stehen als Fremdlinge in der Kraft dessen, der der Welt so fremd war,
dass sie ihn kreuzigte.»
Literatur: Dietrich Bonhoeffer, Nachfolge, München 91967 (Zitat: 83f.); Reinhard Feldmeier, Die Christen als Fremde, (WUNT 64), Tübingen 1992; E. W. Stegemann, W. Stegemann, Urchristliche Sozialgeschichte. Die Anfänge im Judentum und die Christusgemeinden in der mediterranen Welt, Stuttgart u.a. 1995.
Unter Rückgriff auf antike Autoren die Situation der Christinnen und Christen im 1. Jahrhundert heben (Literaturangaben siehe zum Beispiel Stegemann [1995] 272ff.).
1 Petr 1,1721 lesen und zu anderen Texten wie Mk 1,14f.; 13,913 und Mt 10,3436 in Beziehung setzen.
In einem Rollenspiel die verschiedenen Reaktionsmöglichkeiten auf Fremdheit nachvollziehen (Ablehnung; Neugierde...). Austausch über das Erfahrene.