12/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Paulus spricht überraschend selten ausdrücklich von der Taufe.
Von den ca. 115 Stellen, an denen das Wortfeld (báptisma/baptízo/baptismós/bápto)
im NT vorkommt, entfallen nur 14 auf die Paulusbriefe. Diesem überraschenden
quantitativen Befund steht jedoch ein entgegengesetzter qualitativer gegenüber:
An den wenigen Stellen, wo Paulus über die Taufe spricht, zeichnet
er mit knappen Strichen ein Bild, das die Tauftheologie bis heute zutiefst
prägt. Taufe bedeutet für Paulus Eingliederung in den vielfältigen
Leib Christi (1 Kor 12,13), das «Anziehen» Christi als Gewand
(Gal 3,27) sowie den Einbezug in die Dynamik von Leben, Tod und Auferstehung
Jesu (Röm 6,3f.). Es ist kaum vorstellbar, wie sich die christliche
Tauftheologie ohne diese wenigen, aber äusserst prägenden Impulse
entwickelt hätte!
Röm 6,311, die jährlich wiederkehrende Brieflesung in der
Osternacht, ist eine dieser zentralen Stellen und wohl auch ausserhalb der
Osternacht schon Gegenstand zahlreicher Taufpredigten geworden. Ein Kernsatz
der Lesung ist zur Vorlage für ein bekanntes Osterlied geworden («Wir
sind getauft auf Christi Tod», KG 455, 3. Strophe). Die Grundzüge
der Lesung, vor allem die Verse 3f., dürften regelmässigen Gottesdienstbesuchern/-besucherinnen
deshalb bekannt sein. Gerade das kann jedoch auch den Blick für die
Überraschungen verstellen, die der komplexe Text bereithält. Paulus
wählt für seinen Gedankengang nämlich einen eigenartigen
Ausgangspunkt. Während Taufe für uns normalerweise mit Leben,
Hoffnung und Freude zu tun hat, zäumt Paulus das Pferd sozusagen vom
Schwanz her auf: Er bringt die Taufe zunächst mit dem Tod zusammen.
Das ist alles andere als nahe liegend und deshalb erklärungsbedürftig.
Der überraschende Ausgangspunkt der Argumentation liegt in den Themen
begründet, die Paulus in den vorhergehenden Kapiteln von Röm behandelt
hat. Da ging es unter anderm um Glauben, Gerechtigkeit und Rechtfertigung
und zwar vor dem Hintergrund, dass die Einhaltung der Tora, so wichtig
sie auch ist, die Menschen vor Gott nicht gerecht machen kann (3,20). Den
rettenden Ausweg erkennt Paulus im Leben Jesu, das er im Rahmen einer Adam-Christus-Typologie
(vgl. auch SKZ 6 und 8/2002) als paradoxe Intervention Gottes interpretiert:
«Wo die Sünde mächtig wurde, da ist die Gnade übergross
geworden» (5,20). Angesichts dieser Argumentation fühlt Paulus
sich jedoch gezwungen, sich mit einem selbst gestellten Einwand auseinander
zu setzen, um einem möglichen Missbrauch seiner Gedanken vorzubeugen:
«Heisst das nun, dass wir an der Sünde festhalten sollen, damit
die Gnade mächtiger werde?» (6,1) Die Antwort liegt auf der Hand:
«Keineswegs!». Menschen, die im Geiste Jesu leben, sind «für
die Sünde tot» und können deshalb nicht mehr «in ihr
leben» (6,2). Dieses «Totsein für die Sünde»
gibt Paulus das Stichwort für die folgenden Verse vor. Wenn er hier
einen Gedankengang zur Taufe anschliessen will, muss er die Taufe ebenfalls
zunächst auf den Tod beziehen und entscheidet sich deshalb für
eine kreative theologische Neuschöpfung: die «Taufe auf den Tod
Jesu». Dass Paulus den Römern/Römerinnen diesen Gedanken
als völlig selbstverständlich unterbreitet («Wisst ihr denn
nicht, dass wir...», 6,3, im Lektionar ausgelassen), ist jedoch ein
wenig schlitzohrig: Diese Formel ist singulär und weder im NT noch
in anderen frühchristlichen Schriften belegt.
Die Verbindung von Taufe und Tod, die auf den ersten Blick so gar nicht
zu dem Leben und der Hoffnung zu passen scheint, das wir mit der Taufe verbinden,
entpuppt sich im grösseren Zusammenhang von Röm also als ein Stück
kontextueller Tauftheologie. Was Taufe ist und bedeutet, entfaltet Paulus
nicht ein für allemal systematisch abstrakt, sondern im Dienste seines
aktuellen Anliegens. Derselbe Vorgang lässt sich auch sonst beobachten,
wenn Paulus über die Taufe spricht: In 1 Kor 12,12 zeichnet Paulus
das Bild vom einen Leib mit vielen Gliedern der folgende Vers beschreibt
die Taufe als Eingliederung in ebendiesen Leib. Und in Gal 3,26 stellt Paulus
die These auf: «Ihr seid alle durch den Glauben Söhne und Töchter
Gottes in Jesus Christus» der nächste Vers unterstreicht
die Gleichheit aller Getauften, indem er die Taufe als «Anziehen»
Christi, das heisst ein und desselben «Gewandes» durch alle
Gemeindemitglieder, qualifiziert.
Mit der theologischen Neuschöpfung, dass «wir alle (...) auf
den Tod (Jesu) getauft worden sind», will Paulus für die Abkehr
von der Sünde und die Hinwendung zu einem menschenwürdigen Leben
werben: Wie Jesus vom Tod zur Auferstehung gelangt ist, sollen die Getauften
frei werden von der Sünde (6,7) und «in Neuheit des Lebens umhergehen»
(6,4). Paulus entfaltet in Röm 6,114 also die Grundlagen einer
christlichen Taufethik. Der besondere Charakter dieser Taufethik besteht
darin, dass das Leben der Getauften mit dem Leben Jesu selber parallelisiert
wird. Taufe bedeutet, «in den Messias Jesus hineingetauft» (6,3),
«mitbegraben» (6,4) und «miteingepflanzt» (6,5 nach
F. Stier) zu werden. In dem kurzen Abschnitt wimmelt es geradezu von Präpositionen
und Vorsilben wie «in», «mit» und ähnlichen
Formulierungen. Paulus entwirft so das Bild einer sehr nahen, persönlichen
Beziehung zwischen dem Leben jeder/jedes einzelnen Getauften und dem Leben
Jesu.
Für Jesus selber spricht Paulus dabei immer wieder von der Auferstehung
(6,4f.9f.). Für die Getauften geht es jedoch wohl auch in V.
5 «nur» um das Freiwerden von der Sünde, das heisst
von zerstörerischen Bindungen auf Erden. Paulus interessiert sich hier
(noch) nicht dafür, ob und wie auch die Getauften eine Auferstehung
nach dem Tod erfahren werden. Wichtig ist zunächst, dass das irdische
Leben in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Die eschatologische Auferstehung
kommt erst ab 8,18 in den Blick.
Indem Paulus die Taufe mit Leben, Tod und Auferstehung Jesu verbindet,
hat er ein Bild von grosser Dynamik geschaffen, das weit über den Zusammenhang
seiner eigenen Argumentation hinausreicht. Tiefer kann das Leben eines jeden
Christen/einer jeden Christin wohl kaum im Leben Jesu verwurzelt werden.
Dieses Bild kann auch heute für Tauf- und Auferstehungspredigten fruchtbar
gemacht werden.
Ansatzpunkt für eine Predigt könnte sein, dass Paulus die Auferstehung
der Getauften hier als Befreiung von Sünde, das heisst als Durchbrechung
von Grenzen und Fesseln und damit als Auferstehung mitten im Leben beschreibt.
Eine ähnliche Perspektive ist auch in manchen zeitgenössischen
Gedichten enthalten, zum Beispiel bei Marie Luise Kaschnitz («Auferstehung»)
und Kurt Marti («Ihr fragt»).
Die Tauftheologie in Röm 6 steht ganz im Dienste der Ethik. Was Taufe
bedeutet, ist am konkreten Leben und Verhalten in der Welt ablesbar. Das
könnte zum Thema einer Tauferinnerungsfeier für Erwachsene werden.
Literatur: Ulrich Wilckens, Der Brief an die Römer (Röm 611), EKK VI/2, Zürich 1980.
Der komplexe Text wird verständlicher, wenn man ihn zum Beispiel
in der Übersetzung von F. Stier in Sinnzeilen von Hand abschreibt.
Dann: Ähnliche Wörter und Satzteile markieren, den Gedankengang
verfolgen! Paulus argumentiert in zwei ähnlich aufgebauten Schritten:
Verse 57 und 810.
Ausserdem: Röm 6,114 mit den Tauftexten 1 Kor 12,1227 und
Gal 3,2629 vergleichen.
Vor dem Pessachfest entfernen Jüdinnen und Juden alles aus ihren
Haushalten, worin Sauerteig enthalten ist. Dazu wird am Vorabend des 14.
Nisan nach einem Segensgebet die ganze Wohnung nach Gesäuertem richtiggehend
durchsucht. Auch die Kinder für die zuvor eigens etwas Gesäuertes
versteckt worden war beteiligen sich daran, das Gesäuerte aufzuspüren.
Was gefunden wird, muss aus dem Haus. Gerätschaften, die für Gesäuertes
verwendet worden waren, werden gereinigt oder weggeschlossen. Über
die Pessachtage werden nur Lebensmittel gegessen, die frei von Gesäuertem
sind.
Es ist ein radikaler Schnitt, der damit vollzogen wird. Eine der traditionellen
Erklärungen erinnert an den Auszug der Israelitinnen und Israeliten
aus Ägypten, dessen am Pessachfest gedacht wird. In der Eile des Auszugs
konnten sie kein gesäuertes Brot mehr herstellen, sondern mussten hastig
ungesäuertes Brot backen. Ein zweiter Grund ist, dass der Sauerteig
in Israel wie in vielen antiken Kulturen als Sinnbild von Verderbnis und
Tod galt, weil er aus gegorenem, «altem» Teig besteht. Dies
ist eine völlig andere Bedeutung als im Gleichnis von der Brot backenden
Frau Mt 13,33f. par, wo er positiv für die verwandelnde Kraft des Reiches
Gottes steht. An Pessach symbolisiert der Sauerteig das Alte, das es hinter
sich zu lassen gilt, damit sich das Volk, von der Sklaverei Ägyptens
befreit, Gottes neuer Zukunft zuwenden kann.
In dieser Bildwelt der Pessachtraditionen bewegt sich Paulus in unserem
Lesungstext. Der kurze Abschnitt 1 Kor 5,6b8 ist Teil der Ausführungen
über «Unzucht», porneia, die in der Gemeinde von Korinth
vorgefallen ist: Da scheint ein Angehöriger der Gemeinde mit seiner
Stiefmutter wie in einer Ehe zusammenzuleben (5,1). Dies war nach römischem
Recht zwar verboten, doch offenbar gesellschaftlich toleriert. Paulus bewegt
sich mit seiner Haltung jedoch im Rahmen des jüdischen Rechtes, das
eine solche Beziehung ursprünglich mit der Todesstrafe belegte (Lev
20,11). Entsprechend hart und klar ist Paulus mit seiner Position: Wer so
etwas tut, gehört aus der Gemeinde ausgeschlossen (5,2). Das mag für
unsere Ohren befremdlich klingen; doch es hat mit dem Neuwerden zu tun,
um das es Paulus hier geht und wozu er das Bild vom Sauerteig bemüht:
Wie vor dem Pessachfest aller Sauerteig aus dem Haus geräumt wird,
so sollen die Christinnen und Christen von Korinth alles Alte und Verdorbene,
das nicht zu ihrem neuen Sein in Christus passt, aus ihrer Gemeinde und
aus ihrem Leben wegräumen, damit sie als neue, durch Christus verwandelte
Menschen, als «Leib Christi» (1 Kor 12,27) leben können.
Zu dem, was es hinauszuräumen gilt, gehört für Paulus das,
was er «Unzucht» nennt, aber ebenso jegliche andere Bosheit
und Schlechtigkeit (5,8). Zum neuen Sein in Christus dagegen gehören
Aufrichtigkeit und Wahrheit (5,8).
Die Parallele zu Pessach kann Paulus ziehen, weil für ihn in typologischer
Gleichsetzung Christus das Pessachlamm ist, das geopfert wurde (5,7). Das
Bild von Christus als Opferlamm ist in seiner Wirkungsgeschichte nicht unproblematisch.
So konnte es dazu missbraucht werden, in antijüdischer Weise das «eine
Opferlamm» Jesus Christus den jüdischen Pessachlämmern (und
damit dem Judentum überhaupt) überbietend gegenüberzustellen.
Zum zweiten leistete es Tendenzen Vorschub, auch von Menschen und
gerade von solchen, die ohnehin leiden eine solche Opferbereitschaft
zu fordern, und dies meist im Dienste der Mächtigen. Zum dritten führte
es zu dunklen Gottesbildern wie dem des allmächtigen Gottes, der durch
das Opfer seines Sohnes gnädig gestimmt werden müsse. Und schliesslich
förderte es in unguter Weise Schuldgefühle gegenüber Christus,
der «wegen meiner Sünden» sterben musste.
Doch sollte dieses Bild von Christus als Opferlamm nicht verabsolutiert
werden. Es ist eines von vielen Bildern und Redeweisen, mit denen die Christinnen
und Christen der ersten Zeit versuchten, dem Tod des Messias Jesus, das
heisst seiner Ermordung durch die Römer, etwas wie einen Sinn abzugewinnen.
Dieser Tod sollte und durfte nicht umsonst gewesen sein, er sollte etwas
verändern, in der Welt wie auch im Leben jedes einzelnen Menschen,
der sich vom Leben und Sterben Jesu betreffen liess. So wurde das, was das
vierte Gottesknechtslied (Jes 52,1353,12) über einen unbekannten
Gerechten sagt, nämlich dass dieser Tod «viele» gerecht
macht (53,11f.), auf Jesus übertragen.
Der so interpretierte Tod Jesu hat Folgen für das Leben derer, die
an ihn glauben. Sie sind aus den unheilvollen und gewaltsamen Zusammenhängen
der Welt herausgerissen und befreit. Sie dürfen neu und anders zu leben
beginnen: als «neue Menschen» (Röm 6,4), als «neue
Schöpfung» (2 Kor 5,17) oder eben als «neuer Teig»
(1 Kor 5,7).
Wenn der Text heute im Rahmen eines Ostergottesdienstes gelesen wird, steht
dieses Neuwerden durch Christus im Mittelpunkt. Tod und Auferweckung Jesu
Christi sollen sowohl im Leben jedes einzelnen Christen und jeder Christin
wie auch in der Gemeinde und in der Gesellschaft befreiend und verändernd
wirken, so dass Menschen zu jener Lauterkeit und Wahrhaftigkeit fähig
werden, von denen Paulus in 5,8 spricht.
Hier könnten die Anknüpfungspunkte für eine Predigt im Ostergottesdienst liegen, in der auch die politische Dimension des Neuwerdens in den Blick kommt. Denn durch die Ermordung Jesu durch die Machthaber seiner Zeit werden die Unrechts- und Gewaltstrukturen, nach denen die Welt funktioniert, sichtbar. Sie werden als das entlarvt, was sie sind. Andererseits zeigen sowohl die Reich Gottes-Botschaft Jesu als auch sein heilendes und befreiendes Tun als auch die Botschaft von seiner Auferweckung, dass die Strukturen des Todes nicht das letzte Wort haben, sondern dass Gott den Weg zu etwas Anderem, Neuem, Lebensvollem eröffnet hat. Die Ostergeschichten der Evangelien erzählen von dieser Leben schaffenden Kraft Gottes, von der die Jüngerinnen und Jünger angesteckt werden, und die als Kraft der Auferstehung ihr Leben verwandelt, so dass sie wie neu zu leben beginnen. Diese «Auferstehungsbewegung» geht weiter: Paulus wurde genauso von ihr erfasst wie die Frauen und Männer, die mit ihm in den Gemeinden lebten und arbeiteten. Vielleicht lässt es sich bis heute sagen: Die Kraft der Auferstehung ist überall dort spürbar, wo Menschen lebensfeindliche Strukturen ihres Lebens wie alten Sauerteig hinter sich lassen, und wo sie den todbringenden Strukturen von Ungerechtigkeit, Gewalt, Profitmaximierung, Ausgrenzung oder Unterdrückung entgegenwirken, so dass sie Brot aus neuem Teig backen, Brot der Gerechtigkeit, der Freiheit und der Hoffnung. Osterbrot.
Literatur: Die Pessach-Haggada, zum Beispiel in der von Philipp Schlesinger und Josef Güns übersetzten und kommentierten Ausgabe, Tel Aviv 1976.
Anhand einer Pessach-Haggada die jüdischen Sauerteig-Bräuche vergegenwärtigen.
1 Kor 5,6b8 im Kontext von 5,113 wahrnehmen und überlegen, welche Funktion der Lesungstext in diesem Kontext hat.
Gemeinsam ein «Osterbrot» backen. Erst symbolisch, indem überlegt wird, was es denn bedeuten könnte, als «neuer Teig» in der Welt zu wirken oder als «neue Schöpfung» zu leben. Dann wirkliches Brot backen (in vielen Gegenden gibt es traditionelle Rezepte für Gebäck zu Ostern), im Ostergottesdienst die Geschichte dieses Brotes erzählen und es miteinander teilen.