11/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
In poetischer Sprache verdichtet dieser Hymnus, was die Evangelien und
insbesondere die Passionsgeschichten über Jesus Christus erzählen
und wie sie ihn in diesen Geschichten deuten. Ein Hymnus hat dabei andere
Möglichkeiten als erzählende Texte; er kann in der Sprache und
in den Bildern ins Äusserste gehen, kann das in Worte kleiden, was
jenseits des Erzählbaren liegt.
Poetische Sprache ist aber niemals ausgewogen. Sie argumentiert nicht, sichert
sich nicht nach allen Richtungen ab, geht keine Kompromisse ein. Dafür
lotet sie Tiefen aus, für die wir sonst nur Ahnungen in uns tragen.
Diese Eigenheit des Textes gilt es zu beachten, wenn man ihn liest und mit
ihm arbeitet. Dass dies in der christlichen Auslegungsgeschichte über
weite Strecken leider viel zu wenig geschehen ist, zeigen zum Beispiel die
leidvollen antijüdischen Auslegungsweisen, auf die Daniel Kosch in
der letztjährigen Erklärung (SKZ 13/2001) hingewiesen hat.
Aber auch für andere Menschen und Menschengruppen ist die Auslegungsgeschichte
des Textes verhängnisvoll geworden. So wurde der Text als Opfer- und
Gehorsamsforderung gegenüber Menschen missbraucht, die ohnehin in einer
ohnmächtigen Position waren, wie Sklaven/Sklavinnen, die ausgebeuteten
Bevölkerungsschichten Lateinamerikas, Frauen und andere. Eine der schärfsten
Anfragen gegen den Text und seine Auslegung kam von der schwarzen Befreiungstheologin
Sheila Briggs: Indem der Hymnus die Sklavenrolle idealisiere, laufe er Gefahr,
den Unterdrückten zu vermitteln, dass sie in ihrer Position zu verharren
hätten und dass Widerstand zwecklos sei. Auch stelle der Text die Rolle
von Sklavenhaltern/Sklavenhalterinnen nicht wirklich in Frage und lasse
daher zu, dass sie von ihren Sklaven/Sklavinnen weiterhin Gehorsam verlangten.
Doch liege in dem Text auch die Möglichkeit einer subversiven Lektüre
durch die Unterdrückten, die im christlichen Glauben auf eine neue
Würde und die Erhöhung durch Gott hoffen konnten. Diese Linie
einer befreienden Lektüre soll hier weiterverfolgt werden.
Phil 2,611 ist ein Christuslied, das Paulus bereits in einer der
Gemeinden vorgefunden hat und nun in seinem Brief nach Philippi zitiert.
Weil wir aber davon ausgehen können, dass zu den ersten christlichen
Gemeinden nicht in erster Linie reiche und angesehene Menschen gehörten
(vgl. 1 Kor 1,26), sondern vielmehr Sklavinnen und Lohnarbeiter, Freigelassene
und andere kleine Leute, dürfen wir die Verfasserinnen und Verfasser
unseres Hymnus auch am ehesten unter diesen Leuten suchen. Dann aber kommt
in dem Hymnus auch die Perspektive dieser Frauen und Männer zum Ausdruck
und bietet den Schlüssel zu einer Lektüre aus einer Perspektive
«von unten».
Aus dieser Perspektive ist der hier besungene Christus einer, der nicht
an den ihm gegebenen Privilegien (göttliche Gestalt) festhielt, sondern
solidarisch das Schicksal der Ärmsten unter den Menschen teilte, ein
Sklave wurde und sogar den Sklaventod am Kreuz starb. Was dieses Armwerden
Christi für die Armen bedeutet, bringt 2 Kor 8,9 ins Wort: «Er,
der reich war, wurde euretwegen arm, um euch durch seine Armut reich zu
machen.»
Wo an einen solchen Christus geglaubt wird, der mit den Ärmsten solidarisch
ist, dort darf es keine Verachtung und Ausbeutung dieser Armen mehr geben,
sondern da muss die Gegenbewegung einsetzen, die im Hymnus ebenfalls ausgedrückt
ist: Die Erhöhung des Erniedrigten durch Gott und sogar noch mehr,
die Einsetzung des Rehabilitierten als «Herrn» im Himmel, auf
der Erde und unter der Erde (2,10). Von dieser Kraft, die zur Erhöhung
des erniedrigten Christus führt, dürfen sich alle Erniedrigten
erfassen lassen. Sie erhalten eine Würde, die ihnen nicht mehr genommen
werden kann.
Wird der Text so unter den Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen situiert,
dann enthält er ein enormes kritisches Potential. Er stellt die Wertordnungen
und Hierarchien in Frage, die die römische Gesellschaft in «oben»
und «unten», Freie und Unfreie, Bürger/Bürgerinnen
und Nichtbürger/Nichtbürgerinnen, Männer und Frauen aufteilte.
Und er stellt die herrschenden Ehrbegriffe auf den Kopf, wenn die ganze
Welt vor einem ermordeten Sklaven die Knie beugen und diesen wie Gott selbst
verehren soll.
Wenn aber auf diese Weise an das gewaltsame Schicksal eines zu Unrecht Ermordeten
erinnert wird, dann heisst das auch, dass die Herrschaft des Christus von
anderer Qualität als die der Machthaber der Welt sein muss. Es ist
eine Macht, die nicht auf Kosten von Unterdrückten geht, sondern eine,
die gerade diesen Recht zukommen lässt und Würde zuspricht. Wie
dies geschieht und wo das beginnt, davon singt nicht der Hymnus selbst,
sondern davon erzählen auf vielfältige Weise die Jesusgeschichten
in den Evangelien.
Paulus hat den Hymnus in seinen Brief in den Rahmen einer Ermahnung an die
Gemeinde eingebaut. Hintergrund scheinen Spannungen innerhalb der Gemeinde
zu sein; nicht umsonst erwähnt Paulus die Gemeindeverantwortlichen
bereits im Vorwort seines Briefes (1,1). Alle sind in Verantwortung gerufen,
sich so zu verhalten, wie es dem Leben Jesu Christi und seiner «Herrschaft»
als Erhöhter entspricht: nicht auf Kosten Schwächerer Macht auszuüben,
sondern mit den Letzten und Ausgeschlossenen solidarisch zu werden (vgl.
auch Mk 10,4145). Trotz dieses ermahnenden Rahmens ist der Hymnus aber
keine Aufforderung, Leiden zu tolerieren oder Opfer jedwelcher Art auf sich
zu nehmen. Erst recht darf er nicht dazu missbraucht werden, von Macht-
und Rechtlosen Gehorsam und Opferbereitschaft zu verlangen.
In der provozierenden Einseitigkeit seiner Perspektive von unten und in seiner poetischen Unausgewogenheit, die gewiss viele Dinge ausser Acht lässt, die auch noch von Christus gesagt werden könnten, kann der Hymnus als eine notwendige Erinnerung an das Kreuz Jesu gelesen werden und darin als Vergegenwärtigung der vielen Kreuze, unter denen Menschen zu leiden haben und bis heute zu Tode kommen. Er wird damit zur Mahnung, das Unrecht, das Menschen nicht leben lässt, nicht hinzunehmen, sondern im Namen des solidarischen Jesus Christus auf die Überwindung dieses Unrechts hinzuarbeiten. Das bedeutet, in jedem Kontext konkret zu benennen, wer die Menschen sind, mit denen sich Jesus solidarisiert hat, und wo Ansatzpunkte sind, damit diese Menschen eine Perspektive der Hoffnung entwickeln und in Würde leben können.
Literatur: Claudia Janssen/Benita Joswig (Hrsg.), Erinnern und aufstehen antworten auf Kreuzestheologien, Mainz 2000. Moderne Psalmen zu Passion und Ostern finden sich in: Erhard Domay und Hanne Köhler (Hrsg.), Der Gottesdienst. Liturgische Texte in gerechter Sprache, Bd. 3: Die Psalmen, Gütersloh 1998, 635656.
Phil 2,611 lesen, die erwähnten Stationen des Weges Jesu markieren und kommentieren. Welche Dimensionen des Lebens Jesu fehlen warum?
Den Text unter den kleinen Leuten einer frühchristlichen Gemeinde situieren. Welche Hoffnungsperspektive können Sklaven/Sklavinnen, Arme und Entrechtete aus diesem Lied schöpfen?
Wer sind heute die Menschen, mit denen sich Jesus Christus solidarisiert hat? Anhand eines der Projekte der Fastenopferaktion aufzeigen, wo heute im Namen des gekreuzigten und erhöhten Christus Menschen zu Subjekten ihres Lebens werden und hoffnungsvolle Perspektiven entwickeln.