10/2002

INHALT

Lesejahr A

Lebendigmachender Geist

Detlef Hecking zu Ez 37,12b-14 / Röm 8,8-11 / Joh 11,1-45

 

Auf die Texte zu

Die Lesungen und das Evangelium des 5. Fastensonntages stehen schon ganz im Zeichen von Ostern. Die Texte thematisieren «die» Auferstehung auf je eigene Weise und gewähren so Einblicke in die Vielfalt biblischer Auferstehungsvorstellungen. Es lohnt sich also, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den drei Texten auszuleuchten.

Mit den Texten unterwegs

Die Lesung aus Ez bildet den Abschluss einer Vision, die der Prophet während des babylonischen Exils erfährt (Ez 37,1­14). Ezechiel sieht eine Ebene voller toter Gebeine, die sich auf sein Geheiss wieder mit Sehnen, Fleisch und Haut überziehen und am Schluss als grosses Heer in der Ebene stehen. Zentrales, zehnmal wiederholtes Stichwort ist dabei der «Geist» (ruach): Gott bringt (wieder) Geist in die Gebeine (37,5), Ezechiel ruft den belebenden Geist aus den vier Winden herbei (37,9), und schliesslich verheisst Gott, er werde den Israeliten/Israelitinnen seinen Geist einhauchen und sie in ihr Land zurückbringen (37,14). Wichtig für das Verständnis des Textes ist, dass auch die ganze Handlung «im Geist» geschieht (37,1). Der Text beansprucht also nicht, ein historisches Ereignis zu berichten. Ez 37 ist eine Vision mit gleichnishaftem Charakter. Das Lebendigwerden der Gebeine ist das Zeichen dafür, dass Gott die Israeliten/Israelitinnen aus dem Exil zurückführen wird. Die Öffnung der Gräber und das «Heraufholen» des Volkes (Ez 37,13) hat daher symbolische Bedeutung und kann im engeren Sinne nicht als Beleg für einen Auferstehungsglauben im Ersten Testament herangezogen werden: Das Exil ist der Tod, die Rückkehr ins Land Israel bedeutet Leben. Von einer grundsätzlichen Auferstehung der Toten ist keine Rede, es handelt sich um die Vision einer vorübergehenden Wiederauferweckung.

Auch in Röm 8,8­11 ist «Geist» (pneuma) der zentrale Begriff. Die Lesung kann zunächst irritierend wirken, weil am Anfang (8,8) noch das paulinische Gegensatzpaar «Fleisch» (sárx) und «Geist» im Vordergrund steht. Dieser Vers bildet aber eigentlich die Zusammenfassung und den Abschluss des vorausgehenden Abschnitts 8,5­8. In 8,9­11 geht es aber um die Frage, ob der «Geist» in den Römern/Römerinnen wohnt und welche Konsequenzen das für den «Leib» (soma) hat. «Fleisch» und «Leib» werden hier nicht synonym verwendet: «Fleisch» ist ein ­ keineswegs nur körperlich gemeinter ­ symbolischer Begriff für die Lage der Menschen ausserhalb des Paradiesgartens («Fleisch der Sünde», 8,3) und taucht nach 8,9 erst wieder im folgenden Abschnitt auf (12­17). «Leib» (10f.) dagegen ist wertneutral und bedeutet den menschlichen Körper. Das Verständnis der Lesung wird wesentlich erleichtert, wenn beim Vortragen im Gottesdienst Vers 8 und die Konjunktion «aber» in Vers 9 ausgelassen wird. Dann steht die Frage des Geistes klarer im Zentrum. Das Thema «Fleisch» und «Geist» kann auch noch am 14. Sonntag im Jahreskreis (7. Juli 2002) angesprochen werden, wenn ein besser darauf zugeschnittener Textabschnitt gelesen wird (8,9.11­13).
Die Adressaten/Adressatinnen in Röm 8,9­11 leben «im Geist» (9). Das Stichwort «Geist» wird gleichermassen auf den «Geist Gottes» und den «Geist des Messias/des Christus» bezogen (8,9). Doch der Geist ist nicht einfach selbstverständlich vorhanden. 8,9 schränkt gleich zweimal ein: «wenn denn der Geist Gottes in euch wohnt» und «wenn jemand den Geist des Messias/des Christus nicht hat, gehört er nicht zu ihm». Darin spiegelt sich der vorsichtige Umgang des Paulus mit dem Thema: Geist ist unverfügbar, auch wenn er in der Taufe zugesprochen wird.
In 8,10 ist die Auslegung umstritten: Geht es beim Leib, der tot ist «aufgrund der Sünde», um den physischen Tod, das Sterbenmüssen aller Menschen? Oder steht das symbolische «tot sein für die Sünde» im Vordergrund, wie es auch Röm 6,11 begegnet?
8,11 beschreibt das Wirken des Geistes näher: Geist wird qualifiziert als der Geist desjenigen (d.h. Gottes), der Christus von den Toten auferweckt hat. Dies wird sofort auf die Römer/Römerinnen bezogen: Wenn dieser wirkmächtige Geist in ihnen wohnt, wird Gott auch sie selber und ihre sterblichen Leiber zum Leben führen. Da es ein und derselbe Geist (Gottes) ist, der Jesus auferweckt hat und auch in den Römern/Römerinnen wohnt, gehören die Auferweckung Jesu und die Auferstehung der Römer/Römerinnen untrennbar zusammen. Dabei geht aus dem Text nicht eindeutig hervor, ob Paulus «nur» an die endzeitliche Auferstehung der Toten denkt oder ob es auch schon um Leben im Geiste der Auferstehung hier und jetzt geht. Der lebendigmachende Geist Gottes aber ist derselbe Geist, dessen Wirken auch schon in Ez 37 beschrieben wurde und schlägt damit eine Brücke ins Erste Testament.
Zum Evangelium Joh 11 sei nur auf einen Aspekt hingewiesen: Im Gespräch mit Jesus spricht Marta zunächst von ihrem Glauben an die allgemeine Auferstehung der Toten am «letzten Tag», der sich in manchen Kreisen des Judentums zur Zeit Jesu herausgebildet hatte (und bei Ezechiel noch nicht vorhanden war). Diese Auferstehung erhofft sie auch für ihren verstorbenen Bruder Lazarus (Joh 11,24). Damit gibt sich Jesus jedoch nicht zufrieden. Er erweitert das Bekenntnis zur allgemeinen Auferstehung, indem er es auf sich selber und den Glauben an ihn bezieht (11,25f.). Dabei ist ­ im Unterschied zu Röm 8 und im Zuge der sehr stark «ausgebauten» johanneischen Christologie ­ nicht mehr vom Geist Gottes die Rede, Jesus selber steht hier im Zentrum. Deshalb schliesst Jesus auch mit der betonten Frage «Glaubst du das?» (touto, 11,26). Joh 11 zeichnet also den theologiegeschichtlichen Weg vom Glauben an die allgemeine Auferstehung der Toten zum Glauben an die besondere Rolle Jesu in diesem Geschehen nach. Joh 11,24 und 11,25f. können somit als zwei sich ergänzende Glaubensbekenntnisse gelesen werden, deren erstes Christen/Christinnen und Juden/Jüdinnen miteinander verbindet.

Über die Texte hinaus

Vielfach wird stillschweigend vorausgesetzt, dass der Glaube an die Auferstehung der Toten schon im Ersten Testament selbstverständlich vorhanden war und auch im NT einheitlich bezeugt ist. Die Lesungen und das Evangelium bieten die Chance, differenziert über Auferstehung zu predigen. Wenn deutlich wird, wie wenig selbstverständlich die Auferstehung im Ersten Testament ist, wie umstritten sie noch zur Zeit Jesu war (vgl. Mk 12,18­27) und wie viele verschiedene ­ auch gleichnishafte! ­ biblische Formen es in der Rede über die Auferstehung gibt, erleichtert das den Zugang zu diesem schwierigen Thema auch für kritische Zeitgenossen/Zeitgenossinnen.

 

Literatur: Sabine Bieberstein/Daniel Kosch (Hrsg.), Auferstehung hat einen Namen, Luzern 1998.


Er-lesen, Er-hellen

Das entscheidende Kriterium für die Gegenwart des Geistes in Röm 8,11 ist, dass Menschen durch «den euch innenwohnenden Geist» lebendig werden. Austausch: Wie, worin erleben wir das? Was hilft uns dabei, was behindert uns?

Er-leben

Lebendigwerden kann gut durch freie Bewegung zu Musik erfahren und ausgedrückt werden (z.B. zu F. Smetanas «Moldau», worin die Dynamik des Flusses von der Quelle bis zum Meer nachgezeichnet ist).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002