9/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Wenn religiös suchende Menschen aus unserem Kulturkreis etwas über
Gott aussagen wollen, dann fällt oft das Stichwort «Licht».
Licht ist wohl das Gottessymbol, mit dem zurzeit die meisten Menschen etwas
anfangen können weit über den Kreis derer hinaus, die sich
ausdrücklich als Christen/Christinnen verstehen. Dass Menschen beispielsweise
im Sterben «ins Licht gehen», ist durch die naturwissenschaftlich
nach wie vor umstrittenen Untersuchungen zu Nahtoderfahrungen zum
Allgemeingut geworden, dass Gott (was auch immer man sich darunter vorstellen
mag) etwas mit Licht zu tun hat, folglich plausibel geworden.
«Licht» mit seinen vielfältigen Assoziationsmöglichkeiten
und dem Bezug zur Natur ist ein Symbol, das hervorragend in unsere Zeit
passt, in der sich viele Menschen Gott gerne unpersönlich, offen, manchmal
auch unverbindlich, aber gleichwohl angenehm nah vorstellen. Wo wie
bei uns das Licht meistens selbstverständlich und zugleich nicht
so intensiv vorhanden ist, dass es schaden könnte, löst es uneingeschränkt
positive Gefühle aus. In anderen Regionen, wo Licht auch etwas Gleissendes,
ja manchmal sogar Unerträgliches haben kann, wo um Schutz vor dem Licht
der Sonne und sogar des Mondes gebetet wird (Ps 121,6), ist dies zwar anders.
Den positiven Assoziationen bei uns tun jedoch selbst Skurilitäten
wie Uriellas «Fiat Lux» keinen Abbruch.
Licht: Das ist auch das zentrale Stichwort der Lesung zum 4. Fastensonntag.
Der Text eignet sich hervorragend, um an zeitgenössische Glaubensvorstellungen
und Gottesbilder anzuknüpfen und Brücken zur biblisch-christlichen
Tradition zu schlagen, in der das Licht bekanntlich nicht nur mit Gott,
sondern auch mit Christus verbunden wird. Die Schwierigkeit in einer Predigt
zu Eph 5,814 ist jedoch, den schmalen Grat zwischen esoterischer Beliebigkeit
und einer allzu einfachen, dualistischen Licht-und-Schatten-Metaphorik zu
halten. Das gelingt auch dem Lesungstext nicht immer. Er bietet trotzdem
eindrucksvolle Anhaltspunkte und bringt spezifisch biblische Aspekte ins
Gespräch, die das Gottessymbol Licht u.a. mit gelebter Gerechtigkeit
verbinden.
Eph 5,814 gehört zum ausführlichen parakletischen Teil
des (pseudepigraphischen) Eph. Die ermahnenden Ausführungen sind in
Eph allgemein gehalten und sprechen nicht wirklich konkrete Fragen oder
Probleme in einer bestimmten Gemeinde an. Dies passt zu dem Befund, dass
die Briefanschrift «an die Epheser» in den ältesten Handschriften
nicht belegt ist, also wahrscheinlich erst nachträglich eingefügt
wurde. Eph ist ein bewusst allgemein gehaltenes Schreiben an einen grösseren
Kreis von Christen/Christinnen, der über eine konkrete Gemeinde hinausreicht.
Zum «Epheserbrief» wurde der Brief wohl deshalb, weil die Ortsangabe
schon früh vermisst und der Einfachheit halber Ephesus, das Zentrum
der paulinischen Mission, ins Briefpräskript eingefügt wurde.
Dass Paulus jedoch ausgerechnet in einem Brief an die Gemeinde(n) in Ephesus,
wo er selber jahrelang lebte, nichts Konkreteres zur Gemeindesituation gesagt
haben soll, ist höchst unwahrscheinlich, worin wiederum der pseudepigraphische
Charakter von Eph deutlich wird.
Der Abschnitt 5,814 steht in einem literarischen Kontext, in dem Schwarz-Weiss-Malerei
betrieben wird: Die nichtchristliche Umwelt der Adressaten/Adressatinnen
ist von «Unzüchtigen, Schamlosen, Habgierigen und Götzendienern»
bevölkert (5,5), und «die Tage sind böse» (5,16).
Deshalb ist Abgrenzung gefragt (7). Die Adressaten/Adressatinnen, die früher
selber zur «Finsternis» (5,8.11) gehörten, sind inzwischen
einfach und absolut «Licht im Herrn» und sollen
dementsprechend als «Kinder des Lichts» leben (8). Was das konkret
bedeutet, sagt Vers 9: «lauter Gutsein und Gerechtigkeit und Wahrheit».
Die Formulierung erinnert an Mi 6,8, wo die sozialkritische Botschaft des
Propheten Micha zusammengefasst wird. Die Stichworte «Gerechtigkeit»
und «Wahrheit» in Eph 5,9 sind jedenfalls konkret und nicht
nur als allgemeine Tugendpredigt zu verstehen. Darauf weisen die pointierten
Aussagen zum «Prüfen» (10) und «Aufdecken»
(13) hin, mit denen eine Distanzierung von den Lebens- und Werthaltungen
der Umwelt gemeint ist. «Kinder des Lichts» zu sein heisst nicht,
sich in privater Frömmigkeit oder esoterischen Spielereien zu üben,
sondern ein ausserordentlich kritisches Gegenüber zur (realistisch
oder überzeichnet?) als «Finsternis» disqualifizierten
nichtchristlichen Gesellschaft zu bilden. Eine inhaltliche Parallele bietet
zum Beispiel Röm 12,2.
Zum Höhepunkt kommt die Perikope in V. 14, der wie ein Schriftzitat
eingeleitet wird, aber wohl aus einem Tauflied stammt. Das Lied parallelisiert
das Aufstehen vom Schlaf (egeíro) mit dem Aufstehen von den Toten
(anístemi). Beide Verben haben im NT ein breites Bedeutungsspektrum,
das vom gewöhnlichen Aufstehen über das Aufstehen im Zusammenhang
von Jüngerberufungen bis hin zum eschatologischen Auf(er)stehen reicht.
Ergebnis des vielschichtigen «Aufstehens», das der Täufling
in der Taufe vollzieht, ist, dass ihm bzw. ihr «der Christus»
aufstrahlen wird (die EÜ übersetzt das Verb epiphaúsko
substantivisch, was den Parallelismus der dreifachen griechischen Verbalkonstruktion
unsichtbar macht).
Der Gedankengang von 5,814 ist also: Christen/Christinnen sind durch
die Taufe von der Finsternis zum «Licht im Herrn» geworden,
sie sollen als Kinder des Lichts in kritischem Gegenüber zur «Finsternis»
leben, dann wird ihnen Christus aufstrahlen. Das Grundmotiv erinnert an
Mt 5,1416 («Ihr seid das Licht der Welt»), wo jedoch keine
negative Abgrenzung zur Finsternis erfolgt.
«Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten»: Dieses Sprichwort
umreisst ein Problem bei der Übertragung der Licht-Metaphorik auf menschliches
Leben wie auch auf das Gottesbild. Wie gelingt es, die positiven Aspekte
dieser Symbolik aufzugreifen, ohne zugleich in eine allzu dualistische Rede
vom «Reich der Finsternis» oder der «Achse des Bösen»
zu verfallen? Wer wahrhaftig vom Licht spricht, sollte den Schatten nicht
als Negativfolie nötig haben. Dazu mahnt auch ein Seitenblick auf die
Texte aus Qumran, in denen die «Söhne des Lichts» selbstgerecht
in eine endzeitliche Schlacht gegen die «Söhne der Finsternis»
ziehen (Kriegsrolle 1QM und Gemeinderegel 1QS).
Für die Gottesdienstgestaltung rund um Eph 5,814 eignen sich Lieder
wie «Sonne der Gerechtigkeit» (KG 589), das die Licht-Symbolik
ebenfalls mit Gerechtigkeit verbindet, oder zahlreiche andere Lieder wie
zum Beispiel KG 188, 193, 273, 276, 543, 679 und 710.
Literatur: Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000.
Kerzen und Licht gehören zu den zentralen Zeichen in Sakramenten, Liturgie und Kirchenjahr. Doch kommt die ausdrucksstarke und biblisch tief verwurzelte Lichtsymbolik noch zum Tragen? Vielleicht braucht es neue Formen: Lichtertänze nicht nur in kleinen Gruppen; feierliches Entzünden von Kerzen nicht nur in der Osternacht; «Lichtsalbungen» mit brennenden Kerzen, deren Ende in Katechumenenöl getaucht wurde wie in den letzten Jahren in der Chrisam-Messe in Solothurn; Kerzen für die Teilnehmer/Teilnehmerinnen an einer Beerdigung als Zeichen für das Licht, das die/der Verstorbene in ihr Leben gebracht hat...