9/2002

INHALT

Lesejahr A

Kinder des Lichts

Detlef Hecking zu Eph 5,8-14

 

Auf den Text zu

Wenn religiös suchende Menschen aus unserem Kulturkreis etwas über Gott aussagen wollen, dann fällt oft das Stichwort «Licht». Licht ist wohl das Gottessymbol, mit dem zurzeit die meisten Menschen etwas anfangen können ­ weit über den Kreis derer hinaus, die sich ausdrücklich als Christen/Christinnen verstehen. Dass Menschen beispielsweise im Sterben «ins Licht gehen», ist durch die ­ naturwissenschaftlich nach wie vor umstrittenen ­ Untersuchungen zu Nahtoderfahrungen zum Allgemeingut geworden, dass Gott (was auch immer man sich darunter vorstellen mag) etwas mit Licht zu tun hat, folglich plausibel geworden.
«Licht» mit seinen vielfältigen Assoziationsmöglichkeiten und dem Bezug zur Natur ist ein Symbol, das hervorragend in unsere Zeit passt, in der sich viele Menschen Gott gerne unpersönlich, offen, manchmal auch unverbindlich, aber gleichwohl angenehm nah vorstellen. Wo ­ wie bei uns ­ das Licht meistens selbstverständlich und zugleich nicht so intensiv vorhanden ist, dass es schaden könnte, löst es uneingeschränkt positive Gefühle aus. In anderen Regionen, wo Licht auch etwas Gleissendes, ja manchmal sogar Unerträgliches haben kann, wo um Schutz vor dem Licht der Sonne und sogar des Mondes gebetet wird (Ps 121,6), ist dies zwar anders. Den positiven Assoziationen bei uns tun jedoch selbst Skurilitäten wie Uriellas «Fiat Lux» keinen Abbruch.
Licht: Das ist auch das zentrale Stichwort der Lesung zum 4. Fastensonntag. Der Text eignet sich hervorragend, um an zeitgenössische Glaubensvorstellungen und Gottesbilder anzuknüpfen und Brücken zur biblisch-christlichen Tradition zu schlagen, in der das Licht bekanntlich nicht nur mit Gott, sondern auch mit Christus verbunden wird. Die Schwierigkeit in einer Predigt zu Eph 5,8­14 ist jedoch, den schmalen Grat zwischen esoterischer Beliebigkeit und einer allzu einfachen, dualistischen Licht-und-Schatten-Metaphorik zu halten. Das gelingt auch dem Lesungstext nicht immer. Er bietet trotzdem eindrucksvolle Anhaltspunkte und bringt spezifisch biblische Aspekte ins Gespräch, die das Gottessymbol Licht u.a. mit gelebter Gerechtigkeit verbinden.

Mit dem Text unterwegs

Eph 5,8­14 gehört zum ausführlichen parakletischen Teil des (pseudepigraphischen) Eph. Die ermahnenden Ausführungen sind in Eph allgemein gehalten und sprechen nicht wirklich konkrete Fragen oder Probleme in einer bestimmten Gemeinde an. Dies passt zu dem Befund, dass die Briefanschrift «an die Epheser» in den ältesten Handschriften nicht belegt ist, also wahrscheinlich erst nachträglich eingefügt wurde. Eph ist ein bewusst allgemein gehaltenes Schreiben an einen grösseren Kreis von Christen/Christinnen, der über eine konkrete Gemeinde hinausreicht. Zum «Epheserbrief» wurde der Brief wohl deshalb, weil die Ortsangabe schon früh vermisst und der Einfachheit halber Ephesus, das Zentrum der paulinischen Mission, ins Briefpräskript eingefügt wurde. Dass Paulus jedoch ausgerechnet in einem Brief an die Gemeinde(n) in Ephesus, wo er selber jahrelang lebte, nichts Konkreteres zur Gemeindesituation gesagt haben soll, ist höchst unwahrscheinlich, worin wiederum der pseudepigraphische Charakter von Eph deutlich wird.
Der Abschnitt 5,8­14 steht in einem literarischen Kontext, in dem Schwarz-Weiss-Malerei betrieben wird: Die nichtchristliche Umwelt der Adressaten/Adressatinnen ist von «Unzüchtigen, Schamlosen, Habgierigen und Götzendienern» bevölkert (5,5), und «die Tage sind böse» (5,16). Deshalb ist Abgrenzung gefragt (7). Die Adressaten/Adressatinnen, die früher selber zur «Finsternis» (5,8.11) gehörten, sind inzwischen ­ einfach und absolut ­ «Licht im Herrn» und sollen dementsprechend als «Kinder des Lichts» leben (8). Was das konkret bedeutet, sagt Vers 9: «lauter Gutsein und Gerechtigkeit und Wahrheit». Die Formulierung erinnert an Mi 6,8, wo die sozialkritische Botschaft des Propheten Micha zusammengefasst wird. Die Stichworte «Gerechtigkeit» und «Wahrheit» in Eph 5,9 sind jedenfalls konkret und nicht nur als allgemeine Tugendpredigt zu verstehen. Darauf weisen die pointierten Aussagen zum «Prüfen» (10) und «Aufdecken» (13) hin, mit denen eine Distanzierung von den Lebens- und Werthaltungen der Umwelt gemeint ist. «Kinder des Lichts» zu sein heisst nicht, sich in privater Frömmigkeit oder esoterischen Spielereien zu üben, sondern ein ausserordentlich kritisches Gegenüber zur (realistisch oder überzeichnet?) als «Finsternis» disqualifizierten nichtchristlichen Gesellschaft zu bilden. Eine inhaltliche Parallele bietet zum Beispiel Röm 12,2.
Zum Höhepunkt kommt die Perikope in V. 14, der wie ein Schriftzitat eingeleitet wird, aber wohl aus einem Tauflied stammt. Das Lied parallelisiert das Aufstehen vom Schlaf (egeíro) mit dem Aufstehen von den Toten (anístemi). Beide Verben haben im NT ein breites Bedeutungsspektrum, das vom gewöhnlichen Aufstehen über das Aufstehen im Zusammenhang von Jüngerberufungen bis hin zum eschatologischen Auf(er)stehen reicht. Ergebnis des vielschichtigen «Aufstehens», das der Täufling in der Taufe vollzieht, ist, dass ihm bzw. ihr «der Christus» aufstrahlen wird (die EÜ übersetzt das Verb epiphaúsko substantivisch, was den Parallelismus der dreifachen griechischen Verbalkonstruktion unsichtbar macht).
Der Gedankengang von 5,8­14 ist also: Christen/Christinnen sind durch die Taufe von der Finsternis zum «Licht im Herrn» geworden, sie sollen als Kinder des Lichts in kritischem Gegenüber zur «Finsternis» leben, dann wird ihnen Christus aufstrahlen. Das Grundmotiv erinnert an Mt 5,14­16 («Ihr seid das Licht der Welt»), wo jedoch keine negative Abgrenzung zur Finsternis erfolgt.

Über den Text hinaus

«Wo viel Licht ist, ist auch viel Schatten»: Dieses Sprichwort umreisst ein Problem bei der Übertragung der Licht-Metaphorik auf menschliches Leben wie auch auf das Gottesbild. Wie gelingt es, die positiven Aspekte dieser Symbolik aufzugreifen, ohne zugleich in eine allzu dualistische Rede vom «Reich der Finsternis» oder der «Achse des Bösen» zu verfallen? Wer wahrhaftig vom Licht spricht, sollte den Schatten nicht als Negativfolie nötig haben. Dazu mahnt auch ein Seitenblick auf die Texte aus Qumran, in denen die «Söhne des Lichts» selbstgerecht in eine endzeitliche Schlacht gegen die «Söhne der Finsternis» ziehen (Kriegsrolle 1QM und Gemeinderegel 1QS).
Für die Gottesdienstgestaltung rund um Eph 5,8­14 eignen sich Lieder wie «Sonne der Gerechtigkeit» (KG 589), das die Licht-Symbolik ebenfalls mit Gerechtigkeit verbindet, oder zahlreiche andere Lieder wie zum Beispiel KG 188, 193, 273, 276, 543, 679 und 710.

 

Literatur: Michael Theobald, Mit den Augen des Herzens sehen. Der Epheserbrief als Leitfaden für Spiritualität und Kirche, Würzburg 2000.


Er-leben

Kerzen und Licht gehören zu den zentralen Zeichen in Sakramenten, Liturgie und Kirchenjahr. Doch kommt die ausdrucksstarke und biblisch tief verwurzelte Lichtsymbolik noch zum Tragen? Vielleicht braucht es neue Formen: Lichtertänze ­ nicht nur in kleinen Gruppen; feierliches Entzünden von Kerzen ­ nicht nur in der Osternacht; «Lichtsalbungen» mit brennenden Kerzen, deren Ende in Katechumenenöl getaucht wurde ­ wie in den letzten Jahren in der Chrisam-Messe in Solothurn; Kerzen für die Teilnehmer/Teilnehmerinnen an einer Beerdigung ­ als Zeichen für das Licht, das die/der Verstorbene in ihr Leben gebracht hat...


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002