8/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Es gehört zum selbstverständlichen Inventar von Action-Filmen,
dass einer der Sympathieträger für seine Freunde, für seine
Kampfeinheit oder sogar für die ganze Welt stirbt. Ohne Opfer ist der
Sieg über das Böse, die Ausserirdischen oder Naturkatastrophen
nach dieser Lesart nicht zu haben. Leben muss erkauft werden, und wer im
entscheidenden Moment merkt, dass «es» diesmal ihn (oder sie)
trifft, verabschiedet sich mit dem gebotenen Ernst und gibt sein Bestes
bis zum Schluss. Das Leben geht weiter, der nächste Film kommt bestimmt,
der nächste Held steht schon bereit, opferwillig auch er, und natürlich:
gefasst. Verängstigte Helden kann man in solchen Situationen nicht
brauchen, allzu konkrete Bilder vom Sterben übrigens auch nicht.
«Gott aber stellt seine Liebe zu uns dadurch vor, dass der Messias
für uns starb, als wir noch Sünder waren» (Röm 5,8):
Wie passt dieser Gedanke, einer der Kernsätze frühchristlicher
Deutungsversuche zum Tod Jesu, in unsere heutige Hollywood-Landschaft? Fügt
er sich naht- und kritiklos in die Vorstellungen vom notwendigen Menschenopfer
ein oder lässt sich ihm auch Widerständiges für Theologie
und Politik abgewinnen?
5,1f. fasst den Gedanken aus Kapitel 4 zusammen: Wie das Beispiel Abrahams
zeigt, macht der Glaube gerecht und nicht Werke. Daraus resultiert auch
der «Friede mit Gott» und der «Zutritt zur Gnade»
(5,2). Die Gemeinde in Rom hat beides nötig: Für sie ist die endzeitliche
«Bedrängung» (thlipsis, 5,3, in Röm noch in 2,9; 8,35
und 12,12) nicht nur ein leeres Wort. Erst wenige Jahre zuvor, 49 n. Chr.,
waren Juden/Jüdinnen und Judenchristen/Judenchristinnen durch ein Edikt
des Kaisers Claudius aus Rom vertrieben worden. Priska und Aquila, die mit
Paulus die Gemeinde in Korinth gegründet hatten, mussten damals ebenfalls
aus Rom fliehen, konnten aber inzwischen zurückkehren und werden von
Paulus in Röm 16,3 gegrüsst. Der im Glauben gewonnene Friede mit
Gott ist in Röm 5 also Voraussetzung dafür, die Bedrängnis
zu überstehen und durch sie hindurch schliesslich zur Hoffnung zurückzufinden
(5,35).
Ab Vers 6 fügt Paulus einen weiteren Grund für die Hoffnung hinzu,
der bereits mehrfach angesprochen wurde: Jesu Tod (z.B. 3,2426; 4,2325).
Der Gedanke, dass der brutale Tod Jesu «für (uns) Gottlose»
geschah, ist selbst für Paulus, der ihn oft formuliert hat, so ungeheuerlich,
dass er hier nur stockend davon sprechen kann. U. Wilckens charakterisiert
V. 6 als «Satzungetüm mit schockierenden Spannungen». Durch
eine doppelte Abgrenzung gegen die «normale» menschliche Opferbereitschaft
(5,7) macht Paulus weiter klar, dass der Tod Jesu keinesfalls mit den (Selbst-)Opfern
dieser Welt zu vergleichen ist, sondern einer anderen Logik folgt. Er passt
nicht in die üblichen Aufrechnungs-Kategorien hinein, weil er nach
buchhalterischen Kriterien keinen Sinn macht. Durch den Tod Jesu wird kein
«Mehrwert» erwirtschaftet, denn die, die auf der anderen Seite
der Gleichung stehen, sind weder gut noch gerecht, weder schön noch
erfolgreich. In der Sprache des Paulus: Es sind Sünder, für die
sich der Einsatz eines so aussergewöhnlichen Menschen wie Jesus, des
Messias nicht nur nicht lohnt, ja noch nicht einmal Respekt und Ehre verheisst.
Es geht also in Röm 5 gerade nicht um einen Loskauf der Menschen im
populärtheologischen Sinn, weil die grundlegendsten Voraussetzungen
für einen solchen Handel, die Gleichwertigkeit der Güter, ausdrücklich
nicht gegeben sind.
Wenn Paulus den Tod Jesu also (glücklicherweise!) nicht als Begleichung
einer Krämerrechnung verstanden wissen will wie denn dann? Einen
Schlüssel dazu könnte seine stockende Sprache in 5,6 geben. Hier
ringt Paulus trotz aller theologischen Argumentationskunst selber existentiell
darum, dem Tod Jesu einen Sinn abzugewinnen. Hat ihn, als er seinem Mitarbeiter
Tertius diese Sätze diktierte (Röm 16,22), unerwartet und konkret
die Erinnerung an den Tod Jesu oder andere Kreuzigungen, die er beobachtet
hatte, eingeholt? Haben vielleicht solche allgegenwärtigen Schreckensbilder
römischer Gewaltherrschaft das theologische Gedankengebäude ins
Wanken gebracht? Auffällig ist jedenfalls, dass Paulus die Worte hier
keineswegs glatt von der Zunge gehen und als einziger Grund für das
letztlich nicht zu verstehende Geschehen nur die «Liebe Gottes»
bleibt (5,8). Eigentlich ist es schade, dass Paulus bei diesem so schwer
verdaulichen Thema seine klare, eindeutige Sprache in 5,9f. so schnell wiederfindet.
Die traditionelle Kreuzes- und Opfertheologie wird von der feministischen
Theologie hinterfragt und kritisiert, weil sie problematische Menschen-
und Gottesbilder vermittle und die Bereitschaft fördere, sich selber
oder andere Menschen für ein vermeintlich höheres Gut zu opfern.
Diese Wirkungs- und Missbrauchsgeschichte von Populärversionen der
«Satisfaktionstheorie» eines A. v. Canterbury ist über
Predigten, Kirchenlieder und Gebete so tief ins christliche Unterbewusste
eingedrungen, dass sie von dem, was vielleicht einmal positiv damit gemeint
gewesen sein könnte, faktisch nicht mehr zu trennen ist. Ein selbst-
und theologiekritischer Umgang mit diesen Fragen könnte beim stockenden
Suchen des Paulus in Röm 5,6 ansetzen. Anders als stockend, in ständiger
Berücksichtigung dessen, was «Kreuzigung» konkret heisst,
sollte über die theologische oder heilsgeschichtliche Bedeutung des
Todes Jesu nicht gesprochen werden. Nur so können dann auch gesellschaftskritische
Aspekte dieser Theologie zum Tragen kommen und die Opfermentalitäten
zum Beispiel in Wirtschaft, Krieg oder auch Strassenverkehr hinterfragt
werden. Dann kann sich schliesslich auch der Blick darauf richten, was gelingendes
Leben ausmacht und dass die heilsame Wirkung des Lebens Jesu keineswegs
erst mit seinem Tod beginnt.
Einen differenzierten, lebensförderlichen Umgang mit dem Opfer-Thema
hat Joanne K. Rowling, die Autorin der Harry-Potter-Bücher, im ersten
Band ihrer Jugendbuchserie vorgeführt. Harry, der Held des Buches,
hat bekanntlich als Säugling den Mordanschlag eines bösen Zauberers
überlebt, dem unter anderen seine Eltern zum Opfer gefallen sind. Am
Schluss des Buches erfährt Harry, warum der Todesfluch bei ihm als
Einzigem versagt hat: Wer zutiefst geliebt wird, so die Erklärung,
dem könne das Böse nichts mehr anhaben. Und diese Liebe hätten
ihm seine Eltern geschenkt von Anfang an, in letzter Konsequenz aber
auch dadurch, dass sie ihn unter Einsatz ihres Lebens schützen wollten.
Mit dieser Erklärung wird der Tod seiner Eltern (und der Tod von Opfern
allgemein) nicht künstlich überhöht, sondern in das Leben
aller Beteiligten zurückgebunden. Was sich schon im ganzen Leben gezeigt
hat, kann sich, wenn es denn sein «muss» bzw. dazu kommt, auch
im Tod äussern. Nur für sich alleine genommen hat ein Opfertod
jedoch keinen Sinn und auch keinen Nachahmungswert.
Doris Strahm/Regula Strobel (Hrsg.), Vom Verlangen nach Heilwerden. Christologe in feministisch-theologischer Sicht, Freiburg/Luzern 1991.
Einen Action-Film anschauen (z.B. «Independence Day»).
Rollen und Verhaltensmuster hinterfragen: Wer opfert sich, für wen oder was? Oder: Wer oder was wird geopfert?
Austausch: Kann aus Röm 5 ein kritischer Blick auf die allgegenwärtige Opfer-Mentalität gewonnen werden?