7/2002

INHALT

Lesejahr A

Biblische Befreiungslieder

Detlef Hecking zu 2 Tim 1,8b-10

 

Auf den Text zu

Ausschnitte aus 1/2 Tim wurden bereits für die siebenwöchige Lesereihe im Lesejahr C von R. Grünenfelder und D. Kosch kommentiert (SKZ 36­42/2001). Auch der Rahmen der Lesung vom 2. Fastensonntag wurde damals besprochen (D. Kosch zu 2 Tim 1,6­8.13­14, SKZ 39/2001, www.kath.ch/skz/skz-2001/lesejahra/a39.htm). Für die Grundfragen zu den Pastoralbriefen, jenen umstrittenen Zeugnissen pseudopaulinischer Theologie, sei auf diese Artikel verwiesen.

Mit dem Text unterwegs

Die griechische Satzkonstruktion umfasst die Verse 8­13. Die Leseordnung lässt jedoch am Anfang und am Ende des langen Satzes mehrere Verse weg, wodurch der gesamte Kontext ­ die Gefangenschaft des Paulus bzw. ihre literarische Fiktion ­ entfällt und die Perikope sehr anspruchsvoll beginnt: «Leide mit mir für das Evangelium!» Derart absolut und kontextlos wollte wohl selbst der Verfasser von 2 Tim, der mit Aufforderungen zum Leiden ja keineswegs zurückhaltend umgeht (vgl. 2 Tim 2,3.8ff.; 4,6­8), seine Formulierung nicht verstanden wissen.
Was neben der Aufforderung zum Leiden als Lesung übrig bleibt, ist ein heilsgeschichtliches Glaubensbekenntnis mit hymnischem Charakter, ein Credo-Lied. Ob dieses Lied jedoch tatsächlich von einer Gemeinde gesungen wurde, scheint ­ zumindest von der (fiktiven!) Kommunikationssituation des Briefes her ­ fraglich. Denn 2 Tim gibt sich als persönlicher Brief von «Paulus» an «Timotheus», eine Amts- und Stabsübergabe zwischen zwei Kirchenmännern oder gar ein Testament, bei der die bisherigen Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen des «Paulus» und auch die Gemeindemitglieder überwiegend negativ in den Blick kommen. Fast alle haben sich angeblich von «Paulus» abgewandt, ja zum Teil geradezu bösartig verhalten (vgl. 1,15­18; 2,16­18; 4,9­21). Nur in «Timotheus» und wenigen anderen hat «Paulus» noch eine Stütze. In dieser vom Brief vorausgesetzten Kommunikationssituation liegt es nicht gerade nahe, dass der Verfasser echte Gemeindetraditionen aufgegriffen hätte. Ist der Hymnus in 1,9f. also ein Privatlied, gesungen von einem einsamen Gemeindeleiter, Bischof oder kirchenamtlichen Solisten?
Handelndes Subjekt im Hymnus ist Gott. Alles Wesentliche ist bereits geschehen: Gott hat errettet und gerufen (1,9), Gottes Gnade wurde bereits «vor ewigen Zeiten» gewährt, lediglich ihr «Erscheinen» in «unserem Retter Christus Jesus» geschah in der jüngeren Vergangenheit (1,10). Alles ist reines Geschenk, ein Zusammenhang zu menschlichen Werken wird ausdrücklich abgelehnt. Der Tod ist entmachtet, Leben und Unvergänglichkeit treten an seine Stelle, wobei der Verfasser gleich drei Begriffe aus dem Bereich «sichtbar werden/erscheinen» verwendet (gr. phaneróo, epipháneia und photízo).
Das Credo-Lied ist damit überaus tröstlich. Die offenen Formulierungen, die die Geschichte des gesamten Kosmos umfassen, bieten gute Identifikationsmöglichkeiten, in die viele Menschen ihre persönliche Hoffnung und Sehnsucht eintragen können. Fast könnte man von einem «esoterischen» (resp. gnostischen) Unterton sprechen. Andererseits: So schön das Credo-Lied ist ­ es ist zugleich wenig konkret. Vom Menschen Jesus von Nazareth bleibt keine konkrete Spur. Jesus wird nicht geboren, sondern «erscheint», von seinem Leben oder gar vom Kreuz ist schon gar keine Rede. Erlösung geschieht auf einer abstrakten heilsgeschichtlichen Ebene, und wenn Christus in 1,10 als «Retter» (sotér) bezeichnet wird, dann hat dieser Titel, der ja auch Kaisertitel war, ganz sicher keine politischen Implikationen ­ anders als zum Beispiel in Lk 2,11. Jesus auch nur in leiser Konkurrenz zu den Herren dieser Welt zu sehen, wäre im Kontext der Pastoralbriefe ein Missverständnis. Denn für die Obrigkeit wird uneingeschränkte Solidarität in Form von Gebet gefordert (1 Tim 2,1­3).
Was bleibt den Menschen noch zu tun, wenn die Errettung bereits geschehen, der «heilige Ruf» (1,9) bereits ergangen ist? 2 Tim gibt darauf klare Antworten: Bekenntnis zu Christus, auch und besonders, wenn es zu Leiden führt (1,8), Verkündigung und Weitergabe der Botschaft an «zuverlässige» (2,2; 4,1f.) sowie Absonderung von schlechten Menschen (3,1­9 zählt mehr als 20 negative Charaktereigenschaften auf!), Meidung von unfruchtbaren Auseinandersetzungen (2,14) usw. Der ­ in die Rolle von Paulus vor seiner Hinrichtung geschlüpfte ­ Verfasser von 2 Tim sieht sich einer bösen Welt und vor allem vielen bösen Menschen gegenüber, was als Zeichen für die Endzeit gewertet wird (3,1). In echten Konfliktsituationen, angesichts einer konkreten Bedrohung mögen solche Überlebensstrategien hilfreich sein. Aber wer entscheidet darüber, ob es wirklich um einen schwerwiegenden Konflikt geht oder um einen beleidigten, egozentrischen Rückzug aus einer nur vermeintlich bösartigen Welt? Die Konflikte, die im Hintergrund von 2 Tim stehen, waren jedenfalls innergemeindliche Konflikte, die mit der Ausrichtung der Theologie und auch mit Ämterfragen zu tun hatten. Wie hilfreich ist es, auf solche Konflikte mit Rückzug, Abgrenzung und eingeschworenen Gemeinschaften zu reagieren?

Über den Text hinaus

Es gibt andere Credo-Lieder in der Bibel: Da wird auch von Rettung und Befreiung gesungen, aber zugleich vom Sturz der Unterdrücker und vom Aufrichten der Kleinen (Lk 1,52), von Hungrigen, die satt werden und Unfruchtbaren, die Kinder bekommen (1 Sam 2,5), ja sogar von den Opfern, die im Meer versinken (Ex 15,21). Die meisten biblischen Hymnen sind konkreter und lebensnäher als der beeindruckende, aber sehr allgemeine Hymnus aus 2 Tim 1. Vom manchmal harten Realismus der meisten anderen biblischen Credo-Lieder, aber auch von ihrem umso mitreissenderem Jubel ist der Verfasser von 2 Tim jedenfalls genauso weit entfernt wie von Paulus selber, der sich zwar ebenfalls ausgrenzend über andere Menschen äussern kann, es aber zugleich ausdrücklich zurückweist, «aus der Welt auszuwandern» (1 Kor 5,10).
Dass das Credo-Lied in 2 Tim 1 so «entrückt» ist (damit aber auch einen offenen, tröstlichen Ton anschlägt), hat vielleicht damit zu tun, dass 2 Tim wohl von einem vereinsamten Kirchenmann geschrieben wurde, dem der Bezug zu seinen Mitchristen/Mitchristinnen verloren gegangen ist. Das kann dazu ermutigen, sorgfältig mit unseren Gemeinden umzugehen. Je mehr wir Leben teilen und uns nicht aus dem normalen Alltag von Menschen verabschieden, umso konkreter wird vermutlich auch unsere Sprache in Verkündigung und Gottesdienst.
2 Tim wurde, unter anderem wegen der zahlreichen Details, mit denen der Verfasser die Nähe zu Paulus herstellen möchte, lange nicht als pseudepigraphischer Brief erkannt. Sogar das Lektionar nennt in der Einleitung zur Lesung noch Paulus als Verfasser. Diese Angabe sollte im Gottesdienst vermieden und das Thema «Pseudepigraphie» angesprochen werden. Die Gemeinden haben ein Recht darauf, über historisch-kritische Erkenntnisse zur Bibel nicht nur im «Blick» oder in «Facts» informiert zu werden.

 

Literatur: Ulrike Wagener, Die Pastoralbriefe. Gezähmter Paulus ­ domestizierte Frauen, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 661­675.


Er-lesen

Lesen Sie verschiedene Credo-Lieder in der Bibel, zum Beispiel Ex 15,1­21; 1 Sam 2,1­10; Lk 1,46­55; 68­79; Joh 1,1­18; Kol 1,15­20, Eph 1,3­14.

Er-hellen

Vergleichen Sie die biblischen Lieder mit den Credo-Liedern im Kirchengesangbuch, auch mit den «inoffiziellen», zum Beispiel KG 183, 582, 596 usw.

Er-leben

Gestalten Sie biblische Lieder mit Stimme, Tönen und Bewegung ­ ohne Noten! Wichtig ist nicht, ob es schön klingt, sondern ob der Charakter des Liedes zum Ausdruck kommt.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002