7/2002 | |
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Lesejahr A |
Ausschnitte aus 1/2 Tim wurden bereits für die siebenwöchige Lesereihe im Lesejahr C von R. Grünenfelder und D. Kosch kommentiert (SKZ 3642/2001). Auch der Rahmen der Lesung vom 2. Fastensonntag wurde damals besprochen (D. Kosch zu 2 Tim 1,68.1314, SKZ 39/2001, www.kath.ch/skz/skz-2001/lesejahra/a39.htm). Für die Grundfragen zu den Pastoralbriefen, jenen umstrittenen Zeugnissen pseudopaulinischer Theologie, sei auf diese Artikel verwiesen.
Die griechische Satzkonstruktion umfasst die Verse 813. Die Leseordnung
lässt jedoch am Anfang und am Ende des langen Satzes mehrere Verse
weg, wodurch der gesamte Kontext die Gefangenschaft des Paulus bzw.
ihre literarische Fiktion entfällt und die Perikope sehr anspruchsvoll
beginnt: «Leide mit mir für das Evangelium!» Derart absolut
und kontextlos wollte wohl selbst der Verfasser von 2 Tim, der mit Aufforderungen
zum Leiden ja keineswegs zurückhaltend umgeht (vgl. 2 Tim 2,3.8ff.;
4,68), seine Formulierung nicht verstanden wissen.
Was neben der Aufforderung zum Leiden als Lesung übrig bleibt, ist
ein heilsgeschichtliches Glaubensbekenntnis mit hymnischem Charakter, ein
Credo-Lied. Ob dieses Lied jedoch tatsächlich von einer Gemeinde gesungen
wurde, scheint zumindest von der (fiktiven!) Kommunikationssituation
des Briefes her fraglich. Denn 2 Tim gibt sich als persönlicher
Brief von «Paulus» an «Timotheus», eine Amts- und
Stabsübergabe zwischen zwei Kirchenmännern oder gar ein Testament,
bei der die bisherigen Mitarbeiter/Mitarbeiterinnen des «Paulus»
und auch die Gemeindemitglieder überwiegend negativ in den Blick kommen.
Fast alle haben sich angeblich von «Paulus» abgewandt, ja zum
Teil geradezu bösartig verhalten (vgl. 1,1518; 2,1618; 4,921).
Nur in «Timotheus» und wenigen anderen hat «Paulus»
noch eine Stütze. In dieser vom Brief vorausgesetzten Kommunikationssituation
liegt es nicht gerade nahe, dass der Verfasser echte Gemeindetraditionen
aufgegriffen hätte. Ist der Hymnus in 1,9f. also ein Privatlied, gesungen
von einem einsamen Gemeindeleiter, Bischof oder kirchenamtlichen Solisten?
Handelndes Subjekt im Hymnus ist Gott. Alles Wesentliche ist bereits geschehen:
Gott hat errettet und gerufen (1,9), Gottes Gnade wurde bereits «vor
ewigen Zeiten» gewährt, lediglich ihr «Erscheinen»
in «unserem Retter Christus Jesus» geschah in der jüngeren
Vergangenheit (1,10). Alles ist reines Geschenk, ein Zusammenhang zu menschlichen
Werken wird ausdrücklich abgelehnt. Der Tod ist entmachtet, Leben und
Unvergänglichkeit treten an seine Stelle, wobei der Verfasser gleich
drei Begriffe aus dem Bereich «sichtbar werden/erscheinen» verwendet
(gr. phaneróo, epipháneia und photízo).
Das Credo-Lied ist damit überaus tröstlich. Die offenen Formulierungen,
die die Geschichte des gesamten Kosmos umfassen, bieten gute Identifikationsmöglichkeiten,
in die viele Menschen ihre persönliche Hoffnung und Sehnsucht eintragen
können. Fast könnte man von einem «esoterischen» (resp.
gnostischen) Unterton sprechen. Andererseits: So schön das Credo-Lied
ist es ist zugleich wenig konkret. Vom Menschen Jesus von Nazareth
bleibt keine konkrete Spur. Jesus wird nicht geboren, sondern «erscheint»,
von seinem Leben oder gar vom Kreuz ist schon gar keine Rede. Erlösung
geschieht auf einer abstrakten heilsgeschichtlichen Ebene, und wenn Christus
in 1,10 als «Retter» (sotér) bezeichnet wird, dann hat
dieser Titel, der ja auch Kaisertitel war, ganz sicher keine politischen
Implikationen anders als zum Beispiel in Lk 2,11. Jesus auch nur in
leiser Konkurrenz zu den Herren dieser Welt zu sehen, wäre im Kontext
der Pastoralbriefe ein Missverständnis. Denn für die Obrigkeit
wird uneingeschränkte Solidarität in Form von Gebet gefordert
(1 Tim 2,13).
Was bleibt den Menschen noch zu tun, wenn die Errettung bereits geschehen,
der «heilige Ruf» (1,9) bereits ergangen ist? 2 Tim gibt darauf
klare Antworten: Bekenntnis zu Christus, auch und besonders, wenn es zu
Leiden führt (1,8), Verkündigung und Weitergabe der Botschaft
an «zuverlässige» (2,2; 4,1f.) sowie Absonderung von schlechten
Menschen (3,19 zählt mehr als 20 negative Charaktereigenschaften
auf!), Meidung von unfruchtbaren Auseinandersetzungen (2,14) usw. Der
in die Rolle von Paulus vor seiner Hinrichtung geschlüpfte Verfasser
von 2 Tim sieht sich einer bösen Welt und vor allem vielen bösen
Menschen gegenüber, was als Zeichen für die Endzeit gewertet wird
(3,1). In echten Konfliktsituationen, angesichts einer konkreten Bedrohung
mögen solche Überlebensstrategien hilfreich sein. Aber wer entscheidet
darüber, ob es wirklich um einen schwerwiegenden Konflikt geht oder
um einen beleidigten, egozentrischen Rückzug aus einer nur vermeintlich
bösartigen Welt? Die Konflikte, die im Hintergrund von 2 Tim stehen,
waren jedenfalls innergemeindliche Konflikte, die mit der Ausrichtung der
Theologie und auch mit Ämterfragen zu tun hatten. Wie hilfreich ist
es, auf solche Konflikte mit Rückzug, Abgrenzung und eingeschworenen
Gemeinschaften zu reagieren?
Es gibt andere Credo-Lieder in der Bibel: Da wird auch von Rettung und
Befreiung gesungen, aber zugleich vom Sturz der Unterdrücker und vom
Aufrichten der Kleinen (Lk 1,52), von Hungrigen, die satt werden und Unfruchtbaren,
die Kinder bekommen (1 Sam 2,5), ja sogar von den Opfern, die im Meer versinken
(Ex 15,21). Die meisten biblischen Hymnen sind konkreter und lebensnäher
als der beeindruckende, aber sehr allgemeine Hymnus aus 2 Tim 1. Vom manchmal
harten Realismus der meisten anderen biblischen Credo-Lieder, aber auch
von ihrem umso mitreissenderem Jubel ist der Verfasser von 2 Tim jedenfalls
genauso weit entfernt wie von Paulus selber, der sich zwar ebenfalls ausgrenzend
über andere Menschen äussern kann, es aber zugleich ausdrücklich
zurückweist, «aus der Welt auszuwandern» (1 Kor 5,10).
Dass das Credo-Lied in 2 Tim 1 so «entrückt» ist (damit
aber auch einen offenen, tröstlichen Ton anschlägt), hat vielleicht
damit zu tun, dass 2 Tim wohl von einem vereinsamten Kirchenmann geschrieben
wurde, dem der Bezug zu seinen Mitchristen/Mitchristinnen verloren gegangen
ist. Das kann dazu ermutigen, sorgfältig mit unseren Gemeinden umzugehen.
Je mehr wir Leben teilen und uns nicht aus dem normalen Alltag von Menschen
verabschieden, umso konkreter wird vermutlich auch unsere Sprache in Verkündigung
und Gottesdienst.
2 Tim wurde, unter anderem wegen der zahlreichen Details, mit denen der
Verfasser die Nähe zu Paulus herstellen möchte, lange nicht als
pseudepigraphischer Brief erkannt. Sogar das Lektionar nennt in der Einleitung
zur Lesung noch Paulus als Verfasser. Diese Angabe sollte im Gottesdienst
vermieden und das Thema «Pseudepigraphie» angesprochen werden.
Die Gemeinden haben ein Recht darauf, über historisch-kritische Erkenntnisse
zur Bibel nicht nur im «Blick» oder in «Facts» informiert
zu werden.
Literatur: Ulrike Wagener, Die Pastoralbriefe. Gezähmter Paulus domestizierte Frauen, in: L. Schottroff/M.-Th. Wacker (Hrsg.), Kompendium feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 661675.
Lesen Sie verschiedene Credo-Lieder in der Bibel, zum Beispiel Ex 15,121; 1 Sam 2,110; Lk 1,4655; 6879; Joh 1,118; Kol 1,1520, Eph 1,314.
Vergleichen Sie die biblischen Lieder mit den Credo-Liedern im Kirchengesangbuch, auch mit den «inoffiziellen», zum Beispiel KG 183, 582, 596 usw.
Gestalten Sie biblische Lieder mit Stimme, Tönen und Bewegung ohne Noten! Wichtig ist nicht, ob es schön klingt, sondern ob der Charakter des Liedes zum Ausdruck kommt.