6/2002

INHALT

Lesejahr A

Theologische Anthropologie

Detlef Hecking zu Röm 5,12-19 (oder 5,12.17-19)

 

Auf den Text zu

In Röm 5,12­19 geht es um Anthropologie. Es ist freilich keine naturwissenschaftliche, sondern eine theologische Anthropologie, die Paulus hier entfaltet. Sie kreist um die Frage, was das Menschsein im Innersten prägt. Auf der einen Seite, so Paulus, gibt es menschliche Verhaltensweisen, die zum Tod führen. «Sünde», «Übertretung» und «Verurteilung» sind die Stichworte, die er mit dieser Grundhaltung verbindet. Und er lädt sozusagen einen Kronzeugen vor für diese Art menschlichen Verhaltens: «Adam», was auch als Kollektivbegriff verstanden werden kann, weil es «Erdling» bedeutet, von der Erde (hebräisch: adamah) genommen. Durch «Adam», so Paulus in gut biblischer Manier, sind Sünde und Tod in die Welt gekommen.
Auf der anderen Seite steht ebenfalls ein Mensch: der «eine Mensch Jesus Christus» (5,15). Er hat im paulinischen Gedankengang die Funktion eines Entlastungszeugen. Sein Leben zeigt, dass es auch anders geht, dass menschliches Leben nicht von Natur aus dem Tode zusteuert. «Gnade», «Gerechtsprechung» und «Leben» sind die Stichworte, die für diese Art des Lebens stehen. Wie sich beide Lebensmöglichkeiten, «Adam» und Christus, zueinander verhalten, ist das Thema der Lesung.

Mit dem Text unterwegs

Die Herkunft der Adam-Christus-Typologie ist umstritten. Möglicherweise ist sie eine der kreativen Neuschöpfungen paulinischer Theologie. In 1 Kor 15,21f.45­49 entfaltet Paulus schon einige Jahre vor dem Römerbrief andere Aspekte dieser Typologie.
Im Rahmen der Typologie in Röm 5 entsprechen sich «Adam» und Christus in vielem. Die Taten beider Protagonisten haben entscheidende Konsequenzen für viele Menschen. «Adam» führt jedoch zum Tod, Christus dagegen zur Gnade Gottes (5,15). Und während bei «Adam» eine einzige Übertretung die Verurteilung vieler verursacht, führt die «Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus» zur «Gerechtsprechung» für viele (5,16), ja sogar dazu, dass die Begünstigten «leben und herrschen durch den einen, Jesus Christus» (5,17).
Beim flüchtigen Lesen (und Hören) dieser typologischen Gegenüberstellung besteht die Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten und «Adam» zum Inbegriff des Schlechten und Bösen zu stempeln. Demgegenüber ist festzuhalten: Auch wenn durch «Adam» «die Sünde in die Welt und durch die Sünde der Tod» gekommen ist (5,12), so bleibt er doch der von Gott geschaffene, gute Mensch. Paulus vermeidet jede Schwarz-Weiss-Malerei, er macht «Adam» nicht zur Negativfolie, auf der Christus dann um so heller strahlen kann. «Adam» und Christus stehen sich zwar gegenüber, aber nicht kämpferisch gegeneinander. Sie gehören zusammen als zwei Möglichkeiten menschlichen Lebens. Ob sich Menschen ­ mit den jeweiligen Konsequenzen für das praktische Leben ­ auf die Seite «Adams» schlagen oder zu Christus halten, steht ähnlich offen nebeneinander wie die Aufforderung in Dtn 30,19: «Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen!» Das adamhafte Leben gehört für Paulus zur menschlichen Natur, auch wenn es nicht wünschenswert ist und letztlich zum Tode führt. Deshalb ist «Adam» bei Paulus «Bild, Vorbild» für Christus (griechisch: ty´pos, 5,14), nicht etwa Gegenbild, obwohl Christus in der paulinischen Argumentation einen unvergleichlichen Mehrwert hat. Doch sogar Christus bleibt in der typologischen Gegenüberstellung rückbezogen auf den ersten Menschen, «Adam».
Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Marquardt formuliert diesen Gedanken so: «Wir brauchen Jesus Christus nicht als einen ganz unerhörten Sonderfall und Ausnahmefall menschlichen Lebens anzusehen (...) Gerade von Christus her zeigt sich ­ so liest Barth es bei Paulus ­, dass Christus schlechterdings menschlich ist, und zwar menschlich wie alle Menschen, also: adamitisch. Dies schliesst ein, dass wir Adam und jedem Menschen mit ihm, jedem Nichtjuden und jedem Juden, ein christusmässiges Leben zutrauen und darum auch zumuten können. Die Beziehung zwischen Adam und Christus hat in Röm 5,12­21 die doppelte Spitze: alles Exzeptionelle an Jesus Christus als etwas menschlich schlechterdings Normales anzusehen, ­ aber auch an Adam, an jedem Menschen (...) das wahrzunehmen und wachzuhalten, was auf Jesus Christus hinweist und vorausweist. Ein jeder Mensch hat das, kann das, ist das: Vorzeichen auf Christus hin, und eine Christusart des Menschseins.» (S. 217)

Über den Text hinaus

 

Literatur: Friedrich-Wilhelm Marquardt, Das christliche Bekenntnis zu Jesus, dem Juden. Eine Christologie. Bd. 1, Stuttgart 1990, S. 216­232.


Er-leben

Plädoyer für «Adam» (und Eva): Was können wir zu ihrer Verteidigung vorbringen?

Er-hellen

Austausch zum Thema: Gen 2­3 will nicht von den Taten der ersten Menschen berichten, sondern auf die Frage antworten, warum es Leid und Tod in der Welt gibt.

Er-lesen

Röm 5,12­21 und 1 Kor 15,21f.45­49 lesen und diskutieren. Neue Erkenntnisse zusammentragen. Aktualisieren: Was könnten die Schlüsselbegriffe ­ Sünde, Gnade, Tod, Gerechtigkeit, Auferstehung ­ heute bedeuten?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002