6/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
In Röm 5,1219 geht es um Anthropologie. Es ist freilich keine
naturwissenschaftliche, sondern eine theologische Anthropologie, die Paulus
hier entfaltet. Sie kreist um die Frage, was das Menschsein im Innersten
prägt. Auf der einen Seite, so Paulus, gibt es menschliche Verhaltensweisen,
die zum Tod führen. «Sünde», «Übertretung»
und «Verurteilung» sind die Stichworte, die er mit dieser Grundhaltung
verbindet. Und er lädt sozusagen einen Kronzeugen vor für diese
Art menschlichen Verhaltens: «Adam», was auch als Kollektivbegriff
verstanden werden kann, weil es «Erdling» bedeutet, von der
Erde (hebräisch: adamah) genommen. Durch «Adam», so Paulus
in gut biblischer Manier, sind Sünde und Tod in die Welt gekommen.
Auf der anderen Seite steht ebenfalls ein Mensch: der «eine Mensch
Jesus Christus» (5,15). Er hat im paulinischen Gedankengang die Funktion
eines Entlastungszeugen. Sein Leben zeigt, dass es auch anders geht, dass
menschliches Leben nicht von Natur aus dem Tode zusteuert. «Gnade»,
«Gerechtsprechung» und «Leben» sind die Stichworte,
die für diese Art des Lebens stehen. Wie sich beide Lebensmöglichkeiten,
«Adam» und Christus, zueinander verhalten, ist das Thema der
Lesung.
Die Herkunft der Adam-Christus-Typologie ist umstritten. Möglicherweise
ist sie eine der kreativen Neuschöpfungen paulinischer Theologie. In
1 Kor 15,21f.4549 entfaltet Paulus schon einige Jahre vor dem Römerbrief
andere Aspekte dieser Typologie.
Im Rahmen der Typologie in Röm 5 entsprechen sich «Adam»
und Christus in vielem. Die Taten beider Protagonisten haben entscheidende
Konsequenzen für viele Menschen. «Adam» führt jedoch
zum Tod, Christus dagegen zur Gnade Gottes (5,15). Und während bei
«Adam» eine einzige Übertretung die Verurteilung vieler
verursacht, führt die «Gnadentat des einen Menschen Jesus Christus»
zur «Gerechtsprechung» für viele (5,16), ja sogar dazu,
dass die Begünstigten «leben und herrschen durch den einen, Jesus
Christus» (5,17).
Beim flüchtigen Lesen (und Hören) dieser typologischen Gegenüberstellung
besteht die Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten und «Adam»
zum Inbegriff des Schlechten und Bösen zu stempeln. Demgegenüber
ist festzuhalten: Auch wenn durch «Adam» «die Sünde
in die Welt und durch die Sünde der Tod» gekommen ist (5,12),
so bleibt er doch der von Gott geschaffene, gute Mensch. Paulus vermeidet
jede Schwarz-Weiss-Malerei, er macht «Adam» nicht zur Negativfolie,
auf der Christus dann um so heller strahlen kann. «Adam» und
Christus stehen sich zwar gegenüber, aber nicht kämpferisch gegeneinander.
Sie gehören zusammen als zwei Möglichkeiten menschlichen Lebens.
Ob sich Menschen mit den jeweiligen Konsequenzen für das praktische
Leben auf die Seite «Adams» schlagen oder zu Christus
halten, steht ähnlich offen nebeneinander wie die Aufforderung in Dtn
30,19: «Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle
also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen!» Das adamhafte
Leben gehört für Paulus zur menschlichen Natur, auch wenn es nicht
wünschenswert ist und letztlich zum Tode führt. Deshalb ist «Adam»
bei Paulus «Bild, Vorbild» für Christus (griechisch: ty´pos,
5,14), nicht etwa Gegenbild, obwohl Christus in der paulinischen Argumentation
einen unvergleichlichen Mehrwert hat. Doch sogar Christus bleibt in der
typologischen Gegenüberstellung rückbezogen auf den ersten Menschen,
«Adam».
Der evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Marquardt formuliert diesen
Gedanken so: «Wir brauchen Jesus Christus nicht als einen ganz unerhörten
Sonderfall und Ausnahmefall menschlichen Lebens anzusehen (...) Gerade von
Christus her zeigt sich so liest Barth es bei Paulus , dass Christus
schlechterdings menschlich ist, und zwar menschlich wie alle Menschen, also:
adamitisch. Dies schliesst ein, dass wir Adam und jedem Menschen mit ihm,
jedem Nichtjuden und jedem Juden, ein christusmässiges Leben zutrauen
und darum auch zumuten können. Die Beziehung zwischen Adam und Christus
hat in Röm 5,1221 die doppelte Spitze: alles Exzeptionelle an
Jesus Christus als etwas menschlich schlechterdings Normales anzusehen,
aber auch an Adam, an jedem Menschen (...) das wahrzunehmen und wachzuhalten,
was auf Jesus Christus hinweist und vorausweist. Ein jeder Mensch hat das,
kann das, ist das: Vorzeichen auf Christus hin, und eine Christusart des
Menschseins.» (S. 217)
Literatur: Friedrich-Wilhelm Marquardt, Das christliche Bekenntnis zu Jesus, dem Juden. Eine Christologie. Bd. 1, Stuttgart 1990, S. 216232.
Plädoyer für «Adam» (und Eva): Was können wir zu ihrer Verteidigung vorbringen?
Austausch zum Thema: Gen 23 will nicht von den Taten der ersten Menschen berichten, sondern auf die Frage antworten, warum es Leid und Tod in der Welt gibt.
Röm 5,1221 und 1 Kor 15,21f.4549 lesen und diskutieren. Neue Erkenntnisse zusammentragen. Aktualisieren: Was könnten die Schlüsselbegriffe Sünde, Gnade, Tod, Gerechtigkeit, Auferstehung heute bedeuten?