4/2002

INHALT

Lesejahr A

Nicht viele Mächtige, nicht viele Vornehme

Sabine Bieberstein zu 1 Kor 1,26-31

 

Auf den Text zu

Was ist wichtig in unserer Gesellschaft? Wovon sind die Nachrichten voll? Welche Namen werden genannt und erinnert? Warum sind es gerade diese Namen? Wer hat bei uns Gewicht, und auf wessen Stimme hören wir? Von wem lassen wir uns faszinieren und warum? Wer kann sich durchsetzen, wer bestimmt, was geschieht? Worauf beruht diese Macht und dieser Einfluss? Und weiter: Wie ist es mit alledem in den Kirchen? Auf wessen Mitgliedschaft wird besonderer Wert gelegt? Und mit wessen Mitgliedschaft versucht man sich vielleicht sogar zu schmücken?
Fragen über Fragen. Sie sind inspiriert von den Ausführungen des Paulus über die christliche Gemeinde von Korinth. Wenn Paulus diese Gemeinde vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen lässt, dann kann er da nämlich nur wenige entdecken, die nach den gesellschaftlich herrschenden Massstäben als wichtig oder massgeblich oder respektabel gelten. Der Grossteil gehört vielmehr zu den Bevölkerungsgruppen, mit denen kein «Staat» zu machen ist. An ihrer Zugehörigkeit zur Gemeinde erläutert Paulus aber beispielhaft, was er im vorherigen Abschnitt anhand des Wortes vom Kreuz ausgeführt hatte (1,18­25): Dass Gott sich auf die Seite der Ohnmächtigen und Verachteten gestellt hat.

Mit dem Text unterwegs

In 1,26­31 macht Paulus diese bewegende Botschaft an der Zusammensetzung der korinthischen Gemeinde deutlich. In der Hafenstadt mit ihren sozialen Gegensätzen haben offensichtlich vor allem Leute aus den Unterschichten den Weg zur christlichen Gemeinde gefunden: Hafenarbeiter/Hafenarbeiterinnen, Sklaven/Sklavinnen, kleine Händler/Händlerinnen und Handwerker/Handwerkerinnen werden sie gewesen sein. Paulus nennt diese Gruppen jedoch nicht direkt, sondern benutzt Bezeichnungen, wie sie wohl auch im verächtlichen Urteil von Angehörigen höherer Schichten hätten verwendet werden können: das Törichte, das Schwache, das Niedrige, das Verachtete, das, was nichts ist (1,27­28).
Hingegen sind diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die nach den geltenden Regeln Ansehen geniessen, in der christlichen Gemeinde kaum vertreten: Es scheint nur wenige Weise, das heisst Gebildete, ebenso wenige Mächtige, das heisst Einflussreiche, und auch nur wenige Vornehme, das heisst aus angesehenen Familien Stammende gegeben zu haben.
Nun könnte sich die korinthische Gemeinde ­ wie zum Beispiel die Gemeinde des Jakobusbriefs (vgl. Jak 2,1­13) ­ dabei ertappen lassen, dass sie die Angesehenen und Mächtigen vermissen oder sich besonders um sie bemühen würde. Denn auch die christliche Gemeinde ist ja in die Gesellschaft von Korinth eingebunden. Wie nahe läge es da, sich um einen Abglanz der «grossen Gesellschaft» zu bemühen, die es in Korinth ja auch gab, und die zum Beispiel mit den grosszügigen Stiftungen für den Ausbau der Stadt durchaus Bewundernswertes tat. Aber die eben auch, wie überall, die Angelegenheiten der Stadt zu ihren Gunsten entschied.
Aber die Ausführungen des Paulus machen deutlich, dass es gerade nicht darum geht, der Gemeinde durch einen etwaigen Anschluss an die Mächtigen und Vornehmen mehr Gewicht zu geben. Sondern für ihn haben die soziologischen Gegebenheiten in der Gemeinde ihren tieferen Sinn in der Botschaft vom Kreuz. Hier hat Gott die Regeln und Massstäbe, nach denen die menschliche Gesellschaft funktioniert, ausser Kraft gesetzt: das Recht des Stärkeren, das Recht der Macht, das Siegenmüssen um jeden Preis. Und hier hat Gott gezeigt, dass es ihm um anderes geht, dass seine Weisheit eine andere ist. So wie schon viele Geschichten des Ersten Testaments davon erzählen, wie Gott sich immer wieder diejenigen aussucht, von denen nach menschlichem Ermessen nicht viel zu erwarten ist: unter den vielen Grossmächten des Alten Orient ausgerechnet das kleine und wankende Israel, unter den vielen potenten Söhnen Isais ausgerechnet den jungen David, und in Korinth nun ausgerechnet die Habenichtse.
Wenn Gott sich ausgerechnet auf die Seite der Schwachen und Verachteten stellt, bedeutet das zum einen, dass diesen Menschen eine grosse Würde zugesprochen wird und sie zu Söhnen und Töchtern Gottes werden. Gleichzeitig wird der Ruhm der Herrschenden als nichtig entlarvt, und ihre Macht wird in ihrer Bedeutung relativiert.
Durch diese Umwertung der Werte wird die christliche Gemeinde zu einem Ort, die nach anderen Regeln als den herrschenden funktioniert. Wenn alle das, was sie sind, allein ihrer Berufung durch Gott zu verdanken haben, dann haben Machtmittel wie Besitz, Abstammung, Geschlecht, Hautfarbe usw. ausgedient. Eine solche Gemeinde kann zu einer Gemeinschaft werden, die gerade zu den Schwachen Sorge trägt, damit diese nicht wieder unter die Räder kommen ­ und die so dem Anliegen Gottes Rechnung trägt.

Über den Text hinaus

Die Überlegungen des Paulus haben heute trotz der riesigen zeitlichen, örtlichen und sozialen Distanz nichts an ihrer Brisanz verloren. Unsere Gesellschaft funktioniert immer noch nach ähnlichen Regeln wie damals in Korinth, und heute wie damals befinden sich die Kirchen und Gemeinden in einer Spannung: einerseits «gesellschaftsfähig» zu sein und sich in der bestehenden Gesellschaft auch behaupten zu müssen ­ und andererseits doch zu den Frauen und Männern und Kindern Sorge zu tragen, die in den Augen dieser Gesellschaft eben «nichts» zählen, aus welchen Gründen auch immer.
Die Ausführungen des Paulus bleiben ein Stachel, der dazu anhält, sich nicht in bestehenden Ordnungen einzurichten, sondern Wertmassstäbe, mit denen Menschen taxiert und schubladisiert werden, zu überdenken und auf der Würde jedes einzelnen Menschen zu beharren. Für die Kirchen bleibt die Frage, wem sie sich zuerst verpflichtet fühlen, wer in den Kirchen das «wir» darstellt und wer zu «anderen» erklärt wird. Es sind gewiss keine bequemen Entscheidungen, die da zu treffen sind. Aber offenbar hatte schon Paulus mit dem Vorwurf der «Torheit» zu kämpfen.

 

Literatur: Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth. Wie Befreiung entsteht, in: Dies. / Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, 574­592.


Er-leben

Tageszeitungen und Illustrierte durchblättern unter der Fragestellung: Wer (und was) zählt in unserer Gesellschaft etwas und warum? Wer ist angesehen, wer hat Macht, und worauf beruht diese?

Er-lesen

1 Kor 1,26­31 lesen und herausarbeiten: Wer gehört zur Gemeinde von Korinth, wer nicht? Welches Bild gibt dies nach aussen, in der wirtschaftlich aufstrebenden und politisch bedeutsamen Stadt Korinth? Und was heisst die Zusage der Erwählung durch Gott für das Selbstbewusstsein jener «kleinen Leute» in der Gemeinde?

Er-leben

Können von dieser Umwertung der Werte Impulse für das Gemeindeleben bei uns ausgehen? Was würde dies für die konkrete Gemeinde/Pfarrei bedeuten? Collage mit möglichst konkreten Bildern, Statistiken und Informationen aus der eigenen Stadt gestalten.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002