4/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Was ist wichtig in unserer Gesellschaft? Wovon sind die Nachrichten voll?
Welche Namen werden genannt und erinnert? Warum sind es gerade diese Namen?
Wer hat bei uns Gewicht, und auf wessen Stimme hören wir? Von wem lassen
wir uns faszinieren und warum? Wer kann sich durchsetzen, wer bestimmt,
was geschieht? Worauf beruht diese Macht und dieser Einfluss? Und weiter:
Wie ist es mit alledem in den Kirchen? Auf wessen Mitgliedschaft wird besonderer
Wert gelegt? Und mit wessen Mitgliedschaft versucht man sich vielleicht
sogar zu schmücken?
Fragen über Fragen. Sie sind inspiriert von den Ausführungen des
Paulus über die christliche Gemeinde von Korinth. Wenn Paulus diese
Gemeinde vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen lässt, dann kann er
da nämlich nur wenige entdecken, die nach den gesellschaftlich herrschenden
Massstäben als wichtig oder massgeblich oder respektabel gelten. Der
Grossteil gehört vielmehr zu den Bevölkerungsgruppen, mit denen
kein «Staat» zu machen ist. An ihrer Zugehörigkeit zur
Gemeinde erläutert Paulus aber beispielhaft, was er im vorherigen Abschnitt
anhand des Wortes vom Kreuz ausgeführt hatte (1,1825): Dass Gott
sich auf die Seite der Ohnmächtigen und Verachteten gestellt hat.
In 1,2631 macht Paulus diese bewegende Botschaft an der Zusammensetzung
der korinthischen Gemeinde deutlich. In der Hafenstadt mit ihren sozialen
Gegensätzen haben offensichtlich vor allem Leute aus den Unterschichten
den Weg zur christlichen Gemeinde gefunden: Hafenarbeiter/Hafenarbeiterinnen,
Sklaven/Sklavinnen, kleine Händler/Händlerinnen und Handwerker/Handwerkerinnen
werden sie gewesen sein. Paulus nennt diese Gruppen jedoch nicht direkt,
sondern benutzt Bezeichnungen, wie sie wohl auch im verächtlichen Urteil
von Angehörigen höherer Schichten hätten verwendet werden
können: das Törichte, das Schwache, das Niedrige, das Verachtete,
das, was nichts ist (1,2728).
Hingegen sind diejenigen gesellschaftlichen Gruppen, die nach den geltenden
Regeln Ansehen geniessen, in der christlichen Gemeinde kaum vertreten: Es
scheint nur wenige Weise, das heisst Gebildete, ebenso wenige Mächtige,
das heisst Einflussreiche, und auch nur wenige Vornehme, das heisst aus
angesehenen Familien Stammende gegeben zu haben.
Nun könnte sich die korinthische Gemeinde wie zum Beispiel die
Gemeinde des Jakobusbriefs (vgl. Jak 2,113) dabei ertappen lassen,
dass sie die Angesehenen und Mächtigen vermissen oder sich besonders
um sie bemühen würde. Denn auch die christliche Gemeinde ist ja
in die Gesellschaft von Korinth eingebunden. Wie nahe läge es da, sich
um einen Abglanz der «grossen Gesellschaft» zu bemühen,
die es in Korinth ja auch gab, und die zum Beispiel mit den grosszügigen
Stiftungen für den Ausbau der Stadt durchaus Bewundernswertes tat.
Aber die eben auch, wie überall, die Angelegenheiten der Stadt zu ihren
Gunsten entschied.
Aber die Ausführungen des Paulus machen deutlich, dass es gerade nicht
darum geht, der Gemeinde durch einen etwaigen Anschluss an die Mächtigen
und Vornehmen mehr Gewicht zu geben. Sondern für ihn haben die soziologischen
Gegebenheiten in der Gemeinde ihren tieferen Sinn in der Botschaft vom Kreuz.
Hier hat Gott die Regeln und Massstäbe, nach denen die menschliche
Gesellschaft funktioniert, ausser Kraft gesetzt: das Recht des Stärkeren,
das Recht der Macht, das Siegenmüssen um jeden Preis. Und hier hat
Gott gezeigt, dass es ihm um anderes geht, dass seine Weisheit eine andere
ist. So wie schon viele Geschichten des Ersten Testaments davon erzählen,
wie Gott sich immer wieder diejenigen aussucht, von denen nach menschlichem
Ermessen nicht viel zu erwarten ist: unter den vielen Grossmächten
des Alten Orient ausgerechnet das kleine und wankende Israel, unter den
vielen potenten Söhnen Isais ausgerechnet den jungen David, und in
Korinth nun ausgerechnet die Habenichtse.
Wenn Gott sich ausgerechnet auf die Seite der Schwachen und Verachteten
stellt, bedeutet das zum einen, dass diesen Menschen eine grosse Würde
zugesprochen wird und sie zu Söhnen und Töchtern Gottes werden.
Gleichzeitig wird der Ruhm der Herrschenden als nichtig entlarvt, und ihre
Macht wird in ihrer Bedeutung relativiert.
Durch diese Umwertung der Werte wird die christliche Gemeinde zu einem Ort,
die nach anderen Regeln als den herrschenden funktioniert. Wenn alle das,
was sie sind, allein ihrer Berufung durch Gott zu verdanken haben, dann
haben Machtmittel wie Besitz, Abstammung, Geschlecht, Hautfarbe usw. ausgedient.
Eine solche Gemeinde kann zu einer Gemeinschaft werden, die gerade zu den
Schwachen Sorge trägt, damit diese nicht wieder unter die Räder
kommen und die so dem Anliegen Gottes Rechnung trägt.
Die Überlegungen des Paulus haben heute trotz der riesigen zeitlichen,
örtlichen und sozialen Distanz nichts an ihrer Brisanz verloren. Unsere
Gesellschaft funktioniert immer noch nach ähnlichen Regeln wie damals
in Korinth, und heute wie damals befinden sich die Kirchen und Gemeinden
in einer Spannung: einerseits «gesellschaftsfähig» zu sein
und sich in der bestehenden Gesellschaft auch behaupten zu müssen
und andererseits doch zu den Frauen und Männern und Kindern Sorge zu
tragen, die in den Augen dieser Gesellschaft eben «nichts» zählen,
aus welchen Gründen auch immer.
Die Ausführungen des Paulus bleiben ein Stachel, der dazu anhält,
sich nicht in bestehenden Ordnungen einzurichten, sondern Wertmassstäbe,
mit denen Menschen taxiert und schubladisiert werden, zu überdenken
und auf der Würde jedes einzelnen Menschen zu beharren. Für die
Kirchen bleibt die Frage, wem sie sich zuerst verpflichtet fühlen,
wer in den Kirchen das «wir» darstellt und wer zu «anderen»
erklärt wird. Es sind gewiss keine bequemen Entscheidungen, die da
zu treffen sind. Aber offenbar hatte schon Paulus mit dem Vorwurf der «Torheit»
zu kämpfen.
Literatur: Luise Schottroff, Der erste Brief an die Gemeinde in Korinth. Wie Befreiung entsteht, in: Dies. / Marie-Theres Wacker (Hrsg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 21999, 574592.
Tageszeitungen und Illustrierte durchblättern unter der Fragestellung: Wer (und was) zählt in unserer Gesellschaft etwas und warum? Wer ist angesehen, wer hat Macht, und worauf beruht diese?
1 Kor 1,2631 lesen und herausarbeiten: Wer gehört zur Gemeinde von Korinth, wer nicht? Welches Bild gibt dies nach aussen, in der wirtschaftlich aufstrebenden und politisch bedeutsamen Stadt Korinth? Und was heisst die Zusage der Erwählung durch Gott für das Selbstbewusstsein jener «kleinen Leute» in der Gemeinde?
Können von dieser Umwertung der Werte Impulse für das Gemeindeleben bei uns ausgehen? Was würde dies für die konkrete Gemeinde/Pfarrei bedeuten? Collage mit möglichst konkreten Bildern, Statistiken und Informationen aus der eigenen Stadt gestalten.