3/2002 | |
INHALT | |
Lesejahr A |
Welche Kirchgemeinde oder Pfarrei kennt das nicht: Verschiedene Gruppen
und Gruppierungen stehen sich in der Gemeinde reserviert und distanziert
bis ablehnend gegenüber. So manche Kirchgemeinde ist dadurch schon
in regelrechte Zerreissproben geraten oder gar in «feindliche Lager»
zerfallen.
Gründe für solche Spaltungen können die verschiedensten sein:
Konservative und eher Progressive wollen je für sich das Gesicht einer
Gemeinde prägen; ein Pfarrer oder eine Seelsorgerin sprechen einen
Teil der Gemeinde an und verärgern einen anderen Teil; Neuankömmlinge
(oder Andersdenkende) beanspruchen einen Platz in der Pfarrei und treffen
auf den Widerstand der Alteingesessenen (oder der bislang Bestimmenden).
Die Liste liesse sich mit Leichtigkeit verlängern.
Meist bleiben von solchen Zeiten der Spaltung Verletzungen zurück,
die noch Jahre danach schmerzen; manche bislang Aktiven der Gemeinde kehren
der Gemeinde oder der Kirche den Rücken zu; Neue werden abgeschreckt,
sich auf die betreffende Gemeinde einzulassen. Kirche hat ein Stück
Glaubwürdigkeit eingebüsst.
Auch in der christlichen Gemeinde von Korinth scheint es Spaltungen gegeben
zu haben. Paulus hat davon über «die Leute der Chloë»
erfahren (1,11). Weil Chloë ein verbreiteter Name für Sklavinnen
war, wurden diese Gemeindeangehörigen in den Kreisen von Sklaven/Sklavinnen
und abhängigen Lohnarbeitern/Lohnarbeiterinnen vermutet. Vielleicht
war Chloë eine Freigelassene, die nun verschiedenen Gemeindemitgliedern
Arbeit und Lohn gab oder auf eine andere Weise mit ihnen lebte und arbeitete
und geschäftliche oder andere Verbindungen nach Ephesus unterhielt,
wo sich Paulus aufhielt und von wo er seinen Brief nach Korinth schrieb.
Die kurze Notiz zeigt, wie vielfältig die Kommunikationswege zwischen
Paulus und den Gemeinden gewesen sein müssen.
Die Spaltungen sind ein Thema, das Paulus tief bewegt und seine Ausführungen
bis 4,21 und darüber hinaus prägt. Mit grossem Ernst beginnt er
seine Ermahnungen zur Einheit «im Namen Jesu Christi, unseres Herrn»,
wobei er die Ermahnten trotz alledem als Geschwister anspricht (1,10). Aus
1,12 lässt sich rekonstruieren, dass es (mindestens) vier Parteiungen
in der korinthischen Gemeinde gab, die sich auf je eine Autorität beriefen:
Eine Partei hielt Paulus die Treue, der die Gemeinde gegründet hatte
und seinen Anspruch auf die Leitung der Gemeinde auch aus der Ferne über
Briefe und Boten/Botinnen aufrechterhielt. Eine zweite Gruppe hing Apollos
an, jenem schriftgelehrten Diasporajuden aus Alexandria, der nach der Darstellung
in Apg 18,2428 eloquent und mitreissend in Korinth und anderen Orten
das Evangelium verkündete und viele Menschen begeistern konnte. Er
selbst liess sich allerdings nicht in die innergemeindlichen Auseinandersetzungen
hineinziehen und scheint auch mit Paulus in gutem Einvernehmen geblieben
zu sein (vgl. 16,12). Eine dritte Partei berief sich auf Petrus, den Paulus
hier mit seinem aramäischen Namen nennt. Ob Petrus selbst auf seinen
Reisen Korinth besucht hat, ist in der Forschung umstritten. Gewiss aber
gab es Gemeindeangehörige in Korinth, die mit ihm und seinem palästinisch-jerusalemisch
geprägten Christentum in Berührung gekommen waren und sich nun
in Korinth an diesem orientierten. Wer sich hinter der «Christus-Partei»
verbirgt, ist unklar. Es könnte sein, dass Paulus oder ein späterer
Abschreiber den Parteien-Streit polemisch überzeichnet und mit der
Erwähnung einer Christus-Partei ad absurdum führt. Wahrscheinlicher
ist, dass es in Korinth Frauen und Männer gab, die sich aus dem Parteien-Streit
heraushalten wollten und sich allein auf Christus oder die Gemeinde als
Leib Christi beriefen. Sobald dies allerdings polemisch gegen die anderen
verwendet wird, wird diese Position lediglich zu einer weiteren Partei.
Paulus distanziert sich von den Spaltungen zunächst durch den Hinweis
auf den einen Christus (1,13). Im Hintergrund steht das Bild der Gemeinde
als Leib Christi (vgl. 11,16f.; 12,127), der durch die Praktiken der
Gruppierungen nun in Gefahr gerät, zerrissen zu werden. Ein zweites
Argument wiederum verpackt in eine rhetorische Frage ruft den
gekreuzigten Christus in Erinnerung, in dem allein das Heil liegt und der
nicht einfach durch eine andere Glaubensautorität «ersetzt»
werden kann. In einem dritten Schritt rekurriert Paulus schliesslich auf
die Taufe, die auf den Namen Jesu Christi und damit auf dessen Tod
und Auferstehung erfolgte, und nicht auf den Namen des Taufenden.
Offenbar gab es Menschen, die die in der Taufe entstandene Beziehung zwischen
Täufer/Täuferin und Täufling mit dem neu geschenkten Leben
in Christus (vgl. Röm 6,111) verwechselten. Unter dieser Perspektive
ist Paulus froh, dass er ausser wenigen wenn auch massgeblichen
Leuten niemanden getauft hat, so dass sich nun auch niemand auf eine Taufe
durch seine Hand berufen kann. Dagegen sah und sieht er seine ureigene Aufgabe
darin, das Evangelium zu verkünden (1,1417).
In den vielen die Kirche(n) wie Gräben durchziehenden Konflikten
könnte es heilsam sein, sich auf das zu besinnen, was allen Christinnen
und Christen gemeinsam ist: das Bekenntnis zu Jesus Christus, die Erinnerung
an sein heilendes und befreiendes Reden und Handeln, die Taufe auf seinen
Namen, den gemeinsamen Auftrag in dieser Welt. In all dem Trennenden tut
manchmal die Besinnung auf den gemeinsamen Grund und das gemeinsame Anliegen
Not; sie kann eine fruchtbare Distanz zu manchen im Grunde peripheren Streitfragen
schaffen.
Doch hinterlassen solche Aufrufe zur Einheit auch gemischte Gefühle.
Denn mit Einheitsmahnungen können Andersdenkende auch mundtot gemacht
werden. Deshalb kann es gerade in den Kirchen nicht darum gehen, jede Auseinandersetzung
um strittige Fragen zu vermeiden oder zu unterbinden. Dagegen gilt es, eine
angstfreie und kreative Streitkultur einzuüben. Dann muss nicht bei
jeder «abweichenden» Meinung gleich das Schreckgespenst einer
Spaltung beschworen werden, und Minderheiten müssen mit ihren Argumenten
und Veränderungswünschen nicht pauschal der Polarisierung bezichtigt
werden.
Wer sich mündig auseinandersetzen kann, muss sich auch nicht blindlings
an Autoritäten klammern, so wie es in Korinth offenbar geschehen ist.
Gegenüber jeder Autoritätsgläubigkeit ist mit Paulus an das
Evangelium, das befreiende Handeln Jesu als «kritisches Korrektiv»
und Grund des Glaubens zu erinnern. Auf einer solchen Basis ist ein gemeinsames
Arbeiten an einem gemeinsamen Anliegen, wenn auch auf unterschiedlichen
Wegen, möglich.
Literatur: Hermann-Josef Venetz/Sabine Bieberstein, Im Bannkreis des Paulus. Hannah und Rufus berichten über seine Gemeinden, Würzburg 1995, 7187.
1 Kor 1,1012 lesen und die Situation in Korinth rekonstruieren.
Was setzt Paulus nach 1,13(17) dagegen? Sehen Sie Grenzen in seiner Argumentation? Gefahren von Ermahnungen zur Einheit?
Einen in der Gemeinde schwelenden Konflikt (oder den Parteienstreit von Korinth) in einem gespielten Streitgespräch aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten versuchen (wenn Teilnehmende in den Konflikt involviert sind, sollen sie versuchen, möglichst die «andere» Position einzunehmen). Abschliessend überlegen: Was trennt die Positionen wirklich? Gibt es Gemeinsamkeiten, die eine Basis für ein konstruktives Miteinander bilden könnten?