3/2002

INHALT

Lesejahr A

Mündige Einheit und kreative Streitkultur

Sabine Bieberstein zu 1 Kor 1,10-13

 

Auf den Text zu

Welche Kirchgemeinde oder Pfarrei kennt das nicht: Verschiedene Gruppen und Gruppierungen stehen sich in der Gemeinde reserviert und distanziert bis ablehnend gegenüber. So manche Kirchgemeinde ist dadurch schon in regelrechte Zerreissproben geraten oder gar in «feindliche Lager» zerfallen.
Gründe für solche Spaltungen können die verschiedensten sein: Konservative und eher Progressive wollen je für sich das Gesicht einer Gemeinde prägen; ein Pfarrer oder eine Seelsorgerin sprechen einen Teil der Gemeinde an und verärgern einen anderen Teil; Neuankömmlinge (oder Andersdenkende) beanspruchen einen Platz in der Pfarrei und treffen auf den Widerstand der Alteingesessenen (oder der bislang Bestimmenden). Die Liste liesse sich mit Leichtigkeit verlängern.
Meist bleiben von solchen Zeiten der Spaltung Verletzungen zurück, die noch Jahre danach schmerzen; manche bislang Aktiven der Gemeinde kehren der Gemeinde oder der Kirche den Rücken zu; Neue werden abgeschreckt, sich auf die betreffende Gemeinde einzulassen. Kirche hat ein Stück Glaubwürdigkeit eingebüsst.

Mit dem Text unterwegs

Auch in der christlichen Gemeinde von Korinth scheint es Spaltungen gegeben zu haben. Paulus hat davon über «die Leute der Chloë» erfahren (1,11). Weil Chloë ein verbreiteter Name für Sklavinnen war, wurden diese Gemeindeangehörigen in den Kreisen von Sklaven/Sklavinnen und abhängigen Lohnarbeitern/Lohnarbeiterinnen vermutet. Vielleicht war Chloë eine Freigelassene, die nun verschiedenen Gemeindemitgliedern Arbeit und Lohn gab oder auf eine andere Weise mit ihnen lebte und arbeitete und geschäftliche oder andere Verbindungen nach Ephesus unterhielt, wo sich Paulus aufhielt und von wo er seinen Brief nach Korinth schrieb. Die kurze Notiz zeigt, wie vielfältig die Kommunikationswege zwischen Paulus und den Gemeinden gewesen sein müssen.
Die Spaltungen sind ein Thema, das Paulus tief bewegt und seine Ausführungen bis 4,21 und darüber hinaus prägt. Mit grossem Ernst beginnt er seine Ermahnungen zur Einheit «im Namen Jesu Christi, unseres Herrn», wobei er die Ermahnten trotz alledem als Geschwister anspricht (1,10). Aus 1,12 lässt sich rekonstruieren, dass es (mindestens) vier Parteiungen in der korinthischen Gemeinde gab, die sich auf je eine Autorität beriefen: Eine Partei hielt Paulus die Treue, der die Gemeinde gegründet hatte und seinen Anspruch auf die Leitung der Gemeinde auch aus der Ferne über Briefe und Boten/Botinnen aufrechterhielt. Eine zweite Gruppe hing Apollos an, jenem schriftgelehrten Diasporajuden aus Alexandria, der nach der Darstellung in Apg 18,24­28 eloquent und mitreissend in Korinth und anderen Orten das Evangelium verkündete und viele Menschen begeistern konnte. Er selbst liess sich allerdings nicht in die innergemeindlichen Auseinandersetzungen hineinziehen und scheint auch mit Paulus in gutem Einvernehmen geblieben zu sein (vgl. 16,12). Eine dritte Partei berief sich auf Petrus, den Paulus hier mit seinem aramäischen Namen nennt. Ob Petrus selbst auf seinen Reisen Korinth besucht hat, ist in der Forschung umstritten. Gewiss aber gab es Gemeindeangehörige in Korinth, die mit ihm und seinem palästinisch-jerusalemisch geprägten Christentum in Berührung gekommen waren und sich nun in Korinth an diesem orientierten. Wer sich hinter der «Christus-Partei» verbirgt, ist unklar. Es könnte sein, dass Paulus oder ein späterer Abschreiber den Parteien-Streit polemisch überzeichnet und mit der Erwähnung einer Christus-Partei ad absurdum führt. Wahrscheinlicher ist, dass es in Korinth Frauen und Männer gab, die sich aus dem Parteien-Streit heraushalten wollten und sich allein auf Christus oder die Gemeinde als Leib Christi beriefen. Sobald dies allerdings polemisch gegen die anderen verwendet wird, wird diese Position lediglich zu einer weiteren Partei.
Paulus distanziert sich von den Spaltungen zunächst durch den Hinweis auf den einen Christus (1,13). Im Hintergrund steht das Bild der Gemeinde als Leib Christi (vgl. 11,16f.; 12,12­7), der durch die Praktiken der Gruppierungen nun in Gefahr gerät, zerrissen zu werden. Ein zweites Argument ­ wiederum verpackt in eine rhetorische Frage ­ ruft den gekreuzigten Christus in Erinnerung, in dem allein das Heil liegt und der nicht einfach durch eine andere Glaubensautorität «ersetzt» werden kann. In einem dritten Schritt rekurriert Paulus schliesslich auf die Taufe, die auf den Namen Jesu Christi ­ und damit auf dessen Tod und Auferstehung ­ erfolgte, und nicht auf den Namen des Taufenden. Offenbar gab es Menschen, die die in der Taufe entstandene Beziehung zwischen Täufer/Täuferin und Täufling mit dem neu geschenkten Leben in Christus (vgl. Röm 6,1­11) verwechselten. Unter dieser Perspektive ist Paulus froh, dass er ausser wenigen ­ wenn auch massgeblichen ­ Leuten niemanden getauft hat, so dass sich nun auch niemand auf eine Taufe durch seine Hand berufen kann. Dagegen sah und sieht er seine ureigene Aufgabe darin, das Evangelium zu verkünden (1,14­17).

Über den Text hinaus

In den vielen die Kirche(n) wie Gräben durchziehenden Konflikten könnte es heilsam sein, sich auf das zu besinnen, was allen Christinnen und Christen gemeinsam ist: das Bekenntnis zu Jesus Christus, die Erinnerung an sein heilendes und befreiendes Reden und Handeln, die Taufe auf seinen Namen, den gemeinsamen Auftrag in dieser Welt. In all dem Trennenden tut manchmal die Besinnung auf den gemeinsamen Grund und das gemeinsame Anliegen Not; sie kann eine fruchtbare Distanz zu manchen im Grunde peripheren Streitfragen schaffen.
Doch hinterlassen solche Aufrufe zur Einheit auch gemischte Gefühle. Denn mit Einheitsmahnungen können Andersdenkende auch mundtot gemacht werden. Deshalb kann es gerade in den Kirchen nicht darum gehen, jede Auseinandersetzung um strittige Fragen zu vermeiden oder zu unterbinden. Dagegen gilt es, eine angstfreie und kreative Streitkultur einzuüben. Dann muss nicht bei jeder «abweichenden» Meinung gleich das Schreckgespenst einer Spaltung beschworen werden, und Minderheiten müssen mit ihren Argumenten und Veränderungswünschen nicht pauschal der Polarisierung bezichtigt werden.
Wer sich mündig auseinandersetzen kann, muss sich auch nicht blindlings an Autoritäten klammern, so wie es in Korinth offenbar geschehen ist. Gegenüber jeder Autoritätsgläubigkeit ist mit Paulus an das Evangelium, das befreiende Handeln Jesu als «kritisches Korrektiv» und Grund des Glaubens zu erinnern. Auf einer solchen Basis ist ein gemeinsames Arbeiten an einem gemeinsamen Anliegen, wenn auch auf unterschiedlichen Wegen, möglich.

 

Literatur: Hermann-Josef Venetz/Sabine Bieberstein, Im Bannkreis des Paulus. Hannah und Rufus berichten über seine Gemeinden, Würzburg 1995, 71­87.


Er-lesen

1 Kor 1,10­12 lesen und die Situation in Korinth rekonstruieren.

Er-hellen

Was setzt Paulus nach 1,13(­17) dagegen? Sehen Sie Grenzen in seiner Argumentation? Gefahren von Ermahnungen zur Einheit?

Er-leben

Einen in der Gemeinde schwelenden Konflikt (oder den Parteienstreit von Korinth) in einem gespielten Streitgespräch aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten versuchen (wenn Teilnehmende in den Konflikt involviert sind, sollen sie versuchen, möglichst die «andere» Position einzunehmen). Abschliessend überlegen: Was trennt die Positionen wirklich? Gibt es Gemeinsamkeiten, die eine Basis für ein konstruktives Miteinander bilden könnten?


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002