1-2/2002 | |
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Lesejahr A |
Zur Zeit des Paulus war Korinth eine Grossstadt mit allen Vor- und Nachteilen.
Einerseits boomte die Wirtschaft. Nachdem das alte Korinth 146 v. Chr. von
den römischen Truppen zerstört worden und dann ein Jahrhundert
fast unbewohnt gewesen war, war es 44 v. Chr. als römische Kolonie
neu gegründet worden. Von Augustus zur Hauptstadt der Provinz Achaia
gemacht, wurde Korinth seitdem mit grossen finanziellen Mitteln ausgebaut
und entwickelte sich bald zu einer der bedeutendsten Städte Griechenlands.
Zugute kam der Stadt dabei ihre Lage am Isthmos, durch die sie zu einem
wichtigen Warenumschlagplatz mit entsprechenden Einkünften wurde. Daneben
blühte auch das ansässige Handwerk, das Keramik, Metallwaren,
Teppiche und anderes für den einheimischen Markt wie für den Export
produzierte.
Andererseits verraten die Quellen, dass längst nicht alle Menschen
an den Segnungen des wirtschaftlichen Aufschwungs teilhatten. So wird über
extreme soziale Unterschiede zwischen Wohlhabenden und Bettelarmen in der
Stadt berichtet, was zu entsprechenden Spannungen führte.
Über die beiden Häfen Kenchreai und Lechaion kamen zudem die verschiedensten
Menschen in die Stadt, reisten durch oder blieben hängen. Sie brachten
nicht nur ihre Waren, sondern auch ihre Bräuche und Kulte mit, so dass
die Stadt zu einem regelrechten Schmelztiegel der Kulturen wurde.
So vielfältig und spannungsreich wie die Stadt war auch die christliche
Gemeinde, die in Korinth entstanden war. Dass hier Konflikte nicht ausblieben,
ist nicht verwunderlich. Die Korintherbriefe des Paulus geben beredtes Zeugnis
von den vielen strittigen Fragen, die in der Gemeinde diskutiert wurden,
aber auch von den Konflikten, die der Apostel selbst mit diesen Frauen und
Männern auszufechten hatte. Diese Konfliktgeschichte hatte ihn auf
einzigartige Weise mit der Gemeinde verbunden; sie ist aber andererseits
schon dem allerersten Anfang des Briefes anzumerken.
Ähnlich wie zu Beginn seines Briefes an die Gemeinden in Galatien,
mit denen Paulus leidenschaftlich um «sein» Evangelium streitet,
tritt Paulus auch in 1 Kor 1,1 mit grosser Autorität auf. Heftig betont
er seinen Aposteltitel, um den er Zeit seines Lebens kämpft und der
ihm offenbar gerade in Korinth abgesprochen wurde (vgl. 1 Kor 9). Sein Apostelsein
führt er auf die Berufung durch den Auferstandenen (vgl. 1 Kor 15,8)
und die Erwählung durch Gott (vgl. Gal 1,1) zurück, was ihm eine
besondere Stellung verleiht. Es ist also zu erwarten, dass er schwierige
Themen ansprechen wird, für die er sich mit seinem ganzen Gewicht in
die Waagschale werfen muss, damit die Christinnen und Christen in Korinth
ihm Gehör schenken.
Dennoch tritt Paulus nicht als «einsame» Autorität auf.
Wie in anderen Briefen (2 Kor, Gal, Phil, 1 Thess, Phlm) nennt Paulus einen
Mitabsender. Hier ist es der «Bruder» (d.h. Mitchrist) Sosthenes,
der ansonsten in der paulinischen Korrespondenz nicht genannt wird. Wohl
aber begegnet in Apg 18,17 ein Synagogenvorsteher gleichen Namens, der vielleicht
mit jenem identisch ist. Sicher nennt ihn Paulus, weil er in Korinth Ansehen
geniesst und mit seinem Namen das Anliegen des Paulus unterstützen
kann.
Trotz aller Schwierigkeiten und Konflikte in und mit der Gemeinde, die Paulus
beim Schreiben ja vor Augen haben musste, benennt und behandelt er dieselbe
Gemeinde in seiner Anrede auf berührende Weise mit Respekt und Würde.
Er nennt sie «Geheiligte» und «Heilige» (1,2), was
auf ihre Taufe und die dort erfolgte Geistverleihung Bezug nimmt (vgl. 6,11),
und er anerkennt ausdrücklich ihre Berufung, die sie mit ihm wie mit
allen Menschen verbindet, die sich zu Jesus Christus bekennen.
Diese Frauen und Männer bilden die «Gemeinde Gottes in Korinth».
Auch in dieser Bezeichnung steckt eine Würdigung. Es ist die Gemeinde
Gottes und nicht die des Paulus oder des Petrus oder einer anderen
Autorität. Sie stellt zudem die christliche Gemeinde in die Tradition
der ersttestamentlichen Versammlungen des Volkes Israels zum Gottesdienst
oder auch zum Gericht. Und schliesslich zeigt diese Bezeichnung, dass sich
für Paulus Kirche und Gemeinde immer an einem konkreten Ort realisiert.
Von einer weltumfassenden Gesamtkirche ist noch keine Rede. Dennoch gibt
es natürlich Verbindendes mit anderen Gemeinden, wie zum Beispiel das
oben erwähnte Bekenntnis zu Jesus Christus.
Paulus schliesst sein Praeskript wie auch sonst mit einem Gruss.
Er ersetzt das griechische chairein (formelhaft für «Gruss!»)
durch das theologischere charis (Gnade) und fügt in jüdischer
Tradition den Friedensgruss (schalom) hinzu.
Obgleich sich natürlich seit den Zeiten des Paulus vieles in den
Kirchen verändert hat, spricht doch die Art und Weise, wie Paulus mit
dieser Gemeinde umgeht, auch in heutigen Kirchenzeiten unmittelbar an. Da
ist zunächst der Respekt, den Paulus dieser Gemeinde trotz aller Schwierigkeiten,
mit denen sie zu kämpfen hat, entgegenbringt. Er ist ja bei weitem
nicht mit allem einverstanden, was in der Gemeinde vor sich geht. Dennoch
lässt er sich nicht dazu hinreissen, diesen Menschen ihr Christsein
oder ihren Glauben abzusprechen, sondern er sieht sie als das, was sie in
und trotz aller Schwierigkeiten sind: von Gott Berufene, in Christus Geheiligte.
Das ergibt von allem Anfang an einen respektvollen Blick auf die Gemeinde,
der auch dann erhalten bleibt, wenn um Sachfragen gestritten wird.
Es ist gewiss nicht immer einfach, diesen Respekt zu wahren, wenn unterschiedliche
Glaubensauffassungen und verschiedene Weisen, den Glauben zu praktizieren,
aufeinander treffen. Je grösser eine Kirchenorganisation wird, desto
grösser ist wahrscheinlich die Versuchung, eine einzige Sichtweise
«des» Christseins durchsetzen zu wollen und «abweichende»
Praktiken abzuwerten. Die Korintherkorrespondenz des Paulus lehrt demgegenüber,
konkrete Gemeinden als Gemeinschaft von Gläubigen ernst zu nehmen,
die Ortsgemeinden als spezifische Ausprägung von Kirche wahrzunehmen
und sie als Ort theologischer Erkenntnis zu würdigen. Es ist diese
Haltung gegenseitiger Achtung, die im Konfliktfall zu produktiven Lösungen
führen kann. Denn auch ausgewiesene Autoritäten des Glaubens können
sich in Lernprozesse verwickeln lassen, inspiriert von der alltäglichen
Glaubenspraxis und ernsthaften Suche der Christinnen und Christen in den
Gemeinden. Sabine Bieberstein
Literatur: Hans-Josef Klauck, 1. Korintherbrief, (Die Neue Echter, Bibel Neues Testament, Bd. 7), Würzburg 21987.
1 Kor 1,13 lesen und herausarbeiten: Wie spricht Paulus über sich selbst? Wie spricht er über die korinthische Gemeinde?
Den gesamten Brief durchblättern und die Schwierigkeiten und Konflikte rekonstruieren, mit denen die Gemeinde zu kämpfen hatte. Wie klingt das Praeskript vor diesem Hintergrund?
Wenn Paulus Ihrer eigenen Pfarrei einen Brief schreiben würde: Welche Schwierigkeiten würde er ansprechen? Welche positiven Seiten gäbe es zu loben? Welche Titel liessen sich deshalb für die Pfarrei finden? Welcher Segensgruss wäre angebracht?