50/2002 | |
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Leitartikel |
Lieben Sie Italien? Klingen italienische Städtenamen wie Musik in
Ihren Ohren? Rom, Bologna, Pisa. Rom die ewige Stadt, Kultort klassischer
Kultur, Wallfahrtstätte von Bildungshungrigen und Wahrheitsdurstigen
aus aller Welt. Eine Weltstadt, welche sich nicht nur mit wunderbaren Kulturdenkmälern,
sondern auch mit bisweilen sonderbaren Heiligsprechungen verbindet. Bologna
die Stadt, in der vor über 800 Jahren die Wiege der europäischen
Universitäten stand. Zugleich der Ort, welcher für eine europaweite
Umkrempelung des Hochschulwesens im Zeichen der Bologna-Erklärung steht.
Pisa dessen sprichwörtlicher «schiefer Turm» mindestens
symbolisch auf die schiefe Bahn hinweisen kann, auf der sich das europäische
Bildungssystem befindet. Dafür bürgt die berühmt-berüchtigte
PISA-Studie, die mit der Stadt Pisa, wenn auch nur phonetisch, zu tun hat.
Das «Programme for International Student Assessment» (PISA)
hat sie jedenfalls in erschreckender Deutlichkeit zutage gefördert:
die Misere mit der Bildung. Bei der gross angelegten Erhebung der Kenntnisse
von Schülerinnen und Schülern der OECD-Länder in wichtigen
Schulfächern kommt die Schweiz nicht eben besonders gut weg. Ein schwacher
Trost: Deutschland und Österreich sind noch schlechter dran.
Mit der Bologna-Erklärung, der daran anschliessenden Einführung
von Bachelor- und Masterstudiengängen und mit der PISA-Studie steht
das Thema Bildung ganz oben auf der Traktandenliste. Bildung das ist
ein ebenso bedeutungsschwerer, belasteter wie beflügelnder Begriff.
Darin bündeln sich ein Anspruch und ein Versprechen. Damit gehen auf
Freiheitsentfaltung gerichtete Hoffnungen und von Nivellierungsängsten
geplagte Befürchtungen einher. Der Begriff «Bildung» markiert
eine Kampfzone. Er steht als Kennzeichen für Kulturkämpfe, in
denen es um Kanon und Konsens, um Qualifikation und Kompetenz geht. Um den
Gehalt sowie die Gestalt dessen, was mit Bildung gemeint und angezielt ist,
wird derzeit heftigst gestritten in Bildungsdepartementen, Campus-
und Schampusrunden.
In der derzeitigen Debatte um die Bildung steht zur Diskussion, was für
die Informations-, Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft unverzichtbar
ist. Welche Bildung ist vonnöten, um den gesellschaftlichen Herausforderungen
der Gegenwart und Zukunft gerecht zu werden? Wer kann solche Bildung am
besten bereitstellen? Was für Institutionen und Strukturen sind notwendig,
um die erforderlichen Bildungsprozesse in Gang zu setzen und zu halten?
In der Debatte um die Bildung ballen sich zugleich die Fragen nach der Bedeutung
zukunftsträchtigen Wissens wie die nach der Ausrichtung und dem Ziel
der «Universität von morgen».<1>
Was ist Bildung: ein genuin öffentliches Gut oder eine privatisierbare
Dienstleistung? Was ist die Universität: eine akademische Institution
zur Persönlichkeitsbildung oder eine Produktionsstätte für
nachfragebegünstigte Produkte im liberalisierten Bildungsmarkt? Sollen
die Schweizer Hochschulen ein Bollwerk freier Eidgenossinnen und Eidgenossen
sein, welche sich fremde Bildungsvögte verbieten, oder etwa ein Europa
kompatibles Bologna-Business?
Rom, Bologna, Pisa. Diese drei Städte im Blick, erlaube ich mir, ein
paar Gedanken dazu zusammenzutragen, was die Theologie für die Bildung
tut.
Auch wenn die Theologie nicht zu den überlaufenen «top ranking»
Fächern zählt und ihr bisweilen schon mal vorsorglich das universitäre
Totenglöckli geläutet wird, so behaupte ich dennoch: Für
die Bildung im Allgemeinen und für die universitäre Bildung im
Besonderen hat die wissenschaftliche Gottesrede einiges zu bieten. Das möchte
ich Ihnen kurz in neun Thesen darlegen.<2>
Erstens: Theologie bereichert die Bildung in inhaltlicher Hinsicht. Sie
erweitert das Wissen, indem sie die Quellen, Zeugnisse und Personen religiöser
Traditionen erschliesst, indem sie diese interpretiert und im Blick auf
ihre gegenwärtige Bedeutung aktualisiert. Sie bringt religiöse
Themen und Fragestellungen in Bildungsprozesse ein, zeigt deren religiöse
Dimensionen auf und erweitert deren Horizont. Auf den Punkt gebracht: In
welchem anderen Fach begegnen Ihnen Hammurabi und Habermas, Rachel, Regula
und Ratzinger?
Zweitens: Theologie macht kognitiv kompetent in Sachen Religion. Sie will
in religiösen Dingen auch kommunikativ kompetent machen. Dazu gehört
die Einsicht in die Zweideutigkeit von Religion, die neben lebensfördernden
auch zerstörerische Züge zeigt. Es gilt darum, deutlich zu machen,
dass Religion versklaven und befreien, verblenden und Wirklichkeit erschliessen,
zur Abschottung und Selbstvergötzung führen und den Sinn für
Gerechtigkeit und Solidarität stärken kann. Die wissenschaftliche
Gottesrede vermittelt zudem Kompetenz im Hinblick auf die Vielfalt der Formen
und Funktionen religiöser Sprache und Praxis. Sie fördert deren
Verständnis und leitet zu einem kompetenten Umgang damit an. Wer biblische
Wundergeschichten und Waschmittelwerbung zu unterscheiden gelernt hat, wer
Weisheitssprüche klopfen und predigen kann, kann einen Kompetenzgewinn
verbuchen.
Drittens: Theologie schärft den Sinn für die Grund- und Grenzfragen
des menschlichen Lebens und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie hilft
mit, dass wir die Abgründe und Anfälligkeiten unseres Daseins
wahrnehmen. Sie macht auf die Begrenztheiten der eigenen Existenz aufmerksam,
und sie trägt bei zur Aufmerksamkeit und Wachheit für die «letzten
Fragen», welche wir nicht «Dignitas», «Exit»
und anderen Menschenentsorgungseinrichtungen überlassen sollten.
Viertens: Theologie stimuliert das Bewusstsein für die Geschichtlichkeit
und Situiertheit unseres Lebens. Sie macht empfänglich dafür,
dass unser Denken, Handeln und Sein an bestimmte Orte und Kontexte gebunden
ist. Und sie denkt diese Orte zugleich im Horizont der alle konkreten Kontexte
übergreifenden Universalität Gottes.
Fünftens: Theologie stärkt die Wahrnehmung von Zugehörigkeit
zu religiösen und sozialen Gemeinschaften. Sie denkt über die
Bedeutung von Bindungen nach, und sie zielt zudem darauf, solche Bindungen
in Richtung auf Kommunikation und Verständigung mit anderen offen zu
halten und zu überschreiten. Wissenschaftliche Gottesrede analysiert
und reflektiert, kritisiert und stimuliert die Kommunikation der Angehörigen
religiöser Gemeinschaften untereinander. Als öffentliche Theologie
hat sie die Verständigung mit anderen Religionsgemeinschaften und gesellschaftlichen
Gruppen im Blick; ihr ist daran gelegen, die Fähigkeit und den Willen
zur Verständigung zu fördern.
Sechstens: Theologie vermittelt Sinn für die Verbindung von Kopf, Herz
und Hand, von Theorie und Praxis. Sie unterstreicht, dass Theorie und Reflexion
eine praktische Spitze haben. Sie begreift sich als praktisch angelegtes
und ausgerichtetes Nachdenken über den Glauben. Sie wurzelt in der
Glaubenspraxis und zielt auf diese hin. Insofern wissenschaftliche Gottesrede
von Praxis ausgeht und auf solche aus ist, verlangt und fördert sie
eine handlungsbezogene Bildung. Diese schliesst die Fähigkeit und Bereitschaft
zu sach-, situations- und menschengerechtem Handeln ein.
Siebtens: Theologie denkt und handelt über abgezirkelte Fachgrenzen
hinaus. Sie arbeitete, schon bevor dieses Mode wurde, interdisziplinär.
Sie verbindet ja den biblisch-historischen Blick in die Geschichte, das
systematische Nachdenken und praktische Ausrichtung. Sie macht von den Methoden
archäologischer Buddelei ebenso Gebrauch wie von feinsinniger Philologie
und handfester Philosophie. Insofern bietet sie ein wunderbares Beispiel
vernetzten Denkens und Handelns und sie leitet zugleich dazu an.
Achtens: Theologie pflanzt der Bildung einen doppelten Stachel ein, den
Stachel der Bindung und der Kritik. Denn zum einen beruht sie auf Tradition,
zum anderen zielt sie auf Transformation. Die wissenschaftliche Gottesrede
schärft den Sinn für gefährliche Erinnerung und gefährdetes
Gedächtnis. Damit verbindet sich die Option für die Kritik und
Veränderung aller Verhältnisse, welche die Würde und die
Rechte von Menschen mit Füssen treten. Eben diese Option für das
konkrete Subjekt und die Gemeinschaft aller Menschen trifft sie im Angesicht
der erinnerten und verheissenen Geschichte Gottes mit den Menschen.
Neuntens: Theologie steht für eine wirklich umfassende Ausrichtung
universitärer Bildung ein. Sie verkörpert eine Bildung, welche
sich den elementaren Überlebens-, Lebens- und Sinnfragen der Menschen
stellt. Dabei bewahrt und schärft sie den Sinn für Gemeinschaft,
Solidarität und Gerechtigkeit. Theologie steht für eine Bildung
ein, die auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen
ausgerichtet ist, dabei die Vergangenheit einbezieht und auf Zukunft hin
weiterdenkt. Sie ist eine Anwältin der Universalität der Universität.
Sie bringt darin ein Denken zur Geltung, das die gegenwärtigen Generationen
nach rückwärts und nach vorwärts überschreitet. Sie
tut dies, indem sie universale Solidarität und Gerechtigkeit vor Gott
und vor der Öffentlichkeit zur Sprache bringt.
«Bildung ist ein Stück Lebenskraft.» Bildung bedeutet Erweiterung des Lebensspielraums, ist Kompetenz, Geistesgegenwart und letztlich auch Gottesgeschenk.
Der hier veröffentlichte Text gibt im Wesentlichen die Ansprache wieder, die der Verfasser als Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Luzern anlässlich der Lizentiatsfeier vom 25. Oktober 2002 gehalten hat. Die unmittelbar auf den Anlass bezogenen Passagen wurden für die Veröffentlichung weggelassen.
1 Vgl. Edmund Arens/Jürgen Mittelstrass/Helmut Peukert/Markus Ries, Geistesgegenwärtig. Zur Zukunft universitärer Bildung, Luzern 2002 (Edition Exodus).
2 Vgl. Edmund Arens, Der Beitrag der Theologie zur universitären Bildung, aaO.