50/2002

INHALT

Leitartikel

Was die Theologie für die Bildung tut

von Edmund Arens

 

Lieben Sie Italien? Klingen italienische Städtenamen wie Musik in Ihren Ohren? Rom, Bologna, Pisa. Rom ­ die ewige Stadt, Kultort klassischer Kultur, Wallfahrtstätte von Bildungshungrigen und Wahrheitsdurstigen aus aller Welt. Eine Weltstadt, welche sich nicht nur mit wunderbaren Kulturdenkmälern, sondern auch mit bisweilen sonderbaren Heiligsprechungen verbindet. Bologna ­ die Stadt, in der vor über 800 Jahren die Wiege der europäischen Universitäten stand. Zugleich der Ort, welcher für eine europaweite Umkrempelung des Hochschulwesens im Zeichen der Bologna-Erklärung steht. Pisa ­ dessen sprichwörtlicher «schiefer Turm» mindestens symbolisch auf die schiefe Bahn hinweisen kann, auf der sich das europäische Bildungssystem befindet. Dafür bürgt die berühmt-berüchtigte PISA-Studie, die mit der Stadt Pisa, wenn auch nur phonetisch, zu tun hat. Das «Programme for International Student Assessment» (PISA) hat sie jedenfalls in erschreckender Deutlichkeit zutage gefördert: die Misere mit der Bildung. Bei der gross angelegten Erhebung der Kenntnisse von Schülerinnen und Schülern der OECD-Länder in wichtigen Schulfächern kommt die Schweiz nicht eben besonders gut weg. Ein schwacher Trost: Deutschland und Österreich sind noch schlechter dran.
Mit der Bologna-Erklärung, der daran anschliessenden Einführung von Bachelor- und Masterstudiengängen und mit der PISA-Studie steht das Thema Bildung ganz oben auf der Traktandenliste. Bildung ­ das ist ein ebenso bedeutungsschwerer, belasteter wie beflügelnder Begriff. Darin bündeln sich ein Anspruch und ein Versprechen. Damit gehen auf Freiheitsentfaltung gerichtete Hoffnungen und von Nivellierungsängsten geplagte Befürchtungen einher. Der Begriff «Bildung» markiert eine Kampfzone. Er steht als Kennzeichen für Kulturkämpfe, in denen es um Kanon und Konsens, um Qualifikation und Kompetenz geht. Um den Gehalt sowie die Gestalt dessen, was mit Bildung gemeint und angezielt ist, wird derzeit heftigst gestritten ­ in Bildungsdepartementen, Campus- und Schampusrunden.
In der derzeitigen Debatte um die Bildung steht zur Diskussion, was für die Informations-, Wissens- und Wissenschaftsgesellschaft unverzichtbar ist. Welche Bildung ist vonnöten, um den gesellschaftlichen Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft gerecht zu werden? Wer kann solche Bildung am besten bereitstellen? Was für Institutionen und Strukturen sind notwendig, um die erforderlichen Bildungsprozesse in Gang zu setzen und zu halten? In der Debatte um die Bildung ballen sich zugleich die Fragen nach der Bedeutung zukunftsträchtigen Wissens wie die nach der Ausrichtung und dem Ziel der «Universität von morgen».<1> Was ist Bildung: ein genuin öffentliches Gut oder eine privatisierbare Dienstleistung? Was ist die Universität: eine akademische Institution zur Persönlichkeitsbildung oder eine Produktionsstätte für nachfragebegünstigte Produkte im liberalisierten Bildungsmarkt? Sollen die Schweizer Hochschulen ein Bollwerk freier Eidgenossinnen und Eidgenossen sein, welche sich fremde Bildungsvögte verbieten, oder etwa ein Europa kompatibles Bologna-Business?
Rom, Bologna, Pisa. Diese drei Städte im Blick, erlaube ich mir, ein paar Gedanken dazu zusammenzutragen, was die Theologie für die Bildung tut.
Auch wenn die Theologie nicht zu den überlaufenen «top ranking» Fächern zählt und ihr bisweilen schon mal vorsorglich das universitäre Totenglöckli geläutet wird, so behaupte ich dennoch: Für die Bildung im Allgemeinen und für die universitäre Bildung im Besonderen hat die wissenschaftliche Gottesrede einiges zu bieten. Das möchte ich Ihnen kurz in neun Thesen darlegen.<2>
Erstens: Theologie bereichert die Bildung in inhaltlicher Hinsicht. Sie erweitert das Wissen, indem sie die Quellen, Zeugnisse und Personen religiöser Traditionen erschliesst, indem sie diese interpretiert und im Blick auf ihre gegenwärtige Bedeutung aktualisiert. Sie bringt religiöse Themen und Fragestellungen in Bildungsprozesse ein, zeigt deren religiöse Dimensionen auf und erweitert deren Horizont. Auf den Punkt gebracht: In welchem anderen Fach begegnen Ihnen Hammurabi und Habermas, Rachel, Regula und Ratzinger?
Zweitens: Theologie macht kognitiv kompetent in Sachen Religion. Sie will in religiösen Dingen auch kommunikativ kompetent machen. Dazu gehört die Einsicht in die Zweideutigkeit von Religion, die neben lebensfördernden auch zerstörerische Züge zeigt. Es gilt darum, deutlich zu machen, dass Religion versklaven und befreien, verblenden und Wirklichkeit erschliessen, zur Abschottung und Selbstvergötzung führen und den Sinn für Gerechtigkeit und Solidarität stärken kann. Die wissenschaftliche Gottesrede vermittelt zudem Kompetenz im Hinblick auf die Vielfalt der Formen und Funktionen religiöser Sprache und Praxis. Sie fördert deren Verständnis und leitet zu einem kompetenten Umgang damit an. Wer biblische Wundergeschichten und Waschmittelwerbung zu unterscheiden gelernt hat, wer Weisheitssprüche klopfen und predigen kann, kann einen Kompetenzgewinn verbuchen.
Drittens: Theologie schärft den Sinn für die Grund- und Grenzfragen des menschlichen Lebens und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Sie hilft mit, dass wir die Abgründe und Anfälligkeiten unseres Daseins wahrnehmen. Sie macht auf die Begrenztheiten der eigenen Existenz aufmerksam, und sie trägt bei zur Aufmerksamkeit und Wachheit für die «letzten Fragen», welche wir nicht «Dignitas», «Exit» und anderen Menschenentsorgungseinrichtungen überlassen sollten.
Viertens: Theologie stimuliert das Bewusstsein für die Geschichtlichkeit und Situiertheit unseres Lebens. Sie macht empfänglich dafür, dass unser Denken, Handeln und Sein an bestimmte Orte und Kontexte gebunden ist. Und sie denkt diese Orte zugleich im Horizont der alle konkreten Kontexte übergreifenden Universalität Gottes.
Fünftens: Theologie stärkt die Wahrnehmung von Zugehörigkeit zu religiösen und sozialen Gemeinschaften. Sie denkt über die Bedeutung von Bindungen nach, und sie zielt zudem darauf, solche Bindungen in Richtung auf Kommunikation und Verständigung mit anderen offen zu halten und zu überschreiten. Wissenschaftliche Gottesrede analysiert und reflektiert, kritisiert und stimuliert die Kommunikation der Angehörigen religiöser Gemeinschaften untereinander. Als öffentliche Theologie hat sie die Verständigung mit anderen Religionsgemeinschaften und gesellschaftlichen Gruppen im Blick; ihr ist daran gelegen, die Fähigkeit und den Willen zur Verständigung zu fördern.
Sechstens: Theologie vermittelt Sinn für die Verbindung von Kopf, Herz und Hand, von Theorie und Praxis. Sie unterstreicht, dass Theorie und Reflexion eine praktische Spitze haben. Sie begreift sich als praktisch angelegtes und ausgerichtetes Nachdenken über den Glauben. Sie wurzelt in der Glaubenspraxis und zielt auf diese hin. Insofern wissenschaftliche Gottesrede von Praxis ausgeht und auf solche aus ist, verlangt und fördert sie eine handlungsbezogene Bildung. Diese schliesst die Fähigkeit und Bereitschaft zu sach-, situations- und menschengerechtem Handeln ein.
Siebtens: Theologie denkt und handelt über abgezirkelte Fachgrenzen hinaus. Sie arbeitete, schon bevor dieses Mode wurde, interdisziplinär. Sie verbindet ja den biblisch-historischen Blick in die Geschichte, das systematische Nachdenken und praktische Ausrichtung. Sie macht von den Methoden archäologischer Buddelei ebenso Gebrauch wie von feinsinniger Philologie und handfester Philosophie. Insofern bietet sie ein wunderbares Beispiel vernetzten Denkens und Handelns und sie leitet zugleich dazu an.
Achtens: Theologie pflanzt der Bildung einen doppelten Stachel ein, den Stachel der Bindung und der Kritik. Denn zum einen beruht sie auf Tradition, zum anderen zielt sie auf Transformation. Die wissenschaftliche Gottesrede schärft den Sinn für gefährliche Erinnerung und gefährdetes Gedächtnis. Damit verbindet sich die Option für die Kritik und Veränderung aller Verhältnisse, welche die Würde und die Rechte von Menschen mit Füssen treten. Eben diese Option für das konkrete Subjekt und die Gemeinschaft aller Menschen trifft sie im Angesicht der erinnerten und verheissenen Geschichte Gottes mit den Menschen.
Neuntens: Theologie steht für eine wirklich umfassende Ausrichtung universitärer Bildung ein. Sie verkörpert eine Bildung, welche sich den elementaren Überlebens-, Lebens- und Sinnfragen der Menschen stellt. Dabei bewahrt und schärft sie den Sinn für Gemeinschaft, Solidarität und Gerechtigkeit. Theologie steht für eine Bildung ein, die auf die gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen ausgerichtet ist, dabei die Vergangenheit einbezieht und auf Zukunft hin weiterdenkt. Sie ist eine Anwältin der Universalität der Universität. Sie bringt darin ein Denken zur Geltung, das die gegenwärtigen Generationen nach rückwärts und nach vorwärts überschreitet. Sie tut dies, indem sie universale Solidarität und Gerechtigkeit vor Gott und vor der Öffentlichkeit zur Sprache bringt.

«Bildung ist ein Stück Lebenskraft.» Bildung bedeutet Erweiterung des Lebensspielraums, ist Kompetenz, Geistesgegenwart und letztlich auch Gottesgeschenk.

 

Der hier veröffentlichte Text gibt im Wesentlichen die Ansprache wieder, die der Verfasser als Dekan der Theologischen Fakultät der Universität Luzern anlässlich der Lizentiatsfeier vom 25. Oktober 2002 gehalten hat. Die unmittelbar auf den Anlass bezogenen Passagen wurden für die Veröffentlichung weggelassen.


Anmerkungen

1 Vgl. Edmund Arens/Jürgen Mittelstrass/Helmut Peukert/Markus Ries, Geistesgegenwärtig. Zur Zukunft universitärer Bildung, Luzern 2002 (Edition Exodus).

2 Vgl. Edmund Arens, Der Beitrag der Theologie zur universitären Bildung, aaO.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002