47/2002 | |
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Leitartikel |
Weil der so genannte Hochschulsonntag der Sonntag, an dem in allen
Bistümern der Schweiz das Opfer für die Universität Freiburg
aufgenommen wird mit dem ersten Adventssonntag und so mit dem Beginn
eines neuen Kirchenjahres in eins fällt, bedarf er einer besonderen
Aufmerksamkeit und Sorgfalt. Denn an diesem «Zwecksonntag» sollte
nicht nur das Opfer aufgenommen, sondern auch über sein Anliegen nachgedacht
und informiert werden. Dieses Anliegen ist zunächst die Universität
Freiburg in ihrer Beziehung zu den Schweizer Katholiken und Katholikinnen,
wurde sie doch vom Kanton Freiburg 1889 «auf Anregung der Schweizer
Katholiken» gegründet, wie ihr Leitbild in Erinnerung ruft.
Im Gefolge der Reformation wurde die Trägerschaft der Universität
Basel protestantisch, und in den auf die Reformation folgenden Jahrhunderten
errichteten nur protestantische Stände Theologische Schulen, die im
19. Jahrhundert zu Akademien ausgebaut wurden, aus denen schliesslich Universitäten
wurden. Die von den Jesuiten in Luzern errichtete Höhere Schule konnte
bekanntlich erst am Ende des 20. Jahrhunderts zur Universität ausgebaut
werden. Bis zur Gründung der Universität Freiburg bemühten
sich der katholische Volksteil und die katholischen Stände also während
mehr als drei Jahrhunderten erfolglos um die Errichtung einer Universität
in einem katholischen Stand und also einer katholischen Universität.
1949, sechzig Jahre nach der Gründung, haben die Schweizer Bischöfe
mit dem Staatsrat des Kantons Freiburg ein Abkommen über die Förderung
und finanzielle Sicherstellung der Universität Freiburg geschlossen.
Dabei liessen sie sich von der Überlegung leiten: «Die katholische
Universität Freiburg ist die Universität der Schweizerkatholiken.
Ihre Bedeutung für den schweizerischen Katholizismus und für die
katholische Sache kann nicht hoch genug bewertet werden... Die Errichtung
der katholischen Universität war ein Anliegen und eine Aufgabe der
katholischen Schweiz. Ihre Erhaltung ist Gewissenspflicht aller Schweizerkatholiken.»
Fünfzig Jahre später errichtete die Schweizer Bischofskonferenz
unter dem Namen «Pro Universitate Friburgensi» eine gemeinnützige
Stiftung, die den Zweck hat, die namentlich «unter den Schweizer Katholiken
gesammelten Mittel» zur gezielten Förderung der Universität
einzusetzen. In diesem Sinne werden die verfügbaren Mittel für
universitäre Belange verwendet, die «den an christlichen Werten
orientierten Grundcharakter der Universität Freiburg und ihre besondere
weltanschauliche und sozial-ethische Ausrichtung zu wahren und zu fördern
geeignet sind», die «der Erhaltung und Förderung der spezifischen
kulturellen Eigenschaften der Universität als zweisprachig geführte
Hochschule mit internationaler Ausstrahlung und mit hoher wissenschaftlicher
Kompetenz dienen», die «die Ausrichtung von Sozialbeiträgen
an unterstützungswürdige Angehörige der Universität
oder die Mitfinanzierung ihr nahestehender Sozialwerke (wie namentlich Institutionen
der studentischen Wohnungsvermittlung, Kinderkrippen, studentische Austauschprogramme
und dergleichen) bezwecken», und die «mit der Öffentlichkeitsarbeit
der Universität Freiburg und der Publikation wissenschaftlicher Arbeiten
ihrer Angehörigen verbunden sind». In diesem Rahmen wird auch
das Ergebnis des Opfers für die Universität Freiburg eingesetzt.
Wie diese Konkretisierung des «katholischen Charakters» der
Universität Freiburg eine Übersetzung des Anfangs in die Gegenwart
ist, so entfaltet das Leitbild der Universität ihre alte Devise «Wissenschaft
und Weisheit» heute in die Achsen Qualität, Verantwortlichkeit
und Dialogbereitschaft. Für Verantwortlichkeit setzt sie sich ein,
indem sie sich unter anderem für eine Gesellschaft engagiert, «die
den ethischen Prinzipien und Anforderungen der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet
ist», und indem sie in einem Klima intellektueller Offenheit die Möglichkeit
bietet, «die Werte des christlichen Humanismus zu vertiefen».
Ihre Dialogbereitschaft zeigt sich unter anderem darin, dass sie weltoffen
ist und mit in- und ausländischen Universitäten und Hochschulen
zusammenarbeitet, sich an der multikulturellen Verständigung, insbesondere
zwischen den vier Landeskulturen, beteiligt und zweisprachige Studien und
Abschlüsse (in Deutsch und Französisch) ermutigt.
Vernehmbar ist die gegebene Multikulturalität schon an den Muttersprachen
der Studierenden: 49% deutsch-, 31,5% französisch-, 8,5% italienisch-
und 11% Anderssprachige zählt Freiburg heute. Rund die Hälfte
der Studierenden sind Frauen an der Philosophischen und an der Theologischen
Fakultät ist ihr Anteil noch höher. Von der Grösse her hat
Freiburg mit seinen über 9000 Studierenden schon vor Jahren die Universität
Basel überholt.
Ein zweites Anliegen des Hochschulsonntags könnte ein Anstoss für
die Kirche sein, sich auf ihren Auftrag im Bereich der Kultur zu besinnen.
In seiner Pastoralkonstitution «Gaudium et spes» ist das Zweite
Vatikanische Konzil auf fünf «wichtigere» Aufgaben der
Kirche eingegangen: «die Ehe und Familie, die Kultur, das wirtschaftliche,
soziale und politische Leben, die Verbindung der Völkerfamilie und
der Friede» (Art. 46). Als eine Einzelaufgabe im Bereich der Kultur
nennt das Dokument die interdisziplinäre Arbeit der Theologie, weshalb
es auch wünschenswert sei, dass eine grosse Anzahl von Laien die Theologie
«zum Hauptstudium machen und selber weiterfördern» (Art.
62). Die Theologie wird jedoch nur als ein Ort von mehreren Orten angeführt,
an denen der Dialog zwischen Kirche und Kultur zu pflegen ist. Die 1998
gegründete Stiftung «Science et Cité», die in der
Schweiz die konstruktive Auseinandersetzung, das Verständnis und die
Verständigung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft fördert,
könnte eine Anregung sein, auch in der Kirche einen Raum bzw. Räume
der Begegnung von Kirche und Kultur bereitzustellen. Wie im 19. und weit
ins 20. Jahrhundert hinein die Universität Freiburg wesentlich beigetragen
hat, den Bildungsrückstand der katholischen gegenüber den protestantischen
Kantonen aufzuholen, so könnte sie im 21. Jahrhundert zu einem privilegierten
Ort dieser Begegnung werden.
Mit der heutigen Ausgabe wechselt unsere wöchentliche Hinführung
zur neutestamentlichen Sonntagslesung vom Lesejahr A zum Lesejahr B. Auch
im neuen Lesejahr wird die Kommentierung dieser Perikopen von der Bibelpastoralen
Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks übernommen.
In diese Aufgaben teilen werden sich wie bisher Regula Grünenfelder,
Fachmitarbeiterin der Arbeitsstelle, Sabine Bieberstein, Projektleiterin
des Bibeljahres 2003 in der Schweiz, und Detlef Hecking, der bisherige (interimistische)
Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle, sowie neu der neue Stellenleiter
Dieter Bauer und der Judaist Hans Rapp.
Den Anfang macht mit dieser Ausgabe Dieter Bauer, seit dem 1. August 2002
Stellenleiter und vorher zwanzig Jahre Bildungsreferent beim Katholischen
Bibelwerk in Stuttgart. Mit dem Schweizerischen Katholischen Bibelwerk verbunden
ist Dieter Bauer durch Studium und Beruf. Dieter Bauer studierte in Tübingen
und verbrachte sein Auslandstudienjahr an der Theologischen Hochschule Chur.
Der Diplomtheologe ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Mit seiner
Arbeit für das deutsche Katholische Bibelwerk hat sich Dieter Bauer
einen hervorragenden Namen als Autor allgemeinverständlicher Artikel
zu biblischen Themen, kreativer Redaktor der Zeitschriften «Bibel
heute» und «Bibel und Kirche» und versierter Erwachsenenbildner
gemacht. Zu seinen Arbeitsschwerpunkten gehören die biblische Weisheitsliteratur,
die Apokalyptik, die Apostelgeschichte und die Bergpredigt. Zu seinen heutigen
bibelpastoralen Dienstleistungen gehören Angebote erwachsenenbildnerischer
Art, gehört aber auch die Mitarbeit bei der Kommentierung der Sonntagslesungen
in diesen Spalten. Hier heissen wir Dieter Bauer deshalb als Autor willkommen
und freuen uns auf seine Impulse.