46/2002

INHALT

Leitartikel

Der Text im neuen Kontext

von Vitus Huonder

 

Das Wort Gottes der Bibel wird das geistige und geistliche Brot von Generationen. Die Übersetzer bereiten diese Nahrung zu, so dass auch jene davon essen können, welche die Ursprache des Wortes Gottes nicht kennen.
Doch die Übersetzer sind nicht die unmittelbaren Empfänger des Wortes Gottes. Sie kennen es nur durch Vermittlung. Daher ist es nicht ausgeschlossen, dass sie manches etwas anders verstehen, als dies beim Offenbarungsempfänger der Fall war. Anderseits sind auch sie Kinder ihrer Zeit, ihrer Kultur und ihrer Weltanschauung. Das alles färbt auf eine Übersetzung ab. Texte können unter diesen Voraussetzungen einen zum Teil neuen Sinn erhalten. Das lässt sich im Vergleich des hebräischen Urtextes mit der griechischen Übersetzung der Septuaginta von Ps 63 darlegen.<1>
Eindrücklich ist die Veränderung in Vers 4. Die Aussage «denn das Gute am Leben ist deine Treue» wird ein inhaltlich leicht veränderter Gedanke: Denn mächtiger als das Leben ist dein Erbarmen. Grammatikalisch vollzieht sich eine Verschiebung von einem Partitiv zu einem Komparativ. Ist im Urtext die Rede von der Treue Gottes als Anteil des Lebens, spricht die Übersetzung vom Erbarmen Gottes im Vergleich zum Leben. Was für eine Erfahrung beziehungsweise Vorstellung mag dahinter liegen? In der spätalttestamentlichen Zeit ­ etwa nach 300 v. Chr. ­, und dies gewiss auch im Zuge der Hellenisierung des Nahen Ostens, dringt ins jüdische Denken mehr und mehr die Vorstellung vom reicheren Leben nach dem Tod ein. Ein neuer Aspekt von Gottes Offenbarung tut sich kund. Das reichere Leben nach dem Tod ist die Gabe Gottes schlechthin, Geschenk seines Erbarmens. Aus dieser Sicht ist nun Gottes Erbarmen besser, mächtiger als das Leben, wir könnten sagen, als die Natur. Mag ich dieses Leben auch einbüssen, mag ich es in diesem Leben nicht gut haben und alles verlieren, die erbarmende Liebe Gottes schenkt mir ein neues Leben, das gesegnete Leben nach dem Tod. Der Hauptgedanke des Psalms erhält damit aber eine ganz neue Ausrichtung. Vom Gedanken: Gott hat in meinem Leben Vorrang, wechselt er über zum Inhalt: Gottes Erbarmen sichert mir ein neues Leben zu. Hier kann der Kirchenvater Hilarius von Poitiers (Ý 367) mit der Deutung anknüpfen: «Gross ist wahrhaftig Gottes Gabe, dass wir ins Leben gerufen werden. Wir schätzen uns glücklich, dass wir kraft der Natur geboren werden. Da unsere Lebenszeit aber voller Ängste und Schmerzen ist, setzen wir grössere Hoffnung in Gottes Barmherzigkeit als ins Leben. Denn dieses steht unter dem Gesetz der Sünde, und der Tod holt es ein; jene aber [gemeint ist die Barmherzigkeit] gewinnt vom Tod die Ewigkeit zurück» (In psalmum LXII, 6).

Morgenfrühe ­ Auferstehung

Nicht alle übersetzungsbedingten Textveränderungen haben eine derart tiefe Umdeutung des Grundgedankens zur Folge. Dies ist der Fall in den Versen 2 und 7. So wird das «ausschauen nach» als ein «ausschauen in der Morgenfrühe». Ähnlich verhält es sich mit den «Nachtwachen». Das meditative Sprechen mit Gott zur Zeit der Nachtwachen wird als nächtliches Nachsinnen verstanden, das seine Auswirkungen bis zur Morgenfrühe hat. Diese Anspielungen der Septuaginta auf die Morgenfrühe sind auch der Grund, weshalb Ps 63 seit der Väterzeit als Morgenpsalm belegt ist, ja, als der Morgenpsalm. Weil in der Sprache der Liturgie Morgenfrühe immer auch Auferstehung bedeutet, wird Ps 63 zum täglichen Auferstehungsgedächtnis. Das hat erst die Psalmenordnung von 1911 verändert. Vorher war Ps 63 für jede Laudes vorgesehen. Zum Auferstehungsgedächtnis lädt aber auch Vers 9 ein: Deine Rechte nahm mich auf. Spricht der Urtext allgemein über Gottes rettendes Eingreifen, versteht die griechische Fassung diese Tat Gottes enger im Sinne des Aufnehmens, des Emporhebens. Diese Wortwahl wird dann zum Ausgangspunkt des christlichen Verständnisses der Auferweckung oder Auferstehung. Daher sollte der Laudestext diese Version berücksichtigen.

Gebet bis zur Wiederkunft des Herrn

Nicht nur Ps 63, sondern das Psalmengebet als Ganzes ist eigentlich Gebet in der Morgenfrühe, Gebet in Erwartung des Herrn. So haben es schon die ersten Mönche und Asketen verstanden. Für sie wurde das Psalmengebet zum immerwährenden Gebet, das uns durch diese Zeit begleitet und für die Ankunft Christi wach hält. Vor allem die Gebetsart in der Form der lectio continua ­ der fortlaufenden Rezitation des Psalters sollte diesen Gedanken des «Wachet und betet» auf die Vollendung hin in Erinnerung rufen. Die Psalmen beten heisst daher immer auch, bewusst auf die Ankunft des Herrn hinleben und geistig mit dem Herrn verbunden bleiben. Die Psalmen beten heisst weiter, die Spuren des Herrn suchen. Schliesslich heisst die Psalmen beten, immer vom Herrn umgeben und erfasst werden. In diesem Sinn sagt Hilarius beim Kommentar von Ps 63 (62),9: «Meine Seele hing an dir, deine Rechte nahm mich auf. Das bedeutet: Da er an Gott hängt, wurde er von der Rechten Gottes aufgenommen. Das heisst: durch Gottes Kraft. Das wird mit der ÐRechtenð ausgedrückt: Von ihm [wurde er aufgenommen], der Gottes Kraft und Weisheit ist, der das Fleisch gewordene Wort Gottes ist» (In psalmum LXII,10).
Das Psalmengebet als solches ist ein Gebet, bei welchem uns die Rechte Gottes umfasst und aufnimmt in die Herrlichkeit des Vaters: Christus selber. Ist das nicht Motivation genug zu einem regelmässigen und vertieften Psalmengebet?

 

Vitus Huonder, Generalvikar des Bistums Chur für den Kanton Graubünden, wurde von der Theologischen Fakultät Freiburg für das Fach Liturgiewissenschaft habilitiert (Vitus Huonder, Die Psalmen in der Liturgia Horarum, [Studia Friburgensia, Neue Folge 74], Freiburg Schweiz 1991).


Anmerkung

1 Der vorliegende Beitrag schliesst an die Beiträge «So sollt ihr beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 46, S. 645f.), «Vertrauensvoll beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 50, S. 709­711), «Lobgesang» (SKZ 170 [2002] Nr. 10, S. 133f.), «Für den Tag des Sabbat» (SKZ 170 [2002] Nr. 12, S. 173f.), «Das Hymnenbuch der Kirche» (SKZ 170 [2002] Nr. 26, S. 397f. und «Gotteslob für Gottes Treue» (SKZ 170 [2002] Nr. 38, S. 525f.) an.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002