45/2002

INHALT

Leitartikel

Ein brisantes Thema zum Bibelsonntag

von Sabine Bieberstein

 

Wie nur umgehen mit Ðdem Bösenð?» Das ist die Titelfrage der diesjährigen Arbeitsunterlagen zum ökumenischen Bibelsonntag am 16./17. November. Angesichts der weltpolitischen Ereignisse des vergangenen Jahres, zumal nach dem «11. September», lässt sich kaum eine brisantere Frage denken. Unversehens war im Gefolge der Anschläge von New York eine Rhetorik wieder hoffähig geworden, die Menschen und ganze Länder auf einer «Achse des Bösen» ansiedeln kann. Im «Kampf gegen den Terrorismus» erscheinen Opfer unter Unbeteiligten «leider» unvermeidbar und im Sinne der «Sache» in Kauf zu nehmen. Menschen und Menschengruppen finden sich plötzlich unerwünscht und ausgegrenzt in Ländern, in denen sie bis vor kurzem noch integriert lebten.

Keine einfachen Antworten

Die Autorin und die Autoren beanspruchen nicht, einfache Antworten auf solch komplexe Fragen gefunden zu haben. Doch sie nehmen selbst ausdrücklich Bezug auf sie, und sie stellen sich ihnen im Dialog mit einem neutestamentlichen Text, der sich offensichtlich schon zu seiner Zeit einer unübersichtlich gewordenen Wirklichkeit gegenüber fand und dieser zu begegnen suchte. Es ist das Gleichnis vom Unkraut unter dem Weizen (Mt 13,24­30), gewiss eines der eigenwilligsten Gleichnisse im Neuen Testament überhaupt: Da ist von einem Sämann die Rede, der guten Weizensamen auf seinen Acker ausbringt; von einem Feind, der des Nachts ein Unkraut, den Taumellolch, dazwischen sät; von Knechten, die gemäss ihrem gesunden Menschenverstand das Unkraut ausreissen wollen, und schliesslich von einem Hausherrn, der zu warten anordnet, um nicht gemeinsam mit dem Unkraut auch den Weizen zu entwurzeln. Erst bei der Ernte sollen die Schnitter den Lolch zusammenbinden und verbrennen und den Weizen schliesslich in die Scheune einbringen.
Das Gleichnis ringt offenbar mit der Erfahrung, dass es in der christlichen Gemeinde, wie wahrscheinlich in jeder Gemeinschaft, Leute gab, die nicht so recht hineinzupassen schienen, die vielleicht nur profitieren wollten oder das Ansehen der Gemeinde gefährdeten oder ihr sogar wirklich übel wollten, Wölfe im Schafspelz sozusagen. Da lag es nahe, zu unterscheiden, wer denn nun genau dazu gehörte und wer nicht, ein- und auszugrenzen, zu «säubern» und die Unliebsamen hinauszubefördern. Der giftige Lolch wäre ja durchaus vom Weizen zu unterscheiden.

Schwarz-weiss-Denken aufbrechen

Das Gleichnis verharmlost diese Leute nicht. Sie sind vom «Feind» eingeschleust worden, und das ist schliesslich nicht irgend jemand, sondern der Teufel. Ausserdem werden sie mit dem Taumellolch verglichen, der dem Weizen recht ähnlich sieht, aber in dessen Körnern ein giftiger Pilz zu finden ist, der später das ganze Mehl verdirbt. Angesichts dieser Tatsachen schlägt das Gleichnis jedoch eine eher überraschende Lösung vor: lieber nicht vorschnell das vermeintliche Unkraut auszureissen, sondern abzuwarten, bis die Zeit reif ist, um nicht mit dem Unkraut auch den Weizen zu gefährden.
Dabei lässt das Gleichnis durchaus manche brennende Frage unbeantwortet. Wer entscheidet denn zum Beispiel, wer oder was gut ist und wer böse? Wer gibt denn die Kriterien vor, nach denen jemand zum «Feind» gestempelt wird? Und könnte das Handeln des Hausherrn im Gleichnis nicht auf fahrlässige Weise auch den Weizen gefährden, der zwischen dem ganzen Unkraut erdrückt werden könnte? Was passiert, wenn das Gift des Pilzes tatsächlich ins Mehl gerät? Ist die Gelassenheit des Hausherrn nicht die typische Haltung eines Reichen, der es sich leisten kann abzuwarten, während diejenigen, die unter Bedrängnissen zu leiden haben, sich eher ein rasches Eingreifen wünschen?
Fragen über Fragen, die sehr schnell zeigen, wie hochaktuell eine Auseinandersetzung mit diesem Gleichnis in der Gegenwart werden kann.
Es fordert dazu heraus, eingeschliffenes Schwarz-weiss-Denken zu hinterfragen, bequeme Freund-Feind-Schemata zu verlassen und sich auf alternative Sichtweisen einzulassen. Es inspiriert dazu, den Standpunkt zu wechseln, von der Fixierung auf das zu eliminierende Unkraut einmal abzulassen und den Acker in einem grösseren Horizont zu betrachten. Vielleicht gibt es ja auch noch andere Haltungen und Handlungen als säubern und herausreissen, und vielleicht lassen sich ja noch mehr Farben entdecken als nur schwarz und weiss.

Eine bewährte ökumenische Tradition

Die Beschäftigung mit dem Gleichnis verspricht also eine spannende Sache zu werden. Wie in jedem Jahr haben die Bibelpastorale Arbeitsstelle des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks und die Schweizerische Bibelgesellschaft in ökumenischer Zusammenarbeit ein Materialheft herausgegeben, das die Pfarreien und Gemeinden bei der Gestaltung des Bibelsonntags unterstützen soll. Es enthält neben bibeltheologischen Erklärungen zum Gleichnistext einen ausgearbeiteten Vorschlag für eine Bibelarbeit mit einer Gruppe, die zum Beispiel im Rahmen einer Pfarreiveranstaltung durchgeführt werden kann, einen Gottesdienstentwurf mit liturgischen Texten und Liedvorschlägen sowie eine Predigtskizze und ist zum Preis von Fr 9.­ bei der Bibelpastoralen Arbeitsstelle erhältlich (Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 01 205 99 60, info@bibelwerk.ch).
In diesem Jahr waren von katholischer Seite Detlef Hecking, interimistischer Leiter der Bibelpastoralen Arbeitsstelle in Zürich und Luisa Heislbetz, Theologin und Personalverantwortliche des Bistums Basel, sowie Pfarrer Urs Joerg, Leiter der Schweizerischen Bibelgesellschaft, und Dr. Kurt Schori, Pfarrer in Bern, von reformierter Seite an der Ausarbeitung der Unterlagen beteiligt. An welchem Datum der Bibelsonntag begangen wird, soll sich nach den örtlichen und regionalen Gepflogenheiten richten. Das Schweizerische Katholische Bibelwerk schlägt den Pfarreien den 16./17. November 2002 vor.

Ein Auftakt zum Jahr der Bibel 2003!

Zwar beginnt das Jahr der Bibel, das international und ökumenisch im kommenden Jahr gefeiert wird, offiziell erst im Januar 2003. Doch könnte so ein gemeinsam gestalteter Bibelsonntag auch als ein Auftakt zu diesem Jahr der Bibel gefeiert werden. Das macht durchaus Sinn. Denn für das kommende Jahr sind eine Reihe von weiteren Arbeitsunterlagen geplant, mit deren Hilfe Pfarreien Anlässe und Aktionen biblisch vertiefen können. Als erstes dieser Hefte wird Mitte Dezember ein interkulturelles Bibelheft zur Begegnung Jesu mit der kanaanäischen Frau (Mt 15,21­28) erhältlich sein, das die Kampagne von Fastenopfer und Brot für alle zum Thema «Verstehen verändert» begleitet. Abgeschlossen wird die Reihe mit den Materialien zum nächstjährigen Bibelsonntag, in dessen Mittelpunkt das Buch Rut stehen wird.
Der Bibelsonntag und das bevorstehende Jahr der Bibel könnten so zum Anlass genommen werden, sich auf die gemeinsame Glaubensgrundlage aller Christinnen und Christen zu besinnen, auf dieser aufzubauen und sich im Dialog mit der Schrift den Herausforderungen unserer Zeit in gemeinsamer Verantwortung zu stellen.

 

Die promovierte Theologin Sabine Bieberstein ist Projektleiterin des Schweizerischen Katholischen Bibelwerks für das Jahr der Bibel 2003.


Markus für ein ganzes Jahr

 

Mit dem Advent 2002 beginnt wieder ein «Markusjahr», das liturgische Lesejahr B. Zu diesem neuen Lesejahr hat das Katholische Bibelwerk ein «Bibel heute»-Heft zu «Markus» herausgegeben (Bibel heute Nr. 150, 2. Quartal 2002, Fr. 8.50 plus Versand, Bestellungen an Bibelpastorale Arbeitsstelle SKB, Bederstrasse 76, 8002 Zürich, Telefon 01 205 99 60, Fax 01 201 43 07, E-Mail info@bibelwerk.ch).


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002