44/2002 | |
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Leitartikel |
Ausländer- und Asylpolitik gehören gegenwärtig zu den
Tagesthemen, die nicht nur in den Parlamenten und an Parteiveranstaltungen
diskutiert werden. Sie beschäftigen den Mann und die Frau auf der Strasse.
Sie bewegen Einheimische und Fremde. Im Sorgenbarometer, der regelmässig
erhoben wird, nehmen sie seit Jahren einen Spitzenrang ein. Sie gehören
zu den Stammtischgesprächen wie kaum ein anderes Ereignis.
An diesen Phänomenen kann die Kirche nicht achtlos vorbeigehen: Was
die Menschen in ihrem Alltag bewegt, muss für sie Anlass sein, sich
der Sorgen der Menschen anzunehmen, auch wenn es nicht ausschliesslich den
eigentlichen kirchlichen Raum betrifft.
Heute leben in der Schweiz über 800000 Katholiken fremder Herkunft.
Das sind mehr als ein Viertel aller Katholiken in unserem Land. Auch wenn
sie von ihren eigenen Seelsorgern betreut werden, sind sie Teil der Ortskirchen,
der Diözesen in der Schweiz. Auch aus diesem Grund aber nicht
nur kann es den Bischöfen nicht gleichgültig sein, wie diese
Glieder der Kirche in unserem Land behandelt werden.
Die Kirche in der Schweiz, Bischöfe, kirchliche Institutionen und kirchennahe
Organisationen haben früh auf die Zuwanderung, insbesondere aus den
katholischen Ländern Südeuropas, reagiert. Heute gibt es in unserem
Land etwa 150 Seelsorgestellen für Fremdsprachige in beinahe 20 Sprachen.
Die so genannten Fremdsprachigenmissionen wurden immer wieder kritisiert
und als anti-integrativ bezeichnet. Allerdings wird damit auch deutlich,
dass Integration mit Assimilation gleichgesetzt wird. Integration hingegen
ist die Bereitschaft zur Teilnahme am sozialen Leben, ohne die eigene Herkunft
aufgeben zu müssen.
Neuere Untersuchungen, vor allem in Deutschland, machen deutlich, dass die
religiöse Gemeinschaft ein wesentlicher Integrationsfaktor sein kann.
Die Vertrautheit mit Bekanntem, wie sie in der eigenen Sprachseelsorge erfahren
wird, gibt Sicherheit in einem neuen Umfeld, das unvertraut ist und oft
bedrohlich wirkt. Der Rückhalt in der eigenen Gemeinschaft fördert
die Identität, die eine wesentliche Voraussetzung für die Integration
ist. Damit leistet die Kirche seit Jahren einen wesentlichen Beitrag an
das ausgeglichene Zusammenleben von Einheimischen und Fremden.
Es zeigt sich zudem deutlich, dass Menschen, die in der eigenen Religion
einen Rückhalt gefunden haben, weniger verhaltensauffällig sind;
vor allem wird erkennbar, dass Menschen, auch Jugendliche mit religiöser
Bindung, weniger in die Kriminalität abgleiten. Ausgrenzende Pauschalurteile
hingegen drängen in die Isolation und fördern die Aggressivität.
Die Suche nach dem friedlichen Zusammenleben von Einheimischen und Fremden
ist nicht eine Angelegenheit von heute. In jeder Zeitepoche und in den meisten
Kulturen war die Zuwanderung fremder Menschen eine Herausforderung. Auch
die Bibel geht immer wieder auf dieses Spannungsfeld ein und führt
genügend Beispiele nach einem ausgewogenen Verhältnis von Einheimischen
und Fremden an: Von der Forderung zur Ausrottung des Fremden bis hin zur
vorbehaltlosen Aufnahme des Fremden, «denn du (Israel) warst selber
fremd in Ägypten».
Die Forderung nach der Aufnahme des Fremden wird im Satz «Ich war
fremd, und ihr habt mich aufgenommen» (Mt 25,35) überhöht
und gleichsam zur «Chefsache Gottes» (W. Wimmer) erklärt.
Es handelt sich somit um eine Sache, die zum Kern der Frohen Botschaft gehört,
um die sich die höchste Instanz selber kümmert. Das In-Eins-Setzen
der Forderung zur Aufnahme des Fremden mit der grundsätzlichen Haltung
gegenüber Gott stellt das Wesen der christlichen Gemeinschaft heraus,
die sich nicht mehr aufgliedern kann in Nahestehende und Fremde. Das Zusammenleben
von Menschen verschiedener Herkunft scheint ein schweres Problem der jungen
Gemeinde gewesen zu sein, das sich einzig mit einer klaren Ausrichtung beantworten
und lösen lässt.
Paulus zieht daraus seine Folgerungen: «Es gibt nicht mehr Juden und
Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid
einer in Christus Jesus» (Gal 3,28). Paulus ist sich bewusst, dass
es weiterhin Unterscheidungen der Herkunft, des Standes und des Geschlechts
geben wird. Sie verlieren aber ihre Bedeutung in der Einheit in Christus.
Die Einheit der Getauften gründet im gleichen Glauben und in der gleichen
Taufe. Damit soll eine neue Gemeinschaft wachsen, in der Christus nicht
nur das Zeichen der Einheit ist, sondern die Einheit selber.
Der «Tag der Völker» vom 10. November 2002 steht unter
dem Motto «Denn ihr alle seid einer in Christus Jesus». An vielen
Orten werden an diesem Tag gemeinsame Gottesdienste gefeiert, Begegnungsfeste
von Einheimischen und Fremden durchgeführt und kulturelle Anlässe
organisiert. Darin haben viele Pfarreien bereits eine reiche Erfahrung.
Sie sind Schritte auf jene Einheit hin, die das Mt-Evangelium in seiner
Forderung nach Aufnahme der Fremden und der Gal-Brief in seinem Hinweis
auf die Einheit in Christus erwarten.
Der promovierte Theologe Urs Köppel ist Nationaldirektor für Ausländerseelsorge und Generalsekretär der Kommission der Schweizer Bischofskonferenz für Migration «migratio».