42/2002

INHALT

Leitartikel

Verteidiger der Rechte der Indios

von Rosmarie Tscheer

 

Vater der Indianer» nennt man Bartolomé de Las Casas (1484­1566) auch; und Reinhold Schneider lässt ihn in der denkwürdigen nächtlichen Aussprache zu Karl V. sagen: «Gib die Indios frei; setze ihre Fürsten wieder ein, deren Rechte ehrwürdig sind wie die deinen... Das soll deine Tat sein, und sie wird nicht vergessen werden und dir und Spanien ewigen Ruhm bringen; jetzt musst du es tun und zeigen, dass du allein Gottes, nicht der Menschen und deines Reiches Diener bist...»<1>
Dabei hat dieser aus einem französischen Rittergeschlecht (Casaus) stammende Las Casas keineswegs von Anbeginn Verständnis für die Urbevölkerung der «Neuen Welt» bewiesen, nimmt er doch nach seiner ersten Überfahrt 1502 im heutigen Haiti selber an Eroberungskriegen teil. Ausserdem besitzt er zu diesem Zeitpunkt Ländereien, zu deren Bewirtschaftung er, wie es üblich ist, Indianer und afrikanische Sklaven einsetzt. Indessen ist Las Casas Landbesitzer und Kleriker. Er hat an der damals berühmten Universität von Salamanca das Lizenziatsexamen in Rechtswissenschaft abgelegt und ist später (1506 oder 1507) anlässlich einer Romreise zum Priester geweiht worden.
Allerdings sehen wir in ihm zunächst eher einen Abenteurer, wie es unzählige gab, die in der «Neuen Welt» ihr Glück suchten. José Luis Olaizola lässt ihn in seinem Buch «Bartolomé de Las Casas, crónica de un sueño» von sich bekennen: «Es musste so sein, dass ich von Natur Indien im Blut hatte; denn meine frühesten Erinnerungen beziehen sich darauf.»<2> Zudem hat sein Vater Kolumbus auf dessen zweiter Reise begleitet und sah ihn Bartolomé als Zehnjähriger von Sevilla fortsegeln, dahin zurückkehren und bald zu einer neuen Seefahrt aufbrechen. Dass dies in verschiedener Hinsicht abenteuerlich war, zeigt sich auch darin, dass der Vater seine Frau und die vier Kinder dem Schicksal überliess, die namentlich nach dem frühen Tod der Mutter ein sehr kümmerliches Dasein fristeten.
Bartolomé de Las Casas aber vollzieht ganz allmählich eine innere Wandlung. Einen ersten Anstoss empfängt er am 4. Adventssonntag 1511 durch die Predigt des Dominikanerpaters Antonio de Montesinos. Dieser wirft den eingewanderten Grundbesitzern ihre Habsucht und Grausamkeit gegenüber den Indios vor, erinnert sie in herben Worten an ihre Christenpflichten. Wörtlich sagt er ihnen: «Ihr bringt die Indios um, nur damit ihr jeden Tag ihr Gold einsacken könnt. Wo bleibt denn eure Sorge um ihre Unterweisung im Glauben, wo euer Interesse, dass sie ihren Gott und Schöpfer kennenlernen?»<3>
Im Jahr 1514 gibt Las Casas seine und die vom Vater übernommenen Besitzungen auf, lässt seine eigenen Indios frei und beginnt immer entschiedener, gegen die Unterwerfung der angestammten Bevölkerung zu predigen. Er meldet sich als Priester im vor kurzem gegründeten kubanischen Ort «Sancti Spiritu». Da er das den Indios zugefügte Unrecht klar erkannt hat, fährt er zurück nach Spanien, um König Ferdinand und Kardinal Cisneros (1436­1517) darüber zu informieren und die Revision der betreffenden Gesetze in die Wege zu leiten. Dies gelingt ihm, und er reist wieder nach Neu-Spanien. Unerschrocken predigt er in Haiti, Guatemala und Mexiko gegen Unterdrückung und Ausbeutung, womit er den Zorn vieler Siedler heraufbeschwört und daher in einem Dominikanerkloster Schutz sucht. Diese Ordensleute unterstützen ihn im Kampf um Gerechtigkeit in der «Neuen Welt»; 1523 tritt er selber dieser Ordensgemeinschaft bei.
Mit seinen Ansichten tritt Las Casas jedoch auch in Widerspruch zu berühmten Theologen wie Francisco de Vitoria (1483­1546), der die Urbevölkerung für unmündig und daher unfähig hält, sich selber zu regieren, ferner von Johannes Maior (Ý 1555). Dieser in Paris lehrende Schotte ist wie selbst Thomas Morus (1478­1535) in seiner «Utopia» mit Aristoteles in dessen Werk «Über die Staatskunde» der Meinung, dass es Menschen gebe, die von Natur Sklaven, andere jedoch frei seien. So denkt auch der Jurist und grosse Gegenspieler von Las Casas, Ginés Sepúlveda, der den Krieg gegen die Indios sowie die Herrschaft über sie rechtfertigt. Ausserdem ist der «Bericht an die spanische Königin» von Kolumbus (1451­1506) bekannt, in dem dieser unter anderem schreibt: «Die Indios eignen sich gut zum Ausführen von Befehlen und zum Arbeiten... Man muss sie lehren, sich zu bekleiden und nach unseren Gebräuchen zu leben.» Gerade darin erkennt Las Casas die Ursache der schlechten Behandlung der Indios. Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung von graduellen Unterschieden zwischen den indianischen Ureinwohnern und den eingewanderten Kolonisatoren steht für ihn fest, dass alle Menschen Verstand, Wille und Entscheidungsfreiheit besitzen, daher grundsätzlich gleich sind. In dieser Einstellung unterstützt ihn auch die Bulle «Über die Menschenwürde der Indios» von Papst Pius III. aus dem Jahr 1540, der darin schreibt, dass die Indios «vernunftbegabte Wesen seien und daher keinerlei Glaubenszwang auf sie ausgeübt werden dürfe». Diese Überzeugung bildet wohl auch den Antrieb für seinen zeitlebens geführten Kampf für die Grundrechte der Indios, den er auf verschiedenen Ebenen führt: Da sind einerseits seine Predigten, andererseits die vielen Briefe, die er unter anderem an den «Rat für Westindien» (El Consejo de Indias) richtet, sowie Denkschriften, in denen die Untaten der Eroberer schonungslos beim Namen genannt werden.
Zweifellos ist es grossenteils sein Verdienst, dass 1542 «Die Neuen Gesetze» (Las Nuevas Leyes) promulgiert werden, die festlegen, dass die Indios freie Vasallen sind und keiner einem spanischen Christen unterstellt ist, wobei diese 1545 auf Druck der Kolonisatoren wieder abgeschwächt werden. Zudem verfasst Las Casas Schriften wie: «Bericht von der Zerstörung der Westindischen Länder»<4> und sein Hauptwerk «Die Geschichte Westindiens»<5>. Grossen Mut beweist er Ende November 1550 im Streitgespräch mit dem vorerwähnten, renommierten Juristen Ginés Sepúlveda in Valladolid in Anwesenheit des Königs Karl V. Vierzehnmal überquert er den Atlantik im Zusammenhang mit seinem Engagement für Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit in der «Neuen Welt». Befreiungstheologen wie Gustavo Gutiérrez und Leonardo Boff erachten ihn als einen überzeugenden Vorgänger im Kampf für die Armen.
Nachdem er die Ernennung zum Bischof von Cuzco ausgeschlagen hat, nimmt er anfangs 1544 aus Gehorsam jene zum Bischof von Chiapas an. Am 9. Juli schifft er sich ein, erreicht am 9. September Santo Domingo und betritt anfangs 1545 seine Diözese in Mexiko. Dort begegnet er jedoch so grosser Ablehnung seitens der spanischen Kolonisatoren, erlebt so zahlreiche Feindseligkeiten, dass seine Arbeit in mancherlei Hinsicht in solchem Masse behindert wird, dass er 1547 endgültig nach Spanien zurückzukehren beschliesst. Er selber sieht sich als Diener, legt daher 1551 sein Bischofsamt nieder und verbringt die letzten Jahre zurückgezogen im Kloster «Nuestra Señora de Atocha» in Madrid. Bis zu seinem Tode am 18. Juli 1666 wird er indessen am Hof als Berater geschätzt. Obwohl Las Casas wegen seiner Kritik an der spanischen Kolonisationspolitik bis heute in seinem Land umstritten ist, erkennen wir in ihm einen Vorkämpfer des «Völkerrechts». Er darf neben bedeutenden Sprachforschern, Architekten, Mystikern und Dichtern des spanischen 16. Jahrhunderts zu Recht genannt werden.
500 Jahre nach seiner ersten Überfahrt wurde am 2. Oktober 2002 in Sevilla die diözesane Phase des Seligsprechungsprozesses eröffnet.

 

Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe des romanischen Kulturraumes.


Anmerkungen

1 Reinhold Schneider, Las Casas vor Karl V., Frankfurt a.M. 1990, 122f.

2 Ed. Planeta, Barcelona 1991, 10.

3 Vgl. Gustavo Gutiérrez, ...unser Gott Jesus Christus zehntausendmal in Westindien ausgepeitscht und gekreuzigt, in: H. Häring und K.-J. Kuschel (Hrsg.), Gegenentwürfe, München 1988, 129­141, zit. 130.

4 Hrsg. von H.-M. Enzensberger, Frankfurt a.M. 1981.

5 «Historia de las Indias» hat Alianza Editorial, Madrid 1994, Bde. 1­3 (innerhalb der «Obras Completas» von Fray Bartolomé de Las Casas sind es die Bde. 3­5) herausgebracht.


© Schweizerische Kirchenzeitung - 2002