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Leitartikel |
Vater der Indianer» nennt man Bartolomé de Las Casas (14841566)
auch; und Reinhold Schneider lässt ihn in der denkwürdigen nächtlichen
Aussprache zu Karl V. sagen: «Gib die Indios frei; setze ihre Fürsten
wieder ein, deren Rechte ehrwürdig sind wie die deinen... Das soll
deine Tat sein, und sie wird nicht vergessen werden und dir und Spanien
ewigen Ruhm bringen; jetzt musst du es tun und zeigen, dass du allein Gottes,
nicht der Menschen und deines Reiches Diener bist...»<1>
Dabei hat dieser aus einem französischen Rittergeschlecht (Casaus)
stammende Las Casas keineswegs von Anbeginn Verständnis für die
Urbevölkerung der «Neuen Welt» bewiesen, nimmt er doch
nach seiner ersten Überfahrt 1502 im heutigen Haiti selber an Eroberungskriegen
teil. Ausserdem besitzt er zu diesem Zeitpunkt Ländereien, zu deren
Bewirtschaftung er, wie es üblich ist, Indianer und afrikanische Sklaven
einsetzt. Indessen ist Las Casas Landbesitzer und Kleriker. Er hat an der
damals berühmten Universität von Salamanca das Lizenziatsexamen
in Rechtswissenschaft abgelegt und ist später (1506 oder 1507) anlässlich
einer Romreise zum Priester geweiht worden.
Allerdings sehen wir in ihm zunächst eher einen Abenteurer, wie es
unzählige gab, die in der «Neuen Welt» ihr Glück suchten.
José Luis Olaizola lässt ihn in seinem Buch «Bartolomé
de Las Casas, crónica de un sueño» von sich bekennen:
«Es musste so sein, dass ich von Natur Indien im Blut hatte; denn
meine frühesten Erinnerungen beziehen sich darauf.»<2>
Zudem hat sein Vater Kolumbus auf dessen zweiter Reise begleitet und sah
ihn Bartolomé als Zehnjähriger von Sevilla fortsegeln, dahin
zurückkehren und bald zu einer neuen Seefahrt aufbrechen. Dass dies
in verschiedener Hinsicht abenteuerlich war, zeigt sich auch darin, dass
der Vater seine Frau und die vier Kinder dem Schicksal überliess, die
namentlich nach dem frühen Tod der Mutter ein sehr kümmerliches
Dasein fristeten.
Bartolomé de Las Casas aber vollzieht ganz allmählich eine innere
Wandlung. Einen ersten Anstoss empfängt er am 4. Adventssonntag 1511
durch die Predigt des Dominikanerpaters Antonio de Montesinos. Dieser wirft
den eingewanderten Grundbesitzern ihre Habsucht und Grausamkeit gegenüber
den Indios vor, erinnert sie in herben Worten an ihre Christenpflichten.
Wörtlich sagt er ihnen: «Ihr bringt die Indios um, nur damit
ihr jeden Tag ihr Gold einsacken könnt. Wo bleibt denn eure Sorge um
ihre Unterweisung im Glauben, wo euer Interesse, dass sie ihren Gott und
Schöpfer kennenlernen?»<3>
Im Jahr 1514 gibt Las Casas seine und die vom Vater übernommenen Besitzungen
auf, lässt seine eigenen Indios frei und beginnt immer entschiedener,
gegen die Unterwerfung der angestammten Bevölkerung zu predigen. Er
meldet sich als Priester im vor kurzem gegründeten kubanischen Ort
«Sancti Spiritu». Da er das den Indios zugefügte Unrecht
klar erkannt hat, fährt er zurück nach Spanien, um König
Ferdinand und Kardinal Cisneros (14361517) darüber zu informieren
und die Revision der betreffenden Gesetze in die Wege zu leiten. Dies gelingt
ihm, und er reist wieder nach Neu-Spanien. Unerschrocken predigt er in Haiti,
Guatemala und Mexiko gegen Unterdrückung und Ausbeutung, womit er den
Zorn vieler Siedler heraufbeschwört und daher in einem Dominikanerkloster
Schutz sucht. Diese Ordensleute unterstützen ihn im Kampf um Gerechtigkeit
in der «Neuen Welt»; 1523 tritt er selber dieser Ordensgemeinschaft
bei.
Mit seinen Ansichten tritt Las Casas jedoch auch in Widerspruch zu berühmten
Theologen wie Francisco de Vitoria (14831546), der die Urbevölkerung
für unmündig und daher unfähig hält, sich selber zu
regieren, ferner von Johannes Maior (Ý 1555). Dieser in Paris lehrende
Schotte ist wie selbst Thomas Morus (14781535) in seiner «Utopia»
mit Aristoteles in dessen Werk «Über die Staatskunde» der
Meinung, dass es Menschen gebe, die von Natur Sklaven, andere jedoch frei
seien. So denkt auch der Jurist und grosse Gegenspieler von Las Casas, Ginés
Sepúlveda, der den Krieg gegen die Indios sowie die Herrschaft über
sie rechtfertigt. Ausserdem ist der «Bericht an die spanische Königin»
von Kolumbus (14511506) bekannt, in dem dieser unter anderem schreibt:
«Die Indios eignen sich gut zum Ausführen von Befehlen und zum
Arbeiten... Man muss sie lehren, sich zu bekleiden und nach unseren Gebräuchen
zu leben.» Gerade darin erkennt Las Casas die Ursache der schlechten
Behandlung der Indios. Im Gegensatz zur verbreiteten Meinung von graduellen
Unterschieden zwischen den indianischen Ureinwohnern und den eingewanderten
Kolonisatoren steht für ihn fest, dass alle Menschen Verstand, Wille
und Entscheidungsfreiheit besitzen, daher grundsätzlich gleich sind.
In dieser Einstellung unterstützt ihn auch die Bulle «Über
die Menschenwürde der Indios» von Papst Pius III. aus dem Jahr
1540, der darin schreibt, dass die Indios «vernunftbegabte Wesen seien
und daher keinerlei Glaubenszwang auf sie ausgeübt werden dürfe».
Diese Überzeugung bildet wohl auch den Antrieb für seinen zeitlebens
geführten Kampf für die Grundrechte der Indios, den er auf verschiedenen
Ebenen führt: Da sind einerseits seine Predigten, andererseits die
vielen Briefe, die er unter anderem an den «Rat für Westindien»
(El Consejo de Indias) richtet, sowie Denkschriften, in denen die Untaten
der Eroberer schonungslos beim Namen genannt werden.
Zweifellos ist es grossenteils sein Verdienst, dass 1542 «Die Neuen
Gesetze» (Las Nuevas Leyes) promulgiert werden, die festlegen, dass
die Indios freie Vasallen sind und keiner einem spanischen Christen unterstellt
ist, wobei diese 1545 auf Druck der Kolonisatoren wieder abgeschwächt
werden. Zudem verfasst Las Casas Schriften wie: «Bericht von der Zerstörung
der Westindischen Länder»<4>
und sein Hauptwerk «Die Geschichte Westindiens»<5>.
Grossen Mut beweist er Ende November 1550 im Streitgespräch mit dem
vorerwähnten, renommierten Juristen Ginés Sepúlveda in
Valladolid in Anwesenheit des Königs Karl V. Vierzehnmal überquert
er den Atlantik im Zusammenhang mit seinem Engagement für Gleichheit,
Freiheit, Gerechtigkeit in der «Neuen Welt». Befreiungstheologen
wie Gustavo Gutiérrez und Leonardo Boff erachten ihn als einen überzeugenden
Vorgänger im Kampf für die Armen.
Nachdem er die Ernennung zum Bischof von Cuzco ausgeschlagen hat, nimmt
er anfangs 1544 aus Gehorsam jene zum Bischof von Chiapas an. Am 9. Juli
schifft er sich ein, erreicht am 9. September Santo Domingo und betritt
anfangs 1545 seine Diözese in Mexiko. Dort begegnet er jedoch so grosser
Ablehnung seitens der spanischen Kolonisatoren, erlebt so zahlreiche Feindseligkeiten,
dass seine Arbeit in mancherlei Hinsicht in solchem Masse behindert wird,
dass er 1547 endgültig nach Spanien zurückzukehren beschliesst.
Er selber sieht sich als Diener, legt daher 1551 sein Bischofsamt nieder
und verbringt die letzten Jahre zurückgezogen im Kloster «Nuestra
Señora de Atocha» in Madrid. Bis zu seinem Tode am 18. Juli
1666 wird er indessen am Hof als Berater geschätzt. Obwohl Las Casas
wegen seiner Kritik an der spanischen Kolonisationspolitik bis heute in
seinem Land umstritten ist, erkennen wir in ihm einen Vorkämpfer des
«Völkerrechts». Er darf neben bedeutenden Sprachforschern,
Architekten, Mystikern und Dichtern des spanischen 16. Jahrhunderts zu Recht
genannt werden.
500 Jahre nach seiner ersten Überfahrt wurde am 2. Oktober 2002 in
Sevilla die diözesane Phase des Seligsprechungsprozesses eröffnet.
Die promovierte Romanistin Rosmarie Tscheer ist als Schriftstellerin und Übersetzerin tätig und erschliesst auch in Vorträgen und Kursen das spirituelle Erbe des romanischen Kulturraumes.
1 Reinhold Schneider, Las Casas vor Karl V., Frankfurt a.M. 1990, 122f.
2 Ed. Planeta, Barcelona 1991, 10.
3 Vgl. Gustavo Gutiérrez, ...unser Gott Jesus Christus zehntausendmal in Westindien ausgepeitscht und gekreuzigt, in: H. Häring und K.-J. Kuschel (Hrsg.), Gegenentwürfe, München 1988, 129141, zit. 130.
4 Hrsg. von H.-M. Enzensberger, Frankfurt a.M. 1981.
5 «Historia de las Indias» hat Alianza Editorial, Madrid 1994, Bde. 13 (innerhalb der «Obras Completas» von Fray Bartolomé de Las Casas sind es die Bde. 35) herausgebracht.