41/2002 | |
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Leitartikel |
Diözesanversammlung im paraguayischen Bistum San Juan Bautista de
las Misiones, November 2001: «Heute, nicht morgen! Ich, und nicht
ein anderer!» So formuliert P. Joaquín in seinem Vortrag zum
Thema «Der Ort Jesu» in Kürzestform den allgemeinen Grundsatz
für christliches Handeln, den er aus den Worten und dem Leben Jesu
ableitet. Das Reich Gottes, so wie es Jesus verkündet, ist heute massgebend.
Mit dem Auftrag Jesu dürfen wir uns nicht einfach nach Lust und Laune
befassen. Sein Auftrag lässt sich nicht auf morgen verschieben und
auch nicht auf andere abwälzen. Er geht uns persönlich an.
Ausgehend von den Evangeliumstexten analysiert P. Joaquín in seinem
Vortrag die Worte und das Handeln Jesu in seiner Zeit und seinem sozial-politischen
Umfeld. Seine Analyse setzt er beim Lebensabschnitt von Jesus an, von dem
sehr wenig oder offenbar «nichts erwähnenswertes» bekannt
ist. P. Joaquín aber meint: «Aus den 30 ersten Lebensjahren
Jesu können wir als wichtigstes lernen, welches der Ort Gottes ist.»
Jesus sei 30 Jahre in Galiläa geblieben, wo die schwierige wirtschaftliche
Situation (Grossgrundbesitztum, Arbeitslosigkeit) zu viel Armut geführt
hat. P. Joaquín sagt: «30 Jahre lang blieb Jesus in Galiläa,
damit auch wirklich deutlich werde, dass der Ort Gottes der Arme ist. Jesus
wird bis zu seinem Tod unter den Armen bleiben. Er wird zu allen sprechen,
aber seine Füsse tragen ihn mitten unter die Armen, Kranken und Leidenden.
Wir können Jesus nur verstehen, wenn wir den Ort betrachten, den er
einnahm. Dies ist die wichtigste Botschaft und der Schlüssel zum Verständnis
all dessen, was Jesus getan hat. Es ist der Ort der Armen.» Jesus
wählt die Orte seines Handelns gut aus. Viele Leute folgen ihm, auch
wenn er sie aufruft, aus bewährten und sicheren Mustern auszubrechen
und die Ausgestossenen und Ausgegrenzten ins Zentrum zu stellen.
Zur konkreten Umsetzung des Vortrages von P. Joaquín im pastoralen
Bereich brauchten die Mitglieder der 40-köpfigen Diözesanversammlung
keine Anweisungen. In Paraguay, einem von Armut, politischer Unmündigkeit
und allgemeiner Korruption geprägten Land, gibt es mehr als genug Handlungsfelder,
in denen die Botschaft Jesu Anwendung finden muss. Alle Teilnehmerinnen
und Teilnehmer haben sich individuell und als Vertreterinnen und Vertreter
ihrer pastoralen Gremien dazu verpflichtet, sich für eine «angepasste
Verkündigung» des Wortes Gottes einzusetzen, das Gebet als spirituelles
Werkzeug in allen Lebenslagen zu pflegen und zu einer ethisch verantwortbaren
und so objektiv wie möglichen Wahrnehmung der Realität zu finden.
In allen öffentlichen Bereichen sind sie als Bürgerinnen und Bürger
bereit, für gegenseitige Hilfe und Solidarität unter den Armen
einzustehen und wenn nötig zu widersprechen. Diese, auf dem Wort Gottes
aufgebaute Praxis, soll für alle Paraguayerinnen und Paraguayer Ansporn
zu mehr Zivilcourage und Sinn für Gerechtigkeit und Menschenwürde
sein.
Als Werk der Weltkirche ist Missio überzeugt, dass diese Kirchenerfahrung
in Paraguay für Christinnen und Christen in der Schweiz Beispielwert
haben kann. Mit dem Slogan der diesjährigen Missio-Kampagne «Ich
mische mich ein» ist das persönliche Engagement für die
Gemeinschaft eines jeden herausgefordert. Das tägliche Leben ist gefüllt
mit Situationen, in denen Menschen verletzt, misshandelt, ausgebeutet oder
übergangen werden. Immer dann gehört es sich, sich einzumischen
und einzustehen für die Würde jedes einzelnen Menschen.
Christinnen und Christen in den Partnerkirchen auf der ganzen Welt mischen
sich ein. Der Weltmissionssonntag dazu gehört auch die Kollekte,
die Missio am 20. Oktober für die Weltkirche einzieht ist eine
gute Gelegenheit, sich auf die Universalität des gemeinsamen Auftrags
Jesu zu besinnen und in geistiger und materieller Solidarität den Einsatz
unzähliger Ortskirchen und deren Mitglieder weiterhin zu ermöglichen.
Martin Bernet ist Verantwortlicher für Missio in der Deutschschweiz und in Liechtenstein.