40/2002 | |
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Leitartikel |
Auf der Zweiten Ökumenischen Europäischen Versammlung in Graz
(1997) wurde unter anderem folgende Resolution verabschiedet: «Wir
empfehlen den Kirchen, die Bewahrung der Schöpfung als Bestandteil
des kirchlichen Lebens auf allen seinen Stufen zu betrachten und zu fördern.
Das könnte auch durch einen gemeinsamen Tag der Schöpfung geschehen,
wie er vom Ökumenischen Patriarchat gefeiert wird. Begründung:
Es kommt angesichts der ökologischen Problematik für die Zukunft
der Menschheit darauf an, in den Kirchen das Bewusstsein dafür zu wecken
und zu stärken, dass das Engagement für die Bewahrung der Schöpfung
kein beliebiges Arbeitsfeld neben vielen andern darstellt, sondern eine
wesentliche Dimension des kirchlichen Lebens ist.»<1>
Diese Empfehlung ist eine späte Antwort auf einen Vorschlag, den der
Ökumenische Patriarch Dimitrios I. bereits in einer am 1. September
1989 veröffentlichten Botschaft machte: «Therefore, we invite
through this our Patriarchal Message, the entire Christian world, to offer
together with the Mother Church of Christ, the Ecumenical Patriarchate,
every year on this day prayers and supplications to the Maker of all, both
as thanksgiving for the great gift of creation and as petitions for its
protection and salvation. At the same time we paternally urge on the one
hand the faithful in the world to admonish themselves and their children
to respect and protect the natural environment, and on the other hand all
those who are entrusted with the responsability of governing the nations
to act without delay taking all necessary measures for the protection and
preservation of natural creation.»<2>
Wie kann die Empfehlung von Graz im Leben der Kirchen umgesetzt werden?
Wie lässt sich die Verantwortung für Gottes Schöpfung im
Gottesdienst und insbesondere im Kirchenjahr verankern? Welcher Platz kommt
dabei dem Vorschlag des Ökumenischen Patriarchen zu?
Es ist offensichtlich, dass Gott der Schöpfer im so genannten Kirchenjahr keine zentrale Stelle einnimmt. Die grossen Feste im christlichen Kalender haben Gottes «grosse Taten» in Christus zum Inhalt: Kreuz und Auferstehung, die Ausgiessung des Heiligen Geistes und Christi Menschwerdung. Im Laufe eines Jahres feiert die Christenheit die grundlegenden Ereignisse der Offenbarung in Christus. Sie lässt sich aber zu keiner Zeit und an keinem Tag an Gott den Schöpfer erinnern. Das Kirchenjahr konzentriert sich fast ausschliesslich auf den zweiten und dritten Teil des christlichen Credo. Lässt sich dieser Zustand angesichts der ökologischen Krise aufrechterhalten? Ist nicht die Zeit gekommen, den Ablauf des Kirchenjahrs neu zu überdenken? Gewiss, der Glaube an «Gott, den Allmächtigen, Schöpfer Himmels und der Erden», wird bei allen Festen selbstverständlich vorausgesetzt. Wie könnte Epiphanias oder Trinitatis gefeiert werden, ohne auch Gottes des Schöpfers zu gedenken? Reicht diese Auskunft aber aus? Angesichts der Kritik, dass die jüdisch-christliche Tradition wesentlich zu dem heutigen zerstörerischen Umgang mit der Natur beigetragen habe, erheben sich immer mehr Stimmen, die auf eine Reform des Kirchenjahrs drängen. Denn wenn sich auch zeigen lässt, dass die Kritik auf einer voreingenommenen Interpretation der biblischen Texte beruht, gibt doch die Abwesenheit Gottes des Schöpfers in der Folge der christlichen Feste zu denken. Wenn es zutrifft, dass nicht die Lehre, sondern der Gottesdienst das Bewusstsein der Gläubigen in erster Linie prägt, muss der Glaube an den Schöpfer Himmels und der Erde eigenständigen Ausdruck erhalten. Der gesamte Inhalt des Credo muss gottesdienstlichen Ausdruck finden.
Die Folge der christlichen Feste ist eingebettet in den Wechsel der Jahre.
Mit jedem Jahr schliesst sich der Kreis und beginnt von Neuem. Das Kirchenjahr
hat insofern den Rhythmus der Natur zum Rahmen. Die Feste haben aber nicht
den Rhythmus der Natur zum Inhalt, sondern erinnern an die Ereignisse, die
mit Gottes Offenbarung in Christus verbunden sind. Im Zyklus der Jahre wird
die geschichtliche Wende vergegenwärtigt, die mit Christus eingetreten
ist.
Diese Tendenz lässt sich bereits in Israel beobachten. Die grossen
Feste, die Israel feierte, waren ursprünglich im Zyklus der Natur verankert.
Das Passahfest stammt aus der Nomadenzeit; es war ein Frühlingsfest,
an dem erste Lämmer dargebracht wurden. Drei andere Feste haben ihren
Ursprung im kanaanäischen Kontext und hatten mit der Bebauung des Bodens
zu tun: a) das Fest der Mazzen, das heisst der ungesäuerten Brote,
wurde bei der Einbringung der Gerste gefeiert; b) das Fest der Weizenernte,
Schawuot, wurde sieben Wochen nach dem Mazzenfest gefeiert und darum auch
Wochenfest genannt, und c) das Laubhüttenfest, Sukkot, war das Fest
der Wein- und Obsternte und konnte auch einfach das Fest genannt werden.
Vor allem in den Festbräuchen ist die ursprüngliche Bedeutung
dieser Feste noch erkennbar. Am Mazzenfest wurde eine Erstlingsgarbe geweiht
und am Wochenfest Erstlingsbrote dargebracht. Die Verwendung von Zweigen
am Laubhüttenfest geht auf ein in Wein- und Obstgärten gefeiertes
Lesefest zurück.
Alle diese Feste wurden aber in Israel neu gedeutet. Am Passahfest wurde
des Auszugs aus Ägypten gedacht. Auch das Mazzenfest und das Laubhüttenfest
standen im Dienste dieser Erinnerung. Der Gebrauch von Mazzen wurde jetzt
damit erklärt, dass die Israeliten, von den Ägyptern zu schleunigem
Abzug gedrängt, keine Zeit hatten, den sonst jeden Morgen zubereiteten
Brotteig zu säuern und ihn so am ersten Rastort zu ungesäuerten
Broten verbacken mussten (Ex 12, 34,39). Das Laubhüttenfest soll nach
Jahwes Gebot gefeiert werden, damit «eure Nachkommen erfahren, dass
ich die Israeliten in Hütten habe wohnen lassen, als ich sie aus dem
Lande Ägypten herausführte, ich, der Herr, euer Gott» (Lev
23, 3943). Das Wochenfest wurde in späterer Zeit als Fest der
Erinnerung an die Sinai-Offenbarung verstanden.
Das heisst nicht, dass Israel damit den Bezug zur Schöpfung verloren
hätte. Grundlegend für das Bewusstsein Israels war die alle sieben
Tage sich wiederholende Feier des Sabbats. Was immer der Ursprung dieses
Ruhetags war, wurde er im Laufe der Geschichte Israels mit Gottes Schöpfung
in Verbindung gebracht. «Denn in sechs Tagen hat der Herr Himmel und
Erde gemacht und das Meer und alles was darinnen ist; und er ruhte am siebenten
Tag; darum segnete der Herr den Sabbattag und heiligte ihn» (Ex 20,11).
Der Sabbat war ein Ruhetag, nicht nur für Menschen und Vieh, sondern
zugleich auch für die Erde. Die Ausdehnung des Sabbatrhythmus auf Sabbat-
und Halljahre macht dies besonders deutlich. Im siebenten Jahr kam dem Land
eine «hohe Feierzeit» zu; es durfte weder gesät noch geerntet
werden (Lev 25,4). Aber auch die im Lichte der geschichtlichen Erfahrung
neu gedeuteten Feste verloren ihre Verankerung im Zyklus der Natur nicht
ganz. Wie hätten Erstlingsgaben dargebracht werden können, ohne
des Schöpfers zu gedenken?
Die geschichtliche Deutung der Feste setzte sich in der christlichen Kirche
fort. Das von jetzt an alles bestimmende Ereignis war die Auferstehung Christi.
In den christlichen Gemeinden setzte sich der Brauch durch, am Abend des
ersten Tags der Woche, das heisst am Tage von Christi Auferstehung, zur
Feier des Brotbrechens zusammenzukommen. Schrittweise zog dieser Tag der
Auferstehung, der Herren- oder Sonnentag, die Tradition des Sabbats an sich.
Der Sabbat verschob sich für die Christenheit vom Samstag auf den Sonntag.
Damit veränderte sich aber auch seine Bedeutung. Der zentrale Inhalt
des Tages war jetzt die Feier von Christi Sieg über den Tod. Die Gemeinde
versammelte sich, um mit Wort, Gebet und Mahl die Gegenwart des Herrn zu
feiern und auf seine Wiederkunft zu warten. Der Bezug auf die Schöpfung
trat in den Hintergrund. Gewiss war im Herrenmahl auch ein Hinweis auf die
Schöpfung angelegt. Brot und Wein konnten als Gottes Gaben verstanden
werden. Die primäre Bedeutung des gemeinsamen Mahls war aber die Gemeinschaft
mit Christi Kreuz und Auferstehung.
Die jüdischen Feste wurden zum Teil nicht mehr begangen oder durch
christliche Feste abgelöst. Der Bezug zur Schöpfung, der in ihnen
noch vorhanden war, ging damit verloren.
Das Kirchenjahr, wie wir es heute kennen, ist das Ergebnis einer langen
und komplizierten Entwicklung. Es ist ein Gebäude, das nicht in einem
Anlauf entstanden ist. Es ist darum auch nicht ein in jeder Hinsicht stimmiger
Bau, sondern spiegelt Vorstellungen und Perspektiven verschiedener Epochen
wider. «Unterschiedliche Zeitebenen und Zeitkreise, konkurrierenden
Kalendern und ihren Zyklen verpflichtet, überlagern sich, ergeben in
der Summe ein höchst komplexes Gefüge von Daten, Begehungen, Festen
und Festzeiten ein verwirrend-kunstvoll geschichtetes architektonisches
Gebilde.»<3> Die Trennung der Kirchen
führt zu unterschiedlichen Ausprägungen des Kirchenjahrs. Jede
konfessionelle Tradition weist Eigenarten auf. In erster Linie gehen Ost
und West getrennte Wege, aber auch die Trennung, die mit der Reformation
des 16. Jahrhunderts eintritt, hat Besonderheiten zur Folge. Die Verständigung
unter den Konfessionen in der Ordnung des Kirchenjahrs ist darum keineswegs
selbstverständlich.
Verschiedene Kreise bestimmen den Grundriss des Baus. Der erste Kreis ist
die Folge der Sonntage. So wie für Israel ist auch für die Kirche
die Einheit von sieben Tagen massgebend. Sie ist grundlegend für das
Kirchenjahr.
An zweiter Stelle ist der Osterkreis zu nennen. Ostern, das Fest der Auferstehung,
ist das erste christliche Fest, das jährlich gefeiert wurde. Um Ostern
herum entwickeln sich zu verschiedenen Zeiten weitere Feste: vor Ostern
die Fastenzeit, der Palmsonntag mit der Karwoche, vor allem der Karfreitag,
nach Ostern die Osterzeit mit Himmelfahrt und Pfingsten und um die Jahrtausendwende
als Zusammenfassung die Feier der Trinität. Ostern wird am ersten Sonntag,
der auf den ersten Vollmond nach Frühjahrs-Tagundnachtgleiche folgt,
gefeiert und ist darum variabel. Mit Ostern wechseln alle Daten des Osterkreises.
Der dritte Kreis, der Weihnachtskreis, wird durch zwei Feste bestimmt
das Fest der Geburt Christi und Epiphanias am 6. Januar. Im Gegensatz zu
Ostern wurde Weihnachten auf ein Datum im solaren Kalender festgelegt, ist
darum nicht variabel und fällt auch nicht jedes Jahr auf einen Sonntag.
Da Weihnachts- und Osterkreis auf unterschiedlichen Berechnungen beruhen,
ergeben sich zwischen ihnen von Jahr zu Jahr unterschiedliche Zeitabstände.
Sowohl die Zahl der Sonntage zwischen Epiphanias und dem Beginn der Fastenzeit
als auch diejenige zwischen Pfingsten und dem Beginn des Advents variiert.
Über das Jahr verteilt sind im Kirchenjahr weitere Feste angesiedelt,
einige lose mit den grossen Kreisen verknüpft, andere wie das Fest
der Verklärung (am 6. August) ohne sofort ersichtlichen Zusammenhang
mit ihnen. Einige Feste wie der Reformationssonntag sind Gedenktage, andere
wie das Neujahrsfest sind durch den zivilen Kalender fixiert.
Der vierte Kreis sind die Tage der Heiligen. Schon in früher Zeit setzte
sich der Brauch durch, der «Wolke der Zeugen» an bestimmten
Tagen des Jahres zu gedenken. Die Listen der Heiligen sind nicht in allen
Kirchen dieselben. Sie sind unterschiedlich in Ost und West. In den Kirchen
der Reformation verlor der Kalender durch die Verwerfung der Heiligenverehrung
weitgehend seine Bedeutung. Die Tage der Heiligen wurden zu blossen «Gedenktagen»
oder gerieten überhaupt in Vergessenheit.
So unumstösslich die grundlegenden Kreise im Leben der Kirche verankert
sind, ist doch das Kirchenjahr keine endgültig abgeschlossene Ordnung.
Das Gebäude befindet sich im Bau. Jedes Jahrhundert leistet seinen
Beitrag. Feste, die zu einer bestimmten Zeit unverrückbar schienen,
treten in den Hintergrund, andere werden neu hinzugefügt. Auswüchse,
die sich entwickelt haben, werden durch radikale Reformen beseitigt, am
radikalsten in der Zeit der Reformation. Sanftere Reformen, wie zum Beispiel
diejenige des Zweiten Vatikanischen Konzils, suchen Unstimmigkeiten zu beseitigen
und die Ordnung transparenter zu machen.
Der Versuch, in das Kirchenjahr eine Zeit einzufügen, die in besonderer
Weise dem Lob des Schöpfers und der Schöpfung dient, ist darum
legitim.<4> Warum sollte die Kirche angesichts
der ökologischen Krise nicht dafür sorgen, dass ihr Bekenntnis
zu Gott dem Schöpfer auch in ihrem liturgischen Leben deutlicheren
Ausdruck findet? Einzelne Kirchen haben bereits Schritte in diese Richtung
unternommen. In zahlreichen Kirchen besteht vor allem in ländlichen
Gebieten die Tradition des Erntedankfestes. Da und dort werden heute
Versuche unternommen, diese Tradition neu zu beleben. In der römisch-katholischen
Kirche spielt der Tag des Heiligen Franz von Assisi am 4. Oktober eine zunehmende
Rolle. In immer weiteren Kreisen wird das Bedürfnis empfunden, Gottes
Schöpfung und ihre Bewahrung im Gottesdienst zum ausdrücklichen
Thema zu machen.
Besondere Bedeutung kommt dem Vorschlag des Ökumenischen Patriarchen
zu, den 1. September als Tag der «Danksagung für die grosse Gabe
der Schöpfung und der Bitte für ihre Bewahrung und Befreiung»
zu feiern. Was steht hinter der Wahl dieses Datums?
Für die orthodoxen Kirchen ist der 1. September der Beginn des Kirchenjahrs.
Diese Regelung hat eine lange Tradition. Sie geht zurück auf die Zeitzählung
im byzantinischen Kaiserreich. Sie erfolgte aufgrund von Indiktionen. Indiktionen
sind Perioden einer bestimmten Anzahl von Jahren. In offiziellen Dokumenten
wurden jeweils die Indiktion und das Jahr innerhalb der Indiktion angegeben.
Dieses System der Datierung wurde unter Kaiser Diokletian im Jahre 297/98
eingeführt und von Kaiser Justinian I. 462/63 für obligatorisch
erklärt<5>. Die Jahre begannen zuerst
am 23. September, später seit der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts
am 1. September. Die Länge einer einzelnen Indiktion betrug zuerst
fünf und später 15 Jahre. Nach Ablauf dieser Zeit begann die folgende
Indiktion. Auch die Kirche folgte dieser Zeitzählung. Der Beginn jedes
einzelnen Jahres und insbesondere einer neuen Indiktion wurde feierlich
begangen. In Konstantinopel wurde das Jahr der Indiktion durch den Patriarchen
angekündigt. Nach der Feier der Liturgie in der Hagia Sophia versammelten
sich der Patriarch und die Mitglieder des Heiligen Synod in einer grossen
Halle. Nach Gebeten und liturgischen Hymnen nannte der Patriarch das neue
Jahr und erteilte allgemeine Absolution. Er bestätigte dann durch seine
Unterschrift unter das offizielle Dokument den Beginn des neuen Jahres.<6>
Diese Tradition verlor mit dem Ende des byzantinischen Reiches ihre praktische
Bedeutung. Die Kirche behielt das Datum aber bei. Bis zum heutigen Tag wird
in den orthodoxen Kirchen der 1. September als Beginn des Jahres gefeiert.
Das Fest hat allerdings im Leben der Kirche keine tragende Bedeutung. Das
Jahr wird nicht durch den Beginn am 1. September strukturiert.<7>
Das Fest gehört zu den Relikten, die aus vergangenen Kalendern stammen.
Der Ökumenische Patriarch geht denn in seiner Botschaft auf die überlieferte
Bedeutung des Tages kaum ein; er beschränkt sich darauf, sie ohne weitere
Erklärung zu erwähnen.
So ist der Vorschlag des Patriarchen als Versuch zu verstehen, ein Fest,
das seine Bedeutung weitgehend verloren hat, mit neuem Inhalt zu füllen.
Das Kirchenjahr soll mit der Besinnung auf Gott den Schöpfer, die Gabe
seiner Schöpfung und unsere Verantwortung vor ihm und gegenüber
unseren Mitgeschöpfen beginnen.
Wie kann der Lobpreis des Schöpfers im Gottesdienst verstärkt
werden? Welche Neuansätze sind im Rahmen des Kirchenjahrs möglich?
Das wichtigste Element ist ohne Zweifel der Sonntag. Zu Unrecht ist die
Beziehung des Sabbats/Sonntags zur Schöpfung in den Hintergrund getreten.
Kein Zweifel, der zentrale Inhalt des Sonntags sind Christi Auferstehung
und der Sieg über den Tod. Der Sonntag ist in gewissem Sinne ein Osterfest
im Kleinen. Dieser neue Inhalt muss aber keineswegs als Gegensatz zu der
im Alten Testament überlieferten Bedeutung des Sabbats als Ruhetag
in Analogie zu Gottes Schöpfung in sieben Tagen verstanden werden.
Gottes neue Welt ist die Erfüllung der Schöpfung. Als Gottes Geschöpfe
preisen wir den Schöpfer, der diese Welt ins Leben gerufen hat und
erhält, der sich um seine Geschöpfe kümmert und ihnen ihre
Speise gibt zu seiner Zeit, der dem Tod ein Ende bereitet und sein Reich
anbrechen lässt. Der Sonntag erinnert uns an unsere Verantwortung gegenüber
Mitmenschen und allen Mitgeschöpfen. Er setzt der blinden Tätigkeit
Schranken und lässt uns einen Schritt zurücktreten, um uns vor
Gott und seiner Schöpfung neu zu erkennen. Der Sonntag ist eine Kritik
an der menschlichen Selbstentfaltung, die den Zugang zu Gottes neuer Welt
versperrt.
Ist aber im Kirchenjahr nicht auch Platz für besondere Tage der Schöpfung
oder vielleicht noch angemessener eine Zeit, in der Gottes des Schöpfers
besonders gedacht wird? Ist es nicht sinnvoll, den 1. September, den Erntedank
oder den 4. Oktober zu feiern? Ein gewisses Malaise stellt sich fast unwillkürlich
ein. In den letzten Jahrzehnten haben zahlreiche neue Sonntage in die Kirchen
Einzug gehalten, die an besondere ethische Verpflichtungen erinnern
der Flüchtlingstag, der Tag der Behinderten, der Menschenrechtstag
und Ähnliches mehr. So etwas wie ein zweites, ethisch orientiertes
Kirchenjahr hat sich herausgebildet. Soll die Reihe dieser Tage durch einen
Sonntag der ökologischen Verantwortung erweitert werden?
Es geht aber um mehr als einen zusätzlichen Sonntag. Es geht darum,
einem grundlegenden Teil des christlichen Bekenntnisses deutlicheren Ausdruck
zu verschaffen. Die Aufgabe ist, zu zeigen, dass um mit der Zweiten
Europäischen Ökumenischen Versammlung zu reden «das
Engagement für die Bewahrung der Schöpfung kein beliebiges Arbeitsfeld
neben vielen andern ist, sondern eine wesentliche Dimension des kirchlichen
Lebens darstellt».
Es mag aus diesem Grunde angemessener sein, nicht einen Tag, sondern eine
Zeit der Schöpfung vorzusehen. Sie könnte mit dem 1. September
oder dem Sonntag, der auf den 1. September folgt, beginnen und bis zum 4.
Oktober oder dem Sonntag, der auf den 4. Oktober folgt, dauern. Tage, die
verschiedenen Traditionen angehören, würden auf diese Weise zu
einem Ganzen vereinigt. In diese Zeit fällt in manchen Teilen der Welt
auch das Erntefest. Eine solche Zeit der Schöpfung würde sich
unerzwungen in das bestehende Kirchenjahr einfügen. Bevor die memoria
der grossen Heilsereignisse von der Geburt bis zur Ausgiessung des Heiligen
Geistes beginnt, würden wir an den Gott, die Quelle alles Lebens, erinnert.
Und nachdem wir durch die Folge der grossen Taten Gottes geführt worden
sind, würden wir wiederum zurückgeführt zu dem Gott, der
alle Zeiten umspannt.
Eine Schwierigkeit mag dadurch entstehen, dass diese Zeit in der nördlichen
und südlichen Hemisphäre in unterschiedliche Jahreszeiten fällt.
Wenn in Europa geerntet wird, bricht in Argentinien, Südafrika und
Australien das Frühjahr an. Ist aber die memoria des Schöpfers
von Jahreszeiten abhängig? Sie kann sich genau so an das «Werden»
der Natur wie an ihr «Vergehen» anschliessen. So wenig wie Weihnachten
an den Winter und Ostern an das Frühjahr gebunden sind, ist der Lobpreis
des Schöpfers mit einer bestimmten Jahreszeit verknüpft. Es werden
einzig in der Meditation andere Aspekte in den Vordergrund treten müssen.
Eine Zeit der Schöpfung im Kirchenjahr! Diese Ordnung hätte
den Vorzug, dass sie den Glauben an Gott den Schöpfer mit dem Ganzen
des Credo verbindet. Wenn heute von ökologischer Verantwortung die
Rede ist, entsteht leicht der Eindruck, dass es sich um eine neue und dazu
noch politische Aufgabe handle. Noch immer ist für viele Christen nicht
klar, dass es dabei um einen Imperativ des christlichen Glaubens geht. Der
heutige Umgang mit den Gaben der Schöpfung kommt einer Leugnung Gottes
gleich. Jede Isolierung dieser Verantwortung vom Ganzen des Glaubens ist
darum eine Verharmlosung.
Die Zeit der Schöpfung legt den Grund für ein vertieftes Verständnis
von Weihnachten, Ostern und Pfingsten. Die Struktur des Credo wiederholt
sich im Kirchenjahr. Gott der Schöpfer Himmels und der Erde ist die
Voraussetzung und der Hintergrund all dessen, was folgt. Gott geht durch
die Menschwerdung in diese Schöpfung ein, er lässt durch die Auferstehung
neues Leben aufbrechen und giesst die Gabe des Geistes über Menschen
und über die gesamte Schöpfung aus. Durch die Zeit der Schöpfung
wird ein vertieftes Verständnis der Trinität Vater, Sohn
und Heiliger Geist ermöglicht.
Die Zeit der Schöpfung ist zugleich Beginn und Ende des Kirchenjahrs.
Indem wir uns auf den Schöpfer besinnen, werden wir auch auf Gottes
neue Schöpfung hingewiesen. Gottes Schöpfung lässt sich letztlich
losgelöst von der Vollendung in Christus nicht verstehen. Über
dem Horizont dieser Schöpfung leuchtet von Anfang an Gottes Reich auf.
In der Zeit der Schöpfung feiern wir darum sowohl den Ursprung als
auch die Vollendung Alpha und Omega.
Vor allem aber ruft uns die Zeit der Schöpfung in Erinnerung, dass
wir Geschöpfe unter Geschöpfen sind. Sie gibt uns Gelegenheit,
darüber nachzudenken, wie wir mit Gottes Gaben umgegangen sind und
umgehen werden. Sie gibt der Kirche Gelegenheit, einen neuen verantwortlicheren
Lebensstil einzuüben. In der Botschaft des Ökumenischen Patriarchen
heisst es sehr eindringlich: «We must attempt to return to a proper
relationship with the Creator and the creation. This may well mean that
just as a shepherd will in times of greatest hazard, lay down his life for
his flock, so human beings may need to forgo part of their wants and needs
in order that the survival of the natural world can be assured. This is
a new situation a new challenge. It calls for humanity to bear some
of the pain of creation as well as to enjoy and celebrate it. It calls first
and foremost for repentance but of an order not previously understood
by many.» Wenn eine Zeit der Schöpfung einen Beitrag zu dieser
Umkehr leistet, hat sie ihre Aufgabe erfüllt.
Der evangelisch-reformierte Theologe Lukas Vischer war viele Jahre Direktor der Abteilung für Glauben und Kirchenverfassung des Ökumenischen Rates der Kirchen und dann Professor an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Bern.
1 Versöhnung, Gabe Gottes und Quelle des Lebens. Dokumente der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung in Graz 1997, Graz 1998, 57.
2 Message of His All-Holiness the Ecumenical Patriarch Dimitrios on the Day of the Protection of the Environment, in: Orthodox and the Ecological Crisis, 1990.
3 Karl-Heinrich Bieritz, in: Hans-Christoph Lauber und Karl-Heinrich Bieritz (Hrsg.), Handbuch der Liturgik, Leipzig und Göttingen 1995, 453.
4 AaO. 487.
5 Corpus Iuris civilis, Nov. 47,2.
6 V. Grumel, Indiction, in: New Catholic Encyclopedia, New York 1967, vol. 7, 466468.
7 «The idea of the year as a unit and as a real time within which the church dwells for the purpose of its fulfilment is so weak that the Byzantine list of months begins with September, a month which in our present calendar has no special liturgical Ðsignificanceð whatever», Alexander Schmemann, Introduction to liturgical theology, London 1966, 136.
Im Rahmen des Projektes «Bibel+Orient Museum» wurde vom Departement für Biblische Studien der Universität Freiburg unter dem Titel «Im Schatten Deiner Flügel» eine Ausstellung über Tiere in der Bibel und im Alten Orient realisiert. Zurzeit ist sie in den Staatlichen Sammlungen ägyptischer Kunst in München zu sehen, und ab 8. November 2002 wird sie im Naturmuseum St. Gallen zu sehen sein. Zur Ausstellung erschien ein Katalog, in dem alle ausgestellten Objekte farbig abgebildet und von Fachleuten kommentiert sind. Mit seinen thematischen Aufsätzen ist dieser Ausstellungskatalog indes weit über den unmittelbaren Anlass seiner Entstehung hinaus allen an biblischer Kultur Interessierten zum Studium zu empfehlen.1
1 Othmar Keel/Thomas Staubli, «Im Schatten Deiner Flügel». Tiere in der Bibel und im Alten Orient. Mit Beiträgen von Susanne Bickel, Ingrid Glatz, Hildi Keel-Leu, Max Küchler, Madeleine Page Gasser, Silvia Schroer, Ursula Seidl und Christoph Uehlinger, Universitätsverlag, Freiburg Schweiz 2001, 96 S., 125 Abb.