39/2002 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Mit dem in diesem Herbst beginnenden Einführungsjahr für Priesteramtskandidaten liegt ein Konzept vor, das der Erprobung bedarf andernorts aber immerhin zum Teil seit Jahren mit guten Resultaten praktiziert wird. Ermutigt und inspiriert von diesen Erfahrungen war mir darüber hinaus von Anfang
an der Kontakt und ein partielles Zusammengehen mit dem Theologenpaar Petra und Thomas Leist, das seit vergangenem Herbst das Mentorat für die Laientheologen und Laientheologinnen des Bistums Chur innehat, wichtig. So ist ein Einführungsjahr für Priesteramtskandidaten entstanden, das mit der gemeinsamen «Informationswoche» vom kommenden 7. bis 12. Oktober beginnt, die nicht zuletzt dem gegenseitigen Kennenlernen all jener gilt, die sich auf den Weg des Theologiestudiums und eines kirchlichen Dienstes begeben wollen.
Danach folgt ein «Erfahrungssemester», welches die Priesteramtskandidaten in vielerlei Begegnungen bringen wird; zunächst einmal mit der eigenen Lebens- und Glaubensgeschichte. Diesen ersten Fundort menschlich-religiöser Prägungen und Erfahrungen gilt es offen und aufmerksam anzuschauen und auch im Gespräch aufzuarbeiten. Der nachfolgende Bibelmonat wird vertieft mit jenem höchst «mitteilsamen Gott» (Meister Eckhart) in Berührung bringen, der das Gespräch mit uns Menschen sucht. Und diesem Gespräch mit Ihm
gilt dann die besondere Beachtung im folgenden Gebetsmonat, der mit den Exerzitien vor Weihnachten endet. Zum Praxismonat im neuen Jahr gehören Begegnungen mit verschiedenen Menschen in der Seelsorge wie auch das Erleben und gemeinsame Reflektieren eines Sozialeinsatzes. Nach diesem ersten Stück gemeinsamen Lebens- und Glaubensweges wird das Sommersemester schwergewichtig das Erlernen einer biblischen Sprache (Griechisch) ermöglichen. Dazu kommt in psychologischer Begleitung die Klärung und Vertiefung der persönlichen Motivation und Eignung für ein theologisches Studium und den späteren pastoralen Dienst. Die Teilnahme an diesem dritten Modul, dem so genann-
ten «Vorbereitungssemester», innerhalb des Einführungsjahres für Priesteramtskandidaten ist auch für Laientheologen und Laientheologinnen möglich. Schliesslich wird im September 2003 eine gemeinsame «Begegnungswoche» stattfinden, welche noch einmal der Klärung der jeweiligen Berufung als Priester/Laientheologe bzw. Laientheologin dienen soll.
Was aber soll und kann ein solches Einführungsjahr «leisten»? Mit dem Begriff der «Ein-führung» ist bereits ein wesentliches Moment angesprochen. Es geht um Führung (nicht Engführung) im Sinne einer gezielten Hilfestellung und Begleitung im Bereich der menschlichen Reifung, des christlichen Glaubens und des spezifischen Dienstes als Priester oder Laientheologe/Laientheologin. Diese drei Bereiche sind für den gesamten Verlauf der theologischen Ausbildung und die zukünftige Berufsausübung grundlegend und kommen durch den akademischen Studienweg nicht «automatisch» zur Entfaltung noch können sie diesem allein auch noch aufgetragen werden. Hierbei gilt es zu berücksichtigen, dass auch die an einem kirchlichen Beruf Interessierten teilhaben am gesellschaftlich und kirchlichen Umbruch, in dem die intakte Familie, das Engagement in einer Gemeinde und die Weitergabe des Glaubens nicht mehr selbstverständlich, ja oft die Ausnahme geworden sind.
Angesichts einer wachsenden Zahl solchermassen Suchender ist «Ein-führung» gefragt, am besten in der Form eigener Erfahrungen in Gemeinschaft mit anderen. Tatsächlich ist mit dem Begriff «Erfahrung» ein weiteres, wichtiges Kennzeichen für das Projekt Einführungsjahr angesprochen. Vom Pastoraltheologen P.M. Zulehner stammt die Formulierung: «...Weniger Worte, mehr Orte!» Damit trifft er wohl ein tiefes Zeitbedürfnis, eine menschliche Sehnsucht und zugleich eine tiefe Wahrheit christlicher Einweisung und Jüngerschaft; nicht Gelehrten-Worte, sondern Erfahrungs-Orte sind gefragt, wo christliches Leben und Glauben in Gemeinschaft mit anderen erlebt und eingeübt werden kann. Diesem Anliegen bzw. eben diesem Erfahrungs-Hunger vieler (junger) Menschen heute soll in diesem Einführungsjahr Raum gegeben werden.
So ist das Einführungsjahr nicht einfach eine Studienverlängerung um ein Jahr. Vielmehr bietet es Raum und Zeit, die Entscheidung zum Christsein zu vertiefen und so die weitere Grundentscheidung für den Priesterberuf bzw. für den Berufsweg als Laientheologe/Laientheologin vorzubereiten. Bibel- und Gebetsmonat, Glaubens- und Praxisschule verbunden mit begleiteter Klärung persönlicher Motivation und Eignung bieten diesbezügliche Lernfelder.<1>
Stefan Staubli ist Priester in einer Pfarrei und verantwortlicher Leiter für das Einführungsjahr für Priesteramtskandidaten im Bistum Chur.
1 Für weitere Informationen, genauere Angaben und Inhalte wende man sich ungeniert an folgende Adressen: Stefan Staubli, Einführungsjahr Priesteramtskandidaten, stefan.staubli@bluewin.ch, Telefon 0812524380; Petra und Thomas Leist, Mentorat der Laientheologen/-theologinnen, mentoratleist@aol.com, Telefon 014919500.