38/2002 | |
INHALT | |
Leitartikel |
Psalm 63 in der hebräischen Fassung umschreiben wir mit: Gott hat
in meinem Leben Vorrang.<1> Wir haben einen
wohl spätvorexilischen Psalm vor uns (um 600 v. Chr.). Möglicherweise
stammt er aus Kreisen der deuteronomischen Bewegung (vgl. V. 9: hangen,
anhangen). Er könnte das Gebet eines Königs sein. Das legen die
wohl nachträglich angefügten Verse 11 und 12 nahe: «11 Sie
übergeben ihn der Schneide des Schwertes. Eine Beute der Schakale werden
sie [aber selber]. 12 Der König aber freut sich über den Herrn.
Es lobt sich jeder, der bei ihm schwört. Denn geschlossen wird der
Mund der Lügner.» Wir stellen einen Wechsel des Subjekts fest.
Es ist die Rede von «ihn», dann vom «König».
Eine Drittperson, ein Statist ist der Sprecher. Er hält fest, dass
Feinde «ihn», gewiss den König des Volkes Gottes beseitigen
wollen; dass sie nun aber selber die Beute der Schakale werden. Dagegen
kann sich der verfolgte König über den Herrn, über die Hilfe
des Herrn freuen. Das böse Gerede nimmt ein Ende. Er sieht sein Gottvertrauen
und Gottsuchen (vgl. die Verse 110) belohnt.
Dieser Nachtrag zum Gebet des Königs wird vom Übersetzer nicht
ganz verstanden. Die griechische Fassung lautet daher: «Übergeben
werden sie der Schneide des Schwertes. Eine Beute der Schakale werden sie.»
Den Übersetzer stört das Pronomen «ihn» in Vers 11.
Er wünscht einen geschmeidigen Übergang von Vers 10 zu Vers 11.
Daher wandelt er das Pronomen auf «sie» ab und bezieht es damit
auf die Feinde des Königs. Damit fällt der Gegensatz in Vers 11
weg: Sie übergeben ihn...jetzt aber werden sie selber...
Die Verse 210 bilden den Hauptteil von Ps 63. Im Kern ist dieser Teil
ein Bekenntnis der alles überragenden Treue (.haesaed) Gottes. Innerhalb
dieses Bekenntnisses bildet Vers 4 den Höhepunkt: Denn das Gute am
Leben ist deine Treue, [daher] feiern dich meine Lippen. Diese Treue Gottes
ist denn auch der Grund für die grosse Sehnsucht nach Gott, die in
den Versen 2, 3 sowie 7 zum Ausdruck kommt.
Doch bleiben wir noch bei Vers 4. In der Einheitsübersetzung lesen
wir: Denn deine Huld ist besser als das Leben. Das ist missverständlich.
Sollte das bedeuten, die Treue Gottes sei dem Leben vorzuziehen, würde
die Auslegung dem ursprünglichen Gedanken wohl nicht gerecht. Denn
das Leben ist gleichsam der Raum, die Voraussetzung für die Erfahrung
der Treue Gottes, infolgedessen die Voraussetzung für das Gotteslob.
Im Bereich des Todes gibt es daher das Gedenken Gottes im Lob nicht mehr
(vgl. die Aussagen von Ps 6,6; 30,10; 88,6.1113; 115,17; Jes 38,18).
Anderseits weiss der Mensch um die kurze Zeit seiner vollen Gemeinschaft
mit Gott in diesem Leben. Er weiss sich als Gast bei Gott (vgl. Ps 39,13;
119,19 und 1 Chr 29,15). Eine wirkliche Beziehung zu Gott ausserhalb dieses
Lebens gibt es nicht. Daher kann der Mensch die Treue Gottes nur in diesem
Leben erfahren.
Weil der Tod die innige Beziehung zwischen Gott und Mensch abbricht, bittet
der Mensch, dieses kurze Leben möge gesegnet sein. Ausdruck dieses
Segens ist Reichtum, Gesundheit und grosse Nachkommenschaft. Da erstaunt
uns Ps 63,4. Für den Beter ist im Leben wichtiger als alles andere
die Treue Gottes. Sie ist der Wert, der alle Lebensgüter überragt.
In diesem Sinn könnten wir den Vers übersetzen: Deine Treue ist
des Lebens höchstes Gut.
Die Erfahrung der Bedeutung von Gottes Treue hat der Beter im Heiligtum
gemacht, schauend, wie er sagt (vgl. Vers 3). Das Wort schauen ( .hazah)
umschreibt ein bestimmtes Sehen, das prophetische Sehen; ein Sehen, das
mit dem Empfang einer göttlichen Offenbarung verbunden ist. Möglicherweise
könnten wir von einem mystischen Erleben sprechen.
Eben dieses Schauen Gottes hat dem Beter die Bedeutung von Gottes Treue
erschlossen. Die Folge ist das überbordende Gotteslob (vgl. Verse 4b6).
Anderseits ist es diese Erfahrung, welche den Beter ständig mit grosser
Sehnsucht nach Gott erfüllt (vgl. Vers 2). Diese Sehnsucht kommt auch
in der Nacht nicht zur Ruhe (vgl. Vers 7). Daher nutzt der Beter die Nachtwachen
(drei Zeiten der Wachtablösung; vgl. Ex 14,24; Ri 7,19; 1 Sam 11,11;
Klgl 1,19), um sich betrachtend (murmelnd) in Gott zu vertiefen. Diese Nachtwachen,
im Dienst der Sicherheit, wurden jeweils ausgerufen. Auf diesem Hintergrund
erhalten wir ein eindrückliches Bild vom tiefen Glauben des Beters:
Bedeutsamer als die nächtlichen Sicherheitsvorkehren ist für ihn
der Gedanke an Gott, die Vergegenwärtigung Gottes. Für ihn ist
Gott die eigentliche Sicherheit. Das umschreiben die Verse 810. Die
Perfektformen können das Definitive zum Ausdruck bringen, das Bleibende.
Du bist meine Hilfe geworden heisst dann: Du bist und bleibst mein Helfer.
Meine Seele hat an dir gehangen heisst dann: Bleibend hange ich dir an;
beständig klammere ich mich an dich. Oder: Gestützt hat mich deine
Rechte kann bedeuten: Deine Rechte ist meine ständige Stütze.
Eine weitere Folge dieser unumstösslichen Treue Gottes ist das Versagen
der Feinde. Der Text über die Feinde wurde für den liturgischen
Nachvollzug ausgeschieden. Darüber ist in den Kreisen der Theologen
eine aufwändige Kontroverse entstanden. Es würde zu weit führen,
dies hier zu erörtern. Für uns sind zwei Punkte festzuhalten:
Die Liturgie hat sich seit je die Freiheit genommen, Schrifttexte auszuwählen.
Aufgrund dieser Praxis lässt sich eine solche Massnahme rechtfertigen.
Anderseits wird damit nichts über den Schrifttext entschieden, etwa
im Sinn, die Aussagen über die Feinde würden als inspirierte Texte
nicht ernst genommen. Eine Textauswahl für die Liturgie berührt
die Frage der Inspiration nicht.
Vitus Huonder, Generalvikar des Bistums Chur für den Kanton Graubünden, wurde von der Theologischen Fakultät Freiburg für das Fach Liturgiewissenschaft habilitiert (Vitus Huonder, Die Psalmen in der Liturgia Horarum, [Studia Friburgensia, Neue Folge 74], Freiburg Schweiz 1991).
1 Der vorliegende Beitrag schliesst an die Beiträge «So sollt ihr beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 46, S. 645f.), «Vertrauensvoll beten» (SKZ 169 [2001] Nr. 50, S. 709711), «Lobgesang» (SKZ 170 [2002] Nr. 10, S. 133f.), «Für den Tag des Sabbat» (SKZ 170 [2002] Nr. 12, S. 173f.) und «Das Hymnenbuch der Kirche» (SKZ 170 [2002] Nr. 26, S. 397f. an.